Vier Variablen treffen zugleich ein
Beamons 8,90 Meter gehören zugleich dem Athleten, der Höhenlage, dem Wind und dem Messapparat. Die Rekordliste verlangt eine Zahl. Die Ursachen, die gemeinsam zu ihr geführt haben, kann sie jedoch nicht einzeln auseinanderlegen.
In diesem Essay
- 1 Eine Messung, die nicht messen konnte
- 2 Ein Verlust, ein Gewinn
- 3 Der Streit beginnt mit der Wahl des Austragungsorts
- 4 Vier Variablen, keine lässt sich herausnehmen
- 5 Wie groß dieser Sprung ist, hängt von der Frage ab
- 6 Der Verband löst ein anderes Problem
- 7 Ein gültiger Präzedenzfall
- 8 Alles hat gewirkt, nichts lässt sich trennen
1 Eine Messung, die nicht messen konnte
18. Oktober 1968, Mexiko-Stadt. Das olympische Weitsprungfinale der Männer.
Bei Beamons Sprung zeigt der Windmesser genau zwei Meter pro Sekunde an. Das ist die Obergrenze für einen gültigen Rekord. Die Weite beträgt 8,90 Meter.
Dieser Sprung liegt weit außerhalb des Messbereichs der gerade eingesetzten Anlage. Die Führungsschiene des optischen Entfernungsmessers ist zu kurz; das Gerät erreicht den Landepunkt nicht. Die Kampfrichter greifen deshalb auf ein herkömmliches Stahlbandmaß zurück. Etwa zwanzig Minuten dauert es, bis die offizielle Weite feststeht.
Diese Begebenheit eignet sich als Anfang des Essays, weil sie alles, wovon er handeln wird, schon einmal in ein Bild fasst.
Ein Gerät, das für Präzision gebaut wurde, trifft auf etwas zu Großes. Es kann nicht mehr messen. Also muss wieder das Maßband her. Die Anlage verkörpert die höchste Genauigkeit, zu der dieser Aufbau 1968 fähig ist. Und genau in dem Augenblick, in dem sie am dringendsten gebraucht wird, versagt sie. Sie ist nicht kaputt. Der Sprung reicht nur über das hinaus, wofür sie ausgelegt wurde.
Darin steckt eine unscheinbare Ironie. Wer ein Messgerät entwirft, bemisst seinen Messbereich nach den bisher erzielten Leistungen. In der Länge dieser Führungsschiene stehen also die weitesten Sprünge der gesamten bisherigen Geschichte, zuzüglich einer vernünftigen Reserve. Beamon springt über diese Reserve hinaus. Damit überspringt er die Grenze dessen, was nach aller bisherigen Erfahrung als möglich galt. Die Anlage kann die Weite nicht erfassen, weil sie nach der Vergangenheit gebaut wurde. An ihrer Qualität liegt es nicht. Nur gehört dieser Sprung nicht mehr zu jener Vergangenheit.
Was später mit diesem Sprung geschieht, lässt sich ebenso wenig vermessen wie zunächst jene 8,90 Meter, die schließlich das Maßband festhält. Diesmal fehlt allerdings kein Maß für die Weite. Es fehlt eines für die Ursachen.
An diesem Tag kommen vier Variablen zusammen: die Höhenlage, der Wind, eine neue Anlaufbahn und die Verfassung des Athleten. Alle vier sind zugleich da, alle wirken auf diesen einen Sprung ein. Hinterher gibt es keine Möglichkeit mehr, ihre jeweiligen Beiträge voneinander zu trennen. Das liegt nicht an unzureichenden Aufzeichnungen. Wie sich noch zeigen wird, sind sie schon physikalisch ineinander verschränkt.
Dieser Essay handelt deshalb nicht davon, wie viel Mexiko-Stadt Beamon geholfen hat. Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Er handelt davon, warum sie bis heute unbeantwortet ist. Und davon, was ein Aufbau, dessen Geschäft das genaue Messen ist, mit einem Ereignis anfängt, dessen Ursachen er nicht einzeln zuordnen kann.
Sehen wir uns zunächst die vier Variablen an.
2 Ein Verlust, ein Gewinn
Die olympische Leichtathletikanlage von Mexiko-Stadt liegt etwa 2.240 Meter über dem Meeresspiegel.
Nach den Beziehungen der Standardatmosphäre ergibt sich dort eine Luftdichte von ungefähr 0,98 Kilogramm pro Kubikmeter. Das sind rund 80 Prozent der Dichte auf Meereshöhe. Der Luftdruck beträgt annähernd 76 Prozent des Standarddrucks auf Meereshöhe.
In diesen beiden Zahlen steckt die Spaltung dieser gesamten Spiele.
Dünne Luft hat zwei Folgen, und sie wirken in entgegengesetzte Richtungen. Zum einen sinkt der Luftwiderstand. Bei einem schnell bewegten Körper nimmt er mit der Luftdichte ab. Im Sprint und in den Sprungdisziplinen hilft die dünne Luft also. Zum anderen steht weniger Sauerstoff zur Verfügung. Mit zunehmender Höhe sinkt die maximale Sauerstoffaufnahme des Menschen. In Ausdauerdisziplinen bremst die dünne Luft deshalb.
Ein und derselbe Umstand bedeutet für die eine Gruppe von Disziplinen einen Gewinn und für die andere einen Verlust.
Bemerkenswert ist, dass beide Folgen dieselben Luftmoleküle betreffen und trotzdem in entgegengesetzte Richtungen weisen. Denn es geht um zwei verschiedene Aufgaben. Beim Widerstand geht es darum, wie ein bewegter Körper durch die Luft kommt. Beim Sauerstoff darum, wie der menschliche Körper mithilfe der Luft Energie gewinnt. Für das eine schafft dünne Luft Platz, beim anderen erzeugt sie einen Mangel. Dieselben Spiele schicken den Hundertmeterläufer und den Zehntausendmeterläufer unter denselben Himmel. Doch dieser Himmel bedeutet für beide etwas völlig anderes. Er ist nicht parteiisch. Die beiden Disziplinen verlangen Verschiedenes von ihm.
Das war bereits vor den Spielen berechnet worden. Pugh betonte in seiner 1965 veröffentlichten Arbeit, dass die Höhe die aerobe Leistungsfähigkeit vermindert, weil die maximale Sauerstoffaufnahme mit zunehmender Höhe sinkt. Zugleich verringert die geringere Luftdichte den Luftwiderstand. Schon vor Wettkampfbeginn war also vorausgesagt worden, dass die Ergebnisse nach Disziplinengruppen auseinanderlaufen würden: schneller in Sprint und Sprung, langsamer in den Ausdauerwettbewerben.
Bei diesen Spielen wurde aus der Vorhersage Wirklichkeit.
Auf der Sprintseite: Smith läuft die 200 Meter in 19,83 Sekunden, Weltrekord. Evans läuft die 400 Meter in 43,86 Sekunden, Weltrekord. Zum ersten Mal bleibt ein Mensch unter 44 Sekunden. Hemery läuft die 400 Meter Hürden in 48,12 Sekunden, Weltrekord; vor den Spielen hatte die Bestmarke bei 48,8 gelegen. Auf der Sprungseite steht Beamon, der den bisherigen Rekord um ein gewaltiges Stück übertrifft.
Auf der Ausdauerseite: Keinos 3:34,91 Minuten über 1.500 Meter sind olympischer Rekord, aber langsamer als der vor den Spielen gültige Weltrekord von 3:33,1. Im offiziellen Bericht über die 10.000 Meter ist für den Durchgang bei 5.000 Metern eine Zeit von 15:00,6 festgehalten. Das Tempo liegt unter dem des olympischen Finales von 1924.
Die Wurfdisziplinen liegen dazwischen: Matson stößt die Kugel 20,54 Meter weit und bleibt unter dem bisherigen Weltrekord von 21,78 Metern. Lusis wirft den Speer auf 90,10 Meter. Ein olympischer Rekord, ein gewaltiger Wurf, aber kein solcher Leistungssprung, wie ihn Sprint und Weitsprung erleben.
Ordnet man die Ergebnisse dieser Spiele nach Disziplinen, tritt eine klare Trennlinie hervor. Die dünne Luft verbessert nicht einfach sämtliche Leistungen im gleichen Maß. Sie hebt einen Teil und drückt einen anderen hinunter. Die Grenze verläuft genau dort, wo Pugh sie vor den Spielen berechnet hatte.
Für diesen Aufbau ist das eine unangenehme Erkenntnis. Sein gesamtes Rekordwesen beruht auf der Annahme, dass sich Leistungen derselben Disziplin über verschiedene Wettkampfstätten hinweg vergleichen lassen. Mexiko-Stadt zeigt jedoch: Eine andere Höhenlage verschiebt die Leistungen verschiedener Disziplinen in entgegengesetzte Richtungen, und auch das Ausmaß der Verschiebung fällt jeweils anders aus. Der Austragungsort ist folglich kein Hintergrund, den man vernachlässigen darf. Er ist eine Variable, die Leistungen systematisch umschreibt, und zwar je nach Disziplin auf andere Weise. Ein Aufbau, der auf Vergleichbarkeit beruht, stößt bei diesen Spielen an deren physikalische Grenze.
Das ist das Entscheidende an der Höhe. Sie ist kein reiner Vorteil. Sie ist zweischneidig. Welche Seite schneidet, hängt davon ab, ob eine Disziplin vor allem gegen den Luftwiderstand antritt oder vor allem Sauerstoff verbraucht.
3 Der Streit beginnt mit der Wahl des Austragungsorts
Diese physikalischen Zusammenhänge fallen niemandem erst 1968 ein. Sie lösen schon 1963, am Tag der Wahl von Mexiko-Stadt, eine Kontroverse aus.
Zeitgenössischen Berichten zufolge sorgen sich vor allem Trainer und Sportmediziner aus tiefer gelegenen Ländern um die Ausdauerwettbewerbe und um die Höhenanpassung. Das Internationale Olympische Komitee verlegt die Spiele dennoch nicht.
Vor den Spielen gibt es tatsächlich Überlegungen, Wettbewerbe auf Meereshöhe auszutragen. Ein damals einflussreicher Bericht erwähnt, dass Vertreter des Sports aus Großbritannien und Belgien vorschlagen, die Ausdauerdisziplinen dorthin zu verlegen. Als Beispiel für einen möglichen Ersatzort wird ausdrücklich die Küstenstadt Veracruz genannt. Damit ist belegt, dass eine Verlegung vor den Spielen zur Debatte stand. Zur Politik des IOC wurde sie nie.
Auch die olympischen Einrichtungen und sportmedizinischen Forschungsstellen verschiedener Länder werden tatsächlich aktiv. Unter den für diesen Essay auffindbaren Materialien ist das Höhenforschungsprojekt der British Olympic Association von 1965 zu Mexiko das deutlichste Beispiel. Es ist in den Archivkatalogen der olympischen Bewegung und des britischen Olympischen Verbands verzeichnet. Ein starker Beleg dafür, dass das Höhenproblem damals bereits institutionell bearbeitet wurde. Man sprach nicht bloß in Zeitungen darüber.
An diesem Punkt muss auseinandergehalten werden, was sich belegen lässt und was nicht.
Belegt sind das Projekt des britischen Verbands, die verbreitete Unruhe vor den Spielen und die Diskussion über eine Verlegung. Nicht belegen lässt sich anhand der hier zusammengetragenen Quellen, wie ein vollständiges Dossier sämtlicher medizinischer Stellungnahmen aussehen würde, die die Länder dem IOC vorlegten. Ebenso fehlt die lückenlose ursprüngliche Überlieferung jedes förmlichen Verlegungsantrags. Dass es solche Bedenken gab, steht fest. Eine vollständige vergleichende Bilanz der nationalen Eingaben lässt sich hier jedoch nicht vorlegen.
An dieser Lücke ist etwas bemerkenswert. Die Einwände kommen vor allem aus tiefer gelegenen Ländern. Unter denen, die an der Austragung festhalten, befindet sich ein Gastgeber, der selbst auf einem Hochplateau liegt. Die Haltung der Länder zur Frage, ob man in der Höhe antreten solle, könnte also sehr wohl mit ihrer eigenen Höhenlage zusammenhängen. Ähnlich wie in der vierten Folge, als bei der Abstimmung über die Streichung einer Disziplin allein das Land für sie eintrat, das am meisten von ihr profitierte. Dass Positionen den eigenen Gewinnen und Verlusten folgen, dürfte auch hier zutreffen. Beweisen ließe sich das aber nur mit jener vollständigen Bilanz, die nicht vorliegt. Deshalb bleibt es hier eine Möglichkeit, keine Feststellung.
Wie weit die Wissenschaft das IOC vor den Spielen beruhigte, wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt. Nach der einen Lesart ließen die wachsenden physiologischen Erkenntnisse die Spiele als etwas erscheinen, das sich mit Anpassung und Planung bewältigen ließ. Nach der anderen machte sich das IOC diese wissenschaftlichen Erkenntnisse politisch weitgehend zu eigen, löste aber nie wirklich das Fairnessproblem der Ausdauerathleten. Beide Lesarten finden sich in der Sekundärliteratur.
Bei dieser Meinungsverschiedenheit lohnt es sich kurz zu bleiben. Sie enthält diesen Essay im Kleinen.
Die Wissenschaft löst hier das Problem nicht. Sie wird in den Betrieb aufgenommen. Der Nachteil der Höhe für die Ausdauer ist eine berechenbare physikalische Tatsache. Pugh hat sie bereits berechnet. Diese Tatsache wird weder widerlegt noch beseitigt. Die Spiele finden einfach statt und gehen über sie hinweg. Trifft ein Aufbau auf einen für ihn unbequemen Sachverhalt, der längst durchgerechnet ist, muss er ihn nicht unbedingt entkräften. Er kann weiterarbeiten und den Sachverhalt stehen lassen.
In der zweiten Hälfte dieses Essays wird uns das wieder begegnen, dann in noch deutlicherer Form.
4 Vier Variablen, keine lässt sich herausnehmen
Legen wir nun die vier Variablen über Beamons Sprung.
Die erste ist die Höhe. Sie verringert den Luftwiderstand. Dieser wirkt sowohl auf die Beschleunigung im Anlauf als auch auf die Flugbahn nach dem Absprung. Die Höhe beeinflusst also beide Phasen, Anlauf und Flug.
Die zweite ist der Wind. An diesem Tag beträgt der zulässige Rückenwind zwei Meter pro Sekunde. Auch der Wind wirkt auf den Anlauf und auf den Flug. Auch er beeinflusst beide Phasen.
Bei Höhe und Wind tritt nun ein entscheidendes Problem auf: Sie wirken über denselben Mechanismus. Beide verändern Geschwindigkeit und Weite, indem sie den Luftwiderstand verändern. Ihre Effekte sind in den Daten also kollinear. Der Vorteil eines Rückenwinds von zwei Metern pro Sekunde und der Vorteil dünner Höhenluft sind physikalisch von derselben Art. Sobald sie sich überlagern, lässt sich nicht mehr sagen, welcher Anteil vom Wind kommt und welcher von der Höhe. Eine Untersuchung schätzt, dass der Höhenvorteil über 100 Meter auf ungefähr 2.250 Metern etwa einem regelkonformen Rückenwind von zwei Metern pro Sekunde entspricht. Beamon erhält an diesem Tag demnach zwei Hilfen zugleich, die annähernd gleich groß und von gleicher Art sind.
Diese Kollinearität bildet den technischen Kern des Zuordnungsproblems. Es lohnt sich, noch etwas genauer hinzusehen. Wirken zwei Variablen über verschiedene Mechanismen, lassen sie sich grundsätzlich noch trennen: Sie hinterlassen an unterschiedlichen Stellen unterschiedliche Spuren. Höhe und Wind nehmen jedoch denselben Weg. In den Daten hinterlassen sie dieselbe Art von Spur. Nach der Überlagerung trägt diese Spur keine Markierung, die verrät, welcher Abschnitt aus welcher Quelle stammt. Das ist keine Frage der Messgenauigkeit. Auch die präziseste Messung erfasst nur die gemeinsame Spur, nicht die beiden Quellen, die bereits ineinandergeflossen sind.
Die dritte Variable ist die Bahn. Eine wetterfeste Polyurethanbahn ersetzt die frühere Aschenbahn. Sie verändert Anlauf und Absprung, wirkt aber nicht unmittelbar auf die Aerodynamik. Der Kunststoffbelag bietet sichereren Halt, verringert den Geschwindigkeitsverlust in der Stützphase und beseitigt viele Unwägbarkeiten der Aschenbahn. Er wirkt anders als die ersten beiden Variablen: zwischen Mensch und Boden, nicht zwischen Mensch und Luft.
Die vierte Variable ist die Verfassung des Athleten selbst. Seine sportliche Form, sein Aktivierungsniveau, die Art, wie er an diesem Tag in den Wettkampf findet: All das wirkt auf alles ein. Und nichts davon lässt sich einfach mit einem Apparat beobachten.
Keine dieser vier Variablen lässt sich einzeln aus dem Sprung herausnehmen und wiegen.
Der Grund sind keine zu groben Aufzeichnungen. Auch die genauesten würden nicht helfen, weil die Variablen strukturell miteinander verschränkt sind. Höhe und Wind teilen einen Mechanismus und lassen sich nicht voneinander lösen. Die Bahn wirkt auf den Anlauf; dessen Wirkung setzt sich über den Absprung in den Flug fort und vermischt sich dort mit der Wirkung der Luft. Die Verfassung des Athleten wirkt auf sämtliche vier Phasen. Es fehlt hier nicht an Genauigkeit. Es fehlt an Identifizierbarkeit.
Mangelnde Genauigkeit und mangelnde Identifizierbarkeit sind zwei verschiedene Arten des Mangels. Diesen Unterschied zu verstehen ist für den ganzen Essay wichtig. Mangelnde Genauigkeit bedeutet: Man hat etwas gemessen, aber nur grob. Ein besseres Instrument kann das grundsätzlich verbessern. Mangelnde Identifizierbarkeit bedeutet: Diese Größen lassen sich aufgrund ihrer Struktur gar nicht getrennt messen. Da hilft kein Instrument, denn das Problem liegt nicht im Gerät, sondern im Verhältnis der Größen zueinander. Das Problem von Mexiko-Stadt gehört von Anfang bis Ende zur zweiten Art. Wer die Zuordnung der Ursachen von besseren Daten erhofft, sucht deshalb in der falschen Richtung. Auch noch so viele Daten können vier unauflöslich ineinander verschränkte Variablen nicht einzeln identifizieren.
Hier muss noch ein Unterschied klar werden. Er bildet den Kern dieses Essays.
Dass sich etwas modellieren lässt, bedeutet nicht, dass es sich identifizieren lässt. Modellieren heißt: Unter bestimmten Annahmen eine Zahl berechnen. Identifizieren heißt: Aus den Beobachtungsdaten den tatsächlichen Beitrag jedes einzelnen Faktors ermitteln, ohne auf diese Annahmen angewiesen zu sein. Beamons Sprung lässt sich modellieren. Verschiedene Menschen haben unter verschiedenen Annahmen verschiedene Zahlen dafür errechnet. Identifizieren lassen sich seine Ursachen aber nicht: Kein Satz von Beobachtungen ist reichhaltig genug, um die einzelnen Beiträge der vier Variablen auseinanderzulegen, ohne jene Annahmen vorab zu setzen.
Und die dafür nötigen Beobachtungen hat das Jahr 1968 nicht hinterlassen. Uns fehlen heute Beamons vollständige kinematische Daten beim Absprung. Es fehlt das genaue Windfeld über der gesamten Anlaufbahn während dieses Sprungs. Es fehlen die Größen der Wechselwirkung zwischen Schuh und Boden sowie die örtliche Struktur der Böen über dem Absprungbalken und der Sandgrube in jenem Augenblick. Genau danach würde ein modernes Kausalmodell am dringendsten verlangen. Dass diese Daten fehlen, ist der zentrale Grund dafür, dass die Zerlegung in vier Variablen bis heute ungelöst bleibt.
5 Wie groß dieser Sprung ist, hängt von der Frage ab
Es hat Versuche gegeben, Beamons Sprung zu zerlegen. Sie haben keinen allgemein anerkannten Wert hervorgebracht, sondern eine Reihe unterschiedlicher Schätzungen.
Ward-Smith modellierte in seiner häufig zitierten Analyse von 1986 ausdrücklich die Wirkung von Höhe und Wind auf Beamon. Spätere aerodynamische Arbeiten fassen die Schätzung des gemeinsamen Vorteils aus zulässigem Rückenwind und Höhenlage mit ungefähr 31 Zentimetern zusammen. Daneben kursieren populäre und halbtechnische Darstellungen mit einem breiteren Spektrum sogenannter äquivalenter Weiten bei Windstille auf Meereshöhe. Das sind jedoch Ergebnisse von Modellen, keine Messergebnisse.
In der öffentlichen Wahrnehmung geht dieser Unterschied fast immer verloren. Eine konkrete Zahl wie 31 Zentimeter liest sich wie der Befund einer Messung. Als hätte jemand tatsächlich nachgemessen, wie viel Höhe und Wind gemeinsam geholfen haben. Dabei ist es ein Wert, den ein Modell unter bestimmten Annahmen errechnet. Andere Annahmen ergeben eine andere Zahl. Modellwerte mit Messergebnissen zu verwechseln, ist das häufigste Missverständnis solcher Debatten. Es lässt etwas als bestimmt erscheinen, das sich seinem Wesen nach nicht bestimmen lässt. Die Bestimmtheit der Zahl verdeckt die Unbestimmtheit der Annahmen.
Die Schätzungen weichen voneinander ab. Dabei geht es nicht bloß darum, wie groß die Zahl am Ende ist. Der tiefere Unterschied liegt darin, was überhaupt miteinander verglichen wird.
Die einen fragen: Wie weit wäre genau dieser Athlet, in genau dieser Verfassung, mit genau diesem Sprung gekommen, hätte er ihn bei Windstille auf Meereshöhe ausgeführt?
Die anderen fragen: In welchem Maß erhöhte Mexiko-Stadt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Athlet überhaupt in eine solche Verfassung kam?
Das sind zwei verschiedene Kausalfragen. Schon die erste trägt eine schwere Last an Annahmen. Sie muss sich eine Version dieses Sprungs auf Meereshöhe vorstellen, die es nie gegeben hat. Die zweite lässt sich mit den erhaltenen Daten fast gar nicht beantworten. Sie fragt danach, wie ein ganzes Bündel von Bedingungen beeinflusst, ob ein Mensch an einem bestimmten Tag in genau diese Verfassung findet.
Schon dass es beide Fragen gibt, zeigt etwas. Lässt sich eine Leistung nicht sauber ihren Ursachen zuordnen, verzweigt sich bereits die Frage nach dieser Zuordnung. Hier steht nicht eine klar umrissene Frage, der bloß noch die Antwort fehlt. Die Frage selbst ist nicht eindeutig. Unterschiedliche Fassungen führen in unterschiedliche Richtungen, die sich gleichermaßen nicht überprüfen lassen.
Einen Augenblick sollte man bei der Tatsache bleiben, dass all diese Fragen einer bereits offiziell anerkannten Leistung gelten.
Beamons Sprung ist und bleibt gültig. An seiner Wirklichkeit ändert sich nichts. Der Wind liegt im erlaubten Bereich, die Weite wird regelgerecht gemessen, bestätigt und in die Rekordliste eingetragen. Trainer, Statistiker und Physiker fragen, welchen Anteil die Bedingungen von Mexiko-Stadt daran haben. Keine Sekunde lang erschüttert das seinen Platz im Buch.
Darin liegt ein Grundzug dieses Aufbaus, dem wir in den vorigen Folgen wiederholt begegnet sind: Das Buch verzeichnet eine Zahl, nicht ihre Ursachen. Damit die 8,90 Meter in die Rekordliste gelangen, braucht es einen Windmesswert, eine Weitenmessung und Unterschriften. Wie die Zahl zustande kam, braucht es nicht zu wissen. Die Ursachen liegen außerhalb des Buchs. Über sie kann endlos gestritten werden, ohne dass sich im Buch auch nur das Geringste bewegt.
Eigentlich ist das die Voraussetzung dafür, dass dieser Aufbau weiterarbeiten kann, und kein Defekt. Müssten vor der Anerkennung einer Leistung erst ihre Ursachen sauber zerlegt werden, ließe sich fast keine Leistung anerkennen. Hinter jeder stehen Wind, Wettkampfstätte, Tagesform und zahllose weitere Dinge, die sich nicht auseinanderlegen lassen. Das Buch notiert Ergebnisse und keine Ursachen. Gerade dieses scheinbar grobe Verfahren erlaubt ihm, in einer Welt unentwirrbarer Ursachen fortwährend Buch zu führen. Es erkauft sich die Möglichkeit des Aufzeichnens durch den Verzicht auf Erklärung.
Beamons Sprung bleibt bis 1991 Weltrekord. Erst Powells regelkonforme 8,95 Meter lösen ihn ab. Dreiundzwanzig Jahre. Auch deshalb wird die Frage nach den Ursachen zu einer dauerhaften statt zu einer einmaligen. Dreiundzwanzig Jahre lang steht der Sprung ganz oben in der Rekordliste. In all diesen Jahren kann niemand sagen, wie viel davon dem Mann gehört und wie viel Mexiko-Stadt an jenem Tag.
6 Der Verband löst ein anderes Problem
Was dieser Aufbau nach solchen Spielen unternimmt, gehört zu den aufschlussreichsten Teilen dieser Geschichte.
Er nimmt sich nicht die Höhe vor.
Die langjährige Politik von World Athletics lautet: Leistungen in Höhenlage bleiben rekordfähig. Eine offizielle Rekordzusammenstellung von World Athletics hält fest, dass die IAAF nicht zwischen Leistungen an hoch und niedrig gelegenen Wettkampfstätten unterscheidet. Statistiker führen dennoch auf eigene Initiative inoffizielle Listen für niedrige Höhenlagen. Denn die Höhe kann Sprint- und Sprungleistungen erheblich begünstigen.
Hier tauchen zwei Bücher auf. Das eine ist die offizielle Rekordliste. Sie unterscheidet nicht nach Höhenlage. Das andere ist die von Statistikern privat geführte Liste für niedrige Lagen. Sie sondert die Höhenleistungen aus. Beide Bücher bestehen nebeneinander, ohne dass das offizielle dem anderen einen anerkannten Platz einräumt. Gerade erst begegneten uns in der vierten Folge parallel geführte Bücher. Hier ist ein weiterer Fall: Außerhalb seiner förmlichen Buchführung ergänzen die eigenen Fachleute einen Aufbau um ein Schattenbuch. Und gerade dieses Schattenbuch hält fest, was das offizielle nicht festhalten will.
Die Art, wie dieses Schattenbuch existiert, verdient Aufmerksamkeit. Statistiker führen es auf eigene Initiative, ohne jeden offiziellen Status. Aber sie führen es weiter. Offenbar braucht eine beträchtliche Gruppe von Menschen dieses Buch tatsächlich. Sie braucht es, weil dem offiziellen Buch aus ihrer Sicht etwas Wirkliches entgeht: Die Höhe hat geholfen. Was dem offiziellen Buch an Vollständigkeit fehlt, gleichen also Menschen aus, die daneben ein zweites führen. Je entschiedener ein Aufbau auf der Reinheit seines eigenen Buchs besteht, desto eher wachsen um ihn solche Schattenbücher. Sie nehmen eigens den Teil der Wirklichkeit auf, dem er die Anerkennung verweigert.
Ob die IAAF je kurz davorstand, förmlich eine gesonderte Höhenrekordliste einzuführen, ist weniger eindeutig, als viele spätere Darstellungen vermuten lassen. Belegt ist, dass es inoffizielle Rekordentwicklungen für niedrige Lagen gibt, weil die offizielle Politik Höhenleistungen weiterhin anerkennt. Was sich aus den hier zugänglichen ursprünglichen Materialien weit weniger sicher belegen lässt, ist eine lückenlose Folge von Dokumenten: ob die IAAF tatsächlich jemals kurz vor der förmlichen Annahme eines eigenen Höhenrekordbuchs stand und wie genau die Debatte verlief, in der es verworfen wurde. Das Ergebnis der Verbandspolitik steht fest. Die vollständige Geschichte der Vorschläge ist in den öffentlich zugänglichen Quellen jedoch bruchstückhafter, als viele Überblicke nahelegen.
Was der Aufbau tatsächlich unternimmt, liegt anderswo.
Mitte der siebziger Jahre entscheidet sich die IAAF für eine andere Trennlinie. Sie schafft keine eigene Höhenrekordliste, sondern verschärft die Regeln der Zeitmessung. In der historischen Chronologie von World Athletics ist festgehalten: 1976 beschließt die IAAF, für Sprintweltrekorde nur noch automatische Zeitmessung zuzulassen.
Das ist eine entscheidende archivalische Spur.
Unter den Problemen, die solche Spiele aufwerfen, regelt der Aufbau am Ende das am leichtesten beherrschbare. Die Höhenlage lässt sich nicht per Vorschrift verändern; sie ist Geografie. Für den Wind kann man einen Grenzwert festsetzen, damit ist es getan. Die Kunststoffbahn ist inzwischen Standard geworden, der Rückweg versperrt. Vollständig normieren lässt sich nur die Zeitmessung. Sie ist der eigene Apparat dieses Aufbaus, und über seinen eigenen Apparat verfügt er uneingeschränkt.
Also normiert er die Zeitmessung.
Die Form dieses Vorgangs muss deutlich werden. Steht ein Aufbau vor einer Menge von Problemen, mit denen er nicht fertigwird, wendet er sich demjenigen zu, mit dem er fertigwerden kann. Dorthin lenkt er seine ganze Kraft. Das geschieht nicht, weil die Zeitmessung die wichtigste Variable wäre. Im Gegenteil: Bei Beamons Sprung spielt sie überhaupt keine Rolle. Es handelt sich um Weitsprung. Der Aufbau regelt die Zeitmessung, weil sie am besten beherrschbar ist, nicht weil sie am wichtigsten wäre.
Hier zeigt sich ein allgemeines Verhaltensmuster, das keineswegs auf die Leichtathletik beschränkt ist. Steht eine Institution vor mehreren Problemen, von denen sich manche bearbeiten lassen und andere nicht, wird sie ihre Aufmerksamkeit und ihre Mittel fast zwangsläufig auf die bearbeitbaren konzentrieren. Und dort wird sie immer genauer. Mit der Zeit wachsen ihre Fähigkeiten in eine schiefe Form hinein: in der beherrschbaren Richtung hoch entwickelt, in der unbeherrschbaren nahezu leer. Von außen sieht man, wie viel Mühe sie sich im beherrschbaren Bereich gibt, und hält diesen leicht für den wichtigsten. Tatsächlich ist es bloß der Bereich, in dem sie am leichtesten etwas ausrichten kann.
Beherrschbarkeit und Wichtigkeit sind zweierlei. Wenn der Aufbau entscheidet, welches Problem er bearbeitet, folgt er der Beherrschbarkeit, nicht der Wichtigkeit. Die Höhe ist wichtiger, denn sie verändert die Leistung erheblich, und ihr Anteil lässt sich nicht zuordnen. Die Zeitmessung verändert die Leistung nicht. Sie verändert nur die Genauigkeit, mit der diese festgehalten wird. Der Aufbau lässt also das wichtige, leistungsverändernde und unlösbare Problem liegen. Er nimmt sich das nachrangige vor, das die Leistung nicht verändert, sich dafür aber vollständig beherrschen lässt.
Die nächste Folge handelt von dem Verfahren, mit dem er die Zeitmessung in den Griff bekommt. Und davon, was dieses Verfahren seinerseits zurücklässt.
7 Ein gültiger Präzedenzfall
Eines muss klar sein: Dass Leistungen in Höhenlage rekordfähig bleiben, ist keine leere Vorschrift auf dem Papier. Es gibt handfeste Präzedenzfälle.
In der offiziellen oder weithin anerkannten Rekordgeschichte der 100 Meter der Männer stehen Hines’ 9,95 Sekunden von Mexiko-Stadt ebenso wie die späteren 9,93 von Calvin Smith in Colorado Springs. Beide Wettkampfstätten liegen in großer Höhe. Genau deshalb führen Statistiker später ihre inoffiziellen Listen für niedrige Lagen.
Hines’ 9,95 Sekunden haben noch eine weitere Bedeutung. Sie gehören zu den immer wieder genannten Wegmarken in der Geschichte der 100 Meter der Männer, zu den offiziellen Markierungen des Durchbruchs unter die Zehnsekundengrenze. Und ausgerechnet diese historische Leistung entsteht in dünner Luft. Einige der Durchbrüche, die dieser Aufbau am höchsten schätzt, ereignen sich also unter Bedingungen, von denen er weiß, dass sie helfen. Er übernimmt sie dennoch ohne Abzug. An seine glänzendsten Einträge setzt er kein Sternchen. Mit einem Sternchen wäre der Glanz nicht mehr ungetrübt.
Diese beiden Präzedenzfälle bedeuten: Höhenleistungen werden nicht bloß widerwillig geduldet. Sie sind vollständig anerkannte offizielle Rekorde. Hines’ 9,95 sind ein Weltrekord ohne Abstriche, obwohl er sie in dünner Luft läuft, obwohl alle wissen, dass die dünne Luft dabei hilft.
Für weitere hoch gelegene Wettkampfstätten, Johannesburg, Nairobi, El Paso und Denver, ließ sich bei der Recherche zu diesem Essay nicht für jede Stadt ein gleich starker Anerkennungsbeleg finden. Sicher festhalten lassen sich der Grundsatz, dass Höhenleistungen rekordfähig sind, und seine tatsächliche Anwendung. Eine vollständige Sammlung der Präzedenzfälle für jede einzelne Wettkampfstätte ergeben die hier zusammengetragenen zugänglichen Primärquellen noch nicht.
An einer Stelle schließt das an die vorigen Folgen an. Darauf sei kurz hingewiesen.
Die erste Rekordliste von 1914, von der die zweite Folge handelte, erkannte rückwirkend alte Leistungen aus zwanzig Jahren an, erzielt an verschiedenen Orten unter verschiedenen Bedingungen. Schon am Tag ihrer Entstehung war sie im Inneren uneinheitlich. Hines’ 9,95 und 9,95 Sekunden auf Meereshöhe stehen nebeneinander in derselben Entwicklungsliste über 100 Meter. Dabei wissen alle, dass sie nicht dasselbe sind. Die Liste entscheidet sich, nicht zu unterscheiden. Der Preis dafür ist, dass für kein benachbartes Paar von Leistungen auf ihr Vergleichbarkeit garantiert werden kann.
Das weist genau in die entgegengesetzte Richtung wie das Beispiel von Zehnkampf und Siebenkampf am Ende der vierten Folge. Dort verweigert man bewusst die Zusammenlegung zweier Listen, um die Vergleichbarkeit innerhalb jeder einzelnen zu bewahren. Die Geschlossenheit jeder Liste wird damit erkauft, dass zwischen beiden kein gemeinsames Maß besteht. Hier gibt man bewusst die Vergleichbarkeit im Inneren preis, um eine einzige Liste als Ganzes zu erhalten. Für eine ungeteilte Liste nimmt man Nichtvergleichbarkeit in Kauf.
Die beiden Verfahren scheinen sich zu widersprechen. Tatsächlich sind es zwei Abwägungen desselben Aufbaus unter verschiedenen Umständen. Vergleichbarkeit und Vollständigkeit lassen sich nicht zugleich maximieren. Bei der Einteilung der Disziplinen wählt er die Vergleichbarkeit, bei den Höhenleistungen die Vollständigkeit. Was er wählt, hängt davon ab, ob die Trennung oder die Zusammenlegung den höheren Preis verlangt. Wollte man bei den Höhenleistungen unterscheiden, müsste man für jede Höhenlage der Welt eine eigene Umrechnung festlegen. Das lässt sich nicht leisten. Also entscheidet er sich, nicht zu unterscheiden.
8 Alles hat gewirkt, nichts lässt sich trennen
Führen wir die Fäden dieses Essays zusammen.
Über Beamons Sprung sind zwei Behauptungen verbreitet. Die Belege tragen keine von beiden.
Die eine lautet: Mexiko-Stadt hat diesen Sprung hervorgebracht. Das geht zu weit. Im selben Finale gewinnt Beer mit 8,19 Metern Silber und Boston mit 8,16 Bronze. Sie benutzen dieselbe Anlaufbahn, springen auf derselben Höhe und ebenfalls bei regelkonformem Wind. Doch nur ein einziger erreicht eine Weite von annähernd 8,90 Metern. Wenn Mexiko-Stadt diesen Sprung hervorgebracht hat, warum dann nicht auch bei den anderen beiden? Die Bedingungen sind für alle da. Diesen Sprung gibt es nur einmal.
Der Einwand lässt sich noch einen Schritt weiterführen. Er besagt, dass die Bedingungen notwendig, aber nicht hinreichend sind. Ohne sie wäre der Sprung wohl nicht so weit gegangen. Mit ihnen muss er aber noch lange nicht gelingen. Das zeigen die beiden anderen, die unter denselben Bedingungen nicht so weit springen. Notwendig, aber nicht hinreichend heißt: Weder die Bedingungen noch dieser Mensch dürfen fehlen. Dass beide unverzichtbar sind, ist zugleich eine andere Formulierung dafür, dass sich die Urheberschaft nicht aufteilen lässt. Man kann nicht sagen, wie viel dieses Sprungs den Bedingungen zusteht und wie viel dem Menschen. Beide sind Voraussetzungen dafür, dass er geschieht. Zwischen Voraussetzungen gibt es keine Prozentsätze.
Die andere Behauptung lautet: Die Bedingungen sind eigentlich unerheblich, weil alle dieselbe Bahn und dieselbe Höhenlage haben. Auch das geht zu weit. Der ganze bisherige Essay hat davon gehandelt, dass der Höhenvorteil in den Daten ungefähr einem Rückenwind von zwei Metern pro Sekunde entspricht. Beamon erhält an diesem Tag beides zugleich: die Höhe und einen tatsächlichen Rückenwind von zwei Metern pro Sekunde. Wer das für unerheblich erklärt, ignoriert die Physik.
Die historische Wahrheit, die Bestand hat, ist enger als beide Vereinfachungen und stärker als beide: Alle vier Variablen haben gewirkt. Die Daten erlauben es uns nicht, sie sauber voneinander zu trennen.
Das klingt wie ein unfertiger Schluss, wie eine Frage, die wegen dürftiger Aufzeichnungen offenbleiben muss. Das ist es nicht. Es ist die Gestalt der Sache selbst.
In den früheren Folgen war der Rest häufig das, was dieser Aufbau draußen liegen ließ: Namen, die nicht in die Liste gelangten; verworfene Zeitmesswerte; Leistungen, die nicht rückwirkend anerkannt wurden. Sie standen außerhalb des Buchs, aber jedes für sich war klar umrissen. Ein Name war ein Name, ein Messwert ein Messwert.
Der Rest in Beamons Sprung ist anders. Er liegt nicht außerhalb des Buchs. Der Sprung steht mit vollem Recht ganz oben in der Rekordliste. Der Rest sind die Ursachen dieser Zahl, und die lassen sich nicht auseinanderlegen. Der Anteil der Höhe, der Anteil des Windes, der Anteil der Bahn, der Anteil des Menschen selbst: Diese vier Anteile sind nicht verloren gegangen. Sie haben nie als vier getrennte Anteile existiert. In diesem Sprung sind sie zu einer einzigen 8,90 verschmolzen. Und diese Verbindung lässt sich nicht zurück in ihre Bestandteile zerlegen.
Stellt man diesen Rest neben die Reste der früheren Folgen, wird seine Besonderheit sichtbar. Bisher bestand der Rest in der Beziehung zwischen dem Aufbau und dem, was ihm entging. Diese Dinge lagen außerhalb, die Grenze war klar. Hier befindet sich der Rest im Aufbau selbst, und zwar in dem Eintrag, auf den er am stolzesten ist. Er ist kein ausgeschlossenes Anderes. Er ist der unerklärbare Teil jener sorgsam gehüteten Leistung selbst. Ein Aufbau kann etwas aus seinem Buch ausschließen. Er kann aber nicht das Knäuel der Ursachen aus einer Leistung herausräumen, die er bereits eingetragen hat. Je feierlicher er sie verzeichnet, desto fester hält er auch dieses Knäuel umschlungen.
Das ist eine neue Gestalt des Rests. Die früheren Reste waren Dinge, die der Aufbau nicht aufgefangen hatte. Sie warteten draußen. Diesen Rest hat er aufgefangen, eingetragen und anerkannt. Erst dann stellt er fest, dass in der notierten Zahl vier Dinge stecken, die sich nie mehr auseinandernehmen lassen. Der Aufbau kann diese Leistung besitzen. Ihre Erklärung kann er nicht besitzen.
Zurück zu jener Messanlage, die den Landepunkt nicht erreichte.
Sie war 1968 der Gipfel der Genauigkeit dieses Aufbaus. Vor diesem Sprung musste sie dem Maßband weichen. Das Maßband ergab 8,90 Meter. Die Zahl stimmt. Doch das Maßband, das versagende optische Gerät und sämtliche Instrumente der Zeit- und Entfernungsmessung, die der Aufbau später mit so großer Mühe vervollkommnet, können nur Ergebnisse messen. Wie weit dieser Sprung reicht, lässt sich messen. Warum er so weit reicht, kann kein Instrument messen. Die vier Dinge, die es dafür messen müsste, sind in der Luft längst zu einem einzigen geworden.
Der Maßstab misst noch nicht richtig. Er misst weiter.