Wer dem Meister die Axt abnimmt, verletzt meist die eigene Hand
Die Grenze der Abschreckung
Fürchten Menschen den Tod nicht mehr, wie soll man sie mit dem Tod bedrohen? Der Satz betrifft die äußerste politische Gewalt. Wenn Lebensbedingungen so zerstört sind, dass selbst Sterben keinen zusätzlichen Schrecken bietet, hat Abschreckung ihre Grundlage verloren. Noch härtere Strafe stellt dann keine Ordnung wieder her.
Laozi ist nicht naiv: Gäbe es eine beständige Instanz des Tötens und würden Menschen den Tod wirklich fürchten, wer wagte noch Gesetzesbruch? Doch diese hypothetische Ordnung ist gerade nicht einfach in der Hand eines Herrschers. Leben, Schuld, Folge und Zeitpunkt übersteigen die Sicht einer einzelnen Strafinstanz.
Nicht anstelle des großen Zimmermanns hacken
Es gibt einen ständigen „Meister des Tötens“. Wer an seiner Stelle tötet, gleicht dem, der dem großen Zimmermann die Axt abnimmt. Nur wenige verletzen dabei nicht die eigene Hand. Laozi muss hier nicht als Theologe eines persönlichen Todesgottes gelesen werden. Das Bild bezeichnet die Gesamtheit von Folgen, die keine politische Hand vollständig überblickt.
Wer die Axt übernimmt, übernimmt auch Irrtum, Missbrauch, Vergeltung und die Gewöhnung einer Gesellschaft ans Töten. Todesstrafe wird deshalb nicht durch guten Willen sicher. Im kleineren Maßstab warnt das Bild vor jeder selbsternannten Letztentscheidung über einen anderen Menschen. Grenzen und Urteile sind nötig; das absolute Urteil über seinen Wert ist eine Meisterposition, die der Urteilende nicht besitzt.