Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals, das auf der Quellseite in vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen vorliegt. Dialogpassagen sind eigene sinngemäße Wiedergaben, keine Zitate einer deutschen Synchron- oder Untertitelfassung.
Folgen achtunddreißig und neununddreißig.
Utena und Anthy sind vor dem Rosentor angekommen.
Sie halten einander an den Händen, ganz fest.
Dann erscheint Akio Ohtori.
Was er ihr sagt
Utena fragt ihn, was es mit diesen Duellen auf sich hat und was er damit bezweckt.
Seine Antwort geht an ihren Fragen vorbei.
Sinngemäß sagt er: In dieser Welt findet ein Mädchen sein Glück nicht darin, ein mutiger Prinz zu werden. Es findet sein Glück darin, eine Prinzessin zu sein.
Dann greift er nach Utenas Brust und zieht das Schwert heraus.
Sie nimmt die Gestalt einer Prinzessin an.
Er sagt: Der Prinz bin ich. Die Prinzessin bist du.
Er sagt es sanft. Er droht ihr nicht, drängt sie nicht, erpresst sie mit nichts. Er bietet ihr einen Platz an. Nach seiner eigenen Darstellung sogar den besten, den es gibt.
In diesem Augenblick ist Anthy fort
Kaum hat er das ausgesprochen, ist Anthy nicht mehr an Utenas Seite.
Utena dreht sich um und sucht sie.
Anthy liegt auf den Stufen, in anderer Kleidung, vor Schmerzen zusammengekrümmt.
Utena fragt: Was wird aus Himemiya?
Akio antwortet: Sie ist die Rosenbraut. Das war sie immer.
Er liefert die gesamte Rollenverteilung
Hier liegt die These dieses Essays.
In Akios Satz steckt eine vollständige Verteilung der Plätze:
Prinz: er selbst.
Prinzessin: Utena.
Rosenbraut: Anthy. Für immer.
In dieser Anordnung hat jeder seinen Platz. Und er ist es, der die Plätze verteilt.
Dabei fällt etwas auf: Er setzt diese Verteilung nicht mit Gewalt durch. Er fesselt niemanden, bedroht niemanden. Er setzt jeden auf einen Platz, der sich plausibel begründen lässt, und überlässt die Ordnung dann ihrem eigenen Lauf.
Utenas Platz verdient besondere Aufmerksamkeit. Er verhängt keine Strafe über sie. Er räumt ihr ein Vorrecht ein: Prinzessin sein, geliebt werden, für immer im Schloss leben. Gemessen an seiner Lehre vom „Glück der Mädchen“ ist das die beste verfügbare Stufe.
Er gibt ihr einen der oberen Plätze in diesem System. Doch er tut dabei genau dasselbe wie bei der Zuweisung von Anthys Platz.
Dieselbe Person nimmt die Verteilung vor. Ihr liegt dieselbe Vorstellung davon zugrunde, was jeder Mensch zu sein hat.
Ein Feld für die Frage „Will dieser Mensch das selbst?“ gibt es in dieser Vorstellung nicht. Akio misst ihr nicht bloß wenig Gewicht bei. Er stellt sie überhaupt nicht. In seiner Erzählung vom Glück der Mädchen gilt sie längst als beantwortet.
Der Stich in den Rücken
Was nun geschieht, gehört zum Schwerverdaulichsten in dieser Serie.
Utena nimmt den angebotenen Platz nicht an. Sie will das Tor öffnen.
Da sticht Anthy ihr von hinten in den Rücken.
Mit diesem Schwert.
Mehr als eine Wendung der Handlung
Hier muss genau benannt werden, was für eine Szene das ist. Nichts liegt näher, als sie als Verrat zu lesen.
Doch mit dem Wort „Verrat“ ist diese Wendung nicht erklärt.
Anthy selbst bezeichnet später ihr Verhalten als Verrat und gesteht, Utenas Unbefangenheit ausgenutzt zu haben. Man kann den Stich also nicht so beschreiben, als hätte eine Hand ohne handelnden Menschen dahinter nur ein Programm ausgeführt.
Im selben Augenblick kehrt sie jedoch auch an den Platz der Rosenbraut zurück, den sie an Akios Seite immer wieder einüben musste und an dem sie immer wieder festgehalten wurde.
Der Stich ist ihre Handlung. Zugleich muss die Rollenordnung im Bild bleiben, die diese Handlung geformt hat.
Wer sie als jemanden beschreibt, der sich frei für den Verrat entscheidet, lässt die Maschine verschwinden. Wer sie als jemanden beschreibt, der nur Befehle ausführen kann, lässt Anthy selbst verschwinden. Die Serie lässt beides bestehen. Und die Klinge dringt wirklich in Utenas Körper ein.
Trotzdem öffnet sie das Tor
Verletzt kriecht Utena auf das Tor zu.
Wie sie es öffnet, zeigt die Serie ganz konkret. Sie versucht, es mit den Händen aufzuzwingen. Fingernägel, Handflächen, Blut. Das Tor ist eine geschlossene Fläche, ohne Griff, ohne Mechanismus. Sie arbeitet nur mit ihren beiden Händen daran.
Sie bekommt es auf.
Hinter dem Tor
Hinter dem Tor liegt ein Sarg.
Anthy ist darin.
Die Serie zeigt dieses Bild: ein Mensch, zusammengekauert in einem geschlossenen Raum. Ganz allein.
Es ist im späteren Teil der Serie mehr als einmal zu sehen. So sieht der Platz aus, den Anthy innehat.
Utena streckt die Hand hinein.
Sie ruft Anthys Namen. Sie versucht, ihre Hand zu erreichen.
Sie kann Anthy nicht herausziehen
Sie kann Anthy nicht aus dem Sarg ziehen.
Die Schwerter, jene Million Schwerter, wenden sich gegen Utena. Ihre ausgestreckte Hand hat die Rettung nicht vollendet.
Hier endet die Sequenz in der Duellarena, ohne uns Utenas weiteres Schicksal eindeutig zu zeigen. Es gibt keinen sicheren Rückweg für die beiden, keine abgeschlossene Rettung. Erst der folgende Alltag macht sichtbar, was trotz dieses Scheiterns anders geworden ist.
Was ihr gelingt und was nicht
Zum Schluss soll die Bilanz dieses Geschehens festgehalten werden. Ohne Kommentar.
Was Utena nicht gelingt:
Sie besiegt das Duellsystem nicht. Akio ist noch da. Das System ist noch da.
Sie kann Anthy nicht aus dem Sarg ziehen. Die Rettung bleibt unvollendet.
Sie wird kein Prinz. Jemand hat ihr ins Gesicht gesagt, dass sie es nicht könne: Sie sei ein Mädchen und habe keine Macht. Nach Akios Maßstab ist sie gescheitert: Sie hat seine Ordnung nicht im Duell besiegt. Doch dieser Maßstab entscheidet nicht schon, was ihre Tat für Anthy bedeutet.
Nicht einmal sich selbst hat sie in Sicherheit gebracht.
Und was ihr gelingt:
Sie zwingt das Tor mit den Händen auf.
Vor ihr war dieses Tor geschlossen. Nach ihr steht es offen.
Das ist ein physischer Sachverhalt, keine Redensart.
Nachdem das Tor offen steht, tut Anthy etwas.
Darum geht es im letzten Essay.
Gegenstand dieser Reihe ist die 39-teilige Fernsehserie Revolutionary Girl Utena von 1997. Der Kinofilm von 1999 ist nicht Teil dieser Lektüre.