Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals, für deutschsprachige Leserinnen und Leser geschrieben. Das Original lässt sich auf der Website in vereinfachten und traditionellen chinesischen Schriftzeichen lesen.
Die ersten beiden Essays haben eine These entwickelt: Ob ein Mensch in diesem System etwas Eigenes bewahren kann, hängt davon ab, ob es für ihn einen Ort gibt, den das System ihm nicht selbst zuweist.
„Ein Ort“ klingt bislang aber noch zu leer. Nach einer Adresse, einem Plan B, etwas, wohin man zurückkann, falls es hier nicht mehr weitergeht.
Dieser Essay geht einen Schritt weiter. Es ist nicht nur ein Rückzugsort. Von dort kommt das, was verhindert, dass Maomao restlos in die Währung dieses Systems umgerechnet wird.
Die Narben auf ihren Armen
An beiden Armen hat Maomao überall Narben. Sie hat sie sich selbst zugefügt. Sie erprobt Gifte am eigenen Körper.
Gewöhnlich zeigt sie kaum eine Regung. Sie spricht wenig, begegnet Höhergestellten respektvoll, aber ohne Schmeichelei. Die Kämpfe im Palast interessieren sie nicht. Jinshis Gesicht, über das der ganze Hof redet, löst bei ihr nichts aus. Ihre Stimmung schlägt kaum je aus.
Doch sobald sie ein unbekanntes Gift oder ein noch nicht erprobtes Arzneimittel entdeckt, wird sie ein anderer Mensch. Die Augen leuchten, sie rückt näher, fragt ohne Unterlass und versucht, eine kleine Menge für einen Versuch zu ergattern.
Die Serie spielt diese Verwandlung als Komik aus. Sie ist einer ihrer häufigsten Witze.
Zugleich ist das die einzige Stelle an Maomao, an der sie sich nicht schützt. Im ersten Essay ging es darum, dass sie sich im Hinterpalast als Erstes unsichtbar macht. Sobald diese Begeisterung einsetzt, fällt die ganze Tarnung ab. Ihr Gesicht verändert sich, ihre Stimme auch, sie drängt sich heran, und alle um sie herum sehen es.
Sie kann sich selbst nicht bremsen.
In dieser Ordnung steht dafür ein Minus
Rechnen wir einmal nach. An dieser Rechnung hängt der Essay. Was bringen ihr die Giftversuche ein?
Keinen Aufstieg. Damit lässt sich im Hinterpalast keine Stellung erwerben. Ihr Wissen über Arzneien hilft ihr durchaus, aber befördert wird sie, weil sie bestimmte Fälle löst, nicht wegen der Narben auf ihren Armen.
Sie sichern ihr auch nicht das Leben. Im Gegenteil: Bei ihren Versuchen ist schon einiges schiefgegangen. Sie hat sich vergiftet und ist zusammengebrochen.
Geld bringt es keines. Sie macht sich damit bei niemandem beliebt. Ihr Adoptivvater hat ihr deswegen Vorhaltungen gemacht.
Im Rechnungsbuch dieser Ordnung hat die Sache einen negativen Wert. Und sie betreibt diese Versuche seit vielen Jahren.
Ein Maßstab
Daraus lässt sich ein sehr handfester Maßstab gewinnen:
Wer wissen will, wie viel einem Menschen innerhalb einer Ordnung noch selbst gehört, muss fragen, ob er irgendetwas tut, mit dem diese Ordnung nichts anfangen kann.
Lässt sich jede seiner Handlungen in Stellung, Mittel oder Ansehen umrechnen, bleibt zwischen ihm und der Ordnung kein Spielraum. Alles, was er tut, baut an ihr weiter.
Gibt es aber etwas, das sich nicht umrechnen lässt, dann ist genau das der Spielraum.
Maomaos Narben sind so etwas.
Das ist nicht einfach aus ihr selbst gewachsen
Hier kommt der eigentliche nächste Schritt dieses Essays. Er verbindet die erste mit der zweiten Hälfte der Reihe.
Was für diese Ordnung „nutzlos“ ist, hat Maomao nicht selbst erfunden. Jemand hat es ihr beigebracht.
Luomen
Luomen ist Eunuch und ehemaliger Hofarzt. Heute führt er eine kleine Apotheke im Vergnügungsviertel. Er hat Maomao großgezogen, ihr beigebracht, Arzneien zu erkennen und zuzubereiten, Kranke zu behandeln und über ein Problem nachzudenken.
Sein Knie trägt die Spuren einer schweren Strafe. Früher arbeitete er im Palast. Dort geschah etwas, und die Strafe traf ihn: Man entfernte ihm die Kniescheibe.
Seither muss er sich beim Gehen abstützen. Er geht langsam und kommt nicht weit. Der Anime zeigt das: sein Hinken, wie er Halt sucht. Ganz beiläufig, ohne Nahaufnahme, ohne Musik.
Und er hat nicht aufgehört.
Er praktiziert weiter. Im Vergnügungsviertel behandelt er die Menschen, die Prostituierten, die Armen. Er verlangt wenig Geld oder gar keines. Er bildet andere aus.
Genommen hat man ihm das Gehen. Seine Hände sind noch da.
Das ist kein Mutmachspruch. Es ist eine nüchterne Unterscheidung. Eine Strafe kann einem Menschen eine bestimmte Fähigkeit nehmen, aber nicht alles. Es sei denn, sie zielt von Anfang an auf alles.
Draußen liegt also eine Quelle
Stellt man Luomen neben Maomao, wird der Gedankengang dieses Essays vollständig. Was Maomao besitzt und diese Ordnung nicht brauchen kann, hat Luomen ihr gegeben.
Das, was an einem Menschen nicht in die Währung einer Ordnung umgerechnet werden kann, entsteht gewöhnlich nicht aus dem Nichts. Es wird von anderswo mitgebracht. Und dort gibt es Menschen.
Damit wird aus „draußen“, einem scheinbar geografischen Begriff, etwas Greifbares.
Maomaos Draußen erschöpft sich nicht im Wort „Vergnügungsviertel“. Es besteht aus einem Menschen, der sie unterrichtet hat, einem Handwerk, das sie beherrscht, ihrer eigenen Art, über Dinge nachzudenken, und einem Platz, der noch auf sie wartet.
Das alles lässt sich mitnehmen. Maomao ist im Hinterpalast. Diese Dinge sind bei ihr.
Deshalb kann die Ordnung sie nur begrenzt beherrschen. Es liegt nicht an ihrer Willensstärke. Es liegt daran, dass sie nicht mit leeren Händen gekommen ist.
Von der anderen Seite gesehen
Die Kehrseite dieses Satzes ist die kälteste Stelle des Essays.
Die Frauen im Hinterpalast, denen ein Draußen fehlt, sind nicht zu wenig standhaft. Sie sind mit leeren Händen gekommen.
Was kann ein Mädchen mitbringen, das als kleines Kind hierhergeschickt wird? Was trägt die Tochter einer vornehmen Familie bei sich, die abgeschirmt und nach allen Regeln erzogen wurde, das nicht schon in die Währung dieser Ordnung übersetzt werden kann?
Der Unterschied zwischen ihnen und Maomao liegt nicht im Willen. Er liegt im Gepäck.
Und dafür kann ihnen niemand einen Vorwurf machen. Ob jemand etwas mitbringen kann, hängt davon ab, ob ihm vorher jemand etwas gegeben hat.
Was ist das Vergnügungsviertel?
Zum Schluss müssen wir etwas vorwegnehmen, das wir nach dem nächsten Essay brauchen werden.
Die Serie zeichnet das Vergnügungsviertel nicht als einen warmen, geborgenen Ort.
Dort werden Frauen verkauft. Die Prostituierten im Grünspanhaus werden verkauft und gekauft, mit Preisen nach Rang versehen. Die drei gefeierten Kurtisanen Pairin, Joka und Meimei kennt Maomao seit ihrer Kindheit. Sie sind gut zu ihr. Ihre Lage bleibt dennoch klar: Was geschieht, wenn sie alt werden, wenn sie krank werden, wenn niemand sie freikauft, all das zeigt der Anime.
Dort führt Luomen seine Apotheke. Dort wächst Maomao auf.
Der Ort, der sie ausstattet, ist selbst ein Ort, an dem Menschen verkauft werden.
Der Satz bleibt vorerst stehen. Im fünften Essay kommen wir auf ihn zurück.
Im Zentrum dieser Ordnung steht ein Mann. Er besitzt Macht, Rang und ein Gesicht, das bei allen wirkt. Und er hat kein Draußen.
Von ihm handelt der nächste Essay.
Grundlage dieser Lektüre sind die ersten beiden Staffeln der Fernsehserie mit insgesamt 48 Folgen (2023–2025). Die Serie beruht auf den Romanen von Natsu Hyuga; die ursprünglichen Figurenentwürfe stammen von Touko Shino, die Animation von OLM / TOHO animation STUDIO. Die dritte Staffel beginnt am 2. Oktober 2026. Der Original-Kinofilm, dessen Geschichte auf einem Entwurf der Romanautorin Natsu Hyuga beruht, kommt am 11. Dezember 2026 ins Kino. Beide bleiben für die vorliegende Argumentation unberücksichtigt; die Romanreihe wird weiterhin fortgesetzt.