Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals. Der Originaltext lässt sich auf der Website in vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen lesen.
Als Homura Akemi zum ersten Mal auftaucht, kommt sie als neue Schülerin in die Klasse. Sie ist kalt, hart, schroff im Ton und hält alle auf Abstand. Gleich zu Beginn warnt sie Madoka Kaname davor, einen Vertrag mit Kyubey zu schließen.
Sie wirkt wie eine Gegenspielerin. Was sie tut, sieht aus, als wolle sie anderen etwas Gutes vorenthalten. Dabei handelt sie so, weil sie längst gesehen hat, was danach kommt. Viele Male.
Wie sie früher war
Folge zehn legt Homuras ganze Vorgeschichte offen. Sie ist das Herzstück der Serie.
Die frühere Homura ist ein ganz anderes Mädchen. Körperlich schwach, gerade aus dem Krankenhaus entlassen, mit Brille und Zöpfen. Sie spricht leise, geht langsam, hält in der Klasse nicht mit und gilt als Last. Sie traut sich kaum, jemanden anzusprechen. Ständig entschuldigt sie sich.
Madoka Kaname rettet sie und ist gut zu ihr. Damals ist Madoka bereits ein Magical Girl. In dieser Version ist sie die Starke, die Strahlende, die vorausgeht.
Dann stirbt Madoka im Kampf gegen Walpurgisnacht. Homura kann nichts tun.
Ihr Wunsch
Kyubey erscheint und fragt, was sie sich wünscht. Sinngemäß lautet ihr Wunsch: Ich möchte Madoka Kaname noch einmal begegnen, alles von vorn erleben. Ich will nicht länger von ihr beschützt werden. Ich will sie beschützen.
Der Wunsch erfüllt sich. Homura erhält Macht über die Zeit. Sie kann sie zum Anfang dieses Monats zurückdrehen. Also fängt sie von vorn an.
Jedes Mal wird sie besser
Diesen Punkt müssen wir festhalten, denn er trägt den ganzen Essay. Homura tritt nicht auf der Stelle. Bei jedem Versuch lernt sie dazu. Anfangs kann sie nichts, stolpert durch die Ereignisse und kann niemanden retten.
Dann beginnt sie, sich Dinge zu merken: Was wird an welchem Tag geschehen? Welche Hexe taucht wo auf? Wer wird wann welche Entscheidung treffen?
Darauf folgt die Vorbereitung. Sie lernt, die Zeit anzuhalten und währenddessen Dinge zu transportieren. Sie holt Schusswaffen, Sprengstoff und Panzerabwehrgeschütze aus Waffenlagern. Sie prägt sich das Gelände der ganzen Stadt ein.
Auch sich selbst verändert sie. Sie legt die Brille ab, trainiert ihren Körper, spricht anders. Sie lernt, allein zu handeln und auf Erklärungen zu verzichten.
Mit jedem Versuch wird sie fähiger, präziser, besser vorbereitet. Und mit jedem Versuch wird das Ergebnis schlimmer.
Warum
Die Antwort gibt Folge elf. Sie gehört zu den kältesten Momenten der Serie. Kyubey erklärt, dass sich mit jeder Zeitschleife Homuras die karmischen Verknüpfungen um Madoka Kaname verdichten.
Jede Rückkehr erzeugt eine neue Zeitlinie. Und in jeder dieser Zeitlinien ist Madoka mit den Ereignissen verflochten. Diese Ursachen und Folgen verschwinden nicht, wenn Homura die Zeit zurückdreht. Sie häufen sich auf Madoka an.
Ihr Potenzial wird dadurch immer größer. So groß, sagt Kyubey, dass sie ein Magical Girl werden könnte, das die Gesetze des Universums verbiegt. Genau deshalb lässt Kyubey sie nicht mehr aus den Augen.
Das heißt: Alles, was Homura tut, um Madoka zu schützen, macht Madoka erst zum wertvollsten aller Ziele. Je schneller Homura läuft, desto größer wird die Gefahr. Je öfter sie von vorn beginnt, desto tiefer wird die Falle.
Homura hat nicht etwa einen Fehler gemacht. Jeder einzelne Entschluss ist in seiner Situation richtig, und sie setzt ihre Pläne immer besser um. Das Problem liegt darin, dass die Größe, die sie zu verbessern sucht, zugleich die Größe ist, die das Ergebnis bestimmt. Nur wirkt sie in die entgegengesetzte Richtung.
Je besser sie wird, desto größer wird das, was sie verhindern will.
Sie selbst weiß das nicht. Sie sieht, dass es immer schlimmer ausgeht. Ihre Erklärung lautet: Ich war noch nicht schnell genug, noch nicht stark genug, habe noch nicht genau genug gerechnet. Also wird sie beim nächsten Mal schneller, stärker und genauer.
Mit dem Können wächst die Einsamkeit
Das hat noch eine andere Seite, die Homura selbst betrifft. Bei jedem Neubeginn erinnert nur sie sich. Alle anderen kehren an den Monatsanfang zurück. Sie tun wieder dieselben Dinge, sagen wieder dieselben Sätze, machen wieder dieselben Fehler. Homura kennen sie nicht.
Homura dagegen kennt sie alle. Sie weiß, wer an welchem Tag sterben wird, was sich jede gewünscht hat und was am Ende aus ihr wird.
Unter diesen Umständen kann sie keine Beziehung zu ihnen aufbauen. Sie hat es versucht. In den ersten Durchläufen hat sie die Wahrheit gesagt. Niemand hat ihr geglaubt. Daraufhin ändert sie ihr Vorgehen. Sie sagt nichts mehr. Sie handelt allein, bereitet alles allein vor, trägt alles allein.
Je mehr sie kann, desto einsamer wird sie. Von außen sieht das so aus: eine eisige, ungesellige neue Mitschülerin, deren Absichten niemand versteht. Auch Madoka nicht.
Ob sie richtig handelt
Dieser Essay will darüber kein Urteil fällen. Ein paar Dinge lassen sich aber festhalten.
Eine Aussage in ihrem Wunsch ist eindeutig: Nicht länger will sie von Madoka beschützt werden. Sie will Madoka beschützen. Zum Inhalt des Wunsches gehört also ein Rollentausch. Homura will den Platz der Beschützerin einnehmen.
Sobald jemand diesen Platz eingenommen hat, ist er besetzt. In jeder weiteren Zeitlinie Madokas gibt es nun schon jemanden, der Entscheidungen für sie trifft.
Die Serie lässt Homura das nicht erkennen. Sie zeigt keine Szene, in der jemand ihr sagt, auch dies sei eine Form von Kontrolle. Sie lässt Homura einfach immer weitermachen, lässt die kausalen Verknüpfungen Schicht um Schicht anwachsen und die Last auf der Beschützten mit jedem Mal schwerer werden.
Der letzte Versuch
Wenn wir die Zeitlinie der Haupthandlung erreichen, also den Durchlauf, den wir als Zuschauer verfolgen, hat Homura das alles schon oft getan. Von Anfang an hält sie Madoka vom Vertragsabschluss ab. Sie fährt jeden an. Sie trägt ein ganzes Waffenarsenal bei sich.
Auch diesmal scheitert sie. Walpurgisnacht kommt. Die Stadt wird zerstört. Homura kämpft allein und kann nicht gewinnen. Sie kniet da, ihr Seelenstein ist fast schwarz.
Sinngemäß sagt sie, sie wisse nicht mehr weiter. So werde sie nur immer wieder dasselbe wiederholen. Dann kommt Madoka auf sie zu.
Madokas Wunsch ist anders als alle Wünsche vor ihm. Darum geht es im letzten Essay.