Genug ist eine Fähigkeit
Pferde auf dem Feld oder an der Grenze
Wenn Dao unter dem Himmel wirkt, kehren schnelle Pferde zum Düngen der Felder zurück; wirkt Dao nicht, werden Kriegspferde an der Grenze geboren. Dasselbe Vermögen dient Nahrung oder Eroberung. Unordnung beginnt nicht beim Pferd und nicht bei menschlichem Begehren, sondern wenn ein Verlangen keinen Punkt des Genug mehr kennt und gesellschaftliche Mittel vollständig auf sein Mehr ausrichtet.
Laozi unterscheidet drei Verdichtungen. Zuerst erscheint etwas als begehrenswert: ein natürlicher Impuls, noch ohne Bindung. Dann kennt jemand trotz bereits geweckten Begehrens kein Genug und fordert immer mehr. Schließlich wird das Gewünschte zur Notwendigkeit, die um jeden Preis erfüllt werden muss. Auf jeder Stufe schrumpft der freie Raum, doch nur auf der letzten scheint keine Alternative mehr sichtbar.
Das fortdauernde Genug
Kein Vergehen ist größer, als vom Begehren vollständig geführt zu werden; kein Unglück größer, als kein Genug zu kennen; kein Schmerz tiefer, als etwas unbedingt erlangen zu müssen. Laozi dämonisiert Lust nicht. Er beschreibt die Verwandlung eines Wunsches in ein geschlossenes Konstrukt, das den Menschen und schließlich die Politik kommandiert.
Darum ist das Genug, das sich als Genug erkennt, ein beständiges Genug. Es bezeichnet keine objektiv kleine Besitzmenge. Es ist die Fähigkeit, in einem konkreten Augenblick zu sagen: Dies trägt mein Leben, das Weitere muss nicht zum Gesetz werden. Man kann die Übung früh beginnen: beim ersten Reiz beobachten, beim „noch mehr“ Maß bestimmen und nicht warten, bis „ich muss es haben“ jedes andere Gut an die Grenze geschickt hat.