Auch eine Erzählung ist ein Aufbau
Die Häufung kenianischer Erfolge im Langstreckenlauf und jamaikanischer Erfolge im Sprint ist real. Wer daraus eine Geschichte von der angeborenen Begabung eines Volkes macht, lässt die Auswahl, die Institutionen und all jene Menschen verschwinden, die nie in die Messung eingehen.
In diesem Essay
- 1 Zwei tatsächliche Häufungen
- 2 Eine Unterscheidung muss zuerst klar sein
- 3 Eine richtige Zahl gibt sich als eine andere aus
- 4 Jede Geschichte trägt weniger weit als ihre Behauptung
- 5 Die Zeitfolge spielt nicht mit
- 6 Die stärksten Argumente beider Seiten
- 7 Die Menschen außerhalb der Messung
- 8 Eine Geschichte presst das System in den Körper
1 Zwei tatsächliche Häufungen
Zwei Dinge stehen fest. Man kann sie anhand der offiziellen Ergebnisse überprüfen.
Das eine spielt in Ostafrika. Seit 1964 haben die Kalenjin im kenianischen Rift Valley eine außergewöhnliche Dichte von Erfolgen auf den Mittel- und Langstrecken erreicht. In einer Auswertung, für die Forschende die Resultate entsprechend zuordneten, wurden bei den Männern die Olympia- und Weltmeisterschaftsmedaillen über die Strecken von 800 Metern bis zum Marathon sowie die jeweils 25 besten Marathonleistungen eines Jahres erfasst. Auf Kalenjin-Athleten entfielen 54 olympische Medaillen, 77 WM-Medaillen und 206 Platzierungen unter den jährlichen Top 25 im Marathon. Innerhalb Kenias errangen die Kalenjin ungefähr 84 Prozent der Medaillen in den bedeutenden Laufwettbewerben.
Das andere spielt in der Karibik. Seit den Olympischen Spielen 2008 in Peking hat Jamaika im Sprint eine ähnlich auffällige Häufung von Erfolgen vorzuweisen. Männer und Frauen, 100 und 200 Meter, eine Medaillenernte nach der anderen. Die jamaikanische Studie zu Alpha-Actinin-3 hält selbst fest, dass sieben der zwölf in Peking vergebenen Einzelmedaillen über diese Sprintstrecken an Jamaika gingen.
Beide Häufungen sind real. Sie treten zu deutlich hervor, als dass man sie als Anekdoten abtun könnte. Dieser Essay bestreitet sie nicht. Das ist auch nicht seine Absicht.
Er fragt nach etwas anderem: Wie werden sie erklärt?
Denn um diese beiden Häufungen ist eine ganze Reihe von Erklärungen gewachsen, und sie haben eine gemeinsame Form. Am Anfang steht etwas Beobachtbares: barfuß zur Schule laufen, das Hochland, ein bestimmtes Gen, eine bestimmte Schule. Daraus wird dann eine Ursache gemacht, eine Ursache, die ausreichen soll, um das gesamte Phänomen hervorzubringen. Darum geht es hier: Diese Erklärungen sind selbst eine Form des Aufbaus.
In den ersten vierzehn Essays lag der Aufbau offen zutage. Er steckte in Regeln, Punktetabellen, Rekordbüchern, in einem Grenzwert, der Menschen in zwei Gruppen teilt. Der Aufbau, um den es diesmal geht, liegt im Verborgenen. Er steht in keinem Regelwerk. Er steckt in der Sprache von Ursache und Wirkung, mit der wir über diese Leistungen sprechen. Ein Merkmal des Körpers wird zur Ursache eines ganzen Phänomens erzählt. Und diese Erzählung strebt, wie alle bisherigen Formen des Aufbaus, nach Geschlossenheit. Auch ihr gelingt es nicht.
Die Position dieses Essays muss von Anfang an klar sein, denn man kann ihn leicht in zwei entgegengesetzte Richtungen missverstehen. Er behauptet weder, der Körper sei unwichtig, noch, biologische Unterschiede existierten nicht. Das wäre ebenso falsch wie der Determinismus. Er behauptet auch nicht, all diese Erklärungen seien bloß Vorurteile und gehörten verworfen. Seine Aussage ist enger und präziser: In ihnen steckt derselbe logische Sprung. Er verwandelt eine zutreffende Beobachtung in eine unbewiesene Behauptung über Ursachen. Diesen Sprung gilt es abzutragen, nicht die Beobachtungen selbst. Die Beobachtungen stimmen meistens. Der Sprung ist der Aufbau.
2 Eine Unterscheidung muss zuerst klar sein
Wer erkennen will, wo diese Erklärungen fehlgehen, muss zunächst eine Unterscheidung treffen. Auf ihr steht dieser ganze Essay.
Zwei völlig verschiedene Fragen werden immer wieder behandelt, als wären sie eine einzige.
Die erste lautet: Was führt innerhalb der Kalenjin dazu, dass manche schneller laufen als andere?
Die zweite lautet: Was führt dazu, dass die Kalenjin als Gruppe auf den Mittel- und Langstrecken so viel mehr Erfolge erzielen als andere Gruppen auf der Welt?
Das sind zwei Fragen. Für die erste kann man innerhalb der Kalenjin nach den Faktoren suchen, die schnelle von weniger schnellen Läufern unterscheiden: Gene, Achillessehnen, Training. Für die zweite muss man nach den Ursachen des Abstands zwischen Gruppen suchen. Und diese Ursachen lassen sich nicht einfach aus der Antwort auf die erste Frage ablesen.
Aus der Erblichkeit eines Merkmals innerhalb einer Gruppe lassen sich die Ursachen von Unterschieden zwischen Gruppen nicht bestimmen. Das ist der Schlüsselsatz dieses Essays.
Ein Beispiel macht es deutlich. Nehmen wir an, ein bestimmtes Merkmal der Achillessehne könne innerhalb der Kalenjin einen Teil der Unterschiede in der Laufleistung erklären. Das ist möglich. Es sagt aber noch gar nichts darüber aus, welchen Anteil die Achillessehne an dem Leistungsabstand zwischen den Kalenjin und anderen Gruppen hat. Zwischen diesen Gruppen unterscheiden sich auch Geografie, wirtschaftliche Bedingungen, Schulen, Talentsuche und Trainingssysteme. All das ist mit der Abstammung verflochten und wurde nicht davon getrennt. Unterschiede innerhalb einer Gruppe und Unterschiede zwischen Gruppen liegen auf zwei verschiedenen Ebenen. Die Antwort von der einen auf die andere zu übertragen, ist ein grundlegender Fehler.
An dieser Unterscheidung wird sofort etwas sichtbar. Fast alle diese Erklärungen, ob genetisch oder umweltbezogen, beantworten lediglich die erste Frage oder messen nur eine Zwischengröße. Anschließend werden sie als Antwort auf die zweite Frage ausgegeben. Für diese zweite Frage aber, für den Abstand zwischen Gruppen, den es eigentlich zu erklären gilt, ist bis heute bei keinem einzelnen Faktor bestimmt worden, wie viel Prozent dieses Abstands er verursacht.
Dass diese Unterscheidung so oft übergangen wird, liegt daran, dass sie unserer Intuition widerspricht. Wenn etwas Unterschiede zwischen Einzelnen verursacht, muss es doch auch Unterschiede zwischen Gruppen verursachen. Das klingt selbstverständlich. Der Schluss ist trotzdem unzulässig: Zwischen Gruppen unterscheidet sich vieles, was beim Vergleich Einzelner innerhalb derselben Gruppe gar nicht in den Blick kommt. Bei zwei Kindern aus demselben Kalenjin-Dorf können die Unterschiede vor allem auf Faktoren zurückgehen, die innerhalb des Dorfes variieren, etwa Begabung oder Training. Vergleicht man dagegen die Kalenjin mit der Bevölkerung eines nordeuropäischen Landes, unterscheiden sich auch die Wirtschaft, die Dichte geeigneter Schulen, die Vorbilder, die Netzwerke von Sportagenten und das ganze System, das aus dem Laufen einen internationalen Beruf macht. Zwischen Gruppen können diese Bedingungen enorm schwanken, während sie für Einzelne innerhalb derselben Umgebung fast gleich bleiben. Der Abstand zwischen Gruppen könnte deshalb hauptsächlich aus Faktoren entstehen, die im Vergleich innerhalb einer Gruppe unsichtbar bleiben, und nicht aus jenem Merkmal, das dort Unterschiede erklärt.
Das muss unmissverständlich gesagt werden. Auf die Frage „Welcher Anteil der Leistungsunterschiede zwischen Gruppen ist bereits kausal erklärt?“ lautet die belastbare Antwort: Das wissen wir derzeit nicht. Auch für jeden der vorgeschlagenen Faktoren einzeln ist sein Anteil nicht bestimmt.
3 Eine richtige Zahl gibt sich als eine andere aus
Besonders verführerisch sind diese Erklärungen, weil sie häufig eine richtige Zahl mitbringen. Die Zahl stimmt. Nur wurde mit ihr etwas anderes gemessen als das, wovon die Geschichte handelt.
Sehen wir uns einige dieser Zahlen an.
Bei einer Variante des Angiotensin-konvertierenden Enzyms, kurz ACE, ergaben Studien, dass sie bis zu 24 Prozent der Unterschiede in der Aktivität des zirkulierenden Enzyms erklären konnte. 24 Prozent: keine kleine Zahl. Dieselben Untersuchungen fanden jedoch keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dieser Variante und der Zugehörigkeit zur kenianischen Sportelite. Die 24 Prozent betreffen also die Erklärung einer Enzymaktivität im Blut, nicht die Erklärung der kenianischen Erfolge.
Für Alpha-Actinin-3 ermittelte eine Studie einen erklärten Anteil von 2,3 Prozent an der Streuung der 40-Meter-Sprintzeiten griechischer männlicher Jugendlicher. In Jamaika dagegen unterschied sich die Häufigkeit des betreffenden Genotyps zwischen Athleten und Kontrollgruppe nicht signifikant. Die 2,3 Prozent beziehen sich auf Unterschiede in den Sprintzeiten griechischer Jugendlicher, nicht auf die Leistungen jamaikanischer Olympiasprinter.
Am anschaulichsten ist das Beispiel der Achillessehne. Eine Studie mit 32 kenianischen Läufern fand, dass eine Messgröße des Achillessehnen-Hebelarms innerhalb dieser Stichprobe 30 Prozent der Unterschiede in der Laufökonomie erklärte. 30 Prozent: Das klingt nach viel. In derselben Studie hing die Laufökonomie allerdings so gut wie gar nicht mit dem dort verwendeten Leistungsmaß zusammen. Der Korrelationskoeffizient betrug −0,01.
Hier lohnt es sich, einen Moment stehen zu bleiben. Das Achillessehnenmerkmal erklärt 30 Prozent der Unterschiede in der Laufökonomie. Die Laufökonomie wiederum zeigt in dieser Stichprobe einen Zusammenhang mit dem Leistungsmaß, der nahezu null ist. Ein Merkmal erklärt also einen Teil der Unterschiede in einer dazwischengeschalteten Laborgröße. Dass es über diesen Weg auch die tatsächliche Leistung erklärt, ist damit gerade nicht gezeigt. Zwischen den wirklichen 30 Prozent und der Leistung liegt ein Zusammenhang nahe null.
Darin liegt der Trick dieser Zahlen, und er muss nicht einmal beabsichtigt sein. Ein Prozentsatz, der sich auf einen intermediären Phänotyp bezieht, wird neu beschriftet: Nun soll er den Erfolg eines Landes oder einer Bevölkerungsgruppe erklären. Aus „Das Achillessehnenmerkmal erklärt 30 Prozent der Unterschiede in der Laufökonomie“ wird „Die Achillessehne erklärt 30 Prozent des Erfolgs der Kalenjin“. Von diesen beiden 30-Prozent-Angaben ist die eine gemessen worden. Die andere nie. Ausgerechnet das Bindeglied zwischen ihnen, der Schritt von der Laufökonomie zur tatsächlichen Leistung, trägt in jener Untersuchung nicht.
Das knüpft an frühere Essays dieser Reihe an, allerdings in einer neuen Variante. Im siebten Essay fehlte eine öffentlich zugängliche Herleitung der Koeffizienten für die Zehnkampfwertung. Im zwölften fehlte die Herleitung der 40-Millimeter-Grenze für Laufschuhe. Im vierzehnten war der Testosterongrenzwert nicht aus einer Effektstärke berechnet worden. Dort ging es jeweils um eine präzise Linie an einer Stelle, für die keine tragfähige Begründung angegeben wurde: Die entsprechende Zahl fehlte. Hier liegt der Fall anders. Es gibt eine Zahl, und sie ist sogar richtig. Nur misst sie nicht das, was sie angeblich erklärt. Dort verdeckte Präzision die fehlende Grundlage. Hier gibt sich eine richtige, für diese Frage aber unpassende Zahl als jene kausale Zahl aus, die gar nicht vorliegt.
Dieser Austausch ist besonders schwer zu durchschauen, weil er den Wunsch nach einer konkreten Zahl erfüllt. Vor einem komplizierten, schwer erklärbaren Phänomen bietet ein genauer Prozentsatz Halt: Endlich scheint die Sache beziffert, endlich verstanden. Wer zuhört, fragt meist nicht nach, worauf sich dieser Prozentsatz eigentlich bezieht. „Die Achillessehne erklärt 30 Prozent“ klingt wie eine Erklärung für 30 Prozent des Kalenjin-Erfolgs. Tatsächlich erklärt das Merkmal einen Teil der Unterschiede in einer Zwischengröße, die in der betreffenden Stichprobe fast keinen Zusammenhang mit dem Leistungsmaß zeigt. Die Greifbarkeit der Zahl verdeckt, dass ihr Messgegenstand und ihr angeblicher Erklärungsgegenstand auseinanderfallen. Eine richtige Zahl am falschen Platz kann irreführender sein als eine vage Behauptung. Sie trägt die Autorität der Quantifizierung mit sich.
4 Jede Geschichte trägt weniger weit als ihre Behauptung
Legt man diesen Maßstab nacheinander an einige populäre deterministische Geschichten an, zeigt sich, wo sie jeweils zu weit greifen.
Die erste Geschichte handelt vom barfüßigen Schulweg.
Sie geht so: Kalenjin-Kinder laufen von klein auf jeden Tag weite Strecken zur Schule und entwickeln dadurch ihre Laufstärke. Belegt ist zunächst nur ein Zusammenhang. In einer Befragung von 404 Eliteläufern und Kontrollpersonen gaben ungefähr 22 Prozent der Kontrollgruppe an, als Kinder zur Schule gelaufen zu sein. Unter Läufern auf nationalem Niveau waren es rund 73 Prozent, unter Läufern auf internationalem Niveau etwa 81 Prozent.
Dieser Zusammenhang ist real. Er lässt sich jedoch in zwei Richtungen erklären. Die Autoren der Untersuchung räumten selbst ein, dass ihr Studiendesign nicht unterscheiden konnte: Wurden die Kinder stärker, weil sie weit liefen? Oder entschieden sie sich für das Laufen, weil es ihnen ohnehin leichter fiel? Dass Kinder, denen Laufen leichtfällt, eher laufen, lässt sich in diesen Daten nicht davon trennen, dass Laufen Kinder leistungsfähiger macht. Hinzu kommen ältere Interviews mit einer kleinen Gruppe von Eliteläufern: 14 von 20 waren als Kinder nicht regelmäßig lange Strecken zur Schule gelaufen. Die Befunde stützen also die Aussage, dass der laufend zurückgelegte Schulweg unter den befragten Spitzenläufern häufiger vorkam. Sie belegen weder, dass alle Kalenjin-Champions barfuß zehn Kilometer liefen, noch, dass dieser Schulweg ihre späteren Erfolge verursachte.
Die zweite Geschichte heißt: Die Höhenlage macht den Champion.
Das Rift Valley liegt ungefähr 2.000 Meter über dem Meeresspiegel, und dass große Höhe physiologische Wirkungen hat, ist gesichert. Doch Höhenlage ist weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung. Das unmittelbarste Gegenbeispiel liefern die Menschen in Tibet und den Anden. Sie leben wesentlich höher, weisen nachgewiesene physiologische Anpassungen auf und bringen dennoch keine internationale Mittel- und Langstreckenelite im kenianischen Umfang hervor. Höhenanpassung ist weit verbreitet. Die Produktion von Spitzenläufern in industriellem Maßstab ist es nicht. Das beweist nicht, dass die Höhe nichts beiträgt. Es zeigt, dass sie internationale Erfolge nicht allein bestimmt. Auch in den klassischen kenianischen Untersuchungen hatten bewegungsarme Jungen aus dem Hochland keineswegs automatisch eine hohe maximale Sauerstoffaufnahme. Deutlich voneinander getrennt wurden die untersuchten Gruppen durch Aktivität und Training.
Die dritte Geschichte ist die vom Sprintgen.
Sie behauptet, Jamaikaner besäßen ein Sprintgen, das gewöhnlichen Menschen fehle. Belegen lässt sich etwas anderes: Die niedrige Häufigkeit eines bestimmten Genotyps des oft genannten Alpha-Actinin-3 ist kein Alleinstellungsmerkmal jamaikanischer Champions. In der jamaikanischen Kontrollgruppe lag sie bei ungefähr zwei Prozent, in der afroamerikanischen bei etwa vier Prozent. Auch bei Kenianern und Nigerianern wurden sehr niedrige Häufigkeiten festgestellt. Fast alle gewöhnlichen Jamaikaner teilen demnach das entsprechende häufige Muster, also das Fehlen dieses seltenen Genotyps, und damit jenen angeblichen Gruppenvorteil. Nur ein winziger Teil von ihnen gelangt an die Spitze. Was fast alle gemeinsam haben, kann für sich genommen nicht erklären, warum nur so wenige erfolgreich sind.
Die vierte Geschichte lautet: Ein einziger Mensch hat alles hervorgebracht.
Ein Missionar, der als Trainer arbeitet, ein Schulsportfest oder ein Verein soll das Phänomen eines ganzen Landes erzeugt haben. Schon die zeitliche Abfolge widerspricht dieser Geschichte. Darum geht es im nächsten Abschnitt.
Vier Geschichten. Jede beginnt mit etwas, das tatsächlich mit dem Erfolg in Verbindung steht: dem Schulweg, der Höhenlage, einer Genhäufigkeit oder einer Institution. Dann wird daraus eine hinreichende Ursache gemacht, ohne dass der Gegenfall bestimmt wäre, an dem sich diese Behauptung prüfen ließe. Das ist das Grundrezept der deterministischen Erzählung: Man nehme einen wirklichen Zusammenhang, lasse den kontrafaktischen Vergleich weg und erkläre ihn zur Ursache.
5 Die Zeitfolge spielt nicht mit
Die vierte Geschichte, nach der ein Mensch oder eine Institution alles geschaffen habe, stößt auf etwas ausgesprochen Hartnäckiges: die Reihenfolge der Ereignisse.
Zunächst Kenia. Die St. Patrick’s High School in Iten und ihr Trainer O’Connell wurden später zu einem wichtigen Knotenpunkt des Kalenjin-Laufsports. O’Connell kam jedoch erst 1976 nach Iten. Da lag Keinos Olympiasieg von 1968 bereits acht Jahre zurück, Kenias erste olympische Leichtathletikmedaille von 1964 sogar zwölf Jahre.
O’Connell kann Kenias Durchbruch in den 1960er-Jahren also nicht erklären. Er war schon geschehen, als er ankam. Was sich durch seine Arbeit erklären lässt, ist die spätere Fortsetzung dieses Erfolgs, die Weitergabe von Trainerwissen und die internationale Sichtbarkeit. Ursprung und Fortsetzung sind aber zwei verschiedene Dinge. Auch er selbst beschrieb seine Rolle so: eine Umgebung zu schaffen, in der sich Athleten entwickeln können. Das passt zu Auswahl, Anleitung und Weitergabe. Es ist etwas anderes als die Behauptung, ein Trainer habe die Begabung erschaffen.
In Jamaika ist die zeitliche Abfolge noch deutlicher.
Die jamaikanischen Meisterschaften der weiterführenden Schulen, die Champs, gibt es seit 1910. Als klar erkennbarer Beginn der jamaikanischen Sprintdominanz gilt Peking 2008. Dazwischen liegen ungefähr 98 Jahre. Ein Schulsportwettbewerb, der seit fast einem Jahrhundert besteht, erklärt allein noch nicht, warum die Dominanz gerade im Jahr 2008 so stark zunimmt.
Und der später gegründete Verein? Der einheimische Leichtathletikclub MVP wurde im September 1999 ins Leben gerufen, ungefähr neun Jahre vor Peking. Das ist ein plausibler Zeitraum, in dem Athleten nach der Schulzeit sportlich heranreifen können. Seine Gründung zielte zudem direkt auf einen konkreten Engpass: Athleten und Trainer sollten in Jamaika bleiben können, statt in die USA gehen zu müssen. Bei einem anderen, von Mills geführten Verein reicht die Trainertradition zwar bis vor Bolts Durchbruch zurück. Sein offizieller Neustart 2009 erfolgte aber erst nach Peking.
Zusammengenommen widersprechen diese Zeitfolgen der Erklärung durch eine einzige Ursache, und zwar in beiden Richtungen. Sie widersprechen der Behauptung, die Institution habe alles hervorgebracht: Die Schulmeisterschaften waren fast ein Jahrhundert früher da, und solange sie allein bestanden, fielen Jamaikas Erfolge erheblich bescheidener aus. Sie widersprechen zugleich einer rein genetischen Erklärung durch einen veränderten Genpool. Die internationalen Erfolge nahmen innerhalb weniger Jahrzehnte zu, wesentlich schneller, als sich die Allelhäufigkeiten einer Bevölkerung in dem dafür erforderlichen Ausmaß verändern könnten. Eine solche Umgestaltung des Genpools lässt sich nicht auf drei oder vier Generationen zusammendrängen.
Dieser Einwand aus der Zeitfolge gehört zu den schwersten, denen die einfachen Erklärungen in diesem Essay begegnen. Seine Kraft verdient es, eigens hervorgehoben zu werden. Biologische Veränderung lässt sich nicht beliebig beschleunigen. Soll eine veränderte genetische Zusammensetzung einer Bevölkerung eine derart gewaltige Verschiebung der Leistungen erklären, braucht es dafür die Selektion vieler Generationen. Die internationalen Erfolge der Kalenjin und Jamaikas explodierten hingegen innerhalb weniger Jahrzehnte, also in ein oder zwei Generationen. Für eine Erklärung, die diesen Sprung allein auf einen rasch veränderten Genpool zurückführt, ist dieser Zeitmaßstab vernichtend. Bereits vorhandene genetische Unterschiede werden damit nicht bestritten; auch ihr Zusammenspiel mit neuen Bedingungen bleibt möglich. Aber als unmittelbare Auslöser des Aufschwungs rücken jene Dinge in den Blick, die sich tatsächlich innerhalb von Jahrzehnten verändern konnten: Märkte, Trainer, Migration, Anreize. Die Schnelligkeit des Aufschwungs verlangt nach einer Erklärung für diesen Wandel. Ein unverändert vorhandener Genpool liefert sie allein nicht.
Jamaika wurde außerdem nicht erst 1999 zu einem Sprintland gemacht. Lange vor diesem Verein besaß das Land eine bedeutende olympische Sprinttradition: die Generation von 1948, später Quarrie und Ottey. Jede Geschichte, die eine bestimmte Institution zum Anfang erklärt, trifft auf Erfolge, die schon vor dieser Institution da waren.
6 Die stärksten Argumente beider Seiten
Dieser Essay entscheidet nicht, ob Vererbung oder Institutionen die Hauptursache sind. Er stellt die stärkste Fassung beider Argumente nebeneinander. Abgetragen werden soll weder die eine noch die andere Seite, sondern die deterministische Erzählform selbst.
Zunächst das stärkste genetische Argument.
In seiner stärksten Fassung handelt es nicht von einem einzelnen Geschwindigkeitsgen. Es lautet vielmehr so: Die Erfolge konzentrieren sich auf geografisch so kleine Räume, dass nationale Politik oder Höhenlage allein keine zwanglose Erklärung bieten. Spitzenleistung ist ein extremer, hochgradig polygener Phänotyp; selbst Studien mit mehreren Hundert Eliteathleten können zu wenig statistische Aussagekraft haben, um das Zusammenspiel Tausender kleiner Effekte zu erfassen. Alpha-Actinin-3 zeigt, dass funktionelle Varianten mit Leistungsbezug tatsächlich existieren. Und der genetische Beitrag muss sich während des historischen Aufschwungs gar nicht verändern. Eine bereits vorhandene Verteilung kann erst sichtbar werden, sobald Märkte, Trainer und Migrationswege mehr Menschen erlauben, ihr Potenzial zu entfalten.
Die Grenze dieses Arguments wird auch von ihm selbst eingeräumt: Es begründet Plausibilität, keinen geschätzten kausalen Anteil. In seiner stärksten Form ist es eine Hypothese über das Zusammenspiel von Genen und Umwelt. Sie wartet auf hinreichend aussagekräftige Genomdaten sowie Daten zu Entwicklung und Institutionen aus Afrika und der Karibik.
Nun das stärkste Argument für Institutionen und Auswahl.
Es lautet so: Die internationalen Leistungen wuchsen innerhalb weniger Jahrzehnte, viel schneller, als sich die Allelhäufigkeiten einer Bevölkerung wesentlich verändern konnten. In den erfolgreichen Regionen entstanden dichte, sich selbst verstärkende Systeme: öffentlich sichtbare Kinderwettkämpfe, spezialisierte Schulen, Trainingslager, Trainertraditionen, Vorbilder, Sportagenten, Reisenetzwerke und außerordentlich hohe internationale Verdienstmöglichkeiten. Diese Systeme wählen wieder und wieder aus Tausenden Teilnehmenden aus. Extreme Resultate können aus einem großen, intensiv gesiebten Feld hervorgehen, ohne dass zu Beginn ein großer Unterschied zwischen den Gruppenmittelwerten bestehen muss. In Jamaika erbrachten die genetischen Vergleiche zwischen Athleten und Kontrollpersonen keinen signifikanten Unterschied; auch länderübergreifende Genomstudien zum Ausdauersport lieferten nur schwache Befunde. Die bekanntesten Varianten unterscheiden die Champions demnach nicht zuverlässig von der Bevölkerung ihrer Herkunftsorte.
Auch dieses Argument räumt seine Grenze ein: Institutionen siedeln sich ihrerseits dort an, wo es bereits Erfolge gibt. Die Kausalität kann also auch in die Gegenrichtung verlaufen. Keine Untersuchung hat einer vergleichbaren Bevölkerung nach dem Zufallsprinzip ein System wie das von Jamaika oder Iten zugeteilt und es eine Generation lang wirken lassen.
Beide Argumente sind tragfähig. Beide haben eine Grenze, die sich ehrlich benennen lässt. Dieser Essay fällt zwischen ihnen kein Urteil, denn die Belege, die eine solche Entscheidung erlaubten, liegen nicht vor: Es fehlt die Untersuchung, die die jeweiligen kausalen Anteile auseinanderlegt.
Nicht diese Argumente gilt es abzutragen, sondern den Schritt, der eines von ihnen in Determinismus verwandelt. Ob der genetische Beitrag groß oder klein ist, ob Institutionen die Haupt- oder eine Nebenrolle spielen: Eine probabilistische Neigung als zwangsläufiges Ergebnis zu lesen, bleibt falsch. Selbst eine wirkliche durchschnittliche Tendenz innerhalb einer Gruppe bedeutet nicht, dass jedem Mitglied dieser Gruppe ein Schicksal vorbestimmt wäre. Noch weniger bedeutet sie, dass das Phänomen nur diese eine Ursache haben könne. Der Fehler des Determinismus liegt nicht in seiner Wahl zwischen Vererbung und Institutionen. Er liegt darin, dass er aus einem „wahrscheinlicher“ ein „vorherbestimmt“ macht.
Hier liegt das Maß, das dieser Essay wahren will. Den Determinismus zu kritisieren heißt nicht, ins andere Lager zu wechseln und zu behaupten, alles sei Umwelt und der Körper spiele keine Rolle. Damit wäre lediglich ein Determinismus durch einen anderen ersetzt, der biologische durch den der Umwelt. Wieder würde ein komplexes System auf eine einzige Ursache zusammengedrückt. Die eigentliche Position erkennt an: Der Körper wirkt mit, die Umwelt wirkt mit, die Institutionen wirken mit. Ihre jeweiligen Anteile sind aber nicht auseinandergelegt worden. Niemand kann daher für sich beanspruchen, einen dieser Faktoren zur entscheidenden Ursache zu erklären. Welchen Geschmack der Determinismus auch hat, sein Fehler steckt im Wort „bestimmen“: Er tut so, als seien die kausalen Anteile bereits bekannt. Das sind sie nicht.
7 Die Menschen außerhalb der Messung
Deterministische Erzählungen teilen eine Struktur, die zugleich ihre verhängnisvollste ist. Sie verbirgt sich in der Richtung des Schlusses.
Diese Erzählungen entstehen so: Forschende beginnen bei erfolgreichen Athleten, beobachten ein Merkmal an ihnen und erzählen dieses Merkmal anschließend als Ursache ihres Erfolgs.
Der Schluss läuft rückwärts.
Was ist daran verkehrt? Aus dem Ergebnis wird auf die Ursache geschlossen, während die Menschen mit denselben Merkmalen, die keinen Erfolg hatten, kaum in den Vergleich eingehen.
Tausende Kinder laufen barfuß zur Schule. Nur sehr wenige werden internationale Spitzenläufer. Menschen mit dem betreffenden Achillessehnenmerkmal gibt es in ganz Ostafrika. Nur sehr wenige werden Champions. Fast alle Jamaikaner teilen das entsprechende häufige genetische Muster, also das Fehlen des seltenen Genotyps. Nur sehr wenige werden Olympioniken. Jedes Merkmal, das hier zur Ursache erzählt wird, teilen zahlreiche Menschen, die es besitzen und dennoch keinen solchen Erfolg haben.
Doch in der Rechnung dieser Erzählung kommen diese Menschen nicht vor.
Die Erzählung liest am erfolgreichen Menschen ein Merkmal ab, erklärt es zur Ursache und bleibt dort stehen. Sie schaut nicht auf diejenigen, die das gleiche Merkmal haben und nicht erfolgreich wurden. Sobald sie hinsähe, bräche ihre Kausalgeschichte zusammen. Wenn die meisten Menschen mit einem Merkmal keinen Erfolg haben, kann dieses Merkmal keine hinreichende Ursache des Erfolgs sein. Genau deshalb hängt die deterministische Erzählung davon ab, diesen Vergleich auszublenden.
Das ist der Rest dieses Essays. In dieser Gestalt ist er in der Reihe noch nicht vorgekommen.
In den vorherigen Essays bestand der Rest aus Namen, die nicht auf einer Liste standen, aus Ursachen, die sich nicht auseinanderrechnen ließen, aus unvergleichbaren Leistungen, aus nicht existierenden Körpern oder aus einer Kontinuität, für die kein Platz vorgesehen war. Jeder Rest hatte seine eigene Form. Hier besteht er aus den Menschen, die das erzählte Merkmal besitzen und trotzdem nicht erfolgreich wurden, weshalb die Erzählung sie nicht in ihre Rechnung aufnimmt. Sie sind jene Vergleichsgruppe, die diese Geschichte übergehen muss, um aufzugehen.
In den bisherigen Essays blieb der Aufbau offen, weil das, was er aufnehmen wollte, nicht hineinpasste, sich nicht ausrechnen ließ oder keine eindeutige Antwort zuließ. Hier dagegen kann sich der Aufbau der Erzählung scheinbar schließen. Er kann eine vollständige, in sich stimmige Kausalgeschichte hervorbringen, gerade weil er die Menschen aus dem Blickfeld entfernt, die sie widerlegen würden. Diese Geschlossenheit entsteht nicht dadurch, dass das Problem gelöst wäre. Sie entsteht dadurch, dass die entlarvende Vergleichsgruppe unbeachtet bleibt. Ein Aufbau erzählt sich seine geschlossene Geschichte, indem er systematisch jene Menschen aus seiner Rechnung herauslässt, an denen sie zerbrechen würde.
Diese Struktur ist verbreiteter, als sie zunächst wirkt. Es lohnt sich, sie beim Namen zu nennen. Sie ist eine zugespitzte Form dessen, was man Überlebendenverzerrung oder Survivorship Bias nennt. Man betrachtet die Erfolgreichen, sammelt ihre Gemeinsamkeiten und erklärt diese zum Erfolgsrezept. Vergessen werden diejenigen, die dieselben Gemeinsamkeiten aufweisen und gescheitert sind. In anderen Bereichen ist dieser Fehler längst weithin bekannt. In Erzählungen über Körper und Bevölkerungsgruppen hält er sich besonders hartnäckig. Denn das herausgelesene Merkmal ist körperlich und sichtbar. Das erzeugt das unmittelbare Gefühl: Hier muss die Ursache liegen. Ein langer, schmaler Unterschenkel, eine Statur, die wie fürs Laufen gemacht scheint: Ihre Sichtbarkeit macht solche Merkmale besonders geeignet, zu Ursachen erklärt zu werden. Menschen mit ebenso langen, schmalen Unterschenkeln, die es nie in ein Finale geschafft haben, fehlen dagegen auf den Bildern, in den ausgewählten Stichproben und in den Geschichten, aus denen dieses Erfolgsnarrativ entsteht. Weil sie nicht erfolgreich waren, kommen sie darin nicht vor.
Das erklärt auch, weshalb die Erzählungen über die Sklaverei nicht tragen. Eine davon behauptet, die Auswahl im Sklavenhandel, das Überleben auf den Plantagen oder eine bestimmte westafrikanische Herkunftspopulation hätten den modernen jamaikanischen Sprinter biologisch hervorgebracht. Dafür fehlt eine nachgewiesene Kette: von historischem Selektionsdruck über gemessene Veränderungen der Allelhäufigkeiten bis zur heutigen Sprintleistung. Hier wird Geschichte im Nachhinein so umgeschrieben, dass sie auf ein längst bekanntes Ergebnis zuläuft. Gesicherte Populationsgenetik ist das nicht. Die Struktur ist dieselbe wie bei den anderen deterministischen Geschichten. Nur wird das angeblich erklärende Merkmal um mehrere Jahrhunderte zurückverlegt, ohne dass die dazwischenliegenden Schritte als durchgehende Erklärung nachgewiesen wären.
8 Eine Geschichte presst das System in den Körper
Führen wir die Fäden zusammen.
Drei Dinge sind belegt, und keines davon bestreitet dieser Essay. Erstens: Die Häufung von Spitzenleistungen bei den Kalenjin und in Jamaika ist real. Zweitens: Die gemessenen biologischen Unterschiede sind real. Bevölkerungen unterscheiden sich tatsächlich in Genotyphäufigkeiten, Gliedmaßenproportionen, der Geometrie von Achillessehnen, Höhenanpassung und Laufökonomie. Biologische Variation zu leugnen ist ebenso unzutreffend, wie sie für ein Schicksal zu halten. Drittens: Die gemessenen institutionellen Unterschiede sind real. Schulen und Trainingslager in Iten, internationale Sportagenten, die jamaikanischen Schulmeisterschaften, Vereine und Trainernetzwerke haben tatsächlich verändert, wer trainiert, wie lange, mit welcher Unterstützung und wer schließlich die internationale Bühne erreicht.
Ungeklärt bleibt eines: die Aufteilung der Ursachen. Keine Untersuchung hat festgestellt, dass Gene einen bestimmten Prozentsatz der Kalenjin- oder der jamaikanischen Dominanz erklären. Keine hat der Körpergestalt einen solchen Anteil zugewiesen. Keine hat bestimmt, welchen Prozentsatz Höhenlage, der laufende Schulweg, Schulmeisterschaften, Trainingslager, Vereine, wirtschaftliche Anreize oder ein Ortswechsel für das Training erklären. Die Prozentsätze für intermediäre Phänotypen dürfen unter keinen Umständen in Prozentsätze für die Erfolge eines Landes oder einer Bevölkerungsgruppe umetikettiert werden.
Das wirkliche Bild ist deshalb nicht das eines Körpermerkmals, das ein ganzes Phänomen hervorbringt. Es ist das Bild eines rekursiven Systems: Kleine oder in ihrer Größe unbekannte individuelle Unterschiede werden durch Talentsuche, Training, wirtschaftlichen Wettbewerb, Migrationswege, Trainerwissen und wiederholte Auswahl Schicht um Schicht verstärkt. Am individuellen Ende bleibt das Ausmaß ungewiss; vielleicht ist es sogar klein. Am anderen Ende hat das System daraus eine sichtbare Häufung gemacht.
Die deterministische Erzählung presst dieses ganze System in den Körper.
„Zum Laufen geboren“, „geborene Sprinter“, „ein begabtes Volk“, „das Geschwindigkeitsgen“: Solche Formulierungen schrumpfen ein mehrstufiges Auswahlsystem auf ein Körpermerkmal zusammen. Ein Prozess, der sich über Jahrzehnte hinweg durch Schulen, Trainingslager, Märkte und Migration erstreckt, wird zu etwas erklärt, das ein Mensch bei seiner Geburt schon besitzt. Diese Verdichtung lässt etwas verschwinden: das System, die Zeit und all die Menschen, die zwar das gleiche Körpermerkmal haben, aber nicht durch das ganze System bis ans Ende gelangt sind.
Das ist gemeint, wenn die Erzählung selbst als Aufbau verstanden wird. Wie eine Regel, eine Punktetabelle oder ein Grenzwert will auch sie sich schließen. Sie möchte mit einem Körpermerkmal die Erklärung eines ganzen Phänomens abschließen. Doch das gelingt ihr nicht, denn der kausale Anteil dieses Merkmals am Phänomen ist nie bestimmt worden. Sie tauscht ein Ergebnis, das erst erklärt werden müsste, gegen eine Ursache aus. Sie gibt eine richtige, für diese Frage aber unpassende Zwischenzahl als kausale Zahl aus. Sie erzählt eine Wahrscheinlichkeit als Notwendigkeit. Dass sie dabei so rund klingt, verdankt sie ausgerechnet dem Umstand, dass sie jene Menschen nicht ansieht, die sie entlarven würden.
Dieser Aufbau kann messen, wie lang die Achillessehne eines Menschen ist, wie häufig ein Genotyp vorkommt, wie viele Medaillen eine Gruppe gewonnen hat. Er kann aber nicht angeben, wie viele dieser Medaillen auf jene Sehne zurückgehen, wie viele auf jenes Gen und wie viele auf die Schulen, Trainingslager, Sportagenten und Jahrzehnte der Auswahl. Diese Anteile sind nie auseinandergelegt worden. An genau der offenen Stelle trägt eine Erzählung heimlich die Antwort ein, in Gestalt eines Körpers. Der Körper ist real. Seine Unterschiede sind ebenfalls real. Zwischen dem wirklichen Körper und dem wirklichen Phänomen fehlt jedoch der Nachweis einer durchgehenden Kausalkette, die diese Anteile zuordnet. Einzelne gemessene Beziehungen schließen diese Lücke nicht. Die Erzählung überspringt die Kette, verbindet unmittelbar ihre beiden Enden und sagt: Seht ihr, an diesem Körper liegt es.
Hier verbindet sich dieser Essay auf einer tieferen Ebene mit der ganzen Reihe. Der Aufbau der ersten vierzehn Essays lag auf der Ebene der Institutionen: Regeln, Punktetabellen, Rekordbücher, Grenzwerte, all die Dinge, die Menschen absichtlich errichten. Diesmal liegt der Aufbau auf der Ebene des Erkennens. Er ist etwas, das Menschen beim Verstehen der Welt beinahe unwillkürlich errichten: eine Geschichte von Ursache und Wirkung. Vor einem schwer erklärbaren Phänomen halten wir es kaum aus, keine Erklärung zu haben. Also bauen wir eine. Am einfachsten lässt sie sich bauen, wenn wir die Ursache in etwas Sichtbares legen, in einen Körper. Wie der institutionelle Aufbau strebt auch dieser nach Geschlossenheit. Etwas, das in der Schwebe hängt, soll zum Abschluss kommen. Doch auch hier gelingt es nicht. Die Kausalkette, die diesen Abschluss tragen müsste, ist als durchgehende Erklärung nicht nachgewiesen. Sie scheint nur vorhanden zu sein, weil ihre beiden Enden stimmen: ein wirklicher Körper und ein wirkliches Phänomen. Zwischen den beiden richtigen Enden liegt eine nicht als Ganzes belegte, womöglich gar nicht tragfähige Kette. Die Erzählung behandelt sie als selbstverständlich. Das ist die leiseste Form des Aufbaus in dieser Reihe. Sie steht in keinem Regelwerk. Sie steckt nur im Tonfall des Satzes: Das liegt daran, dass sie von Natur aus so sind.
Der Maßstab hat noch nicht genau gemessen. Er misst weiter.