Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
← Revolutionary Girl Utena lesen
5 / 5

Sie geht selbst hinaus

Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung · 2026-10-09

Über diese Ausgabe

Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals, das auf der Quellseite in vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen vorliegt. Dialogpassagen sind eigene sinngemäße Wiedergaben, keine Zitate einer deutschen Synchron- oder Untertitelfassung.

Folge neununddreißig.

Das Duell ist vorbei. Die Schule kehrt zum Alltag zurück.

Die Mitglieder des Schülerrats leben weiter wie bisher. Unterricht, Arbeitsgemeinschaften, Gerede auf den Fluren. Nichts hat sich verändert.

Und die Schüler beginnen, Utena Tenjou zu vergessen.

Sie weigern sich nicht, über sie zu sprechen. Es ist ihnen auch nicht verboten worden. Sie vergessen sie. Jemand erwähnt ihren Namen, und die anderen wissen nicht mehr, wer das ist.

Die Serie zeigt ein paar kurze Ausschnitte: Schüler unterhalten sich, stocken mitten im Gespräch und wechseln dann das Thema. Niemand findet etwas daran.

Bei Akio

Akio Ohtori sitzt im Büro des Vorsitzenden und schreibt Briefe.

Briefe an die Duellanten, unterzeichnet mit „Das Ende der Welt“. Er bereitet die nächste Runde vor.

Während er schreibt, sagt er sinngemäß: Am Ende hat sie es doch nicht geschafft, eine Revolution auszulösen. Das Spiel nach den Regeln des Rosensiegels wird noch einmal von vorn begonnen.

Gemessen an dem, was Akio als Erfolg gelten lässt, stimmt das.

Das System besteht weiter. Er ist noch da. Seine Methode hat sich kein bisschen geändert. Was er wollte, hat er nicht bekommen. Nun will er es erneut versuchen.

Was Anthy sagt

Anthy steht neben ihm und sagt ein paar Sätze.

Sinngemäß diese:

Du hast nicht einmal begriffen, was geschehen ist.

Lass nur. Spiel in deinem bequemen Sarg ruhig weiter den Prinzen.

Dann legt sie ihre Brille auf den Schreibtisch.

Und sie sagt: Sie ist nicht verschwunden. Sie ist nur aus deiner Welt verschwunden.

Dann verlässt sie das Büro.

Was das für Sätze sind

Hier liegt die erste These dieses Essays.

Was Anthy in den achtunddreißig Folgen zuvor gesagt hat, lässt sich grob in zwei Gruppen einteilen: Reaktionen beim Befolgen eines Befehls und Antworten, die keine Antwort geben.

Diese Sätze gehören zu keiner der beiden Gruppen.

Zum ersten Mal lässt die Serie sie so unmissverständlich den Platz zurückweisen, den ihr Bruder ihr zugedacht hat.

Und was sie sagt, hat Schärfe. Sie urteilt über ihn: Du weißt nicht, was geschehen ist. Sie benennt, was er tut: Du spielst in einem Sarg. Sie teilt ihm etwas mit, das er nicht weiß: Dieser Mensch ist nur aus deiner Welt verschwunden. Dann geht sie.

Auch der Griff zur Brille verdient einen eigenen Blick. Sie gehört zu Anthys Identität in dieser Rolle. Sie hat sie immer getragen. So sah die Schülerin „Anthy Himemiya“ aus.

Sie legt sie auf den Schreibtisch.

Die Serie zeigt das beiläufig. Nach einer Sekunde ist die Bewegung vorbei. Die Musik setzt keinen Akzent darauf.

Am Tor

Danach folgt das letzte Bild der Serie.

Anthy steht am Schultor.

Sie hat sich umgezogen: rosafarbene Kleidung, eine weiße Baskenmütze. Keine Schuluniform. Nicht das Gewand der Rosenbraut.

Sinngemäß sagt sie: Diesmal bin ich dran. Wo du auch bist, ich werde dich finden. Warte auf mich, Utena.

Dann macht sie einen Schritt und geht hinaus.

Beides ist wahr

Damit kommen wir zum entscheidenden Punkt dieses Essays.

Utena ist gescheitert.

Sie hat das System nicht besiegt, Anthy nicht gerettet, ist kein Prinz geworden und konnte nicht einmal sich selbst schützen. Akios Satz, sie habe am Ende doch keine Revolution zustande gebracht, trifft wörtlich genommen zu.

Und Anthy ist hinausgegangen.

Beides ist wahr. Die Serie stellt beides in dieselbe Folge, ohne eine Erklärung dazwischenzuschieben.

Keine Erzählerstimme erläutert den Zusammenhang. Keine Figur tritt auf und erklärt, Utena sei also in Wahrheit doch erfolgreich gewesen. Keine Rückblende weist eigens auf Ursache und Wirkung hin.

Die Serie lässt diese beiden Dinge einfach in dieser Reihenfolge geschehen. Dann ist sie zu Ende.

Das Tor

Eines allerdings lässt sich überprüfen.

Am Schluss des vorigen Essays stand: Vor Utena war das Tor geschlossen. Nach ihr war es offen.

Sie hat es mit beiden Händen aufgezwungen. Selbst hineingelangen konnte sie nicht.

Niemand kann für einen anderen Menschen durch dieses Tor hinausgehen.

Das ist keine Lebensweisheit, sondern ein Sachverhalt, den diese neununddreißig Folgen vorgeführt haben. Über dreißig Folgen lang hat Utena alles Mögliche versucht: gut zu Anthy sein, ihr Freiheit geben, ihr sagen, sie müsse nicht gehorchen und sei nicht ihr Eigentum. Nichts davon hat funktioniert. Der zweite Essay hat den Grund benannt: Auch diese Worte waren für Anthy Befehle.

Was Utena zuletzt tut, ist weder Überreden noch Gewähren noch Retten.

Sie zwingt ein Tor auf. Dann streckt sie die Hand aus.

Was geschehen wird, wenn dieses Tor offen steht, entscheidet sie nicht. Und es geschieht auch nicht mehr vor ihren Augen.

Akio weiß es nicht

Ein letzter Punkt.

Akio weiß bis zum Ende nicht, was geschehen ist.

Er sitzt in seinem Büro, schreibt Briefe, bereitet die nächste Runde vor und sagt, es werde noch einmal von vorn begonnen.

Doch das entscheidende Bauteil hat er schon nicht mehr.

Er hat noch die Regeln, das Tor, die Ringe, die Briefe. Er hat nicht mehr den Menschen, der immer an seinem Platz geblieben war.

Das weiß er nicht. Wenn er sagt, es gehe noch einmal von vorn los, sagt er die Wahrheit. Gemessen an den Informationen, über die er verfügt, verhält es sich tatsächlich so.

Die Serie zeigt nicht den Augenblick, in dem er es merkt. Sie gibt ihm keinen bestürzten Gesichtsausdruck, lässt ihn niemandem nachlaufen und verhängt auch sonst keine Strafe über ihn.

Sie lässt ihn einfach weiter seine Briefe schreiben.

Was am Ende nebeneinandersteht

Hier endet diese Essayreihe.

Zum Schluss noch einmal einige Dinge nebeneinander, ohne etwas dazwischenzusetzen.

Ein Duellsystem mit ausdrücklich festgelegten Regeln, das schon ungezählte Runden durchlaufen hat. Wer gewinnt, darf einen Menschen mitnehmen. Dieser Mensch gehorcht ohne Einschränkung.

Ein Mensch, der so lange auf diesem Platz geblieben ist, dass die Frage „Will ich das überhaupt?“ bei ihm gar nicht mehr gestellt wird.

Ein Mädchen gerät unvermutet in all das hinein. Über dreißig Folgen lang versucht es, die andere zu befreien. Schließlich zwingt es mit beiden Händen ein Tor auf und streckt die Hand aus. Anthy herauszuziehen gelingt ihm nicht. Doch die geöffnete Tür ist nicht nichts.

Ein Mann, der im Büro des Vorsitzenden Briefe schreibt und sagt, es gehe noch einmal von vorn los.

Und am Schultor ein Mensch, der sich umgezogen hat und einen Schritt macht.

Wie das zu nennen ist, sagt die Serie nicht.

Gegenstand dieser Reihe ist die 39-teilige Fernsehserie Revolutionary Girl Utena von 1997. Der Kinofilm von 1999 ist nicht Teil dieser Lektüre.