Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 2

Schön und hässlich

Jede Setzung erzeugt ihren Rest

„Wenn alle unter dem Himmel das Schöne als schön erkennen, ist das Hässliche schon da.“ Laozi behauptet nicht bloß, dass Geschmäcker verschieden seien. Sobald „schön“, „normal“, „erfolgreich“ oder „professionell“ als Maßstab gesetzt wird, entsteht gleichzeitig eine Restklasse für alles, was nicht hineinpasst. Schön und hässlich sind deshalb nicht zwei fertige Eigenschaften, die wir zufällig entdecken; sie werden als Paar durch denselben ordnenden Schnitt hervorgebracht.

Die folgenden sechs Paare entfalten dieselbe Struktur: Sein und Nichtsein, schwer und leicht, lang und kurz, hoch und niedrig, Ton und Stimme, vorher und nachher. Besonders aufschlussreich ist die Seidenlesart, nach der Hoch und Niedrig einander „füllen“, statt einander umzustürzen. Die Gegensätze vernichten sich nicht; sie geben einander Kontur. Der Rest ist daher kein Fehler, den eine genauere Definition irgendwann beseitigt, sondern eine beständige Begleiterscheinung jedes Konstruktionsaktes.

Wirken ohne Besitzanspruch

Aus dieser Einsicht folgt die Haltung des Weisen. Er verweilt bei Angelegenheiten des Nicht-Erzwingens und lehrt, ohne die Welt mit Worten zu besetzen. Die zehntausend Dinge entstehen, doch er setzt sich nicht als ihr Ursprung ein; er wirkt, ohne sich auf sein Werk zu stützen; das Werk gelingt, ohne dass er darin Wohnung nimmt. Wuwei ist hier weder Untätigkeit noch Gleichgültigkeit. Es ist ein präzises Tun, das die eigene Form nicht zur ausschließlichen Form des anderen macht.

Gerade weil der Weise den Erfolg nicht besetzt, geht er ihm nicht verloren. Das ist kein taktischer Verzicht nach dem Muster „Sei selbstlos, dann bekommst du mehr“. Wer verzichtet, um später zu besitzen, bleibt im selben Besitzspiel. Laozi beschreibt eine strukturelle Folge: Wird eine lebendige Leistung nicht an ein starres Selbstbild gebunden, kann sie weiterwirken und sich verändern. Kapitel 2 übersetzt damit die abstrakte Einsicht des ersten Kapitels in eine Praxis: Setze Formen, aber behandle ihren Rest nicht als Feind.