Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Für deutschsprachige Leser eigenständig nach dem chinesischen Original neu gefasst. Das Original bietet vereinfachte und traditionelle chinesische Schrift auf derselben Seite.
Ein Aufklärungsboot. Drei Zentradi-Soldaten.
Ihr Auftrag: sich der Festung nähern und Informationen sammeln.
Dabei fangen sie eine interne Sendung des Schiffes auf.
Übertragen wird ein Schönheitswettbewerb.
Was da zu sehen ist
Wir müssen uns genau ansehen, was dort geschieht.
In dieser Festung sitzen Zehntausende Menschen. Man hat sie bis in die Nähe der Plutobahn geschleudert, sie kommen nicht nach Hause und können jederzeit abgeschossen werden. Trotzdem müssen sie dort leben.
Also tun sie, was Menschen unter solchen Umständen tun: Sie machen aus dem Inneren eine Stadt. Sie eröffnen Läden, gehen zur Schule und zur Arbeit, organisieren Veranstaltungen.
Eine davon ist die Wahl zur „Miss Macross“. Eine Bühne, Scheinwerfer, ein Moderator, Publikum. Ein Mädchen tritt auf und singt ein Stück.
Militärisch hat die Veranstaltung keinerlei Sinn. Sie erhöht die Kampfkraft nicht, verbessert keine Kennziffer, bringt kein strategisches Ziel näher. Menschen, die festsitzen, haben sich etwas gesucht, mit dem sie ihre Zeit verbringen können.
Und genau das fangen drei Zentradi-Soldaten auf, die militärische Informationen sammeln sollen.
Der Zufall ist wichtig. Niemand hat dafür gesorgt, dass sie das sehen. Bei einer militärischen Tätigkeit stoßen sie unbeabsichtigt auf eine Unterhaltungssendung aus dem Schiffsinneren.
Die erste Begegnung eines Volkes mit einer ihm fremden Kategorie ereignet sich als Nebenprodukt einer Aufklärungsmission.
Was die drei erkennen
Ihre Reaktion gehört zu den wichtigsten Minuten der ganzen Geschichte.
Sie verstehen es nicht.
Damit ist nicht gemeint, dass sie es seltsam oder unangenehm finden. In ihrem Verarbeitungssystem fehlt die Kategorie dafür. Sie sehen Menschen etwas tun und können nicht bestimmen, was diese Tätigkeit ist.
Sie haben kein Wort für Unterhaltung, keines für Darbietung. Sie kennen diesen Gebrauch von „schön“ nicht. Dass Menschen zusammenkommen, um einem anderen Menschen zuzusehen, und dieses Zusehen bereits der Zweck ist: Dafür fehlt ihnen der Begriff.
Sie erkennen nur: Da tun Leute etwas. Es ist ihnen sehr wichtig. Und es ist kein Krieg.
In ihrem System bedeuten „sehr wichtig“ und „Krieg“ aber dasselbe.
Ihnen bleibt also nur ein Schluss: Das muss eine unbekannte Waffe sein.
In ihrer Sprache ist kein anderer Schluss möglich. Etwas versammelt Menschen, versetzt sie in Aufregung, beansprucht die Aufmerksamkeit eines ganzen Schiffes und ist trotzdem keine Waffe? Diese Kombination existiert in ihren Kategorien nicht.
Wie sie es nennen
Später nennen sie diese ganze Klasse von Dingen „Kultur“.
Das Wort wird in dieser Geschichte auf ungewöhnliche Weise gebraucht. Es meint nicht einfach das, was wir gewöhnlich darunter verstehen: Kunst, Tradition oder die Lebensweise eines Volkes.
Für die Zentradi ist es ein Etikett auf einem Sortierfach: Alles, was wir nicht verstehen, dem die anderen aber großes Gewicht geben, gehört hier hinein.
So landen in der Schublade „Kultur“ lauter Dinge, die miteinander zunächst nichts zu tun haben: Singen, Küssen, Kochen, eine Puppe im Arm halten, der Streit zweier Menschen, die Traurigkeit eines Menschen um einen anderen.
Untersucht wird all das wie eine Waffe: analysieren, protokollieren, den Wirkmechanismus ermitteln, die Gefährdung einstufen.
Ihr erstes Dossier über Kultur ist ein waffentechnischer Untersuchungsbericht.
Aus ihrer Sicht ist das nicht absurd, sondern die einzig gangbare Vorgehensweise. Wenn ein System auf etwas trifft, das es nicht einordnen kann, greift es zur nächstliegenden vorhandenen Kategorie. Ihnen steht nur eine zur Verfügung.
Dass sie zur falschen Schublade greifen, ist nicht ihre Schuld. Sie haben nur diese eine.
Was aus dem Aufklärungsboot wird
Später wird das Boot der drei abgeschossen.
Von Hikaru Ichijo.
Die drei retten sich, doch ihre Aufzeichnungen gehen verloren. Sie können also keine Bilder vorlegen, nur mündlich berichten. Mit Britai müssen sie zum Oberkommandierenden und in Worte fassen, was sie gesehen haben.
Es lohnt sich, diese Szene genau anzusehen: Drei Soldaten, die nur in militärischen Begriffen sprechen können, sollen einem Vorgesetzten, der nur militärische Begriffe versteht, einen Schönheitswettbewerb beschreiben.
Es gelingt ihnen nicht.
Doch gerade ihr Unvermögen wird zur Nachricht. Die oberste Führung erfährt dadurch, dass es etwas gibt, für das ihre Sprache keine Beschreibung bereithält.
Warum das Lied wirkt
Kommen wir zum berühmtesten Vorgang dieser Geschichte. Dieser Abschnitt soll vor allem einer bestimmten Lesart vorbeugen.
Später, in der Entscheidungsschlacht, spielen die Menschen der gesamten gegnerischen Flotte Lynn Minmays Gesang vor. Die Flotte gerät durcheinander. Die Menschen nutzen die Unterbrechung und zerstören das Flaggschiff.
Leicht wird daraus eine Geschichte, in der Liebe und Frieden den Feind bekehren.
So erklärt die Serie die Wirkung nicht.
Hier wird niemand bekehrt. Ein System, dem eine bestimmte Kategorie fehlt, reagiert auf eine Eingabe, die außerhalb seiner Kategorien liegt.
Die Soldaten sind nicht erst gerührt und beschließen dann, nicht mehr zu kämpfen. Sie stoßen auf etwas, für das ihr Ablauf keinen passenden Verarbeitungsschritt enthält. Also bleibt der Ablauf selbst hängen.
Die Serie beschreibt den Zustand als „Verwirrung“, nicht als „Ergriffenheit“.
Sieht ein Mensch etwas Unverständliches, hält er kurz inne und denkt darüber nach. Trifft ein System, das nur den Kampf als Verarbeitungsweise kennt, auf so etwas, kommt es als Ganzes zum Stillstand. Denn den Schritt „darüber nachdenken“ gibt es darin nicht. Es kennt nur „ausführen“ und „nicht ausführen können“.
Und sie weiß nicht, was sie tut
Noch etwas muss hier festgehalten werden. Die folgenden Essays bauen darauf auf.
Lynn Minmay weiß von Anfang bis Ende nicht, was sie da eigentlich tut.
Sie ist ein Mädchen von einer kleinen südlichen Insel. Sie kommt auf dieses Schiff, nimmt an einem Schönheitswettbewerb teil, gewinnt und beginnt eine Karriere als Sängerin. Sie möchte berühmt werden, singt gern und genießt es, dass man sie mag.
Ihr Verhältnis zum Krieg beschreibt die Serie ungefähr so: Er ist für sie ein Stück weit die Angelegenheit anderer Leute.
Sie widmet sich keiner Antikriegsbewegung. Sie singt nicht, um irgendetwas zu retten. Sie ist ein Mädchen, das singt. Und ihr Gesang trifft zufällig genau die Stelle, an der er eine ganze Flotte zum Stillstand bringen kann.
Sie weiß weder, was sie damit bewirkt, noch, warum es funktioniert.
Alle anderen machen sich das zunutze: das Militär, die Führung, später die Geschichtsschreibung.
Dass Minmays Lieder schließlich in einen Operationsplan eingehen, erlaubt keinen Rückschluss darauf, sie hätte von Anfang an für den Krieg gesungen. Die militärische Führung versteht ihre Wirkung im gegnerischen System. Für die Sängerin bleibt eine andere Frage offen: Was bedeutet das Ganze für sie selbst?
Die drei Kundschafter, die als Erste von dieser Lebensweise verändert werden, beantragen anschließend, ihre Körper verkleinern zu lassen, um sich selbst in die Stadt einzuschleusen. Dort erwartet sie kein Unterricht über Zivilisation. Sie bleiben in einem Alltag, den niemand eigens für sie aufführt.