Das Zhuangzi neu aufschlagen · Ranxiangshi und die Mitte des Rings
Sich täglich ändern und dennoch man selbst bleiben
Kontinuität verlangt nicht dieselbe Reaktion auf alles. Auch ein begründetes Bleiben kann lebendig sein; entscheidend ist nicht die Zahl der Wechsel, sondern was sie trägt.
Ein lange nicht gesehener Freund sagt: Du hast dich verändert. Der Satz kann Freude oder Vorwurf enthalten. Früher hast du nicht so gesprochen, dieses Leben nicht gemocht, diese Sache nicht so wichtig genommen. Oft erklären wir dann hastig, worin wir noch unverändert sind. Als müssten wir zum Beweis, noch wir selbst zu sein, zuerst eine Liste unberührter Eigenschaften abgeben. Ein kurzer Abschnitt über Ranxiangshi in Zeyang verschiebt diese Gewohnheit ein wenig.
Ranxiangshi fand die Mitte des Rings und folgte dem Werden; mit den Dingen kannte er kein Ende und keinen Anfang, keine Vorzeichen und keine bestimmte Zeit. Wer sich täglich mit den Dingen wandelt, ist der eine, der sich nicht wandelt. Wann hätte er dies je aufgegeben!
Wer sich mit den Dingen wandelt, wandelt sich zugleich nicht? Hier dürfen wir nicht nur eine Hälfte wählen. Halten wir am Unveränderten fest, werden wir leicht zum Stein. Halten wir nur am täglichen Wandel fest, gilt uns bald jedes Geschobenwerden als Einsicht. Gerade dass der Satz beides nicht voneinander trennt, macht ihn interessant.
Die Ringmitte ist kein Thron im Zentrum
Die Mitte des Rings kam schon in Die Gleichheit der Dinge zur Sprache, verbunden mit dem Angelpunkt des Dao und dem Antworten auf das Unerschöpfliche. Der Angelpunkt erinnert an eine Türangel, die Ringmitte an den leeren Raum innerhalb des Rings. Guo Xiang sagt hier, man verweile im Leeren, folge den Dingen, und die Dinge entfalteten sich von selbst. Das Bild lässt Raum für Antworten. Es verleiht niemandem einen Mittelpunkt, von dem aus er für immer recht hätte. Die Türangel kann an eine Beweglichkeit erinnern, die nicht auf eine Richtung festgelegt ist. Sie ist aber keine genaue mechanische Zeichnung: Wie die Achse dreht, bei welcher Abweichung sie klemmt, ob sie nach beiden Seiten öffnen muss, steht hier nicht als Konstruktionsanweisung.
Noch weniger entsteht durch die Mitte ein Zuschauer über allen anderen. Jedes Mal erklärt er, beide Seiten hätten Fehler, und muss doch selbst keine Wahl tragen. Das kann nur ein weiterer fester Standort sein, nicht unbedingt antwortfähiger als der einer Partei. Raum freizuhalten heißt nicht, nie zu urteilen. Nach dem Urteil soll die gegenwärtige Veränderung noch Platz finden, statt jedes Mal zuerst die Festung des alten Urteils verteidigen zu müssen.
Wie sich das Unveränderte lesen lässt
Der täglich Wandelnde, der sich nicht wandelt, kann an einen vertrauten Gedanken anschließen: Die fortgesetzte Fähigkeit, Veränderungen zu beantworten, bildet selbst eine Kontinuität. Das ist aber eine hier entwickelte Lesart, nicht die einzig mögliche Übersetzung. Guo Xiang erläutert: täglich mit den Dingen gewandelt, deshalb stets ohne Ich; stets ohne Ich, deshalb stets unverwandelt. Cheng Xuanying spricht von Bewegung und bleibender Stille. Gemeint ist in diesen Kommentaren nicht eine dauerhaft stabile Anpassungsfähigkeit im Sinn moderner Psychologie.
Auch die letzten Zeichen, die nach dem Aufgeben oder Verlassen fragen, werden verschieden gedeutet. Guo Xiang versteht sie als die Frage, weshalb man nicht einmal das eigene Machen lassen solle. Cheng Xuanying dagegen fragt, wann man sich je vom Wandel getrennt habe. Schon wenige Zeichen öffnen unterschiedliche Wege. Keiner davon muss der einzig zulässige sein. Die unveränderte Liste verliert aber auf diesen Wegen ihre Selbstverständlichkeit. Ein Mensch muss kontinuierliches Leben nicht allein mit identischen Reaktionen beweisen. Früher sofort widersprechen zu wollen und später erst zuzuhören; früher alles allein zu tragen und später Verantwortung zu teilen oder Hilfe zu suchen: Die Handlung ändert sich, und manches, das uns darin wichtig war, wird vielleicht gerade dadurch besser geschützt.
Nichtändern muss kein Stillstand sein
Auch die Umkehrung verdient Vorsicht. Zehn Jahre dieselbe Ansicht zu haben beweist nicht zehn Jahre ohne Denken. Nach wiederholter Prüfung dabei zu bleiben, Schwache nicht zu demütigen und Zusagen nicht beiläufig fallen zu lassen, kann lebendig sein. Viel Veränderung beweist auch nicht automatisch Reife. Manchmal haben wir neue Tatsachen gesehen; manchmal nur neue Menschen gefunden, denen wir gefallen möchten. Die Anzahl ohne Gründe zeigt nicht, ob wir wachsen oder treiben.
Es braucht keine neue Scham dafür, lange bei einer Ansicht geblieben zu sein. Ebenso wenig müssen wir zum Beweis der Offenheit regelmäßig Positionen wechseln. Wichtiger wäre: Will ich hinschauen, wenn wirklich erhebliche neue Umstände eintreten? Kann ich erklären, weshalb ich an der Ansicht festhalte? Eine weiterhin begründete Ansicht und das Verbot, sie anzutasten, sehen von außen womöglich beide nach Unverändertheit aus. Der Unterschied zeigt sich langsam im tatsächlichen Gespräch und Handeln, nicht schon in der Behauptung, flexibel zu sein.
Dem Werden folgen heißt nicht, das Ziel anderer festzulegen
Zum Finden der Ringmitte und Folgen des Werdens erklären die alten Kommentare, die Dinge entfalteten sich von selbst. Das ist beachtenswert. Nicht nur mein Plan kommt zur Vollendung. Auch die Dinge und die anderen haben eigene Richtungen. Eine Lehrerin hat etwa einen vollständigen Kurs vorbereitet und bemerkt dann, dass die Lernenden an einer anderen Stelle festhängen als erwartet. Sie hält inne und wählt ein anderes Beispiel. Wer anders unterrichtet, gibt damit nicht notwendig das Ziel des Unterrichts auf. Vielleicht muss sie gerade deshalb vom Manuskript abweichen, weil ihr noch immer wichtig ist, ob die Schüler etwas lernen.
Erklärt sie dagegen, sie kenne das Wachstum des Schülers am besten, und streicht deshalb seine Fragen und Wahlmöglichkeiten, geschieht etwas anderes. Wer Wachstum unterstützt, erhält dadurch nicht das Recht, die ganze Gestalt eines Menschen festzulegen. Hat das Folgen des Werdens einen Sinn, darf nicht nur mein Bild des Fertigen übrigbleiben. In Alltagsbeziehungen ebenso: Fürsorge kann Nähe verlangen oder etwas Abstand. Dass frühere Nähe heute nicht passt, macht die Vergangenheit nicht vollständig falsch. Änderungsbedarf macht auch niemanden plötzlich nicht mehr liebenswert. Schwierig ist, dieses Mal das Nötige zu erkennen, nicht eine für immer sanfte, entschiedene oder loslassende Haltung auszuwählen.
Nach der Änderung muss die Erklärung zurückkommen
Täglicher Wandel entbindet nicht von der Verantwortung für gebrochene Zusagen. Gestern versprochen, heute plötzlich fallengelassen: Betroffene dürfen nach dem Warum fragen. Ein verändertes Verständnis und wortlos auf andere abgeladene Kosten sind verschiedene Handlungen. Manche Zusagen müssen tatsächlich neu besprochen werden. Neue Umstände lassen sich erläutern, entstandene Schwierigkeiten anerkennen, Übergaben und Abhilfe vereinbaren. Aus Angst vor Widersprüchlichkeit muss man nichts unpassend Gewordenes gewaltsam fortsetzen. Das Recht zur Änderung darf aber auch nicht dazu dienen, den Verlust anderer gar nicht mehr anzusehen.
Kontinuität liegt dann vielleicht nicht in derselben Methode, sondern darin, auch nach der Änderung für die Menschen vor uns einzustehen. Das ist genauer als das wiederholte Versichern, man sei noch derselbe. Andere müssen nicht zuerst die Selbstbeschreibung glauben, um sehen zu dürfen, wie wir mit dem Zurückgelassenen umgehen.
Der Text reicht über den kurzen Satz hinaus
Der gewählte Anfang ist kurz, das Buch hört dort aber nicht auf. Es spricht weiter davon, den Himmel zum Lehrer zu nehmen und mit der Welt zu gehen, und behandelt Cheng Tang, Lehrer, Namen und Regeln. Manche Formulierungen sind schwer auszulegen. Es ist kein Text, der ganz ohne Erklärung nur zweieinhalb Sätze zurückließe. Wir können den kurzen Anfang mögen, ohne deshalb das Spätere für nicht vorhanden zu erklären. Erst recht entscheidet unsere Vorliebe nicht, wer der historische Autor ist.
Schmetterlingstraum und Ichverlust können hier ebenfalls nachklingen. Sie sind aber nicht die Aufzeichnung derselben Erfahrung. Der Traum beweist nicht, dass jemand tatsächlich in ein anderes Wesen übertrat. Ziqis Jetzt und Einst liefern keinen genauen Tagesablauf. Textstellen dürfen einander erhellen, ohne gleich gemacht zu werden. Gerade die Unterschiede machen ihre Verwandtschaft lebendig: Dort beginnt es beim Erwachen aus einem Traum, dort bei einer veränderten Erscheinung, hier stehen Wandel und Nichtwandel in demselben Satz.
Damit morgen noch eintreten darf
Sagt der Freund wieder, du habest dich verändert, musst du dich vielleicht nicht gleich verteidigen. Du kannst fragen, was er bemerkt hat, und prüfen, welche Veränderungen du selbst tragen möchtest und welche sich im Alltagstrubel fast unbemerkt vollzogen haben. Etwas möchtest du behalten, etwas neu lernen, etwas ist noch unklar. All das darf zunächst vor dir liegen. Für eine makellose Persönlichkeit muss die Vergangenheit nicht sämtliche künftigen Entscheidungen unterschreiben. Die leere Ringmitte ist kein Grundstück, das auf fremde Besetzung wartet. Sie kann etwas Raum für morgen sein: Neue Menschen, neue Umstände, neue Gründe dürfen noch hereinkommen und sich eine Weile setzen.
Dann darfst du dich ändern oder begründet unverändert bleiben. Wichtig ist, dass du die Antwort selbst ernsthaft gibst, statt nur für gestern die Wiederholungstaste zu drücken.
Text und Lesart
Diese deutsche Fassung ist eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Leseessays, keine vollständige Übersetzung des klassischen Zhuangzi. Die alten Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben; auf der chinesischen Seite steht ihr ursprünglicher Wortlaut. Auch die bestehende englische Fassung ist eigenständig geschrieben; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Gegenwärtige Alltagsvergleiche und weiterführende Überlegungen gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Begebenheiten im alten Text. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die Quellen auf Englisch und Chinesisch erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Alter Text und Lesart: Zeyang ↗
Die chinesische Seite bewahrt den Wortlaut der klassischen Zitate; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe eigenständig geschrieben. Diese deutsche Fassung ist wiederum eine eigenständige Neufassung des vollständigen chinesischen Essays. Gegenwärtige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu weiteren Ereignissen, die der alte Text erzählen würde.
Zum Vergleich: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi, Kapitel Zeyang ↗.
Zur Ringmitte, zum Schmetterlingstraum und zum Ichverlust außerdem Die Gleichheit der Dinge ↗.