Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals. Auf der Originalseite lässt sich zwischen vereinfachten und traditionellen chinesischen Schriftzeichen wechseln. Dialoge sind hier sinngemäß wiedergegeben, nicht als offizielle deutsche Untertitel.
Im Cockpit gibt es einen Messwert: die Synchronisationsrate. Sie gibt an, wie gut Pilot und EVA-Einheit zusammenpassen. Bei einem hohen Wert lässt sich die Maschine gut steuern. Sinkt er, gehorcht sie schlecht; unterhalb einer bestimmten Schwelle springt sie überhaupt nicht mehr an. Der Wert wird jedes Mal gemessen, aufgezeichnet und zum Vergleich herangezogen. Für Asuka Langley Soryu aber ist diese Zahl keine bloße Kennziffer.
Ihr Platz
Zunächst zu Asuka selbst. Sie wurde sehr jung Pilotin und schloss die Universität so früh ab, dass selbst „Wunderkind“ für diesen Lebenslauf fast zu wenig sagt. Sie ist stolz, laut und ehrgeizig; jedem will sie überlegen sein. Kaum im Team angekommen, erklärt sie sich zur Stärksten und belegt den Anspruch mit einem glänzenden Kampf. So spricht sie auch: Zuerst muss bei allem feststehen, wer besser ist, selbst bei Dingen, die sie gar nichts angehen.
Ihr Stolz ist nicht gespielt. Sie ist tatsächlich stark. Kampftechnik, Reaktionen, Urteilsvermögen: Lange ist sie von den dreien diejenige, auf die man am besten zurückgreifen kann. Das Problem ist, wie viel davon für sie abhängt. Einen EVA zu steuern und darin hervorragend zu sein, macht für sie den gesamten Sinn ihrer Existenz aus. Das ist keine Übertreibung. Jede Selbstvergewisserung läuft bei ihr auf dieselbe Weise: Ich bin stark, also habe ich hier einen Platz. Ich habe gewonnen, also bin ich ich. Ihr Platz ruht auf einer Zahl.
Ihre Mutter
Woher das kommt, zeigt die Serie sehr konkret und sehr schmerzhaft. Ihre Mutter, Kyoko Zeppelin Soryu, nahm am Kontaktexperiment mit EVA-02 teil. Danach war sie psychisch schwer beeinträchtigt. Sie hielt eine Puppe für ihre Tochter. Asuka stand daneben, lebendig, konnte sprechen, konnte Mama sagen. Ihre Mutter aber hielt eine Puppe im Arm und redete mit ihr. Später nahm die Mutter sich das Leben. Asuka fand sie.
Auf dieser Geschichte baut dieser Essay auf. Dort, wo ein Kind am selbstverständlichsten gesehen werden müsste, sieht sein Gegenüber eine Puppe. Nichts, was das Kind tut, bringt diesen Menschen dazu, es anzusehen: nicht sein Dastehen, nicht Reden, Weinen oder Rufen. Das ist mehr als Übersehenwerden. Wer einen übersieht, schaut wenigstens woanders hin. Hier schaut jemand genau auf den Platz dieses Kindes und sieht dort etwas anderes.
Die Antwort des Kindes lautet: Dann werde ich eben die Beste. So gut, dass niemand mehr an mir vorbeisehen kann. Der Wunsch, besser als alle anderen zu sein, beginnt damit, dass jemand sie nicht angesehen hat.
Die Zahl sinkt
Dann kommt der fünfzehnte Engel. Sein Angriff richtet sich gegen ihre Psyche. Asukas Inneres wird umgestülpt; alles, was niemand berühren sollte, wird eines nach dem anderen bloßgelegt. Danach beginnt ihre Synchronisationsrate zu sinken. Erst ein wenig, dann stärker, schließlich so weit, dass EVA-02 nicht mehr anspringt. Sie sitzt im Cockpit, und die Maschine bewegt sich nicht. Sie schreit, flucht, weint, entschuldigt sich, fleht. Die Maschine bewegt sich nicht.
Das, worauf ihr ganzer Platz in dieser Welt ruht, ist eine Zahl, die sinken kann. Das Schlimmste daran: Je verzweifelter sie wird, desto schneller fällt der Wert. Denn gemessen wird ihr psychischer Zustand. Schon der Gedanke „Meine Zahl sinkt“ genügt, um diesen Zustand weiter zu verschlechtern. Ein Kreislauf, der sich selbst auffrisst. Über mehrere Folgen hinweg kommt sie nicht aus ihm heraus.
Und noch etwas macht ihn schwerer zu ertragen: Die Zahl ist öffentlich. Sie wird gemessen, aufgezeichnet, auf Bildschirmen angezeigt, von sämtlichen Kollegen gesehen. Asukas gesamter Absturz findet vor den Augen aller statt.
Hilfe macht alles schlimmer
Die Serie behandelt diese Phase mit großer Kälte. Rei Ayanami gibt ihr einen Rat und gießt damit Öl ins Feuer. Der Rat kommt von der „Puppe“, deren Wert höher liegt als ihrer. Schon dass man sie belehren kann, beweist ihr, wie tief sie gefallen ist. Shinji rettet sie; das wirkt noch schlimmer. Gerettet werden heißt bestätigt bekommen, dass sie ihre Aufgabe nicht allein bewältigen kann. Misato sorgt sich um sie. Aber Fürsorge ist nicht das, was Asuka will.
Nach ihrer inneren Rechnung besagt jede freundliche Zuwendung dasselbe: So weit ist es mit dir gekommen, dass andere sich um dich kümmern müssen. Wer seinen ganzen Wert auf Leistung setzt, hört in jeder Hilfe zugleich ein Urteil. Niemand findet in dieser Geschichte die richtigen Worte. Einer nach dem anderen versucht es, einer nach dem anderen macht es schlimmer. Dann gehen alle wieder ihren eigenen Angelegenheiten nach.
Sie liegt in der Badewanne
Schließlich geht sie nicht mehr hinaus, spricht nicht mehr, liegt im Badewasser und rührt sich auch dann nicht, wenn es kalt geworden ist. Etwa zehn Folgen liegen zwischen dem Mädchen, das sich zur Stärksten erklärt, und diesem Zustand. Dazwischen hat sie nichts falsch gemacht. Sie hat niemanden verraten, niemandem geschadet, keine falsche Entscheidung getroffen. Nur ihre Zahl ist gesunken.
Was sie zurückgewinnt
In The End of Evangelion kommt sie in einer völlig verzweifelten Lage wieder zu sich. Nicht weil sie einen Kampf gewinnt oder jemand ihr gut zuredet. Sie vergewissert sich der Existenz ihrer Mutter und ihrer eigenen. Sie erkennt: Ihre Mutter war die ganze Zeit in EVA-02. Ein Teil von ihr blieb nach dem Kontaktexperiment in jener Maschine zurück, die Asuka seit Jahren steuert. Der Mensch, der nur die Puppe im Arm hielt und sie nicht ansah, war also doch immer bei ihr. Nur nicht dort, wo Asuka ihn vermutet hatte.
In diesem Augenblick findet sie wieder zu sich und bestreitet anschließend den großartigsten Kampf des ganzen Werks. Danach schließen die Serien-EVAs sie ein. Kaum hat sie das Verlorene zurückgewonnen, wird sie gefressen. Die Inszenierung lässt hier keinen Spielraum. Das ist keine Niederlage, das ist eine Hinrichtung. EVA-02 wird aufgerissen, durchbohrt, gefressen.
Jenseits dieser Zahl
Zum Schluss möchte ich von etwas sprechen, wovon dieses Werk nicht spricht. Asuka hat durchaus ein Leben außerhalb des Pilotierens. Sie spielt bei Hikari Videospiele, und Hikari tröstet sie auch. Doch daraus entsteht kein anderer Ort, an dem ihr Selbstwert Halt finden könnte.
Die Geschichte lässt sie in diesen alltäglichen Momenten keinen Platz finden, an dem sie ohne die Synchronisationsrate sicher stehen könnte. Sie erfährt Zuwendung, kann darin aber noch immer nicht hören: Auch wenn du den EVA nicht gut steuerst, darfst du hier sein.
Und was sie im äußersten Verzweiflungsmoment herausschreit, lautet nicht: Ich brauche diese Zahl nicht. Sie schreit, dass sie nicht sterben will.
Der Mann aber, der dieses ganze Gefüge entworfen hat, will etwas ganz Bestimmtes. Keine Macht, keine Ordnung, keine Zukunft für die Menschheit. Er will einen Menschen. Dazu im nächsten Essay.
Bezug: Neon Genesis Evangelion, TV-Serie (1995–1996), und The End of Evangelion (1997).