Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung nach dem chinesischen Original. Auf der Originalseite lässt sich zwischen vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen wechseln.
Zwölf Menschen stehen vor einer Kamera.
Sie werden live übertragen. Sie halten eine Rede über die Flüchtlingsfrage, klagen an, rufen zum Handeln auf. Dann beginnen sie, sich das Leben zu nehmen: Sie schlagen einander die Köpfe ab.
Die Kamera läuft weiter.
Sie nennen sich die „Individuellen Elf“.
Die Voraussetzungen
Zuerst müssen wir uns klarmachen, in welcher Lage sich dieses Land befindet. Sonst liest sich alles Weitere wie eine absurde Groteske.
Um seinen Arbeitskräftemangel auszugleichen, hat das Land etwa drei Millionen Flüchtlinge aus dem Ausland gezielt aufgenommen.
Sie sind gekommen, haben sich niedergelassen und sind zu einem immer sichtbareren Teil der Gesellschaft geworden. Zugleich verschärft sich der Konflikt mit den Verfechtern einer nationalen Abschottung. Terroranschläge häufen sich.
Die Lage der Flüchtlinge ist real. Man hat sie ins Land geholt, ihre Arbeitskraft genutzt und ihnen bestimmte Wohngebiete zugewiesen. Immer mehr Menschen betrachten inzwischen sie selbst als das Problem.
Darin liegt ein Kreislauf: Das Land hat sie eingeladen, weil es Arbeitskräfte brauchte. Nach ihrer Ankunft werden sie zum Problem dieses Landes. Und als Lösung dieses Problems wird nun darüber gesprochen, „sie wieder loszuwerden“.
Der Entschluss, sie herzuholen, und die Forderung, sie fortzuschaffen, stammen aus derselben Gesellschaft.
Auch der Konflikt ist real. Wer Angst hat, hat wirklich Angst. Wer wütend ist, ist wirklich wütend.
Nichts davon musste erst hergestellt werden. Das ist das Material, mit dem gearbeitet wird.
Was Gōda getan hat
Kazundo Gōda arbeitet beim Nachrichtendienst des Kabinetts.
Er stellt einen Virus her, der das Denken in eine bestimmte Richtung lenkt, und gibt ihm den Namen „Die Individuellen Elf“.
Dieser Name stammt aus einem Aufsatz. Der Aufsatz selbst führt in der Geschichte eine gespenstische Existenz: Er wird zitiert, verbreitet und als Programm einer Organisation behandelt. Nur gibt es diese Organisation nicht.
Das ist der entscheidende Mechanismus dieses Essays. Es lohnt sich, ihn Schritt für Schritt auseinanderzunehmen.
Eine Organisation namens „Die Individuellen Elf“ hat es ursprünglich nicht gegeben.
Gōda verbreitet zunächst die Behauptung, sie existiere. Er gibt ihr im Netz einen Namen, Positionen und ein öffentliches Bild. Die Menschen sollen glauben, dass es diese Gruppe gibt.
Danach nehmen die Infektionen zu.
Er entwirft also zuerst das Bild von Vorreitern und erzeugt mithilfe dieses Bildes ihre Nachfolger. Dafür muss er niemanden anwerben, keine Organisation aufbauen und keinen einzigen der späteren Täter treffen.
Er stellt etwas an die vorgesehene Stelle. Dann wartet er.
Das Verfahren kostet ausgesprochen wenig. Eine Behauptung zu verbreiten ist sehr viel billiger, als eine Truppe zu organisieren: Man braucht weder einen Etat noch Räume, weder Geheimhaltung noch Personalführung. Und es gibt keinen Kern, den man zerschlagen könnte, weil es keinen Kern gibt.
Das Risiko ist ebenfalls minimal. Gōda nimmt mit keinem der Handelnden Kontakt auf. Also hinterlässt er keine Spur, die zu ihm zurückführen könnte.
Die größte Ersparnis ist nicht finanziell: Gōda selbst muss kaum noch in Erscheinung treten.
Von außen sieht es gleich aus
Damit kommen wir zur zentralen These dieses Essays.
Stellen wir uns vor, wir beobachten das Ganze von außen. Wir sehen eine Gruppe von Menschen, jeder für sich, wütend über dieselbe Sache, unter demselben Namen mit derselben Art von Handlung.
Das könnte die Konstellation aus dem vorigen Essay sein: Einzelne sehen dieselbe Sache, beschließen unabhängig voneinander zu handeln, und niemand hat sie organisiert.
Es könnte aber auch die Konstellation dieses Essays sein: Jemand hat etwas hergestellt und an einer bestimmten Stelle platziert. Dieses Etwas hat die Menschen in Gang gesetzt.
Von außen sehen eine spontane und eine hergestellte Bewegung gleich aus.
„Gleich“ heißt hier nicht, dass sie schwer auseinanderzuhalten wären. Es heißt: Es gibt keinen beobachtbaren Unterschied. Die Wut der Beteiligten ist in beiden Fällen echt. Ihre Gründe haben sie sich in beiden Fällen selbst überlegt. Ihre Handlungen haben sie in beiden Fällen selbst beschlossen.
Der einzige Unterschied besteht darin, ob irgendwann jemand an jener Stelle etwas platziert hat. Und dieser Eingriff hinterlässt am Schauplatz des Geschehens keine Spur.
Gōdas Plan beweist, dass sich so etwas künstlich herstellen lässt. Dieser Beweis hat eine Nebenwirkung: Von nun an kann keine Bewegung mehr beweisen, dass sie nicht hergestellt wurde.
Gōdas Seite
Bei Gōda dürfen wir nicht auf halbem Weg stehen bleiben.
Er will nicht einfach die Welt brennen sehen. Er operiert auf staatlicher Ebene und verfolgt ein bestimmtes politisches Ergebnis. Er braucht einen Aufstand der Flüchtlinge, weil dieser Aufstand das voranbringen würde, was er erreichen will.
Seine Methode: Er erzeugt keine Wut, er nutzt vorhandene Wut. Die Not der Flüchtlinge ist real. Der gesellschaftliche Konflikt ist real. Die Unzufriedenheit ist real. Er gibt all dem lediglich eine Form und einen Namen.
Das ist äußerst effizient. Und im Nachhinein lässt sich ihm kaum Verantwortung nachweisen, denn jeder, der gehandelt hat, hat selbst gehandelt.
Die Serie zeichnet ihn auch nicht als Irren. Er spricht schlüssig, urteilt präzise und durchschaut die Lage besser als alle anderen. Im Umgang mit Sektion 9 ist er ihr fast jedes Mal einen Gedankenschritt voraus.
In seiner eigenen Sprache heißt das, was er tut: regieren.
Die Ausnahme
Zwölf Menschen töten sich vor laufender Kamera. Einer von ihnen behält seinen eigenen Willen.
Er heißt Hideo Kuze. Meist nennt man ihn einfach Kuze.
Die Serie gibt dafür zwei konkrete Erklärungen.
Erstens: Seine Vorstellung von Revolution ist uneigennützig. Es geht ihm darum, Menschen zu retten, nicht um sich selbst. Was der Virus auslösen soll, greift bei ihm nicht vollständig.
Zweitens: Nach einem Flugzeugunglück in seiner Jugend hat er einen künstlichen Körper erhalten.
So gelingt es ihm, den Virus von sich abzulösen und vom Ort des Geschehens zu entkommen.
Mit ihm hat Gōda sich verrechnet.
Er hat das schon einmal gesehen
Am härtesten trifft dieser Essay dort, wo er auf Kuzes Vergangenheit stößt.
2024 war Kuze als Mitglied einer Friedenstruppe auf der koreanischen Halbinsel.
Dort sah er Flüchtlinge, die durch manipulierte Informationen dazu gebracht wurden, ihr eigenes Land mit eigenen Händen zu zerstören.
Diese Erfahrung erschütterte ihn tief.
Der Einzige, der sich also aus Gōdas künstlich erzeugter Bewegung befreit, ist jemand, der mit eigenen Augen gesehen hat, wie eine künstlich erzeugte Bewegung ein Land zerstört.
Er erkennt das Verfahren wieder, weil er seinen Erfolg schon einmal miterlebt hat.
Dahinter steckt weder eine höhere Tugend noch ein stärkerer Wille. Dahinter steckt Erfahrung. Er hat einen Vergleichsmaßstab, den die anderen nicht haben.
Was er danach tut
Was Kuze nach seiner Flucht unternimmt, treibt die Frage dieses Essays noch einen Schritt weiter.
Er wird zum Anführer der drei Millionen Flüchtlinge. Zu einem Anführer mit wirklicher Zugkraft: Die Menschen hören auf ihn, folgen ihm, handeln für ihn.
Jemand, der sich aus einer hergestellten Bewegung befreit hat, wird selbst zum Zentrum einer Bewegung.
Die Serie sagt nicht, dass er damit zu Gōda wird. Sie lässt keinen Zweifel an seinem Motiv: Er will diese Menschen retten. Dazu will er ihre Erinnerungen und Seelen ins Netz übertragen, damit sie sich zu einer neuen, mit dem Netz verschmolzenen Lebensform entwickeln können.
Das klingt verrückt. Aber es ist seine eigene Vorstellung.
Die Tachikoma äußern dazu einen Einwand: Selbst wenn man Erinnerungen im Netz speichert, ist damit keineswegs gesagt, dass auch eine Seele dort wohnen wird. Damals beantwortet niemand diese Frage.
Das hält Kuze nicht auf. Er verfolgt seine Vorstellung weiter, bis zum Ende.
Von außen sieht eine Gruppe, die Kuze folgt, noch immer genauso aus wie eine Gruppe, die Gōda in Gang gesetzt hat.
Auch hier liefert die Serie kein Verfahren, das beides unterscheidet. Sie stellt Kuze in die Welt und lässt ihn tun, was er tun will. Alle anderen, einschließlich Sektion 9, müssen nach ihrem eigenen Urteil mit ihm umgehen.
In dieser Geschichte gibt es außerdem eine Gruppe von Dingen, die eigens so konstruiert wurden, dass sie keine eigenen Gedanken entwickeln sollen.
Genau dafür gleichen sie jede Nacht ihre Erinnerungen miteinander ab.
Darum geht es im nächsten Essay.