Das alte Rekordbuch vernichten, um die Vergleichbarkeit zu bewahren
Hohns 104,80 Meter wurden nicht „gelöscht“. Mit der Änderung der Speerspezifikationen wurden sie im alten Rekordbuch eingeschlossen. Um die Vergleichbarkeit zu bewahren, musste die Institution anerkennen, dass die Kontinuität abgerissen war.
In diesem Essay
- I Zunächst eine verbreitete Geschichte berichtigen
- II In einem Schritt mehr als fünf Meter
- III Der Antrag war längst unterwegs
- IV Die Speerspitze nach unten drücken
- V Ein Buch wird geschlossen, ein anderes aufgeschlagen
- VI Der Wortlaut ist nicht greifbar
- VII Eine Zahl, die niemand mehr einstellen kann, und ihre zwei Wahrheiten
- VIII Eine Umrechnung ist unmöglich
I Zunächst eine verbreitete Geschichte berichtigen
Zuerst muss eine weitverbreitete Geschichte berichtigt werden. Wer diesen Essay mit ihr beginnt, steht von Anfang an auf dem falschen Boden.
Die Geschichte geht so: Die 104,80 Meter, die Uwe Hohn 1984 warf, seien ein ewiger Rekord, ein nachträglich annullierter Wurf. Er sei zu weit gewesen, deshalb habe die IAAF ihn mit einem Federstrich aus der Welt geschafft, damit die anderen Athleten wieder eine Chance hätten, ihn einzuholen.
An dieser Geschichte muss fast jedes Wort berichtigt werden.
Hohns Wurf wurde nicht annulliert. Er steht noch heute im offiziellen Archiv von World Athletics, gekennzeichnet als Speerwurf mit dem alten Gerät. Er ist nach wie vor eine offiziell anerkannte Leistung, nach wie vor Hohns persönliche Bestleistung, nach wie vor Teil der Rekordentwicklung, versehen mit dem Hinweis auf den alten Speer. Niemals wurde der Wurf für regelwidrig erklärt. Kein späterer technischer Beschluss hat rückwirkend festgestellt, Hohns Speer habe gegen die Regeln verstoßen.
Neu begonnen wurde nicht Hohns Leistung, sondern die Weltrekordfolge für ein Gerät mit neuen Spezifikationen. Seit April 1986 galten andere Vorgaben für den Speer, und der institutionelle Aufbau eröffnete für dieses neue Gerät ein neues Rekordbuch. Hohn hatte mit einem Speer nach den alten Vorgaben geworfen; sein Wurf blieb im alten Buch. Der heutige Weltrekord im Speerwurf der Männer lautet 98,48 Meter, gehalten von Jan Železný, nicht 104,80 Meter, gehalten von Hohn.
Genau muss es also heißen: 104,80 Meter sind der letzte Weltrekord der Disziplin mit dem alten Speer. Sie sind kein annullierter Wurf.
Auch den Ausdruck „ewiger Rekord“ hat die offizielle Seite nie verwendet. Es lässt sich keine Regel der IAAF oder von World Athletics, kein Kongressbeschluss und keine offizielle Rekordliste finden, die Hohns Wurf als ewig, dauerhaft unübertrefflich oder unbrechbar bezeichnet. So sprechen populäre Medien, soziale Netzwerke und Rückblickvideos. Der Aufbau selbst verwendet zweckmäßige Bezeichnungen: Kennzeichnung des alten Wettbewerbs, historische Rekordentwicklung.
Dieser Essay handelt von einem genaueren und zugleich seltsameren Sachverhalt: Eine Leistung ist regelkonform, gültig und in der Geschichte vollständig erhalten, doch die Kategorie, in der sie als aktueller Rekord galt, hat der Aufbau selbst abgeschafft. Er hat sie nicht abgeschafft, indem er den Eintrag ausradierte. Er hat das Buch geschlossen, in dem dieser Eintrag steht.
Im vorigen Essay ging es darum, dass der Aufbau seine Grenze erst entdeckt, wenn jemand sie überschreitet, und dann entscheidet, ob er an ihr festhält oder sie öffnet. Hier geht es darum, welchen Preis er bezahlt, wenn er beschließt, an ihr festzuhalten.
Mit diesem „Festhalten“ muss man vorsichtig sein. Im vorigen Essay bewahrte der Aufbau eine Definition dessen, was Weitsprung ist: Er weigerte sich, den Salto darin aufzunehmen. Hier bewahrt er etwas anderes, nämlich die Vergleichbarkeit innerhalb einer Rekordfolge. Er will sicherstellen, dass sich jede dort verzeichnete Leistung mit den anderen vergleichen lässt. Wenn ein neues Gerät das unmöglich macht, rettet er die Vergleichbarkeit, indem er die Leistungen mit dem alten und die Leistungen mit dem neuen Gerät auf zwei verschiedene Bücher verteilt. Der Preis dafür, Vergleichbarkeit zu bewahren, ist, Unvergleichbarkeit herzustellen. Das klingt widersprüchlich. Genau diesen Widerspruch soll dieser Essay entfalten.
II In einem Schritt mehr als fünf Meter
Hohn warf seine 104,80 Meter am 20. Juli 1984 in Ostberlin, beim Olympischen Tag der Leichtathletik im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Nach den Angaben von World Athletics war es sein zweiter Versuch in diesem Wettkampf.
Er übertraf Tom Petranoffs bisherigen Weltrekord von 99,72 Metern um 5,08 Meter. Es war die einzige anerkannte Leistung jenseits der hundert Meter im alten Männerwettbewerb.
Bei diesen 5,08 Metern lohnt es sich, einen Moment stehen zu bleiben.
Vor Hohn hatte sich der Rekord so entwickelt: 96,72 Meter durch Ferenc Paragi im Jahr 1980, 99,72 Meter durch Petranoff im Jahr 1983. Drei Meter lagen zwischen diesen beiden Marken. Die Rekorde rückten bereits in Meterschritten vor. Hohn aber legte mit einem einzigen Wurf mehr als fünf Meter darauf. Das war keine Fortsetzung im Zentimetermaßstab. Es war ein Sprung.
Und hier muss gleich ein weiterer verbreiteter Eindruck berichtigt werden: In den achtziger Jahren seien die Speerwürfe von Jahr zu Jahr weiter geworden. Das stimmt nicht.
Die Weltjahresbestleistungen erzählen eine andere Geschichte. 1980 waren es 96,72 Meter, 1981 fiel die Marke auf 92,48 Meter, 1982 stieg sie wieder auf 95,80 Meter, 1983 folgten 99,72 Meter und 1984 die 104,80 Meter. 1985 führte Hohn selbst die Jahresbestenliste an, allerdings mit nur 96,96 Metern, weit entfernt von seinen eigenen 104,80 Metern.
Richtig ist: Fortschritte in der Aerodynamik und die besten Werfer schoben die obere Hüllkurve der Rekorde gewaltig nach außen. Daraus darf man nicht machen, dass jede Saison weiter führte als die vorige. Die äußere Grenze dehnte sich aus, die einzelnen Saisonleistungen schwankten. Hohns Wurf war der äußerste Punkt dieser sich ausdehnenden Hüllkurve, nicht die Spitze einer gleichmäßig ansteigenden Linie.
Zu diesem Wurf sind einige Dinge heute nicht greifbar. Schon diese Lücken verdienen es, festgehalten zu werden.
Die genaue Marke und das genaue Modell von Hohns Speer sind nicht gesichert. Viele spätere Darstellungen nennen berühmte alte Speermodelle jener Zeit. Doch es lässt sich weder ein Gerätekontrollzertifikat noch eine Herstellerseriennummer noch eine verlässliche Geräteliste des Wettkampfs finden, die ein bestimmtes Modell eindeutig mit diesem Wurf verbindet. Eine Marke oder eine nominelle Weitenklasse als feststehende Tatsache anzugeben, wäre deshalb nicht belastbar.
Auch die genauen Wetterverhältnisse und die Windgeschwindigkeit bei diesem Versuch sind nicht greifbar. Für Speerwurfrekorde gilt nicht die Windgrenze von zwei Metern pro Sekunde, die es im Sprint und in den Horizontalsprüngen gibt. Der Flug eines Speers hängt dennoch stark von Windgeschwindigkeit, Luftdichte, Anstellwinkel und der räumlichen Lage des Geräts ab. Für genau diesen Wurf Hohns lässt sich keine verlässliche Aufzeichnung des Windvektors, der Temperatur, des Luftdrucks oder der Luftdichte finden. Jede präzise Umrechnung, die angenommene Wetterbedingungen einsetzt, bleibt daher eine Vermutung.
Das ist dieselbe Lage wie bei Bob Beamons Sprung im fünften Essay. Eine extreme Leistung ereignet sich in einem Augenblick, dessen Bedingungen nicht vollständig festgehalten wurden. Wie viel davon auf den Menschen und wie viel auf diesen Tag entfällt, lässt sich nie auseinanderrechnen. Ein Unterschied bleibt: In Beamons Fall boten die Bedingungen nichts, woran eine Regeländerung hätte ansetzen können. Der Wind war regelkonform, die Höhenlage war Geografie. Hohns Wurf dagegen stand im Zusammenhang mit einer Neudefinition des Geräts selbst.
Dieser Unterschied ist entscheidend. Bei Beamons Sprung hatte der Aufbau keinen Ansatzpunkt für einen Eingriff durch Regeln. Er musste die nicht auseinanderzurechnende Leistung so hinnehmen, wie sie war, sie in die Rekordliste eintragen und dreiundzwanzig Jahre lang ganz oben stehen lassen. Bei Hohn gab es einen solchen Ansatzpunkt: den Speer selbst. Ein Speer ist ein Gerät, und ein Gerät kann neu definiert werden. Vor einer allzu großen Weite stand der Aufbau bei Beamon machtlos da, während er bei Hohn eingreifen konnte. Nicht weil er die Ursachen von Hohns Wurf besser verstanden hätte, sondern weil er diesmal etwas gefunden hatte, das sich verändern ließ. An der Höhenlage konnte er nichts ändern. Am Speer schon.
III Der Antrag war längst unterwegs
Eine Behauptung muss zurückgewiesen werden, weil sie Ursache und Wirkung verkehrt: Hohns Wurf habe ganz allein den Neustart erzwungen.
So war es nicht.
Erich Bremicker, der dem Technischen Komitee der IAAF angehörte, widersprach dieser zeitlichen Abfolge ausdrücklich. Die Arbeit an der Änderung hatte lange vor Hohns Wurf begonnen. 1982 und 1983 führte das Komitee Versuche durch. Die vorgeschlagenen Bauvorschriften waren 1983 fertiggestellt. Anfang 1984 kamen sie auf die Tagesordnung des Kongresses in Los Angeles; im Mai 1984 wurden sie an die Mitgliedsverbände verschickt. Hohn warf seine 104,80 Meter am 20. Juli, etwa zwei Wochen vor dem Kongress.
Ein Wurf kann keinen Antrag hervorbringen, der schon Monate zuvor verschickt worden ist. Er konnte dessen Begründung politisch und symbolisch verstärken. Tragfähiger ist deshalb diese Beschreibung: Die 104,80 Meter wurden zum dauerhaften öffentlichen Bild einer Entscheidung, deren technischer Vorlauf längst begonnen hatte.
Das schließt an den vorigen Essay an, aber der Anschluss muss genau sein.
Dort ging es um den Weitsprung mit Vorwärtssalto. Die Grenze wurde erst gezogen, als jemand sie überschritt. Vor 1974 gab es in den Weitsprungregeln kein Saltoverbot; erst John Delameres Überschlag zwang die Regel hervor. Dort entstand die Grenze tatsächlich nach ihrer Überschreitung.
Beim Speer war es anders. Hier wurde die Grenze bereits gezogen, bevor jemand sie überschritt. Das Technische Komitee begann 1982 mit Versuchen. Damals lag der Weltrekord noch unter hundert Metern; niemand hatte diese Marke übertroffen. Der Aufbau wartete nicht auf Hohns 104,80 Meter, um dann erschrocken zu reagieren. Schon Jahre zuvor hatte er vorausgesehen, dass die Weiten zu groß werden würden, und sich darauf vorbereitet.
Was war Hohns Wurf dann in dieser Geschichte? Die schlagkräftigste Anmerkung zu einer Entscheidung, die bereits heranreifte. Er gab einer Angelegenheit aus den Beratungen des Technischen Komitees einen Grund, den jeder sehen konnte. Mehr als fünf Meter in einem Schritt, 104,80 Meter: Die Zahl selbst war das stärkste Argument. Sie war nicht die Ursache der Entscheidung, sondern ihr eindringlichster Beleg. Ein Beleg und eine Ursache sind zwei verschiedene Dinge.
Hier zeigt sich ein anderes Muster als in den vorangegangenen Essays. Dort hinkte der Aufbau häufig hinterher: Erst geschah etwas, dann reagierte er und setzte Regeln. Hier war er voraus. Er bereitete sich vor, ehe die extreme Leistung überhaupt vorlag. Warum kam er diesmal früher? Weil es nicht darum ging, eine bestimmte Technik als gut oder schlecht zu beurteilen, sondern um eine physikalische Entwicklung. Die erreichbaren Weiten nahmen langfristig zu. Dieser Trend ließ sich fortschreiben; man musste nicht auf einen ganz bestimmten Wurf warten, um vorherzusehen, dass irgendwann eine zu große Weite dabei sein würde. Einem Trend kann der Aufbau zuvorkommen. Einem einzelnen unerwarteten Ereignis kann er nur hinterherlaufen. Das Anwachsen der Weiten war ein Trend, das Auftauchen des Vorwärtssaltos eine Überraschung.
Dieser Unterschied führt noch einen Schritt weiter. Einen Trend kann man fortschreiben, weil sich über längere Zeit eine zusammenhängende Bewegung erkennen lässt. Die obere Grenze rückt nach außen; eine Linie macht sichtbar, wohin die Entwicklung geht, auch wenn die einzelnen Jahre schwanken. Das Unerwartete lässt sich nicht fortschreiben, weil es als einzelnes Ereignis auftritt. Jemand denkt sich plötzlich eine Bewegung aus, auf die noch niemand gekommen ist. Dafür gibt es kein Vorzeichen, daraus lässt sich keine Linie ziehen. Vor einem Trend kann der Aufbau vorsorglich einen Damm errichten, wie jemand, der die Flut steigen sieht. Vom Unerwarteten erfährt er erst, wenn es schon geschehen ist, und erst dann kann er reagieren. Die Weiten im Speerwurf sind die Flut. Der Vorwärtssalto ist ein Meteorit, der unvermittelt einschlägt. Auf die Flut kann man sich vorbereiten; nach dem Meteoriten kann man nur aufräumen. Deshalb war derselbe Aufbau im einen Fall voraus und im anderen zu spät.
IV Die Speerspitze nach unten drücken
Der Aufbau beschränkte nicht die Athleten. Er entwarf den Speer neu.
1982 und 1983 stellten das Technische Komitee der IAAF und die Hersteller eine Reihe von Versuchsspeeren her, deren Schwerpunkt um zwei, drei, vier oder fünf Zentimeter nach vorn versetzt war. Es folgten Hunderte Würfe, überwiegend mit Abschussmaschinen, zum Teil durch Athleten. Eine Verschiebung um drei Zentimeter galt als ausreichend, um eine Landung mit der Spitze voran sicherzustellen. Die Mehrheit des Komitees entschied sich für vier Zentimeter: Die Weiten sollten stärker sinken, und die Wahrscheinlichkeit einer weiteren kostspieligen Änderung der Spezifikationen sollte verringert werden.
Die wichtigsten Maßänderungen sahen so aus: Der Schwerpunkt wanderte vier Zentimeter in Richtung Spitze. Der zulässige Mindestdurchmesser des hinteren Speerteils wurde vergrößert, was den extrem dünnen, stark auftriebserzeugenden Heckprofilen Grenzen setzte. Und es blieb beim 800-Gramm-Speer der Männer. Aus ihm wurde kein leichteres Gerät.
Die Aerodynamik hinter diesen Änderungen ist die einzige Stelle dieses Essays, an der etwas Technik nötig wird. Es lohnt sich, sie klar darzustellen, denn hier liegt die Logik des ganzen Vorgangs.
Bei einem alten Hochleistungsspeer konnte sich der Druckpunkt, an dem die resultierende Luftkraft ansetzt, mit dem Anstellwinkel relativ zum Schwerpunkt verschieben. Das erlaubte ein positives Nickmoment und anhaltenden Auftrieb. Einfacher gesagt: Der alte Speer konnte im Flug von selbst die Spitze heben. Wie eine gleitende Tragfläche flog er flach und weit und kam dann flach zu Boden. Daraus entstanden zwei Probleme. Erstens berührte nicht eindeutig die Spitze zuerst den Boden, sodass sich über gültig oder ungültig nur schwer und oft strittig entscheiden ließ. Zweitens flog der Speer zu weit.
Durch die neue Gewichtsverteilung lag der Druckpunkt hinter dem Schwerpunkt. Bei positivem Anstellwinkel entstand ein negatives Nickmoment. Einfacher gesagt: Der neue Speer senkte im Flug von selbst die Spitze, statt weiterzugleiten oder flach zu landen. Er kam mit der Spitze voran herunter, die Spitze berührte zuerst den Boden, die Entscheidung wurde eindeutig. Und weil die Gleitphase entfiel, flog er weniger weit.
Der Aufbau löste das Problem der flachen Landung und das der Weite also mit demselben Mittel: Die Speerspitze sollte sich während des Fluges nach unten neigen. Ein Eingriff, zwei Wirkungen. Dieselbe Verschiebung des Schwerpunkts beseitigte zugleich die Streitfälle bei der Wertung und die übergroßen Weiten.
Leicht übersieht man dabei, dass diese beiden Probleme ganz verschiedener Art waren. Die flache Landung war ein Wertungsproblem. Konnte der Aufbau eindeutig feststellen, ob ein Versuch gültig oder ungültig war? Hier ging es um das Messen selbst. Die übergroße Weite war dagegen ein Platzproblem. Passte der Wurf noch ins Stadion? Hier ging es um physischen Raum. Zwischen beiden Problemen bestand kein notwendiger Zusammenhang. Das eine lag innerhalb des Rekordbuchs, das andere außerhalb. Dass der nach vorn versetzte Schwerpunkt beide zugleich niederdrückte, hatte etwas von einem glücklichen Zusammentreffen: Ein Eingriff, der klare Entscheidungen ermöglichen sollte, löste nebenbei das Platzproblem. Gerade weil er beides löste, kam die spätere Auseinandersetzung darüber, welchem Zweck die Änderung hauptsächlich gedient habe, nie zu einem endgültigen Abschluss.
Ihr Preis ist das Thema dieses Essays. Der neue und der alte Speer sind zwei verschiedene Geräte. Für ihren Flug gelten unterschiedliche physikalische Bedingungen: Der eine hebt die Spitze und gleitet, der andere senkt sie und stürzt nach unten. Die mit ihnen erzielten Leistungen lassen sich nicht innerhalb derselben Rekordfolge vergleichen.
V Ein Buch wird geschlossen, ein anderes aufgeschlagen
Die zeitliche Folge der Regeländerung ist klar: Die Bauvorschriften wurden 1983 fertiggestellt, im Mai 1984 an die Mitgliedsverbände verschickt, 1984 vom Kongress in Los Angeles angenommen und am 1. April 1986 in Kraft gesetzt. Die fast zweijährige Übergangsfrist gab Wettkampfveranstaltern, Athleten und Herstellern Zeit für die Umstellung.
Mit dem Inkrafttreten geschah Folgendes.
Die Leistungen mit den beiden Geräten galten nicht länger als Einträge in einer einzigen Weltrekordfolge, die sich gegenseitig ablösen konnten. Am 21. September 1986 warf Klaus Tafelmeier mit dem neuen Speer 85,74 Meter. Das wurde der erste anerkannte Rekord der neuen Folge.
Hohns 104,80 Meter wurden dabei nicht zur Marke, die Tafelmeier übertreffen musste.
In diesem Satz liegt der Kern des Essays. Tafelmeiers 85,74 Meter traten nicht gegen Hohns 104,80 Meter an, obwohl 104,80 rein numerisch sehr viel mehr sind als 85,74. Hinter den beiden Zahlen standen inzwischen wesentlich verschiedene Gerätekategorien. Tafelmeiers Marke war der Ausgangspunkt einer neuen Rekordfolge, die nach dem Abschluss der alten bei null begann.
„Bei null beginnen“ muss genauer gefasst werden. Natürlich begann der erste neue Rekord von 85,74 Metern nicht bei null Metern; schon dieser Wurf war sehr weit. Bei null heißt hier: In der Ordnung der Rekorde stand nichts vor ihm. Er musste keinen früheren Rekord mit dem neuen Speer übertreffen, denn er war der erste. Die erste Seite des Buchs, das der Aufbau für das neue Gerät eröffnete, war leer. Tafelmeiers Wurf schrieb die erste Zeile hinein. Von den größeren Zahlen im alten Buch, den 99,72 und den 104,80 Metern, trennte diese erste Zeile kein Rekordabstand, sondern die Grenze zwischen zwei Büchern. 85,74 sind weniger als 104,80. Trotzdem waren 85,74 Meter ein aktueller Rekord und 104,80 Meter keiner mehr, weil sie nicht im selben Buch standen.
So entstand eine ausgesprochen merkwürdige Lage. World Athletics behandelt die Sache heute auf drei miteinander vereinbare Arten: Železnýs 98,48 Meter sind der aktuelle Weltrekord im Speerwurf der Männer. In Hohns persönlichem Profil stehen 104,80 Meter unter Speerwurf mit dem alten Gerät. Und die offizielle Rekordentwicklung bewahrt die alten Leistungen mit einer entsprechenden Gerätekennzeichnung auf.
Eine Rekordfolge wurde abgeschlossen und abgetrennt. Die historische Folge, auf der sie beruht, wurde nicht vernichtet.
Das muss ganz deutlich werden. Regelkonformität und der Status als aktueller Rekord sind zwei verschiedene Urteile. Hohns Wurf bleibt regelkonform, seine historische Anerkennung bleibt bestehen. Ersetzt wurde die Wettkampfkategorie, an der sein Weltrekordstatus hing. Ähnliches geschieht anderswo: Wenn ein Verband eine Wettkampfdistanz, eine Punktetabelle, eine Gewichtsklasse oder eine Gerätekategorie ersetzt, können die früheren Leistungen weiterhin offiziell anerkannt sein, ohne noch über die Rekorde der Nachfolgedisziplin zu bestimmen.
Die Zehnkampftabelle aus dem siebten Essay ist ein naher Verwandter dieses Gedankens. Dort wurde eine Umrechnungstabelle ersetzt: Die zehn Einzelleistungen aus Jim Thorpes Wettkampf blieben gleich, seine Gesamtpunktzahl änderte sich. Hier wurde ein Speer ersetzt: Die Weite von Hohns Wurf blieb gleich, seine Rekordfolge änderte sich. In beiden Fällen blieb das Ereignis selbst unangetastet; geändert wurde der Platz, den der Aufbau ihm zuwies. Es gibt allerdings einen Unterschied. Bei der Punktetabelle lassen sich alte und neue Gesamtsumme nebeneinanderstellen, denn beide berechnen denselben Wettkampf. Beim Speer lassen sich alte und neue Leistungen nicht einfach nebeneinanderlegen und vergleichen, denn sie wurden mit zwei verschiedenen Geräten erzielt.
VI Der Wortlaut ist nicht greifbar
Zum Neustart muss etwas offen gesagt werden: Der ursprüngliche Text, mit dem er beschlossen wurde, ist nicht greifbar.
In den eingesehenen Quellen findet sich weder ein öffentlich zugänglicher Scan des vollständigen Antrags von 1984 noch eine namentliche Abstimmung, eine Folge der Änderungsanträge oder der genaue Wortlaut der Bestimmung über den Neubeginn der Rekorde. Der Zeitpunkt des Inkrafttretens und die sachliche Entscheidung sind durch das Zeugnis des Technischen Komitees und die spätere Praxis der IAAF stark belegt. Welche Verben der Kongress genau verwendete, ob er annullierte, aufhob, schloss, archivierte oder überführte, darf man ohne das ursprüngliche Protokoll jedoch nicht in Anführungszeichen setzen und als Originalwortlaut ausgeben.
Die spätere Formulierung von World Athletics, es habe eine neue Rekordfolge gegeben, beschreibt das institutionelle Ergebnis zutreffend. Sie darf aber nicht als Zitat aus dem Kongress von 1984 präsentiert werden.
Diese Lücke ist uns in der Reihe schon oft begegnet. Diesmal liegt sie an einer besonderen Stelle.
Im zweiten Essay war das Original des frühesten Rekordantrags nicht auffindbar. Im dritten fehlte Thorpes Brief, in dem er sein eigenes Verhalten einräumte. Im vierten war die Debatte von 1928 über die Streichung des Wettbewerbs nicht im Einzelnen protokolliert. Im zehnten waren der ursprüngliche Beschlusstext und die Beratungsprotokolle zum Verbot des Vorwärtssaltos nicht greifbar. Und jetzt fehlt der ursprüngliche Wortlaut eines Neustarts, der eine der berühmtesten Leistungen dieser Sportart betraf.
Jedes Mal dieselbe Form: Der Aufbau hinterlässt sein Ergebnis, das abgeschlossene Buch, die neue Rekordfolge. Doch die uns zugänglichen Quellen überliefern nicht den Weg dorthin, die Beratung, in der man entschied, das Buch zu schließen. Diesmal ist der Gegensatz besonders scharf, denn die davon betroffene Leistung, 104,80 Meter, gehört zu den meistbesprochenen Zahlen dieser Sportart. Eine Leistung wird unzählige Male erwähnt, aber die ursprüngliche Aufzeichnung des Augenblicks, in dem sie ihren Status wechselte, ist nicht greifbar. Alle kennen das Ergebnis. Wie die Entscheidung zustande kam, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht ersehen.
Bis hierher hat sich dieses Muster oft genug wiederholt, um eine Zwischenbilanz zu erlauben. Der Aufbau ist eine Maschine, die Ergebnisse produziert. Seine Produkte sind das, was in Regeln, Rekordlisten und Archive eingeht. Sie werden sorgfältig aufbewahrt, denn sie zu bewahren ist der Sinn seiner Existenz. Der Vorgang, der diese Ergebnisse hervorbringt, die Diskussionen, Streitigkeiten, Abwägungen und Abstimmungen, wird dagegen fast nie mit derselben Sorgfalt erhalten. Er ist nicht das Produkt, sondern dessen Herstellung. Eine Fabrik verwahrt ihre fertigen Erzeugnisse sorgfältig; sie verwahrt nicht jeden Handgriff, mit dem jedes einzelne auf dem Fließband hergestellt wurde. Beim Aufbau ist es ähnlich. Die Nachwelt kommt daher an jedes seiner Ergebnisse heran, kann aber kaum einen seiner Gedankengänge vollständig rekonstruieren. Seine Urteile hat er der Welt hinterlassen. Die Gründe für diese Urteile blieben in den verstreuten, verlorenen Sitzungen zurück.
Auch etwas anderes, damit Zusammenhängendes ist nicht greifbar. Es findet sich kein damaliger Antrag, kein Vorschlag eines Mitgliedsverbands, keine Athletenpetition und kein Änderungsantrag an den Kongress, der ausdrücklich gefordert hätte, Hohn als Weltrekordhalter mit dem alten Speer zu bewahren und zugleich eine neue Liste zu eröffnen. Ebenso wenig findet sich ein dokumentarischer Beleg dafür, dass ein solcher Antrag förmlich abgelehnt worden wäre oder die IAAF Gründe für seine Ablehnung veröffentlicht hätte.
Das ist interessant. Denn was am Ende tatsächlich geschah, kommt diesem hypothetischen Vorschlag zur Bewahrung des alten Rekords sehr nahe. Die frühere Entwicklung blieb in der offiziellen Rekordgeschichte erhalten; Hohns Leistung wurde weiterhin dem alten Wettbewerb zugeordnet. Beim Übergang zum neuen Frauenspeer 1999 drückte ein IAAF-Sprecher es deutlicher aus: Die alten Leistungen würden als unter anderen Bedingungen erzielt gekennzeichnet. Diese Art der Archivierung liegt nahe bei jenem angeblich eingebrachten Vorschlag. Nur verleiht sie den alten Leistungen nicht mehr den uneingeschränkten Titel eines aktuellen Weltrekords.
Was der Aufbau tat, war also nicht das, was die populäre Geschichte erzählt: alle alten Leistungen zu löschen, um Vergleichbarkeit zu bewahren. In einer entscheidenden Hinsicht tat er das Gegenteil. Er erklärte die beiden Geräte innerhalb einer gemeinsamen aktuellen Rekordfolge für unvergleichbar und bewahrte die alte Folge zugleich als Geschichte auf. „Löschen“ lässt sich nur als Metapher für den Verlust des aktuellen Rekordtitels rechtfertigen. Eine wörtliche Beschreibung des statistischen Archivs ist es nicht.
VII Eine Zahl, die niemand mehr einstellen kann, und ihre zwei Wahrheiten
Nun zurück zu der auffälligsten und am leichtesten falsch beantworteten Frage: Können die 104,80 Meter tatsächlich niemals mehr eingestellt werden?
Die Antwort muss in zwei Teile zerlegt werden. Keiner von beiden ist jener populäre „ewige Rekord“.
Erstens: Als aktueller Weltrekord haben die 104,80 Meter aufgehört zu existieren. Sie sind nicht mehr die Marke, die jemand übertreffen muss. Der aktuelle Weltrekord im Speerwurf der Männer sind Železnýs 98,48 Meter. Ein neuer Rekordwurf muss diese Zahl angreifen, nicht Hohns Zahl. Aus der laufenden Rekordfolge sind die 104,80 Meter ausgeschieden. Sie haben sich in das Archiv des alten Wettbewerbs zurückgezogen.
Zweitens: Keine Sportinstitution kann verbindlich feststellen, dass die Zahl 104,80 selbst niemals wieder erreicht werden wird. Theoretisch kann ein künftiger Athlet mit dem heutigen Gerät 104,80 Meter werfen, auch wenn das noch niemand getan hat und Železnýs 98,48 Meter die heutige Höchstmarke sind. Ebenso könnte ein anerkannter Wettkampf mit historischen Geräten diese Zahl wieder hervorbringen, ohne dadurch den Weltrekord nach den heutigen Spezifikationen zu verändern. Ewigkeit ist eine Vorhersage, keine Kategorie der Anerkennung.
Die Rede vom ewigen Rekord wirft also zwei verschiedene Dinge zusammen. Sie setzt das Ende der 104,80 Meter als aktuellen Rekord gleich mit der Unmöglichkeit, die Zahl 104,80 noch einmal zu erreichen. Das Erste stimmt: Als aktueller Rekord ist diese Marke tatsächlich beendet. Das Zweite ist keine feststellbare Tatsache. Niemand kann garantieren, dass diese Zahl niemals und auf keinerlei Weise erneut erreicht wird.
Die beiden Teile müssen auch deshalb getrennt bleiben, weil ihre Vermischung zu einem Schluss führt, der ungenau ist und das Geschehen im Grunde kleiner macht. Die 104,80 Meter einen ewigen Rekord zu nennen klingt nach einer Erhöhung, nach einem Denkmal, das niemals verwittert. Doch die Behauptung ist falsch, und gerade die Art ihres Irrtums verdeckt das wirklich Seltsame. Seltsam ist nicht, dass die Zahl niemals wieder erreicht werden könnte. Seltsam ist, dass die Wettkampfbedingungen, unter denen sie zustande kam, nicht mehr bestehen. „Ewiger Rekord“ lenkt den Blick auf die Zahl. Er müsste auf den Speer fallen. Im Zentrum steht nicht die Größe einer Zahl, sondern dass der Aufbau selbst das Gerät aus dem Wettbewerb genommen hat, mit dem sie geworfen wurde.
Genau und wirklich seltsam ist folgende Beschreibung: Hohns Wurf wurde mit einem Gerät erzielt, das es als zugelassenes Wettkampfgerät nicht mehr gibt. Seit April 1986 ist der Speer nach den alten Spezifikationen im regulären Wettbewerb nicht mehr erlaubt. In normalen Wettkämpfen nach den heutigen Regeln kann deshalb niemand mit diesem Speer noch irgendeine Leistung erzielen. Das Gerät selbst ist ausgeschieden.
Das ist der Rest dieses Essays. Er hat eine der schärfsten Formen der ganzen Reihe.
In den früheren Essays bestand der Rest aus Namen, die nicht in die Listen gelangten, aus Ursachen, die sich nicht auseinanderrechnen ließen, aus Techniken, über die kein Urteil gefällt wurde, und aus Bewegungen, die hätten aufgenommen werden können und doch draußen blieben. Sie alle blieben auf ihre Weise außerhalb des Buchs. Hohns Wurf steht nicht außerhalb. Er steht mit vollem Recht darin, in der offiziellen Rekordentwicklung, klar gekennzeichnet und für jeden nachzuschlagen. Er ist regelkonform, gültig und bewahrt.
Doch vergleichbar wird er nie wieder. Er kann mit keinem Wurf des neuen Speers in dieselbe Rekordfolge gestellt und verglichen werden, weil das Gerät seines Wurfs und das Gerät der späteren Würfe zwei verschiedene Dinge sind. Es ist eine regelkonforme, gültige, vollständig bewahrte Leistung, die sich dennoch nie mit den späteren Leistungen auf einen gemeinsamen Maßstab bringen lässt.
Dieser Rest ist reiner als alle vorherigen, weil an ihm selbst kein Makel haftet. An der Fairness dieses Wurfs wurde nicht gezweifelt, bei diesem Wurf wurde kein Betrug vermutet, keine Windgrenze überschritten, keine Startberechtigung infrage gestellt. In seinem eigenen Buch ist er vollkommen. Sein einziges Problem besteht darin, dass dieses Buch geschlossen wurde. Nicht weil an dem Wurf etwas falsch gewesen wäre. Sondern weil der Aufbau, um die Einträge im nachfolgenden Buch untereinander vergleichbar zu halten, das frühere Buch für neue Einträge schließen musste.
Ein Buch wurde geschlossen, und nichts darin ging verloren. Hohns Wurf steht noch immer auf seiner Seite, klar und deutlich. Nur kann niemand mehr etwas auf diese Seite schreiben. Denn der Stift, mit dem man schrieb, der Speer, mit dem die 104,80 Meter geworfen wurden, ist vom Aufbau eingezogen worden. Das Buch liegt offen da, für alle einsehbar. Und zugleich ist es geschlossen: Nichts Neues wird mehr aufgenommen.
VIII Eine Umrechnung ist unmöglich
Wie weit wäre Hohns Wurf also ungefähr mit dem neuen Speer gewesen?
Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Die Art, wie es keine Antwort gibt, ist das Letzte, worum es in diesem Essay geht.
Sehen wir uns zunächst die Zahlen an, die errechnet worden sind. Zieht man zehn Prozent ab, erhält man 94,32 Meter. Bei zwölf bis dreizehn Prozent kommt man auf ungefähr 92,22 bis 91,18 Meter. Zieht man die sieben Meter ab, die Spitzenwerfer im Durchschnitt verloren, ergeben sich 97,80 Meter.
Diese Zahlen reichen von 91,18 bis 97,80 Metern, eine Spanne von mehr als sechs Metern. Keine davon ist eine offizielle Umrechnung. Keine berücksichtigt die nicht greifbaren Winddaten und Abwurfparameter dieses einen Versuchs oder Hohns Anpassung an das neue Gerät.
Die technischen Gründe für die Unmöglichkeit einer Umrechnung sind umfassend. Aerodynamische Beiwerte unterscheiden sich von Modell zu Modell. Der Druckpunkt verschiebt sich je nach Anstellwinkel auf unterschiedliche Weise. Wind verändert die Geschwindigkeit der relativen Anströmung und den wirksamen Anstellwinkel. Abwurfgeschwindigkeit, räumliche Lage, Nickbewegung, Gierbewegung und Eigenrotation wirken miteinander, statt unabhängig voneinander etwas zur Weite beizutragen. In historischen Tests konnten Speere verschiedener Marken bei nominell gleichen Abwurf- und Luftbedingungen mehr als zehn Meter auseinanderliegen. Und Athleten ändern ihre Technik, wenn sich das Gerät ändert.
Zusammen besagen diese Gründe eines: Zwischen altem und neuem Speer gibt es keine allgemeingültige Umrechnungsgleichung. Sie ist nicht bloß noch unberechnet. Eine solche Gleichung ist technisch nicht tragfähig, weil sich die beiden Dinge, die man ineinander umrechnen möchte, in zu vielen miteinander wechselwirkenden Dimensionen unterscheiden. Diese Dimensionen lassen sich nicht auf einen einzigen Multiplikator zusammendrücken.
Damit fällt die verlockendste Behauptung: Die 104,80 Meter bewiesen, dass Hohn als Werfer um 6,32 Meter besser gewesen sei als Železný.
Diese Behauptung zieht 98,48 von 104,80 ab, erhält 6,32 und nennt das den Unterschied im Wurfvermögen der beiden Männer. Doch die beiden Weiten stammen aus unterschiedlichen Gerätesystemen. Sie zeigen, wer in rohen Metern weiter geworfen hat. Sie liefern keine von den Spezifikationen unabhängige Rangordnung der Wurffähigkeit. Die moderne Biomechanik hat keine anerkannte skalare Korrektur hervorgebracht, mit der dieser Vergleich entschieden werden könnte.
Nicht einmal, ob Hohn selbst mit dem neuen Speer Železný übertroffen hätte, lässt sich sicher sagen. Sein Können mit dem alten Speer, sein Körperbau und der Abwurf seines 104,80-Meter-Versuchs bestimmen nicht, wie er seine Technik über mehrere Saisons an das neue Gerät angepasst hätte. Seine Laufbahn endete, bevor ein aussagekräftiger langfristiger Vergleich mit dem neuen Speer möglich geworden wäre. Umgekehrt lassen sich auch Železnýs 98,48 Meter nicht verlässlich in eine Aussage darüber umrechnen, wie weit er mit Hohns Speer geworfen hätte.
Dieser Essay endet deshalb bei einer doppelten Unmöglichkeit.
Die erste: Die 104,80 Meter können in ihrer alten Rekordfolge nicht mehr eingestellt werden, weil es den Speer, mit dem sie geworfen wurden, im regulären Wettbewerb nicht mehr gibt. Das ist die Unmöglichkeit auf der Seite des Geräts.
Die zweite: Die 104,80 Meter lassen sich nicht umrechnen, weil es zwischen altem und neuem Speer keine tragfähige Umrechnungsgleichung gibt. Das ist die Unmöglichkeit auf der Seite der Vergleichbarkeit.
Zusammen beschreiben diese beiden Unmöglichkeiten die vollständige Lage dieser Leistung. Spätere Leistungen können sie weder in ihrer Rekordfolge einholen noch auf einem gemeinsamen Maßstab mit ihr verglichen werden. Sie steht allein in einem abgeschlossenen Buch, als dessen weitester Wurf. Zwischen diesem Buch und allen anderen liegt ein Graben, den keine Umrechnung je überbrücken kann.
Der Aufbau kann messen, wie weit dieser Wurf ging: 104,80 Meter, auf den Zentimeter genau. Er kann nicht sagen, wie viel dieser Wurf im Verhältnis zum heutigen Speer wert wäre. Denn diesen Wert gibt es nicht. Er ist nicht bloß noch nicht berechnet. Ein solcher Zahlenwert ist gar nicht wohldefiniert.
Am Ende des vorigen Essays hieß es: Wenn der Aufbau eine Grenze zieht, streicht er damit zugleich einen ganzen Weg, den er hätte gehen können. Dieser Essay ist eine noch radikalere Fassung dieses Satzes. Damit die Einträge im Buch des neuen Speers untereinander vergleichbar blieben, schloss der Aufbau das Buch des alten Speers. Er vernichtete nichts von seinem Inhalt. Hohns Wurf blieb darin unversehrt. Er ließ das Buch lediglich zum Stillstand kommen. Und sobald es stillstand, blieb seine größte Zahl für immer dort hängen: regelkonform, gültig, innerhalb dieser abgeschlossenen Folge nicht mehr einstellbar und nicht umrechenbar. Wie etwas, das in Bernstein eingeschlossen ist. Klar zu sehen, nicht zu berühren und nicht herauszuholen.
Der Bernstein ist hier das passende Bild, weil er beide Seiten dieses Rests zugleich erfasst. Was in ihm liegt, ist vollkommen bewahrt. Eine Feder, ein Insekt: Noch nach vielen Millionen Jahren lässt sich jedes Detail erkennen. Das entspricht Hohns regelkonformem, gültigem und vollständig erhaltenem Wurf. Zugleich ist das, was im Bernstein liegt, auf Dauer abgesondert. Es ist da, aber zwischen ihm und der heutigen Welt liegt eine durchsichtige, unüberwindliche Schicht. Man kann es sehen, aber niemals in die lebendige Welt zurückholen. Das entspricht dem Wurf, der in seiner geschlossenen Rekordfolge nicht mehr eingestellt und auch nicht umgerechnet werden kann. Der Aufbau hat diese Leistung nicht zerstört. Er hat etwas Seltsameres getan: Er hat sie eingeschlossen, damit sie vollkommen und isoliert für immer auf der letzten Seite des abgeschlossenen Buchs stehen bleibt. Bewahren und Absondern sind hier zwei Seiten derselben Handlung.
Der Maßstab hat noch nicht genau gemessen. Er misst weiter.