Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Kapitel 46

Wann aus einem Wunsch ein Muss wird

Chinesischer Text dieses Kapitels

Seidenhandschriften · chinesische Textfassung dieses Kommentars

天下有道,却走马以粪。天下无道,戎马生于郊。罪莫大于可欲,祸莫大于不知足,咎莫憯于欲得。故知足之足,恒足矣。

Zur Textfassung und Zeichensetzung

Der chinesische Text folgt dem kommentierten Dao De Jing des Autors (《道德经注·君子不器》). Diese Fassung berücksichtigt beide Seidenhandschriften, A und B, sowie editorische Berichtigungen und Ergänzungen; sie gibt keine der beiden Handschriften Zeichen für Zeichen wieder. Die Kapitelnummern folgen der überlieferten Standardfassung, die Satzzeichen dem Kommentar. Beim Wechsel der Lesesprache bleibt der chinesische Wortlaut unverändert.

Den zugrunde liegenden Aufsatz lesen (Englisch / Chinesisch)

I. Drei Augenblicke, in denen wir anders handeln können

Sie sehen eine ausgeschriebene Stelle. Interessant, denken Sie. Etwas später stellen Sie sich vor, dort zu arbeiten. Dann erfahren Sie, wer sich ebenfalls bewirbt, und plötzlich geht es um mehr als die Aufgabe: Diese Stelle muss es sein. Sie nicht zu bekommen würde bedeuten, zurückzubleiben.

Zwischen diesen Gedanken verändert sich etwas. Zunächst wird eine Möglichkeit sichtbar. Dann wandert das Ziel weiter: nicht nur diese Aufgabe, sondern mehr Einfluss, mehr Anerkennung, die nächste Stufe. Schließlich darf der Wunsch keinen Preis mehr haben, der zu hoch wäre. Aus „Das wäre gut“ ist „Ohne das geht es nicht“ geworden.

Kapitel 46 stellt drei Ausdrücke nebeneinander: 可欲, das Begehrenswerte; 不知足, das Nichtkennen des Genug; 欲得, das Verlangen zu erlangen. Ich möchte sie als drei Gelegenheiten lesen, das eigene Wollen genauer anzusehen. Das ist ein Deutungsangebot, kein im alten Text festgeschriebener psychologischer Ablauf. Wünsche bewegen sich nicht immer in derselben Reihenfolge. Manchmal bemerken wir erst spät, wie eng sie geworden sind.

Die nützliche Frage lautet deshalb nicht: Habe ich den einzigen richtigen Ausstieg verpasst? Sondern: Was kann ich an der Stelle verändern, an der ich jetzt stehe? Früh wahrzunehmen hilft. Spät wahrzunehmen ist immer noch etwas anderes, als nichts mehr wahrnehmen zu wollen.

II. Wofür die Pferde gebraucht werden

Das Kapitel beginnt nicht im Inneren eines Menschen, sondern auf dem Land: „天下有道,却走马以粪。天下无道,戎马生于郊。“ Ist das Dao in der Welt, werden die schnellen Pferde zurückgeführt, um die Felder zu düngen. Fehlt das Dao, werden Kriegspferde draußen vor den Siedlungen geboren.

Zwei Bilder derselben Kraft. Im ersten wird etwas, das der militärischen Bewegung diente, wieder Teil der Versorgung. Tiere, Arbeit und Boden gehören zum Alltag, von dem Menschen leben. Im zweiten reicht der Krieg bis in die Fortpflanzung hinein. Schon das Geborenwerden steht unter seinem Zeichen. 郊 bezeichnet das Umland; wir müssen daraus weder eine Staatsgrenze noch eine genaue Geschichte über die Einziehung aller trächtigen Stuten machen.

Was eine Herrschaft fortwährend vergrößern will, beansprucht irgendwann mehr als ihren eigenen Ehrgeiz. Jeder neue Feldzug braucht Mittel, jeder gewonnene Rang verlangt Verteidigung, jedes zusätzliche Gebiet erzeugt den Wunsch nach der nächsten Sicherung. Die Rechnung wird von denen bezahlt, die eigentlich säen, arbeiten und ihr Leben führen möchten.

Darum passen Kapitel 30, 37 und 45 hierher. Sie fragen auf unterschiedliche Weise nach einer Macht, die nicht jeden verfügbaren Raum mit ihrer eigenen Bewegung besetzt. Politische Zurückhaltung heißt dabei nicht, Schutz, Versorgung oder öffentliche Aufgaben aufzugeben. Es ist gerade ein Unterschied, ob Mittel dem gemeinsamen Leben dienen oder immer neue Beweise der Größe finanzieren.

Die Pferde machen sichtbar, was ein Wort wie „mehr“ leicht verdeckt: Wozu wird die Kraft gebraucht? Dieselbe Frage lässt sich, in kleinerem Maßstab, an einen eigenen Wunsch stellen. Was soll die nächste Anstrengung ermöglichen? Und welches Leben hält sie bereits in Bereitschaft für einen Krieg, den vielleicht niemand führen müsste?

III. Das Begehrenswerte bemerken

„罪莫大于可欲。“ Der Satz spricht mit der Schärfe einer Warnung: Nichts wiegt schwerer als das Begehrenswerte. Das klingt befremdlich, wenn wir daraus eine Anklage gegen jeden Wunsch machen. Hunger, Freude an Schönheit, die Hoffnung auf eine gute Arbeit sind keine moralischen Vergehen.

Ich lese die Wendung als Aufmerksamkeit auf die Entstehung einer Bindung. Etwas erscheint nicht einfach als vorhanden, sondern als etwas, das ich haben könnte oder haben sollte. Gerade weil noch nicht feststeht, was daraus wird, lohnt es sich, einen Moment länger hinzusehen.

Im Nachrichtenstrom taucht der Erfolg eines ehemaligen Kollegen auf. Eben waren Sie mit Ihrem Arbeitstag zufrieden. Jetzt erscheint die eigene Stelle als Zwischenlösung. Nicht unbedingt, weil Sie etwas Neues über Ihre Arbeit erfahren haben, sondern weil ein fremdes Bild den Maßstab verschoben hat. Eine andere Person zeigt ihre Reise, ihren Umsatz, ihre Beziehung; schon entsteht eine Aufgabe, die morgens noch nicht existierte.

Das Bild muss nicht schlecht sein und der Wunsch nicht unecht. Vielleicht zeigt es tatsächlich eine Möglichkeit, die zu Ihrem Leben passt. Die Prüfung lautet: Was hat mich daran angesprochen? Möchte ich die Tätigkeit oder den Vergleich gewinnen? Würde ich das auch wollen, wenn niemand erfahren würde, dass ich es erreicht habe?

Kapitel 3 lenkt den Blick auf das öffentliche Hervorheben begehrenswerter Dinge. Es kann Konkurrenz und Unruhe nähren. Daraus folgt keine vernünftige Politik, alles Schöne zu verstecken oder Menschen jede Wahl vorzuenthalten. Näher liegt, die ständige Aufforderung zum Statusvergleich zu unterbrechen. Man darf etwas sehen, würdigen und liegen lassen. Das gelingt nicht immer mühelos, doch zwischen Wahrnehmen und Verpflichtung kann wieder etwas Platz entstehen.

IV. Wenn das Ziel bei jeder Ankunft weiterwandert

„祸莫大于不知足。“ Kein Unheil wiegt schwerer als das Nichtkennen des Genug. Hier liegt für mich der praktische Schwerpunkt des Kapitels. Wir haben längst etwas gewollt, vielleicht sogar erreicht. Nun zeigt sich, ob dieser Gewinn einen Inhalt hatte oder nur die nächste Runde eröffnet.

Eine Beförderung sollte mehr Gestaltungsspielraum bringen. Der ist jetzt da, doch ein neuer Titel scheint nötig, um ihn wirklich genießen zu dürfen. Ein Einkommen sollte eine sichere Wohnung und weniger Geldsorgen ermöglichen. Sobald das möglich wird, ersetzt der Lebensstandard anderer die ursprüngliche Frage. In einer Beziehung wird aus dem Wunsch nach Nähe die Forderung, der andere müsse noch häufiger antworten, noch eindeutiger bestätigen, noch mehr von seiner Zeit abgeben.

Das Problem ist nicht jede weitere Entwicklung. Ein neuer Bedarf kann entstehen; eine frühere Grenze kann zu eng geworden sein. Genug muss Raum für Kinder, Pflege, veränderte Lebensbedingungen und berechtigte Ansprüche lassen. Wer das Nötige nicht hat oder schlecht behandelt wird, braucht keine Belehrung, mit dem Mangel zufrieden zu sein.

Anders ist es, wenn keine Verbesserung mehr zählen darf. Dann verwandelt sich jede Ankunft sofort in ein neues Defizit. Man besitzt mehr und erlebt doch ständig, noch nicht ausreichend versorgt, anerkannt oder geliebt zu sein.

Das volle Gefäß aus Kapitel 9 und das Anhalten aus Kapitel 44 helfen, hier konkret zu werden. Was wollte ich durch diesen Gewinn erreichen? Ist davon etwas eingetreten? Kann ich es benutzen, bevor ich es zur Eintrittskarte für den nächsten Wettbewerb mache? Genug zu sagen beendet nicht die Zukunft. Es erlaubt, dass etwas heute bereits gelungen sein darf.

V. Der Preis von „um jeden Preis“

„咎莫憯于欲得。“ Besonders schmerzhaft wird das Verlangen, unbedingt zu erlangen. 憯 trägt den Klang von Schmerz und Härte. Es bezeichnet keine nachgewiesene Schwelle, hinter der ein Mensch unwiderruflich die Fähigkeit zum Anhalten verliert.

„Um jeden Preis“ ist trotzdem ein Satz, bei dem wir aufmerksam werden sollten. Denn er streicht die Kostenseite aus der Entscheidung. Die Stelle muss her, auch wenn dafür andere beschädigt werden. Diese Person muss bei mir bleiben, auch wenn sie gehen möchte. Ich muss gewinnen, auch wenn der Sieg inzwischen mehr zerstört als der ursprüngliche Verlust.

Der Wunsch beansprucht nun nicht bloß Zeit oder Geld. Er verlangt, dass Einwände ihre Gültigkeit verlieren. Müdigkeit ist Schwäche, Widerspruch Feindseligkeit, eine Grenze ein Hindernis, das beseitigt werden soll. Auch ein erreichter Erfolg kann unter solchen Bedingungen bitter werden: Man hat etwas bekommen und kann kaum noch sagen, wofür man es eigentlich wollte.

Hier braucht es nicht den Urteilsspruch „Zu spät“, sondern eine Unterbrechung. Noch keine weitere Zusage machen. Einen Menschen hinzuziehen, dem man zutraut, widersprechen zu dürfen. Wenn das eigene Verhalten kaum noch steuerbar erscheint oder bereits Schaden anrichtet, kann auch fachkundige Unterstützung wichtig sein. Nicht jede verlorene Gelegenheit lässt sich zurückholen; zusätzlicher Schaden lässt sich dennoch begrenzen.

Das ist anspruchsvoller als der Trost, künftig einfach früher aufzupassen. Man muss vielleicht eine Niederlage anerkennen, sich entschuldigen, eine Verpflichtung neu verhandeln. Aber Reue und Hilfe bleiben Möglichkeiten. Gerade wo das Wollen am engsten geworden ist, sollte ein philosophischer Text die Tür zur Veränderung nicht zuschlagen.

VI. Ein Genug, das bleiben kann

„故知足之足,恒足矣。“ Das Genug, das sein Genug kennt, ist beständiges Genug. Der Satz verschiebt den Reichtum von der bloßen Menge zum Verhältnis, das wir zu ihr haben.

Eine Summe kann groß sein und sich wie Mangel anfühlen, sobald sie vor allem Abstand zu einer noch größeren Summe bezeichnet. Ein ausreichender Bestand kann dagegen tatsächlich gebraucht werden: um zu wohnen, Zeit zu haben, Menschen zu unterstützen, eine unfaire Forderung abzulehnen. Das Erreichte erhält wieder einen Zweck jenseits seiner eigenen Vermehrung.

Kapitel 33 nennt den reich, der genug kennt. Das ist keine Behauptung, innere Zufriedenheit ersetze materielle Sicherheit. Es beschreibt eine zusätzliche Fähigkeit, ohne die auch günstige Bedingungen kaum zur Ruhe kommen: etwas als ausreichend gelten zu lassen, statt jeden Gewinn augenblicklich zu widerrufen.

Beständigkeit bedeutet hier auch nicht, nie wieder unzufrieden zu sein. Man kann eine Grenze neu bestimmen und dennoch aufhören, sie bei jedem fremden Erfolg automatisch weiterzuschieben. Das Genug muss dem Leben antworten können. Es darf nur nicht ausschließlich vom nächsten Vergleich regiert werden.

So verbindet sich Kapitel 46 mit der freien Stelle in der Fülle aus Kapitel 45. Nicht alles auszuschöpfen ist nicht notwendig ein Versäumnis. Manchmal ermöglicht gerade der unbesetzte Raum, das Vorhandene zu leben.

VII. Drei Fragen an den nächsten Wunsch

Wenn etwas begehrenswert wird, fragen Sie zunächst: Was genau möchte ich daran? Eine Aufgabe, eine Erfahrung, Schutz, Zugehörigkeit? Oder vor allem das Bild, das andere davon sehen werden? Die Antwort muss den Wunsch nicht beseitigen. Sie kann ihn genauer und damit weniger herrisch machen.

Wenn Sie mehr möchten, fragen Sie: Woran würde ich erkennen, dass es für jetzt reicht? Nicht für alle Zeiten und nicht für jeden Menschen, sondern für Ihre Verpflichtungen und die Lage, in der Sie leben. Wo noch Not besteht, braucht es Veränderung. Wo die Bedingungen schon tragen, dürfen Sie sie auch einmal nutzen, statt immer nur weiter an ihnen zu bauen.

Wenn Sie „unbedingt“ denken, fragen Sie nach dem ausgeschlossenen Preis. Wer soll ihn zahlen? Welche Grenze bin ich dabei zu übergehen? Was wäre der nächste kleine Schritt, der nicht noch mehr bindet? Spätes Anhalten kann teuer sein. Es bleibt wertvoller, als die Kosten aus Stolz weiter anwachsen zu lassen.

Die drei Momente sind keine Prüfung, nach deren Bestehen man gegen Verführung versichert wäre. Sie sind wiederkehrende Stellen der Aufmerksamkeit. Auch wer heute innegehalten hat, kann morgen erneut in einen Vergleich geraten. Übung heißt dann, die Frage wieder aufnehmen zu können.

Und noch einmal die Pferde: Nicht jede Kraft muss für den nächsten Feldzug bereitstehen. Es gibt Arbeit, Beziehungen und einen gewöhnlichen Tag, denen sie dienen kann. Genug ist vielleicht jener Augenblick, in dem die gewonnene Möglichkeit endlich nicht mehr nur für den nächsten Gewinn arbeitet, sondern für das Leben, das sie ermöglichen sollte.


Die ausführliche Auslegung und die Textentscheidungen finden sich in Aufsatz 6 online und auf Zenodo. Die früheren Teile: Aufsatz 1, Aufsatz 2, Aufsatz 3, Aufsatz 4, Aufsatz 5.