Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Sie ändert die Regel

Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung · 2026-10-09

Über diese Ausgabe

Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals. Der Originaltext lässt sich auf der Website in vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen lesen.

Madoka Kaname geht zu Kyubey und sagt, sie wolle sich etwas wünschen. Kyubey freut sich. Darauf hat es ganze zwölf Folgen lang gewartet. Was sie sich wünsche, fragt es.

Dieser Wunsch

Madokas Wunsch lautet sinngemäß: Ich will alle Hexen auslöschen, bevor sie entstehen. Jede einzelne, mit meinen eigenen Händen.

Kyubey stockt. Ob sie wirklich zu einer Gottheit werden wolle, fragt es.

Madokas Antwort lässt sich so wiedergeben: Eine Gottheit oder sonst etwas, das spielt keine Rolle. Ich will nicht, dass die weinen müssen, die gegen Hexen gekämpft und an Hoffnung geglaubt haben. Sie sollen bis zuletzt lächeln können. Die Regel, die ihnen das verwehrt, werde ich zerbrechen und verändern. Das ist mein Wunsch. Mein Gebet. Erfülle es, Kyubey.

Ihr Wunsch gilt keinem einzelnen Ergebnis

Damit kommen wir zum ersten entscheidenden Unterschied. Die früheren Wünsche zielten alle auf ein Ergebnis: eine Hand heilen, Menschen zur Predigt bringen, das eigene Leben retten, eine Begegnung noch einmal erleben. Etwas sollte in der Welt hinzukommen oder wegfallen. Die Welt selbst würde nach denselben Regeln weiterlaufen.

Madokas Wunsch aber gilt nicht einem Ergebnis. Er gilt einer Regel.

Sie wünscht sich nicht einfach, Sayaka zu retten. Nicht, dass Homura aufhören kann, immer wieder neu anzufangen. Nicht den Sieg über Walpurgisnacht.

Sie sagt: Dass Magical Girls zu Hexen werden, soll nicht mehr geschehen. Nirgendwo. Nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft, in keinem Universum. Dieser Wunsch löst keinen einzelnen Fall. Er tauscht die Funktionsweise des Ganzen aus.

Was sie dafür bezahlt

Kyubey erklärt den Preis. Es ist die geradlinigste Rechnung der ganzen Serie. Sinngemäß sagt es: Wer eine Hoffnung verwirklicht, die der Erschaffung eines Universums gleichkommt, bringt damit eine Verzweiflung hervor, die einem Universum ein Ende setzen kann. Ganz selbstverständlich.

So groß ihr Wunsch ist, so groß ist der Fluch, den sie tragen muss.

Madoka sagt ebenso deutlich, was sie damit tun wird. An die Mädchen gerichtet erklärt sie, sie würden niemanden verfluchen und kein Unheil mehr anrichten. Alle karmischen Folgen werde sie selbst tragen. Die gesamte Rechnung lässt sie auf ihren eigenen Namen schreiben.

Was dieser Preis bedeutet

Der Wunsch erfüllt sich. Das Universum wird neu geschrieben. Was aus Madoka selbst wird, erklärt Kyubey in einer Aussage, auf die die Serie zuläuft. Ihr Leben habe weder Anfang noch Ende. Sie existiere nur noch als Begriff. Sie gehöre diesem Universum nicht mehr an.

In der neu geschriebenen Welt gibt es Madoka Kaname nicht.

Ihre Mutter weiß nicht mehr, dass sie eine Tochter dieses Namens hatte. Ihr kleiner Bruder zeichnet sie noch und sagt „Madoka“. Die Erwachsenen halten sie für eine erfundene Freundin. Auch die Mutter empfindet beim Namen nur eine unerklärliche wehmütige Vertrautheit. Madokas Zimmer ist nicht mehr ihr Zimmer. Es gibt in dieser Welt keinen Geburtstag, keine Fotos, keine Lebensaufzeichnungen, die sich mit den Erinnerungen anderer abgleichen ließen.

Nur Homura Akemi behält die vollständige Erinnerung und kann von ihr als einer tatsächlich geschehenen Geschichte erzählen.

Was Madoka wollte, ist gelungen. Der Preis dafür ist, dass außerhalb von Homuras Erinnerung niemand ihre Tat als gemeinsame Geschichte bezeugen kann.

Und doch kein glückliches Ende

Hier liegt der wichtigste Punkt dieses Essays. Denn nur zu leicht ließe sich daraus ein strahlendes Ende machen. Doch auch die neu geschriebene Welt ist keine Welt ohne Opfer.

Es gibt weiterhin Magical Girls. Sie kämpfen noch immer, nun gegen Dämonen, die aus den Flüchen der Menschen entstanden sind. Sie sterben weiterhin. Ist ihre Kraft aufgebraucht, verschwinden die Seelensteine, und mit ihnen verschwinden die Mädchen. Der Vertrag bleibt, der Preis bleibt, der Tod bleibt.

Madoka schafft das nicht ab. Sie schafft seinen bisherigen Schluss ab.

Früher: Ein Mädchen wünscht sich etwas, kämpft, verzweifelt, wird zur Hexe und vom nächsten Mädchen getötet.

Jetzt: Ein Mädchen wünscht sich etwas, kämpft, verbraucht seine Kraft und verschwindet. Madoka kommt, um es abzuholen.

Die Mädchen werden nicht länger zu dem, was sie selbst einmal bekämpft haben. Diese eine Regel hat sich geändert.

Kyubey macht weiter wie bisher

Eines muss außerdem gesagt werden. Sonst wäre dieser Essay unehrlich: Kyubey ist noch da.

Es betreibt sein Geschäft weiter, schließt Verträge mit Mädchen, beantwortet jede Frage und versteht nichts. Die Methode der Energiegewinnung hat sich geändert; eingestellt hat es seine Arbeit keinen einzigen Tag. Es kommt sogar gut zurecht. Das neue System ist für Kyubey bloß eine Anpassung der Parameter.

Am Ende schickt die Serie niemanden, der mit Kyubey abrechnet. Es wird weder besiegt noch vertrieben noch überzeugt. Eine Regel des Systems wurde geändert. Diejenigen, die es betreiben, behalten ihre Rolle — auch wenn die neue Energiegewinnung weniger ergiebig ist.

Fünf Wünsche

Hier endet diese Essayreihe. Zum Schluss die fünf Wünsche nebeneinander, ohne weiteren Kommentar.

Mami Tomoe liegt nach einem Autounfall im Sterben. Sie wünscht sich, am Leben zu bleiben. Sie lebt, ihre Eltern sterben. Lange kämpft sie allein.

Kyoko Sakura wünscht sich, dass die Menschen den Predigten ihres Vaters zuhören. Sie kommen. Der Vater entdeckt, dass Magie dahintersteckt, und tötet seine Familie, mit Ausnahme Kyokos.

Sayaka Miki wünscht sich, dass die Hand eines Jungen heilt. Sie heilt. Er spielt wieder so gut Geige wie früher und weiß nicht, wem er es verdankt.

Homura Akemi wünscht sich, die Begegnung noch einmal zu erleben und die Beschützerin zu werden. Sie erlebt sie viele Male. Mit jedem Mal wird die Beschützte wertvoller.

Madoka Kaname wünscht sich, die Regel zu ändern. Die Regel wird geändert. Madoka verschwindet aus der gemeinsam bezeugten Geschichte der Welt; Homuras Erinnerung und die Spuren bei ihrer Familie bleiben als Ausnahmen.

Fünf Mädchen äußern fünf Wünsche. Alle fünf gehen in Erfüllung, ohne den geringsten Abzug. Wie ihr Leben danach aussieht, davon handeln diese zwölf Folgen. Wie man das nennen soll, sagt die Serie nicht.

Am Ende bleibt das Bild einer Ödnis, einer Gestalt mit einem Bogen auf dem Rücken und eines roten Bandes im Haar. Übrig geblieben ist die eine Person, die sich noch an Madoka erinnert.

Außer diesem Band hat sie keinen Beweis. Niemand wird ihr glauben. Denn in dieser Welt hat das Mädchen, von dem sie erzählt, nie existiert.