Wer eingetragen werden darf
Amateurstatus, Jim Thorpe und Paavo Nurmi zeigen: Bevor eine Zahl in die Rekordlisten gelangt, muss man ihrem Urheber die Tür öffnen. Wo die Hürden herkommen, wie sie wirken und wann sie korrigiert werden, folgt jeweils einer eigenen Zeitrechnung.
In diesem Essay
1 Vier Türen in einem Satz
1866 legte der Amateur Athletic Club in seiner Satzung fest, was ein Amateur sei. In der damals weitverbreiteten Fassung war damit ein Gentleman gemeint, der noch nie an einem öffentlichen Wettkampf teilgenommen hatte, noch nie um Geld aus dem Publikum oder um Eintrittsgelder angetreten war und zu keinem Zeitpunkt seines Lebens seinen Unterhalt damit verdient hatte, Sport zu unterrichten oder bei dessen Ausübung mitzuwirken; und der auch nie als Mechaniker, Handwerker oder Arbeiter tätig gewesen war.
In diesem Satz stecken vier Türen.
Die ersten drei fragen danach, was einer getan hat. An welchen Wettkämpfen er teilgenommen hat, welches Geld er angenommen hat, wovon er gelebt hat. Die vierte ist anders. Sie fragt danach, was einer ist. Mechaniker, Handwerker, Arbeiter: Keines dieser drei Wörter hat irgendetwas mit Sport zu tun. Es sind Berufsbezeichnungen. Ein Tischler, der nie auch nur einen Pfennig für einen Wettkampf bekommen hatte, kam nach diesem Satz nicht herein.
In einem einzigen Satz nebeneinandergestellt, wirken diese vier Türen wie vier Seiten derselben Sache. Tatsächlich geht es um zwei verschiedene Arten von Kriterien. Die ersten drei betreffen Handlungen. Handlungen lassen sich nachprüfen, es kann Zeugen geben, es kann Abrechnungen geben. Die vierte betrifft die gesellschaftliche Stellung. Die braucht man nicht eigens nachzuweisen; sie ist in den Alltag eines Menschen eingeschrieben, und in seinem Heimatort weiß jeder darüber Bescheid. Die Definition verwendet also gleichzeitig zwei völlig verschiedene Verfahren des Urteilens: Das eine verlangt Beweise, beim anderen genügt es, die Person zu kennen. Und beide stehen einfach nebeneinander, verbunden durch ein Semikolon.
Eine weitere Formulierung verdient einen eigenen Blick: zu keinem Zeitpunkt seines Lebens.
Das ist keine Regel über den gegenwärtigen Zustand. Sie greift rückwärts auf ein ganzes Leben zu. Wer mit zwanzig ein paar Monate Boxunterricht gegeben hat, weil er etwas zu essen brauchte, ist mit vierzig noch immer kein Amateur. Und wird es auch nie mehr sein. Diese Tür kennt keinen Ausgang, keine Frist, nach der man wieder zugelassen würde, kein Ablaufdatum, in welcher Form auch immer.
Bemerkenswert ist, dass es für Berufssportler damals keine spiegelbildliche Regel gab. Dass ein Berufsläufer nicht wieder Amateur werden konnte, indem er einige Jahre auf Bezahlung verzichtete, stand ausdrücklich fest. Für Amateure wiederum regelte man nur, unter welchen Umständen sie ihre Zulassung für immer verloren; eine andere Behandlung war nicht vorgesehen. Dieser Aufbau kannte nur eine Richtung: Wer drinnen war, konnte hinausgeworfen werden; wer draußen war, konnte nicht zurück. Der Übergang zwischen den Kategorien verlief nur in eine Richtung. Und eine Kategorie, aus der es nur hinausgeht, wird nach ihrer Festlegung mit der Zeit immer kleiner.
Nimmt man diese beiden Dinge zusammen, wird die Gestalt dieses Aufbaus sichtbar. Geurteilt wird nicht über einen Wettkampf, sondern über einen Menschen. Und nicht über diesen Menschen, wie er im Augenblick ist, sondern über seinen gesamten bisherigen Lebenslauf. Noch bevor das Messen begonnen hat, noch bevor der Maßstab überhaupt hervorgeholt wurde, ist dieses Verfahren schon abgeschlossen.
Im vorigen Essay ging es darum, dass der Rekord als institutioneller Aufbau mit einer Zeitung als erstem Buch begann. Und dass er zuerst lernte, Einträge hinzuzufügen. Dieser Essay handelt von einem anderen Buch, das noch vor jenem steht. Bevor eine Leistung in die Rekordliste gelangen kann, muss jemand sie erlaufen; wer aber überhaupt zum Laufen antreten darf, entscheidet jener Definitionssatz. Die Arbeitsteilung der beiden Bücher steht von Anfang an fest: Das hintere verzeichnet Zahlen. Das vordere verzeichnet Menschen.
2 Was nach der Streichung blieb
1880 wurde die Amateur Athletic Association gegründet. Nach der historischen Darstellung von World Athletics selbst strich man bei ihrer Gründung jene Passage aus der Amateurdefinition, die Mechaniker, Handwerker und Arbeiter ausschloss.
Das muss man ernst nehmen. Es versperrt den Weg zu einer allzu bequemen Erzählung.
Wäre das Amateurprinzip von Anfang bis Ende nichts als eine Klassenschranke gewesen, hätte es nicht schon vierzehn Jahre nach seiner Einrichtung selbst seinen unverblümtesten Satz gestrichen. Die Streichung hat stattgefunden, sie kam sehr früh, und sie erfolgte genau in dem Moment, als das zuständige Organ dieser Sportart seinen Zuständigkeitsbereich erweiterte.
Möglicherweise lag der Grund gerade in dieser Erweiterung. Ein Club kümmert sich um seine Mitglieder. Ein Verband muss die Wettkämpfe eines ganzen Landes betreuen. Sperrt ein landesweiter Verband drei Berufsgruppen vollständig aus, verwaltet er nicht die Leichtathletik des Landes, sondern die Leichtathletik eines Teils seiner Bevölkerung. Das schlägt sich sofort in den Meldezahlen und in der Reichweite der Veranstaltungen nieder. Moralisch lässt sich die Streichung auf viele Arten erklären. Aus Sicht der Verbandsführung gibt es nur eine Erklärung: Wer für ein ganzes Land zuständig sein will, kann nicht nur einen kleinen Teil seiner Menschen anerkennen.
Was blieb nach der Streichung übrig? Ein Lexikon von 1911 hielt folgende Definition des Verbands fest: Amateur ist, wer noch nie um Geldpreise oder Wetteinsätze angetreten ist, noch nie zusammen mit oder gegen Berufssportler um irgendeinen Preis gekämpft hat und noch nie seinen Lebensunterhalt durch das Unterrichten, Ausüben oder Unterstützen sportlicher Tätigkeiten bestritten hat.
Die Klausel über die berufliche Stellung war verschwunden. Das Verbot der Bezahlung war noch da. Und dazwischen stand eine zusätzliche Bestimmung, die einen genaueren Blick verdient: noch nie zusammen mit oder gegen Berufssportler.
Diese Bestimmung sagt nicht, dass der Betreffende Geld genommen hat. Sie sagt, dass er mit jemandem gelaufen ist, der Geld genommen hat.
Das ist die Logik einer Ansteckung. Die Zulassung kann durch Berührung verlorengehen, ohne dass der Betroffene selbst irgendetwas falsch gemacht haben muss. Jemand läuft bei einem Wettkampf auf dem Land zufällig im selben Feld wie ein Berufsläufer. Er hat kein Geld erhalten, keinen Unterricht gegeben, keine Verbindung zwischen Sport und Broterwerb hergestellt. Trotzdem ist sein Amateurstatus bereits fraglich. Was dieser Aufbau hier schützt, ist nicht die Unbescholtenheit der Person. Es ist die Reinheit der Kategorie.
Die Natur der Tür hat sich also gar nicht verändert. Nur der Maßstab der Entscheidung ist ein anderer geworden: Statt zu fragen, wer du bist, fragt man nun, neben wem du gestanden hast.
Eine praktische Folge dieser Verschiebung muss man eigens hervorheben. Festzustellen, wer jemand ist, kostet fast nichts; ein Blick genügt. Festzustellen, neben wem er gestanden hat, ist wesentlich aufwendiger. Dafür muss man alte Wettkampfunterlagen prüfen und wissen, welchen Status die anderen Teilnehmer hatten. Und solche Informationen bleiben keineswegs immer erhalten. Der neue Maßstab ist seinem Wortlaut nach gerechter, in der Anwendung aber stärker von Archiven abhängig. Damit ist etwas entschieden: Künftig wird die Frage, ob sich etwas nachweisen lässt, wichtiger als die frühere Frage, ob jemand zu jener Sorte Mensch gehört. Diese Linie führt bis zu Thorpe, von dem später die Rede sein wird.
Hier müssen beide Seiten zur Sprache kommen. Für beide gibt es Belege.
Die eine Seite: Im Kern steckt in diesem System der Ausschluss nach Klassenzugehörigkeit. Die Definition von 1866 nennt drei Berufe ausdrücklich. Eine Untersuchung beschreibt den viktorianischen Amateurismus insgesamt als Ideologie der Kontrolle und Ausgrenzung und verweist darauf, dass sein Aufstieg gerade auf die wachsende Beteiligung der Arbeiterklasse antwortete. Zur selben Zeit gab es entsprechende Ausschlusspraktiken im Rudern; im Cricket reisten Gentlemen und Berufsspieler getrennt und waren getrennt untergebracht. Und die damaligen Eliten äußerten tatsächlich die Sorge, von den Arbeitern überrannt zu werden. Das sind keine vereinzelten Spuren von Klassendenken. Das ist institutionelle Gestaltung des Zugangs.
Die andere Seite: Auch die vollständige Reduktion auf Klassenausschluss wäre eine Vereinfachung. Die Ablehnung von Bezahlung, Fair Play, der Widerstand gegen Glücksspiel und offenen Berufssport waren wirkliche Bestandteile. Das räumt selbst der Forscher ein, der die Ausschlussthese vertritt. Seine These lautet, dass diese Bestandteile neu verpackt und in ein System der Ausgrenzung eingebaut wurden, nicht, dass es sie nie gegeben hätte. Und die Streichung von 1880 bleibt eine handfeste Tatsache: Die unverhüllteste Klausel blieb im späteren System eben nicht durchgehend stehen.
Keine Seite hat vollständig recht. Fest steht, dass dieses Wort von Anfang an sowohl moralische Ansprüche als auch eine gesellschaftliche Zugangsschranke in sich trug. Die beiden wurden nie voneinander getrennt. Wer nur eines davon übriglassen will, muss sich mit den Quellen anlegen.
Für die noch sauberere Erzählung, der britische Amateurismus sei schlicht eine Sache von Menschen gewesen, die aus Liebe zum Sport Sport trieben, geben die Quellen nichts her. Die früheste maßgebliche Definition war ihrem Inhalt nach eine soziale und berufliche, keine ethische oder finanzielle.
3 Ein Vorfahr, den es nicht gab
Dieser Aufbau suchte sich einen Ursprung: das antike Griechenland.
1910 veröffentlichte ein Altertumswissenschaftler ein Werk über griechischen Sport und griechische Wettkämpfe. Darin schrieb er, die Athletik sei zum Monopol einer Klasse geworden und die alten Wettspiele hätten professionellen Schaustellungen Platz gemacht. 1930 folgte ein weiteres Buch über den Sport der antiken Welt. Darin hieß es, ein Übermaß an Wettkämpfen und die Professionalisierung seien tödlich für den echten Amateurgeist; die frühere Athletik beschrieb er als reinen Amateursport. Im selben Buch erklärte er die Korruption zum größten Übel der Professionalisierung und verband die Entwicklung des Sports in spätgriechischer und römischer Zeit mit Schaustellungen, Bestechung, übermäßiger Spezialisierung und dem Zerfall einer von Bürgern getragenen Wettkampfkultur.
Das sind seine eigenen Aussagen, keine nachträglichen Zusammenfassungen seiner Kritiker.
Darin lässt sich das gesamte Gerüst des Amateurismus des neunzehnten Jahrhunderts unmittelbar ablesen: Einst gab es ein reines Zeitalter. Dann kam das Geld, und mit ihm der Verfall. Das Amateurprinzip wiederherzustellen hieß, jenes Zeitalter wiederherzustellen.
1984 veröffentlichte ein anderer Wissenschaftler ein Buch, das sich eigens dieser Frage widmete. Sein Titel lautet wörtlich übersetzt: Der olympische Mythos des griechischen Amateursports. Seine Widerlegung hat vier Ebenen.
Die erste ist begrifflich. In der Antike gab es überhaupt kein Amateurideal im modernen Sinn. Die Sieger des antiken Olympia kämpften häufig um beträchtliche Preise und zogen aus ihrem sportlichen Können Gewinn. Es fehlten zudem sowohl das Vokabular als auch die Ideologie, die der Begriff des Amateurs voraussetzt.
Die zweite Ebene betonte der Autor selbst besonders. Er bestand darauf, nicht bloß einen Mangel an Belegen vorzuführen, sondern eine überwältigende Menge an Gegenbelegen und ein institutionelles System, in dem der Amateurbegriff gar keinen Platz hatte. Diese Unterscheidung war ihm wichtig. Der Gegenseite lediglich fehlende Belege nachzuweisen, wäre das schwächere Argument gewesen.
Die dritte Ebene ist wirtschaftlich. Griechische Athleten traten für ansehnliche Belohnungen an und erhielten von ihrer Heimatpolis erhebliche Gegenleistungen. Das weist in dieselbe Richtung wie die im vorigen Essay besprochene Quelle über Solons Prämien.
Die vierte Ebene ist strukturell. Das griechische Wettkampfwesen war überhaupt nicht entlang einer Trennlinie zwischen Amateuren und Profis aufgebaut. Dieses Begriffspaar reicht nicht aus, um die damalige gesellschaftliche Wirklichkeit zu beschreiben.
Die spätere Forschung ist nicht auf Gardiners Seite zurückgekehrt. Ein Überblick um 2020 brachte den Stand des Fachs auf einen Satz: Griechische Athleten waren weder Amateure noch Profis. Das ist kein Kompromiss. Es erklärt vielmehr die Kategorien selbst an dieser Stelle für unbrauchbar.
In der auffindbaren seriösen Literatur hat Gardiners Gesamtthese seit 1984 keine substanzielle Wiederbelebung erfahren. Einige engere Aussagen sind zum Teil wieder aufgegriffen worden: dass die frühe Athletik in manchen Zusammenhängen durchaus aristokratisch geprägt war; dass Kranzspiele und Wettkämpfe um Geldpreise nicht in einen Topf geworfen werden sollten; dass Professionalisierung sich historisch entwickelte, statt von Anfang an in einer einzigen Gestalt vorzuliegen. Doch das sind Korrekturen im Einzelnen, keine Rehabilitierung der Gesamtthese.
Damit wird klar, worum es in diesem Abschnitt geht. Nicht um eine Entlarvung.
Ein Aufbau rechtfertigt sich mit einer Vergangenheit, die es nie gab. Zwischen 1866 und 1930 glaubten sehr viele Menschen aufrichtig an diese Vergangenheit, auch der Altertumswissenschaftler, der jene Sätze schrieb. Er erfand nicht einfach etwas. Er las antike Quellen mit dem wissenschaftlichen Instrumentarium seiner Zeit und gelangte zu einem Ergebnis, das den Bedürfnissen seiner eigenen Epoche entsprach. Heute darauf hinzuweisen, dass er sich irrte, ist leicht. Viel gewonnen ist damit nicht.
Eine weitere Ebene muss ebenfalls geklärt werden. Dass seine Lesart damals plausibel erschien, lag zum Teil daran, dass die antiken Quellen selbst unterschiedliche Lesarten zuließen. Bei Kranzspielen gab es tatsächlich nur einen Kranz. Die Gegengaben der Polis erfolgten tatsächlich anderswo. Und in den Quellen stehen diese beiden Tatsachen oft nicht im selben Absatz. Wer an die Reinheit der Antike glauben wollte, konnte nach der ersten Hälfte aufhören zu lesen, ohne dafür etwas bewusst unterschlagen zu müssen. Wenn ein Aufbau nach seinem Ursprung sucht, muss er gewöhnlich nichts fälschen. Es genügt, aus einem Bestand echter Quellen die brauchbaren auszuwählen.
Aufschlussreich ist etwas anderes. Der behauptete Ursprung wurde 1984 widerlegt. Die unverhüllteste Ausschlussklausel dieses Aufbaus war 1880 gestrichen worden. Seine Definition war 1981 vollständig ausgehöhlt worden. Als die Wissenschaft den vermeintlichen Vorfahren endlich widerlegte, war das Regelwerk also längst von selbst zerfallen. Und die Gründe für diesen Zerfall hatten mit wahr oder falsch nichts zu tun.
Umgekehrt hat die falsche Grundlage in den hundert Jahren, in denen das Regelwerk galt, seine Wirksamkeit nicht einen einzigen Tag lang geschwächt. Wer aufgrund dieser Regeln seine Zulassung verlor, verlor etwas vollkommen Reales. Ob der Ursprung der Regel erfunden war, machte für den Menschen, den sie vor der Tür hielt, keinerlei Unterschied.
Dieser Punkt wird in der ganzen Reihe wiederkehren; deshalb soll er hier deutlich ausgesprochen werden. Die Erzählung, mit der ein Aufbau seine Legitimität begründet, und seine tatsächliche Wirksamkeit sind voneinander unabhängig. Eine Erzählung lässt sich widerlegen. Das tun gewöhnlich Wissenschaftler, und es geschieht in Büchern. Die Wirksamkeit lässt sich nur durch einen anderen Aufbau aufheben. Dahinter stehen gewöhnlich andere Interessen, und es geschieht in Sitzungszimmern. Beide Vorgänge folgen ihrem eigenen Zeitplan. Keiner wartet auf den anderen. Als jenes Buch 1984 erschien, war das Gebilde, das es zerlegen wollte, aus anderen Gründen bereits seit drei Jahren zusammengebrochen.
4 Dreißig Tage
1912 gewann Jim Thorpe in Stockholm den Fünfkampf und den Zehnkampf.
Die offiziellen Unterlagen jener Spiele enthalten eine Regel, die sich heute bemerkenswert konkret liest: Ein Einspruch gegen die Teilnahmeberechtigung eines Athleten musste schriftlich erfolgen und vor Ablauf von dreißig Tagen nach der Siegerehrung eingegangen sein.
Die erste öffentliche Meldung darüber, dass Thorpe gegen Bezahlung Baseball gespielt hatte, erschien im Januar 1913 in einer Lokalzeitung. Seit der Siegerehrung in Stockholm waren da ungefähr sechs Monate vergangen.
Nach dem Wortlaut der Regel war die Frist längst überschritten.
Wer sich später für seine Rehabilitierung einsetzte, berief sich immer wieder darauf. Wie weit dieses Argument trug, ist allerdings umstritten. Die Regel existierte, die Frist existierte, und die Überschreitung steht ebenfalls fest. Strittig ist, ob die amerikanische Amateur Athletic Union und das Internationale Olympische Komitee die Sache damals überhaupt als formellen Einspruch im Sinne dieser Regel behandelten. Wenn sie davon ausgingen, eine allgemeinere Frage der Startberechtigung und Preisvergabe zu bearbeiten, keinen verspäteten Einspruch, dann erfasste sie die Dreißigtagefrist nicht. Sicher ist: Die dreißig Tage sind ein starkes Argument. Nicht sicher ist, dass die Beteiligten damals allgemein anerkannten, damit sei die Sache endgültig entschieden.
Schon dieser Streit hat eine Struktur, die man festhalten sollte. Damit eine Verfahrensregel tatsächlich Grenzen setzt, muss die zuständige Institution anerkennen, dass sie gerade genau das tut, wovon die Regel spricht. Sie kann diese Einordnung aber auch ablehnen. Sie kann sagen: Das ist kein Einspruch, sondern eine Überprüfung der Teilnahmeberechtigung. Oder: Diese Regel greift hier nicht; es geht um eine allgemeinere Frage. Ein anderer Name für das Verfahren, und die Frist läuft ins Leere. Wie wirksam ein Verfahrensschutz ist, liegt nie ganz in der Hand derer, die er schützen soll.
Wer Thorpes Baseballvergangenheit als Erster ans Licht brachte, lässt sich heute nicht eindeutig sagen. Fest steht, in welcher Zeitung sie zuerst gemeldet wurde. In späteren populären Darstellungen wird häufig eine bestimmte Person aus dem Umfeld des Baseballs genannt. Ein zeitgenössisches Dokument aus erster Hand, das diese Zuschreibung bestätigt, ist jedoch nicht gefunden worden. Dieser Punkt muss offenbleiben.
Das Vorgehen verlief in zwei Schritten. Zuerst entzog die amerikanische Amateur Athletic Union ihm den Amateurstatus. Danach erkannte das Internationale Olympische Komitee ihm die beiden Olympiasiege ab.
Hinzu kommt: Thorpe selbst schrieb einen Brief, in dem er einräumte, für Geld Baseball gespielt zu haben. Der Wendepunkt dieser Affäre lag zum Teil in diesem eigenen Eingeständnis, nicht allein in den Anschuldigungen Dritter.
Wo sich dieser Brief heute befindet, ist unklar. Wo die damalige interne Korrespondenz seines Trainers geblieben ist, ist unklar. Wo der vollständige Schriftwechsel jener Runde zwischen der Amateur Athletic Union und dem Internationalen Olympischen Komitee liegt, ist ebenso unklar. Nachweisbar und bereits katalogisiert ist dagegen seine Schülerakte an der Carlisle Indian Industrial School. Sie wird heute von der amerikanischen National Archives and Records Administration verwahrt und enthält Briefe, Unterlagen zu Geldangelegenheiten und Fotografien.
Hier zeigt sich dieselbe Gestalt wie bei der Lücke im vorigen Essay. Ein System verlangt von allen anderen Belege, während seine eigenen Belege an entscheidender Stelle unauffindbar sind. Diesmal liegt die Lücke noch näher am Menschen: Erhalten ist die Verwaltungsakte einer Schule über einen Schüler. Nicht erhalten ist der Brief, in dem dieser Mensch sich selbst verteidigte.
Dass jemand diese Unterlagen absichtlich vernichtet hat, ist eher unwahrscheinlich. Schülerakten gehören zu einem fortlaufenden Verwaltungssystem. Es ordnet seine Dokumente nach Kategorien und bewahrt sie jahrzehntelang auf, weil genau das sein Alltag ist. Ein einmaliger Schriftwechsel zwischen Gremien gehört zu keinem solchen dauerhaften System. Ist die Sache erledigt, löst sich der Zusammenhang auf. Die Papiere folgen den Menschen, die sie bearbeitet haben, wandern in private Schränke und gehen schließlich verloren. Ob etwas erhalten bleibt, hängt nicht von seiner Wichtigkeit ab. Es hängt davon ab, ob eine Maschine da ist, die es ablegt. Gerade Wichtiges geht leichter verloren, weil wichtige Angelegenheiten oft ad hoc erledigt werden.
Nebenbei sei eine weitverbreitete Vorstellung berichtigt. Thorpe verlor seine Titel nicht noch vor Ort in Stockholm. Das geschah Monate nach dem Ende der Spiele. Es geschah in den Zeitungen und in den Sitzungen zweier Gremien.
5 Er spielte unter seinem wirklichen Namen
Eine spätere historische Darstellung der University of North Carolina enthält einen Satz, um den sich dieser Essay dreht.
Damals verdienten nicht wenige Collegesportler mit Baseball in den Minor Leagues Geld. Sie benutzten falsche Namen. Thorpe benutzte seinen wirklichen Namen. Als die Sache ans Licht kam, ließ sich daher gegen ihn leichter vorgehen als gegen andere.
Denken wir diesen Satz zunächst zu Ende.
Verboten war, für Geld zu spielen. Wer unter falschem Namen für Geld spielte, verstieß gegen dieselbe Regel und fügte noch eine bewusste Verschleierung hinzu. Nach der Strenge des Regelwerks hätte das schwerer wiegen müssen. Tatsächlich geschah das Gegenteil: Den Spielern unter falschem Namen passierte nichts. Der Spieler unter seinem wirklichen Namen verlor zwei Olympiasiege.
Das ist keine nachlässige Durchsetzung der Regeln. Diese Vorrichtung kann gar nicht anders arbeiten.
Ein Aufbau kann einen Regelverstoß nur bearbeiten, wenn er ihn sieht. Was er sieht, hängt davon ab, in welcher Form die Sache auf Papier zurückbleibt. Wer unter seinem wirklichen Namen spielte, stand damit in den Mannschaftslisten, auf den Lohnabrechnungen und in den Spielberichten der Lokalzeitung. Jeder, der alte Zeitungen durchblätterte, konnte ihn finden. Wer unter einem falschen Namen spielte, hinterließ auf genau demselben Papier eine andere Person. Diesem Zweiten wurde nicht verziehen. Der Aufbau wusste überhaupt nicht, dass es ihn gab.
Die Vorrichtung sortiert also in Wahrheit nicht danach, wer gegen die Regeln verstoßen hat, sondern danach, wer sich ermitteln lässt. Meist fällt beides zusammen. Nicht wegen eines inneren Zusammenhangs, sondern weil die meisten Menschen nichts verschleiern. Sobald jemand damit anfängt, fallen beide Dinge auseinander. Und der Aufbau geht ohne Zögern gegen denjenigen vor, der nichts verschleiert hat. Denn er hat nur diesen einen in der Hand.
Einem Missverständnis muss man hier vorbeugen. Das heißt weder, dass die Spieler unter falschem Namen eher eine Strafe verdient hätten, noch, dass Thorpe keine verdient hätte. Es heißt: Eine Vorrichtung, die nach Sichtbarkeit arbeitet, trifft statistisch zwangsläufig eher diejenigen, die offen auftreten. Diese Schieflage entsteht, ohne dass irgendjemand ein Vorurteil haben muss. Sie ist eine strukturelle Eigenschaft der Vorrichtung, keine Frage des Charakters ihrer Bediener. Wer sie auf die Ungerechtigkeit einer einzelnen Entscheidung reduziert, lässt das eigentliche Problem gerade durchschlüpfen.
Im vorigen Essay war davon die Rede, dass ein Wettkampf schon bei seiner Durchführung darauf vorbereitet wird, später auf Papier zu erscheinen. Die Dokumentierbarkeit ist in die Gestaltung des Wettkampfs vor Ort eingebaut. Dort ist sie die Bedingung für den Eintrag ins Buch. Hier ist sie die Bedingung dafür, aus dem Buch gestrichen zu werden. Dieselbe Eigenschaft, zwei Richtungen.
Gehen wir eine Ebene tiefer. Dass die Dokumentierbarkeit in beide Richtungen wirkt, liegt daran, dass sie demselben Bedürfnis dient: Der Aufbau muss nachprüfen können. Das Nachprüfen ist die Quelle seiner gesamten Autorität. Die im vorigen Essay zum Maßstab erhobene Zeitung, die drei Uhren, die Messlinie mit ihrem Abstand von zwölf Zoll: Sie alle dienten genau diesem Zweck. Nachprüfen lässt sich aber von Natur aus nur, was Spuren hinterlassen hat. Je gewissenhafter der Aufbau seine Fähigkeit zur Überprüfung ausbaut, desto größer wird deshalb sein Abstand zu dem, was keine Spuren hinterlässt. Nicht kleiner.
Nun folgt der Teil dieses Abschnitts, der behutsam behandelt werden muss.
Wie groß war die Rolle der ethnischen Zugehörigkeit in diesem Fall? Das Material stützt eine bestimmte Lesart. Man muss aber genau sagen, auf welche Weise es sie stützt.
Dafür spricht Folgendes: Thorpe war ein indigener Athlet der Sac and Fox und besuchte die Carlisle Indian Industrial School, die in eine umfassende Assimilationspolitik eingebettet war. Spätere Kommentare aus indigener Perspektive halten das Amateursystem selbst für elitär und sehen in Thorpes Bestrafung zugleich einen Vorgang, der einen indigenen Star aus dem Blickfeld verschwinden ließ. Der in Klassenhierarchien wurzelnde Ausschlusscharakter des Amateurismus des neunzehnten Jahrhunderts eröffnet die Möglichkeit einer rassistisch geprägten Anwendung, wenn diese Regeln auf einen indigenen Sportler treffen.
In den zugänglichen Quellen hat sich jedoch kein damaliger Originaltext der Amateur Athletic Union oder des Internationalen Olympischen Komitees gefunden, in dem ausdrücklich stünde, man müsse ihn bestrafen, weil er indigen sei. Die These, seine ethnische Zugehörigkeit sei die unmittelbare Ursache gewesen, beruht vor allem auf dem institutionellen Zusammenhang, auf Fragen zur selektiven Anwendung der Regeln und auf späteren interpretierenden Untersuchungen. Sie beruht nicht auf einem aufgefundenen Entscheidungsdokument mit ausdrücklich rassistischem Inhalt.
Die beiden Lesarten stützen sich also auf unterschiedliche Arten von Belegen. Für die mechanische Anwendung einer Regel gibt es den Regeltext, die Tatsachen und ein eigenes Eingeständnis. Für die ethnische Zugehörigkeit als unmittelbare Ursache gibt es den Kontext, die Struktur und spätere Analysen. Jenes Dokument gibt es nicht.
Es lässt sich ein Modell formulieren, in dem mehrere Aussagen zugleich gelten können. Ein Ergebnis ist das noch nicht. Es besteht aus drei Sätzen: Die Regel existierte tatsächlich und ließ sich tatsächlich auf bezahltes Baseballspielen anwenden. Der Zeitpunkt und die Auswahl bei ihrer Durchsetzung lassen sich infrage stellen. Ein indigener Star innerhalb einer Assimilationspolitik und eines ausgrenzenden Systems erfuhr möglicherweise nicht jene Rücksicht, Nachsicht oder jenen verfahrensrechtlichen Schutz, die anderen gelegentlich zugutekamen.
Diese drei Sätze können gleichzeitig wahr sein. Dass sie gleichzeitig wahr sein können, beweist noch keinen einzigen von ihnen.
Zu vermeiden sind zwei Erklärungen aus jeweils nur einer Ursache. Weder lässt sich die Sache allein mit Rassendiskriminierung erklären noch allein mit neutraler Regelanwendung. Die erste Erklärung bräuchte ein Dokument, das es nicht gibt. Die zweite müsste erklären, warum alle Spieler unter falschen Namen unbehelligt blieben.
Ein weiterer Punkt muss hier unbearbeitet stehenbleiben. Wer damals unter falschem Namen spielte und wie viele es waren: Dafür gibt es heute keine Liste. Nicht weil niemand danach gesucht hätte, sondern weil es sich definitionsgemäß um diejenigen handelt, die keine Spur hinterließen. Diese Vergleichsgruppe wird sich also niemals vollständig sehen lassen. Jeder Schätzung, wie ausgeprägt die selektive Durchsetzung war, fehlt ein Nenner. Das begrenzt, wie weit man über diesen Fall urteilen kann. Diese Grenze anzuerkennen ist ehrlicher, als eine kraftvoller klingende Schlussfolgerung zu liefern.
6 Amateur ist, wer die Regeln einhält
Im April 1932 suspendierte der Leichtathletik-Weltverband IAAF Paavo Nurmi wegen eines Verstoßes gegen die Amateurbestimmungen. Anschließend blieb ihm der Start bei den Olympischen Spielen in Los Angeles verwehrt. Federführend war dabei der damalige schwedische Leiter der IAAF.
Dieser Fall erfüllt hier zwei Zwecke.
Erstens zeigt er, dass Thorpes Schicksal seiner Art nach kein Einzelfall war. Sanktionen wegen des Amateurstatus gehörten in jenen Jahrzehnten zum Alltag. Sie trafen auch die berühmtesten Sportler ihrer Zeit.
Der zweite Zweck ist wichtiger. Wie Nurmis Sperre zu verstehen ist, bleibt bis heute umstritten. Auf finnischer Seite und in späteren nationalistisch gefärbten Darstellungen erscheint sie oft beinahe als schwedisch geführter Racheakt. Andere Untersuchungen, darunter auch finnische Gedenkdarstellungen, sehen das tiefere Problem darin, dass die IAAF damals ihre Abwehr gegen das Eindringen des Berufssports verschärfte.
Der Wert dieses Streits liegt nicht darin, welche Seite recht hat. Er macht etwas Allgemeines sichtbar: Selbst wenn die Durchsetzung einer Amateurregel durch ihren Wortlaut gedeckt ist, bleibt sie politisch oft umstritten. Eine Regel kann korrekt angewandt worden sein, und zugleich kann man mit gutem Grund fragen, warum sie ausgerechnet dieses Mal angewandt wurde. Beides schließt sich nicht aus.
Ein weiterer Unterschied zu Thorpe lohnt den Vergleich. Gegen Thorpe ging man rückwirkend vor, nachdem die Leistungen erbracht waren. Ihm wurde etwas bereits Geschehenes genommen. Nurmi wurde vor dem Wettkampf ausgeschlossen. Ihm wurde etwas genommen, das noch gar nicht geschehen war. Der erste Verlust lässt sich bemessen: Was aus den beiden Olympiasiegen wurde, ist klar. Der zweite lässt sich nicht bemessen, weil niemand weiß, was Nurmi in Los Angeles gelaufen wäre. Der Aufbau handelt in beiden Fällen in derselben Form. Doch der Rest, den er hinterlässt, hat im einen Fall eine Gestalt. Im anderen fehlt selbst die.
Dann kam das Ende des Wortes selbst.
1976 hielt die IAAF noch an einer alten, an den Geist des Sports gebundenen Amateurvorstellung fest. Gleichzeitig erlaubte sie den nationalen Verbänden bereits, Sportlern ihren Verdienstausfall und in begrenztem Umfang Reisekosten zu erstatten.
1981 änderte der Kongress die Definition. Sie lautete nun: Amateur ist, wer die Zulassungsregeln der IAAF einhält.
Bei diesem Satz muss man stehenbleiben.
Vor diesem Satz war Amateur ein Wort mit Inhalt. Der konnte aus dem antiken Griechenland stammen, aus moralischen Ansprüchen oder aus der Lebensweise einer bestimmten Klasse. Woher auch immer er kam: Er kam von außerhalb der Organisation. Eben deshalb ließ sich mit ihm eine Frage an diese Organisation richten: Entsprechen eure Regeln dem Amateurgeist?
Nach diesem Satz lässt sich die Frage nicht mehr stellen. Wenn Amateur ist, wer unsere Regeln einhält, wird aus der Frage, ob unsere Regeln dem Amateurgeist entsprechen, die Frage, ob unsere Regeln unseren Regeln entsprechen.
Hier ist die Schließung vollkommen gelungen. Unter der Bedingung, dass diese Frage fortan nicht mehr gestellt werden kann.
Man muss dazu sagen, dass die neue Definition damals nicht unbedingt als Selbstermächtigung verstanden wurde. Sie wirkte eher wie ein pragmatisches Aufräumen: Die alte Definition hatte sich so weit von der Praxis entfernt, dass sie nicht mehr durchsetzbar war. Statt an einem Maßstab festzuhalten, den alle umgingen, war es sinnvoller, ihn so zu ändern, dass er sich anwenden ließ. Aus Sicht der Verbandsführung war das verantwortungsvoll. Und genau darauf kommt es an: Verantwortliches Handeln und Selbstschließung sind hier ein und derselbe Vorgang. Ein Aufbau schließt sich nicht dadurch, dass er seine Befugnisse überschreitet. Oft schließt er sich gerade dadurch, dass er seine Angelegenheiten ordentlich regelt.
1982 führte die IAAF offiziell Treuhandfonds ein. Über sie konnte Geld unter der Kontrolle des Verbands an die Sportler fließen, ohne dass man offen eingestehen musste, dass der Sport bereits professionell geworden war. Eine Untersuchung bezeichnet diesen Schritt als sanften Übergang vom Amateur- zum Berufssport. Anfang der neunziger Jahre war die Leichtathletik eindeutig professionalisiert, auch wenn die Sprache der Institutionen langsamer folgte.
Ein allgemein anerkanntes Datum, an dem die Amateurklauseln endgültig aus den IAAF-Regeln verschwanden, gibt es nicht. Nachvollziehen lassen sich ihre Aushöhlung zwischen 1976 und 1982 und die Tatsache der Professionalisierung Anfang der neunziger Jahre. Unklar ist, wann auf jeder einzelnen Ebene von Satzungen und Regelwerken das letzte Vorkommen des Wortes Amateur gestrichen wurde. Es handelt sich um mehrere Prozesse: die Änderung der Definition, die Ausgleichszahlungen, die kommerzielle Expansion und die allgemeine Anerkennung des Berufssports. Jeder hat seine eigene Zeit.
Auch die verbreitete Erzählung muss deshalb berichtigt werden. Das Amateurzeitalter der Leichtathletik endete nicht, als zum ersten Mal jemand Geld annahm. Zuerst wurden die Zahlungswege der Kontrolle des Verbands unterstellt. Erst danach erkannte man die Professionalisierung öffentlich an. Bevor ein Aufbau etwas preisgibt, übernimmt er erst einmal die Kontrolle darüber.
7 Ein Verfahren ohne Subtraktion
1982 beschloss das Internationale Olympische Komitee eine Maßnahme zur Rehabilitierung. Im Januar 1983 wurden Thorpes Angehörigen Erinnerungsmedaillen übergeben.
Die Maßnahme bestand darin, Nachbildungen der Goldmedaillen auszugeben und Thorpe wieder in die Ergebnislisten aufzunehmen: als gemeinsamen Sieger, nicht als alleinigen Gewinner.
Weil man ihn zum gemeinsamen Sieger erklärte, blieben die Platzierungen der beiden Athleten, die nachträglich aufgerückt waren, unangetastet. Für den Norweger Bie und den Schweden Wieslander änderte sich nichts.
Hier lässt sich erkennen, auf wie vielen Ebenen eine Korrektur auf praktischen Widerstand stößt. Da sind erstens die beiden Namen. Die Männer selbst hatten nichts falsch gemacht. Ihnen etwas wegzunehmen hätte eine eigene Begründung verlangt. Da sind zweitens ihre nationalen Olympischen Komitees. Die beiden Goldmedaillen standen seit siebzig Jahren in den Bilanzen zweier Länder. Und da sind drittens die Aufzeichnungen selbst. Alle Bücher, Verzeichnisse und Statistiken, die in diesen siebzig Jahren auf jene Ergebnisliste Bezug genommen hatten, wären dadurch ebenfalls unrichtig geworden. Wer einen Eintrag ändert, bewegt niemals nur diesen einen Eintrag.
Das ist ein besonders klarer Fall. Und er setzt genau dort an, wo der vorige Essay endete.
Jenem Aufbau waren 1913 die Befugnisse zur Prüfung und Eintragung verliehen worden. Über das Streichen schwieg der Text, der ihn dazu ermächtigte. Siebzig Jahre später stand das Internationale Olympische Komitee genau vor diesem Problem: Um Thorpe zurückzuholen, musste es die beiden anderen, die inzwischen im Buch standen, wieder herausnehmen. Das Buch aber konnte nur addieren.
Also erfand es eine Kategorie. Der Begriff des gemeinsamen Siegers erlaubte es, eine Korrektur vollständig durch Addition vorzunehmen: Thorpe kam hinzu, niemand wurde abgezogen. Für die beiden Wettbewerbe von 1912 gab es fortan jeweils zwei Sieger. Ein Ergebnis, das die damalige Wettkampfordnung gar nicht vorgesehen hatte.
Damit war das Problem in den Büchern gelöst. Die Sache selbst war es nicht.
Einem Menschen war seine Leistung aberkannt worden. Die Wiedergutmachung bestand darin, ihm zuzuerkennen, dass er den Sieg mit demjenigen teilen durfte, der an seine Stelle getreten war. Rechnerisch geht das auf. Der Sache nach geht es nicht auf, denn in jenen beiden Wettbewerben hatte es keinen Gleichstand gegeben. Er hatte gewonnen. Die anderen hatten verloren. Die Kategorie des gemeinsamen Siegers wurde für die Grenzen der Buchführung erfunden, nicht für das, was geschehen war.
Bemerkenswert ist, dass diese neue Kategorie mit ihrer Erfindung zu etwas tatsächlich Existierendem wurde. Die späteren Ergebnislisten wiesen für beide Wettbewerbe wirklich je zwei Sieger aus. Wer danach suchte, fand dieses Ergebnis, nicht seine Entstehung. Eine Bezeichnung, die ein Aufbau vorübergehend erfindet, um ein eigenes technisches Problem zu lösen, bleibt in genau derselben Form in den Büchern stehen wie alle anderen Einträge. Nach einiger Zeit lässt sich nicht mehr erkennen, was ursprünglich dazugehört hat und was ein Flicken ist. Auf dieselbe Weise wurde die nachträglich anerkannte Siegerliste im ersten Essay zur Zeit selbst.
Der Fairness halber muss man hinzufügen: Möglicherweise war das damals tatsächlich der einzige Vorschlag, der sich durchsetzen ließ. Den beiden anderen ihre Titel abzuerkennen hätte die Olympischen Komitees zweier weiterer Länder betroffen, siebzig Jahre alte Einträge und zwei Männer, die selbst nichts falsch gemacht hatten. Addition war der Weg des geringsten Widerstands. Und der Weg des geringsten Widerstands ist häufig der einzige, der überhaupt gangbar ist.
Gangbar heißt allerdings noch lange nicht sauber.
8 Die Ermächtigung kommt von außen
Im Juli 2022 kündigte das Internationale Olympische Komitee an, Thorpe als alleinigen Goldmedaillengewinner im Fünfkampf und im Zehnkampf der Olympischen Spiele von Stockholm 1912 zu führen.
Hundertzehn Jahre.
Der Unterschied zu 1983 bestand diesmal in einem einzigen Wort. Und dieses Wort war alles. 1983 hatte man ihn wieder eingesetzt, aber nicht ausschließlich: Er war gemeinsamer Sieger. 2022 stellte man die Ausschließlichkeit wieder her: Er war der einzige Sieger. Anders gesagt: 1983 wurde addiert. 2022 tat dieser Aufbau, was er knapp vierzig Jahre zuvor noch nicht zu tun gewusst hatte.
Wie war die Subtraktion möglich geworden?
Nach Angaben des Internationalen Olympischen Komitees wurde der Schritt durch eine Organisation vorangebracht, die sich beharrlich für die Sache einsetzte, sowie durch die Unterstützung eines IOC-Mitglieds. Die Berichterstattung dazu enthält noch etwas Wichtigeres: Das schwedische Olympische Komitee und Wieslanders noch lebende Angehörige bestätigten, dass Wieslander die Goldmedaille nie angenommen hatte. Für ihn war Thorpe stets der einzig rechtmäßige Sieger gewesen. Von norwegischer Seite gab es zu Bie eine entsprechende Bestätigung.
Die Subtraktion wurde also nicht dadurch möglich, dass dieser Aufbau inzwischen eine neue Befugnis zum Löschen entwickelt hätte. Die Menschen, für die jene beiden Einträge im Buch standen, hatten selbst gesagt: Das gilt nicht.
Das muss genau formuliert werden. Ihre Haltung entfaltete keinerlei rechtlich bindende Wirkung. Das IOC nahm die Änderung auch nicht vor, weil es dazu gezwungen gewesen wäre. Die Bestätigung räumte vielmehr den letzten Widerstand aus dem Weg: Wenn die damals aufgerückte Seite öffentlich erklärte, sie habe diese Ehrung nie angenommen, gab es keinen Grund mehr, auf den sich ein Festhalten am bisherigen Zustand berufen konnte. Der Aufbau brauchte keine Ermächtigung. Er brauchte einen Augenblick, in dem niemand widersprach. Auf einen solchen Augenblick muss man warten. Warten, bis alle Beteiligten bereit sind, denselben Satz zu sagen. Und das lässt sich nur der Zeit überlassen.
Der Aufbau konnte sie nicht aus dem Buch nehmen. Sie gingen selbst hinaus.
Die Gestalt dieses Vorgangs verdient einen genauen Blick, weil sie für die ganze Reihe wichtig ist. Im vorigen Essay war davon die Rede, dass Hinzufügen und Abziehen von Anfang an ungleich schwer sind. Die Belege für das Hinzufügen liegen am Ort des Geschehens vor. Die Belege für das Abziehen sind längst verstreut. Diese Ungleichheit ergibt sich aus der Richtung der Zeit. Hier zeigt sich eine Ausnahme. Möglich ist sie gerade deshalb, weil jemand außerhalb des Verfahrens die ganze Zeit daran gedacht hat. Dass Wieslander die Goldmedaille nicht angenommen hatte, stand in keinem Buch. Es wurde hundertzehn Jahre lang in einer Familie weitergegeben und dann hervorgeholt, als man es brauchte.
Ein Aufbau kann sich nicht selbst korrigieren. Das ist kein Versagen dieses Aufbaus, sondern liegt in seiner Bauweise. Das Verfahren, mit dem er etwas verbindlich feststellt, kann nicht zugleich dazu dienen, diese Feststellung aufzuheben. Sonst hätte nichts Bestand, was er feststellt. Die Aufhebung kann deshalb nur von außen kommen. Ob von außen etwas kommen kann, hängt aber davon ab, ob jemand sich erinnert, ob derjenige noch da ist und ob er bereit ist zu sprechen. Alle drei Bedingungen sind dem Zufall überlassen.
Zurück zu dem Definitionssatz vom Anfang.
Der Satz von 1866 urteilte über einen Menschen. Er griff rückwärts auf dessen ganzes Leben zu, ohne Ausgang, ohne Ablaufdatum. Das Verfahren von 1913 nahm einen Menschen hinter zwei Leistungen weg. Niemand hatte behauptet, diese Leistungen selbst seien falsch. Was er gelaufen, gesprungen und geworfen hatte, war alles noch da. Nur der Name wurde herausgezogen. Genau hier landet der lose Faden aus dem vorigen Essay: Der erste IAAF-Weltrekord im Zehnkampf wurde erst 1922 anerkannt. Nach der damals geltenden Punktetabelle wurde Thorpes Gesamtergebnis von 1912 aber erst 1926 übertroffen. Mehr als ein Jahrzehnt lang gehörte die höchste Zahl einem Menschen, der nicht auf der Liste stand. Die Zahl blieb. Der Mensch wurde entfernt.
Später fiel die Tür von selbst auseinander. 1880 wurde ein Satz gestrichen, 1981 der gesamte Inhalt ausgehöhlt. Anfang der neunziger Jahre bezeichnete das Wort nichts mehr. Als der Name 2022 wieder an seinen alleinigen Platz gesetzt wurde, existierte das Regelwerk, dessen Verletzung man ihm einst vorgeworfen hatte, schon lange nicht mehr.
Diese Reihenfolge wird uns im weiteren Verlauf der Reihe immer wieder begegnen. Zuerst arbeitet der Aufbau und fordert seinen Preis. Anerkannt wird dieser Preis oft erst, nachdem der Aufbau selbst sich verändert hat oder verschwunden ist. Möglich wird die Anerkennung zum Teil gerade deshalb, weil niemand jenes Regelwerk mehr verteidigen muss. Das schmälert ihr Gewicht nicht und macht sie auch nicht unehrlich. Es erklärt lediglich, warum Korrekturen immer so spät kommen: Solange ein Regelwerk noch arbeitet, müssen diejenigen, die es benutzen, den Preis dafür zahlen, dass sie seinen Fehler eingestehen.
Der Maßstab misst noch nicht richtig. Er misst trotzdem weiter.