Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung nach dem chinesischen Original. Auf der Originalseite lässt sich zwischen vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen wechseln.
Ein Mann steht vor einer Fernsehkamera und bedroht den Präsidenten eines Unternehmens.
Reporter sind da, Kameras, Schaulustige, Überwachungstechnik. Doch sein Gesicht erscheint auf keinem einzigen Bild. Überall, wo eine Kamera ihn erfasst, verdeckt in Echtzeit dasselbe lachende Emblem sein Gesicht.
Und nicht nur auf den Aufnahmen. Auch die Menschen vor Ort sehen an dieser Stelle das Emblem. Ihre Augen sind elektronisch erweitert. Er hat sich hineingehackt.
Später wird man ihn den Lachenden Mann nennen.
Der Fall
Sehen wir uns zunächst an, wie dieser Fall offiziell umrissen wird.
Seine amtliche Bezeichnung lässt sich als „Überregionaler Schwerpunktfall 081“ wiedergeben.
Er umfasst etwa drei Monate ab dem 1. Februar 2024. Die Handlung spielt 2030; das Ganze liegt also sechs Jahre zurück.
Dazu gehören die Entführung von Ernest Serano, dem Präsidenten von Serano Genomics; das Eindringen in überregionale Netze; das Einschleusen eines Virus in Seranos Produktionsanlagen für Mikromaschinen; und die Erpressung von sechs Mikromaschinenherstellern.
Bei sämtlichen Taten wird dasselbe lachende Emblem verwendet.
Alles deutet auf einen einzigen Täter hin. Auf jemanden, der ungeheuer viel kann, über längere Zeit handelt und genau weiß, was er will.
Warum jemand das tut
Auch das Motiv müssen wir vollständig vor Augen haben. Es ist der einzige wirklich feste Boden in dieser ganzen Geschichte.
In dieser Welt gibt es eine Krankheit namens Cyberhirn-Sklerose. Durch die elektronische Erweiterung des Gehirns verhärten dessen Zellen nach und nach. Die Krankheit gilt als unheilbar.
Ein Forscher namens Dr. Murai hat jedoch ein wirksames Mittel entwickelt: den Murai-Impfstoff.
Das Präparat braucht eine Zulassung. Murai beantragt sie. Er bekommt sie nicht.
Am Mittel selbst liegt das nicht. An der Spitze der zuständigen Behörde steht damals Hisashi Imakurusu, aus demselben Jahrgang wie Murai. Er beneidet ihn. Also blockiert er den Impfstoff.
Irgendetwas muss man gegen die Krankheit aber vorweisen. Imakurusu wendet sich deshalb einer noch in Entwicklung befindlichen Mikromaschinen-Therapie zu. Auch Serano Genomics hat einen Zulassungsantrag gestellt; damals ist es ein kleines, unbekanntes Unternehmen. Imakurusu drückt dessen Zulassung durch.
Serano steigt daraufhin schlagartig zum Großunternehmen auf. Murai stirbt verbittert.
Ein tatsächlich wirksamer Impfstoff bleibt ohne Zulassung. Eine wirkungslose Mikromaschinen-Therapie wird zugelassen, großflächig eingeführt und an zahlreichen Kranken angewandt.
Der Preis dafür ist sehr konkret: Menschen, die man hätte heilen können, bekommen etwas, das ihnen nicht hilft. Sie wissen es nicht, weil es ihnen niemand sagt. Die Krankheit gilt schließlich als unheilbar. Dass eine Behandlung nicht heilt, liegt damit im Bereich des Erwartbaren. Wer sollte nachforschen, warum eine unheilbare Krankheit nicht geheilt wurde?
Später gehört Präsident Serano selbst zu den wenigen, die die Wahrheit kennen. Die Polizeiführung will verhindern, dass sie ans Licht kommt. Deshalb hält man ihn unter einer Art Hausarrest.
Das heißt: Sobald die Wahrheit bekannt ist, reagiert das System darauf nicht mit einer Korrektur. Es stellt denjenigen unter Aufsicht, der Bescheid weiß.
An dieser Sache ist kein einziges Glied unbestimmt. Sie lässt sich nachprüfen. Sie hat Namen. Ein bestimmter Mensch hat sie aus einem bestimmten persönlichen Interesse herbeigeführt.
Was Aoi getan hat
Aoi ist ein junger Mann.
Beim Streifen durchs Netz stößt er zufällig auf eine Drohmail, die drei Jahre zuvor an Serano geschickt worden war. Darin wird die Wirkungslosigkeit von Seranos Mikromaschinen der Wirksamkeit des Murai-Impfstoffs gegenübergestellt.
So erfährt er die Wahrheit.
Sein Gerechtigkeitssinn treibt ihn an. Er beschließt, die Sache öffentlich zu machen.
Er hackt sich in Seranos Cyberhirn, entführt ihn und verlangt, dass er alles offenlegt. Damit sein eigenes Gesicht nicht aufgenommen werden kann, überblendet er sämtliche Kamerabilder in Echtzeit.
Das ist alles.
Aoi selbst hat nur zwei Dinge getan: Serano entführt und ihn vor laufenden Kameras bedroht.
Alles andere, die Erpressung der sechs Unternehmen, der Virus in den Produktionsanlagen, die Aktionen, die drei Monate lang weitergehen, stammt nicht von ihm.
Das waren andere
Dafür sind andere Leute verantwortlich.
Sie ahmen Aois Vorgehen nach, benutzen dasselbe Emblem und verfolgen dabei jeweils ihre eigenen Vorhaben.
Sie stehen nicht miteinander in Kontakt.
Es gibt keine Organisation, keine Führung, niemanden, der zwischen ihnen vermittelt. Sie sind keine Bande. Es sind Menschen, die jeder an seinem Ort dieselbe Sache gesehen und jeder für sich beschlossen haben, etwas zu tun.
Ihr Können ist höchst unterschiedlich. Manche sind technisch brillant, andere bringen nur eine kleine Aktion zustande. Auch ihre Ziele decken sich nicht vollständig. Einigen geht es um die Wahrheit; andere wollen vermutlich bloß Teil von etwas Großem sein, das gerade geschieht.
Von außen sind diese Unterschiede unsichtbar. Zu sehen ist nur dasselbe Emblem, das zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten im Zusammenhang mit verschiedenen Vorgehensweisen auftaucht.
Jeder Einzelne glaubt, er habe selbst entschieden.
Von außen sieht es dagegen aus, als begehe ein und derselbe Mensch immer neue Taten. Die Polizei sucht einen Menschen. Die Medien berichten über einen Menschen. Eine ganze Gesellschaft glaubt an einen Verbrecher namens Lachender Mann.
Diesen Menschen gibt es nicht. Es gibt ein Emblem und eine Menge Leute, die einander nicht kennen.
Die Serie nennt dieses Phänomen einen „Stand Alone Complex“: eine Gesamtheit isolierter Einzelner, die ohne Verbindung zueinander ein Verhaltensmuster hervorbringen, das organisiert aussieht.
Selbst das Original fehlt
Darunter liegt noch eine weitere Schicht.
Aoi hat angefangen, weil er auf jene drei Jahre alte Drohmail gestoßen ist.
Wer hat sie geschrieben?
Die Serie verrät es bis zum Schluss nicht.
Dieser Mensch hat die gesamte Begründung zusammengetragen: die Wirkungslosigkeit von Seranos Mikromaschinen, die Wirksamkeit des Murai-Impfstoffs, den Vergleich zwischen beiden. Dann hat er die Mail geschrieben. Und danach nichts zustande gebracht.
Die Serie urteilt selbst über ihn: Weil er überhaupt nichts erreicht hat, kann man ihn allenfalls mit Mühe als „Original“ bezeichnen.
Die Kette sieht also so aus: ein Unbekannter, der nichts zustande gebracht hat; ein junger Mann, der zufällig auf dessen Mail stößt und zwei Dinge tut; und eine Menge einander unbekannter Menschen, die alles Übrige erledigen.
Wer in dieser Kette nach einem Original sucht, findet keines.
Sechs Jahre
Nach diesen drei Monaten schweigt Aoi sechs Jahre lang.
Er ist nicht auf der Flucht. Er versteckt sich nicht. Er liegt auch nicht auf der Lauer und wartet auf seine Gelegenheit. Er hat aufgehört.
Als Sektion 9 ihn sechs Jahre später findet, sitzt er in einer Bibliothek.
Er gibt sich nicht als jemand anderes aus. Er hat weder den Namen gewechselt noch sein Gesicht operieren lassen, noch sich in irgendeinem Keller verkrochen. Er hat einfach aufgehört und ein gewöhnliches Leben geführt.
Währenddessen haben ihn die Ermittlungsbehörden des ganzen Landes sechs Jahre lang gejagt. Sie jagten ein Bild, das aus den Handlungen Dutzender Menschen zusammengesetzt war. Mit dem Mann in der Bibliothek hatte dieses Bild nur die ersten drei Tage gemeinsam.
In diesen sechs Jahren wurde das Emblem des Lachenden Mannes weiter benutzt. Im gesellschaftlichen Gedächtnis blieb der Fall die Tat eines Einzelnen. Menschen, die sich nicht kannten, fügten diesem Bild jeder für sich immer neue Teile hinzu.
Die Kopien werden mehr. Das Original hat längst aufgehört.
Das ist die erste These dieser Essayreihe. Und sie gilt nicht nur diesem einen Fall.
Eine Handlung, eine Formulierung, ein Bild kann sich ohne Ursprung, ohne Organisation, ohne jemanden, der es gezielt weiterreicht, von selbst verbreiten, anreichern und zu etwas heranwachsen, das einen Willen zu haben scheint.
Und jeder, der daran mitwirkt, hat in dem Augenblick, in dem er handelt, selbst entschieden.
Beides gilt zugleich.
Das Emblem selbst
Eine Sache noch zum Schluss.
Der Fall des Lachenden Mannes nimmt später eine noch kompliziertere Wendung. Der Unterstützerkreis eines Generalsekretärs wendet sich an die erpressten Unternehmen: Wenn es gelinge, die Drohungen zu beenden, hoffe man auf Spenden.
Das Emblem wird also am Ende zum Mittel, Geld einzutreiben.
Die Leute, die es dafür benutzen, haben weder mit Aoi noch mit den Nachahmern noch mit dem Verfasser der Mail etwas zu tun.
Was kein Original hat, kann jeder benutzen.
Lässt sich ein solches Phänomen auch gezielt herstellen?
Jemand hat dieses Experiment gemacht. Mit Erfolg.
Darum geht es im nächsten Essay.