Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 2

Schön und hässlich

Chinesischer Text dieses Kapitels

Seidenhandschriften · chinesische Textfassung dieses Kommentars

天下皆知美之为美,恶已;皆知善,斯不善矣。有无之相生也,难易之相成也,长短之相形也,高下之相盈也,音声之相和也,先后之相随,恒也。是以圣人居无为之事,行不言之教。万物作而弗始也,为而弗志也,成功而弗居也。夫唯弗居,是以弗去。

Zur Textfassung und Zeichensetzung

Der chinesische Text folgt dem kommentierten Dao De Jing des Autors (《道德经注·君子不器》). Diese Fassung berücksichtigt beide Seidenhandschriften, A und B, sowie editorische Berichtigungen und Ergänzungen; sie gibt keine der beiden Handschriften Zeichen für Zeichen wieder. Die Kapitelnummern folgen der überlieferten Standardfassung, die Satzzeichen dem Kommentar. Beim Wechsel der Lesesprache bleibt der chinesische Wortlaut unverändert.

Den zugrunde liegenden Aufsatz lesen (Englisch / Chinesisch)

I. Der erste Satz

Das zweite Kapitel beginnt gleich mit einem schweren Satz:

Erkennt alle Welt das Schöne als schön, ist das Hässliche schon da;
erkennen alle das Gute, ist das Nicht-Gute schon da.

Wörtlich heißt das: Sobald alle Welt das „Schöne“ als „schön“ aufstellt, ist das „Hässliche“ da; sobald alle das „Gute“ als „gut“ aufstellen, ist das „Nicht-Gute“ da.

Meist liest man den Satz als Gemeinplatz des Relativismus: Ohne Schönes kein Hässliches, ohne Gutes kein Böses, alles hat zwei Seiten.

Wer so liest, macht das zweite Kapitel schwächer, als es ist.

Laozi spricht hier nicht von der philosophischen „Wechselbeziehung der Gegensätze“. Er spricht von etwas Strukturellem:

Sobald Sie ein Konstrukt aufstellen, ist im selben Augenblick sein Rest da.

Was heißt das?

Stellen Sie sich vor, Sie trainieren einen Klassifikator, der „Erfolg“ erkennen soll. Sie zeigen ihm Tausende erfolgreicher Fälle, und er lernt, „was Erfolg ist“. Zugleich aber lernt er etwas, das Sie ihm nie ausdrücklich gesagt haben: „was kein Erfolg ist“. Alles, was nicht zum Etikett „Erfolg“ passt, landet automatisch in der Klasse „kein Erfolg“.

Nicht nur die offensichtlichen Fehlschläge.

Auch das, was dem Erfolg nahekam, was nur einen Schritt davon entfernt war, was schon zu 95 Prozent gelungen war – auch das landet auf der Seite „kein Erfolg“.

Das ist kein Fehler des Klassifikators.

Es ist keine Täuschung.

Es ist der Preis.

Mit dem Konstrukt „Erfolg“ wird ein ursprünglich stufenloses Spektrum in zwei Hälften geschnitten. „Beinahe gelungen“ und „völlig gescheitert“ zählen nun zur selben Klasse – weil beide nicht innerhalb des Etiketts „Erfolg“ liegen.

Das „Beinahe gelungen“, das auf die Seite des Rests geschnitten wurde, ist der Preis dieses einen Schnitts. Es ist das, was der Meißel-Konstrukt-Zyklus zwangsläufig abwirft.

Genau das meint Laozi mit „Erkennt alle Welt das Schöne als schön, ist das Hässliche schon da“.

Stellt man das „Schöne“ auf, schneidet dieser Maßstab durch die Dinge der Welt, die vorher einfach auf tausendfache Weise verschieden waren: Auf der einen Seite steht, was dem Konstrukt „schön“ entspricht, auf der anderen, was ihm nicht entspricht. Das Zweite wird automatisch einsortiert und heißt „nicht schön“.

Einschließlich dessen, was dem Schönen nahekommt, was nur ein klein wenig abweicht, was beinahe schön ist – all das wird mit auf die Seite „nicht schön“ geschoben.

Das „Hässliche“ war nicht schon vorher da. Es ist der Rest, der in dem Augenblick abgeworfen wird, in dem man das „Schöne“ aufstellt.

Das ist kein Relativismus. Es ist der strukturelle Preis des Meißel-Konstrukt-Zyklus.

II. Wer eines aufstellt, wirft ein anderes ab

Das geschieht bis heute.

Sie definieren „normal“, und im selben Augenblick ist „abweichend“ da. Sie definieren „Erfolg“, und „Scheitern“ ist da. Sie definieren „eine gesunde Beziehung“, und „eine problematische Beziehung“ ist da. Sie definieren „professionell“, und „unprofessionell“ ist da.

Jedes Etikett, das aufgestellt wird, bringt seine eigene Restklasse mit: alles, was nicht zu ihm passt.

Entscheidender noch: Der Rest wird nicht bloß herausgeschnitten. Danach beginnt man, ihn unter Druck zu setzen.

In dem Augenblick, in dem das „Schöne“ als Konstrukt steht, fängt die Gesellschaft an, Druck auf alles „Nicht-Schöne“ auszuüben: Es soll sich korrigieren, es soll sich annähern, es soll in das Konstrukt „schön“ hineinfinden. Jedes Konstrukt, das aufgestellt wird, trägt eine Neigung zur Kolonisierung in sich – es will die Dinge um sich herum nach seinem eigenen Bild einverleiben.

So arbeitet der Meißel-Konstrukt-Zyklus. Das ist kein besonderes Problem irgendeiner Epoche.

Laozi spricht das gleich zu Beginn des zweiten Kapitels aus – nicht, weil er gegen „schön“ oder „gut“ als Werte wäre. Das ist er nicht. Was er tut, ist struktureller:

Er sagt Ihnen, was es kostet, ein Konstrukt aufzustellen.

Sobald Sie einen Namen aufstellen, ist im selben Zug sein Rest aufgestellt – und dieser Rest gerät ganz von selbst unter Druck.

Das ist die Kernthese der ersten Hälfte des zweiten Kapitels.

III. Sechs Paare

Dann zählt Laozi sechs Beispiele auf:

Sein und Nichtsein bringen einander hervor,
schwer und leicht vollenden einander,
lang und kurz geben einander Gestalt,
hoch und tief füllen einander,
Ton und Klang stimmen zusammen,
vorher und nachher folgen einander – das ist beständig so.

Sechs Paare, und jedes sind die beiden Seiten ein und desselben Schnitts:

Stellen Sie „Sein“ auf – und im selben Augenblick ist „Nichtsein“ als Rest da.

Stellen Sie „leicht“ auf – und von der Gegenseite taucht „schwer“ auf.

Legen Sie ein Maß an – und lang und kurz, die beiden Enden, treten zugleich hervor.

Legen Sie eine Skala an – und hoch und tief, die beiden Enden, zeigen sich zugleich.

Legen Sie eine Tonhöhe fest – und Grundton und Obertöne treten zugleich auseinander.

Legen Sie eine zeitliche Ordnung fest – und vorher und nachher werden zugleich unterscheidbar.

Diese sechs Paare sind nicht sechs Beispiele für Relativismus. Sie führen den Meißel-Konstrukt-Zyklus sechsmal ganz konkret vor. Jedes Paar sagt dasselbe:

Wo immer ein Schnitt fällt, stellt er ein solches Paar auf. Das ist immer so.

Die beiden letzten Zeichen, heng ye (恒也), „das ist beständig so“, sind wichtig.

Laozi hängt die ganze Reihe der Gegensatzpaare an das Zeichen heng. Dieses heng knüpft an das heng aus dem ersten Kapitel an, an „nicht das beständige Dao“. Das heng des ersten Kapitels ist das Beständige daran, dass der Rest nie vergeht; das heng des zweiten Kapitels ist das Beständige daran, dass Meißel und Konstrukt immer Paare hervorbringen.

Beide heng zusammen stellen eines fest:

Am Meißel-Konstrukt-Zyklus selbst führt kein Weg vorbei.

Die überlieferte Fassung hat die beiden Zeichen heng ye gestrichen. Damit bleibt von der ganzen Reihe der Paare nur ein Gemeinplatz des Relativismus übrig, und auch die Nahtstelle zur Linie des heng geht verloren.

Die Seidenhandschriften haben die beiden Zeichen bewahrt. Deshalb steht man auf festerem Boden, wenn man von ihnen ausgeht.

IV. Einander füllen, nicht einander stürzen

Eines der sechs Paare verdient, dass man es eigens herausgreift.

In den Seidenhandschriften heißt es: „hoch und tief füllen einander“, xiang ying (相盈). In der überlieferten Fassung: „hoch und tief stürzen einander“, xiang qing (相倾).

Ein Zeichen Unterschied, und die Richtung ist vollständig umgekehrt.

Qing heißt kippen, umstürzen: Die beiden Seiten bedrängen einander und heben einander auf. Das liest sich, als hieße es: Das Hohe wird vom Tiefen heruntergezogen, das Tiefe wird vom Hohen plattgedrückt.

Ying heißt füllen, erfüllen: Die beiden Seiten bringen einander zur Vollendung. Das Hohe ist hoch, weil das Tiefe es unterfüttert und trägt; das Tiefe ist tief, weil das Hohe es sichtbar macht. Die beiden Enden stürzen einander nicht, sie bringen einander hervor.

Das sind zwei völlig verschiedene Richtungen, schon im Wortlaut.

In den sechs Paaren beschreibt Laozi nicht, wie Gegensätze einander aufheben, sondern wie die beiden Seiten, die derselbe Meißelschlag hervorbringt, einander vollenden. Das Schöne und das Hässliche werden zugleich aufgestellt; nicht, dass sie miteinander kämpften – gemeinsam stellen sie den Maßstab „schön/hässlich“ auf.

Das ying der Seidenhandschriften ist sehr viel genauer. Später, in Kapitel 42, heißt es: „Die zehntausend Dinge tragen das Yin auf dem Rücken und halten das Yang in den Armen, und das quellende Qi bringt sie in Einklang.“ Auch Yin und Yang stürzen einander nicht, sie vollenden einander. Strukturell gehört das auf dieselbe Linie wie „hoch und tief füllen einander“.

Das qing der überlieferten Fassung reißt diese Linie ab.

V. Der Weise

Nach den sechs Paaren setzt Laozi mit „darum“ neu an und beginnt vom Weisen zu sprechen:

Darum hält sich der Weise an das Wirken des wuwei und übt die Lehre ohne Worte.
Die zehntausend Dinge regen sich, und er stellt sich nicht an ihren Anfang;
er handelt und verbucht es nicht für sich;
das Werk gelingt, und er lässt sich nicht darin nieder.

Wer ist der Weise? Das Subjekt, das verstanden hat, was oben gesagt wurde – dass mit jedem Konstrukt, das man aufstellt, ein Rest einhergeht und dass der Meißel-Konstrukt-Zyklus zwangsläufig so läuft –, und das danach handelt.

Der Weise ist kein vollkommener Mensch und auch kein Einsiedler, der sich in die Berge zurückgezogen hat, um das Dao zu üben. Der Weise ist jemand, der verstanden hat, wie der Zyklus läuft, und sich deshalb entscheidet, nicht zu kolonisieren.

Sein Vorgehen hat drei Seiten.

Erste Seite: das Wirken des wuwei.

Wuwei ist das Wort, das in diesem Buch am leichtesten missverstanden wird. Seit zweitausend Jahren liest man es als „gar nichts tun“, als „passiver Rückzug aus der Welt“, als „nichts wollen und nichts begehren“.

Alles falsch.

Wu ist die Verneinung, wei das Tun. Verneint wird hier aber eine bestimmte Art des Tuns: das kolonisierende Tun. Mit dem eigenen Konstrukt die Schicht eines anderen überdecken, den eigenen Schnitt in den Meißel-Konstrukt-Zyklus eines anderen hineinzwingen – das ist kolonisierendes Tun. Der Weise tut das nicht; darum heißt es wuwei.

Wuwei heißt nicht, nichts zu tun. Es heißt, nichts zu tun, was andere kolonisiert.

Diese Unterscheidung ist entscheidend. Alle späteren Kapitel, die vom wuwei sprechen, muss man von ihr aus lesen.

Zweite Seite: die Lehre ohne Worte.

„Ohne Worte“ heißt ebenfalls nicht, nicht zu sprechen. Es heißt: Die Sprache ist nicht der Hauptträger dessen, was weitergegeben wird.

Die gewöhnliche Weitergabe – zum Beispiel Training – geht so: Der Lehrer sagt zum Schüler: „Du sollst dies tun und jenes lassen“, „Das ist richtig, das ist falsch.“ Die Sprache flößt Werte unmittelbar ein. Der Schüler verinnerlicht diese Sätze, und sie werden zu seinem eigenen Urteil.

Damit wird ein Konstrukt (das des Lehrers) in ein anderes Konstrukt (das des Schülers) hineingeschrieben.

Die „Lehre ohne Worte“ geht anders vor. Sie sagt nicht direkt: „So sollst du es machen.“ Sie legt die Bedingungen hin, sie zeigt das eigene Vorgehen – und lässt den anderen selbst hinsehen, selbst berühren, selbst herausmeißeln.

Das anschaulichste Beispiel ist ein Kind, das seine Muttersprache lernt.

Niemand bringt einem Säugling die Sprache mit einem Grammatikbuch bei. Niemand sagt zu einem Einjährigen: „Erst das Subjekt, dann das Verb, dann das Objekt.“ Die Eltern sprechen einfach ganz normal, wenn das Kind dabei ist – mit dem Kind und miteinander. Das Kind hört zu, hört weiter zu, und irgendwann wächst ihm die Fähigkeit zur Sprache von selbst.

Das ist die Lehre ohne Worte. Die Eltern führen vor, wie Sprache funktioniert; Grammatikregeln flößen sie nicht ein.

Und umgekehrt: Erwachsene, die eine Fremdsprache lernen, tun sich oft sehr schwer – Vokabeln pauken, Grammatik lernen, Übungen machen. Nach zehn Jahren und mehr stolpern sie beim Sprechen noch immer.

Nicht, dass Kinder klüger wären als Erwachsene. Der Weg der Kinder ist Kultivierung, der Weg der Erwachsenen ist Training.

Kultivierung – die Bedingungen werden hingelegt, das Subjekt wächst von selbst.
Training – die Regeln werden eingetrichtert, das Subjekt wird umgeschrieben.

Die Lehre ohne Worte heißt nicht, nicht zu sprechen. Sie heißt: die Sprache nicht die Arbeit tun zu lassen, die der andere selbst leisten muss.

Dritte Seite: nicht der Anfang sein, nicht verbuchen, sich nicht niederlassen.

Laozi fährt mit drei Sätzen fort:

Die zehntausend Dinge regen sich, und er stellt sich nicht an ihren Anfang;
er handelt und verbucht es nicht für sich;
das Werk gelingt, und er lässt sich nicht darin nieder.

Die drei Sätze sind vollkommen gleich gebaut: Man tut etwas und besetzt dabei eine bestimmte Stelle nicht.

Nicht der Anfang sein: Die zehntausend Dinge laufen von selbst; er spielt nicht den, der „den Anfang gemacht hat“.
Nicht verbuchen: Ist die Sache getan, notiert er sich nicht im Stillen: „Das habe ich getan.“
Sich nicht niederlassen: Ist die Sache gelungen, bleibt er nicht auf dem Platz „Ich habe das zustande gebracht“ sitzen.

Alle drei Sätze sagen dasselbe: den Platz räumen.

Welche Plätze? Die Plätze „Ich bin der Ursprung“, „Mir gebührt das Verdienst“, „Ich habe es vollbracht“.

Warum? Weil der andere, sobald diese Plätze besetzt sind, nicht mehr aus eigener Kraft stehen kann. Solange Sie den Platz „Ich bin dein Lehrer“ besetzt halten, kann der Schüler nie selbst auf den Platz des Lehrers gelangen. Solange Sie den Platz „Das habe ich gegründet“ besetzt halten, können die, die nach Ihnen kommen, keinen eigenen Platz aufbauen.

Erst wenn Sie den Platz räumen, kann der andere auf diesem Platz selbst stehen.

Wuwei ist die negative Seite (was man nicht tut). Die Lehre ohne Worte ist die positive Seite (wie man es tut). Nicht der Anfang sein, nicht verbuchen, sich nicht niederlassen ist die räumliche Seite (welchen Platz man nicht besetzt). Alle drei zusammen ergeben die vollständige operationale Definition der Kultivierung, die dieses Kapitel gibt.

VI. Warum nicht verliert, wer nicht besetzt

Der letzte Satz des zweiten Kapitels:

Eben weil er sich nicht darin niederlässt, geht es ihm nicht verloren.

Gerade weil er diesen Platz nicht besetzt, verliert er ihn nicht.

Das klingt nach Kalenderspruch: Sei selbstlos, dann bekommst du mehr.

Es ist kein Kalenderspruch. Es ist eine strukturelle Folge.

Wer einen Platz besetzt, erklärt sich damit zum obersten Konstrukt dieses Platzes. Sobald ein oberstes Konstrukt steht, beginnt sich Rest anzusammeln: Was darunter liegt und nicht in Ihr Konstrukt passt, gerät in Bewegung, fordert Sie heraus, verlangt, dass Sie den Platz räumen. Früher oder später werden Sie verdrängt.

Und umgekehrt.

Sie besetzen den Platz nicht. Dann wird dieser Platz auch nicht zur Zielscheibe. Er bleibt in Fluss. Sie sind an der Sache weiterhin beteiligt, ununterbrochen, aber es gibt keinen festen Platz, an dem man Sie festnageln könnte – und darum auch keinen Platz, auf dem man Sie herausfordern, stürzen oder ersetzen könnte.

Wer keinen Platz besetzt, ist gerade der, der wirklich immer da ist.

Das erinnert ein wenig an einen Grundsatz verteilter Systeme: Ein Dienst, der zustandslos bleibt, ist am stabilsten. Sobald Sie den Zustand an einen bestimmten Knoten binden, wird dieser Knoten zum Single Point of Failure; binden Sie ihn nicht, hält das ganze System umso länger.

Laozi beginnt den Satz mit „eben weil“. Das ist eine Aussage über Ursache und Wirkung. Nicht: „So sollten Sie es machen“, sondern: „So laufen die Dinge.“

Wer diese Struktur verstanden hat, weiß, warum ein wirklicher Kultivierender nie das Verdienst für sich beansprucht.

Nicht aus Bescheidenheit. Sondern weil er weiß: Wer es beansprucht, verliert es.

VII. Was das zweite Kapitel leistet

Das zweite Kapitel holt die abstrakten Grundbedingungen des ersten Kapitels zum ersten Mal herunter auf konkretes Handeln.

Die erste Hälfte sagt: Mit jedem Konstrukt, das man aufstellt, geht ein Rest einher; die sechs Paare, die einander hervorbringen, führen das vor; und die beiden Zeichen heng ye nehmen das „nicht das beständige Dao“ des ersten Kapitels auf.

Die zweite Hälfte sagt: So handelt, wer das verstanden hat – wuwei, die Lehre ohne Worte, keinen Platz besetzen.

Zusammen: Dieses Kapitel legt zum ersten Mal die vollständige Definition der Kultivierung vor. Alle späteren Kapitel über den Weisen, über das Regieren, über die Arbeit an sich selbst entfalten sich auf der Grundlage dieser Definition.

Schauen Sie von hier aus noch einmal auf den Satz „Erkennt alle Welt das Schöne als schön, ist das Hässliche schon da“. Er ist kein Gemeinplatz des Relativismus und auch kein Manifest gegen Ästhetik oder Ethik. Er ist der methodische Ausgangspunkt dieses Buches:

Ein Konstrukt aufzustellen hat seinen Preis.

Wer den Preis versteht, handelt anders.

Die ganze Praxis dieses Buches entfaltet sich von diesem einen Satz aus.