Essay lesen
Non Dubito

Das Zhuangzi neu aufschlagen · 19 · Qin Shis Trauerbesuch bei Lao Dan

Drei Klagerufe, dann ging er

Er hat tatsächlich geweint. Weder langes noch kurzes Trauern braucht deshalb eine neue Prüfung zu werden.

Han Qin ·

Er hat wirklich geweint

Lao Dan stirbt. Qin Shi kommt zum Trauerbesuch, stößt drei Klagerufe aus und geht. Jemand fragt: Bist du nicht sein Freund? Ja. Darf ein Freund dann auf diese Weise trauern? Ja, sagt Qin Shi. Der Schluss von Nähren des Lebens beginnt mit einer Bewegung, die Unbehagen auslösen kann:

Lao Dan war gestorben. Qin Shi kam zur Trauer, klagte dreimal und ging hinaus. Ein Schüler fragte: ‚Wart Ihr nicht der Freund des Meisters?‘ – ‚Doch.‘ – ‚Ist es dann recht, so um ihn zu trauern?‘ – ‚Ja. Anfangs hielt ich ihn für jenen Menschen, jetzt nicht mehr. Als ich eben zum Trauern eintrat, weinten Alte um ihn wie um ihren Sohn und Junge wie um ihre Mutter. Unter den so Versammelten müssen Menschen sein, die sprechen, ohne sprechen zu wollen, und weinen, ohne weinen zu wollen. Das heißt, dem Himmel auszuweichen, das Empfinden zu übersteigern und das Empfangene zu vergessen; die Alten nannten es die Strafe für das Ausweichen vor dem Himmel. Dass der Meister kam, war seine Zeit. Dass er ging, war sein Folgen. In der Zeit ruhen und im Folgen wohnen: Dann dringen Trauer und Freude nicht ein. Die Alten nannten dies das Lösen der Aufhängung.‘
Am Brennholz findet sich ein Ende, doch das Feuer wird weitergegeben. Sein Ende kennen wir nicht.

Wir merken uns allzu leicht, wie rasch er geht, und vergessen, dass er wirklich geweint hat. Umgekehrt wäre auch ‚Drei Rufe sind die genaue Menge seiner inneren Trauer‘ eine hinzuerfundene Psychologie. Ob er sich beherrscht oder eine bestimmte Ausdrucksform verwendet, legt der Text nicht einzeln dar. Er stellt zuerst eine kleinere und härtere Frage: Warum genügt das Weinen noch nicht? Wer entscheidet darüber?

Auch die Menschen im Raum haben ihre Beziehungen

Qin Shi sieht alte Menschen um Lao Dan weinen wie um den eigenen Sohn und junge wie um die eigene Mutter. Daraus urteilt er, manche sprächen ohne sprechen zu wollen und weinten ohne weinen zu wollen. Das ist nicht einfach ‚Die Generationen sind durcheinander, also sind die Gefühle unecht‘. Verbundenheit mit Lehrern oder Freunden kann durchaus der mit Angehörigen ähneln. Ein alter Mensch kann einen Freund verlieren, der wie ein jüngeres Familienmitglied war, ein junger einen Älteren, der ihn wie eine Mutter umsorgte. Lautes Weinen ist außerdem kein Beweis dafür, von der Atmosphäre mitgerissen zu sein.

Qin Shi fällt im Text ein scharfes Urteil. Wir können es ernst nehmen, ohne damit die eigene Fähigkeit zum Durchschauen jedes Trauernden zu erwerben. Sein ‚Anfangs hielt ich ihn für jenen Menschen, jetzt nicht mehr‘ befragt sogar das frühere Urteil über Lao Dan. Im Besuch liegt Kritik, nicht bloß sanfter Trost. Ich möchte vom Sprechen und Weinen ohne eigenen Wunsch aus einen Schritt weitergehen: Wenn ein Raum schon festlegt, wie Trauer aussehen muss, bleibt den Einzelnen dann Platz, ihre Beziehung und ihr Gefühl selbst auszudrücken? Dieser Schritt führt aus der Geschichte in die Gegenwart. Er ist kein Verhör aller Menschen im Raum.

Nicht sprechen wollen und trotzdem sprechen

Manchmal kommt nach einem Ereignis zuerst keine Zuwendung, sondern ein Paket von Forderungen. Warum hast du noch nichts gesagt? Warum nur so wenige Worte geschrieben? Alle weinen – warum sieht man dir nichts an? Während man trauert, prüft man nun auch seine Trauer auf Tauglichkeit: welches Wort, welches Foto, wie lange bleiben? Zur ohnehin schweren Erfahrung des Verlusts tritt eine weitere Aufgabe: den Zuschauern zu beweisen, dass man Verlust versteht. Besonders das Sprechen ohne Sprechenwollen trifft hier. Nicht Gefühllosigkeit, sondern der vorläufige Wunsch, daraus keinen öffentlichen Satz zu machen. Nicht Gleichgültigkeit, sondern der Widerwille gegen schon vorgefertigte Worte.

Gemeinsamer Ausdruck kann selbstverständlich helfen. Jemand findet durch fremde Worte endlich Sprache; wer allein etwas getragen hat, trifft in einer Gruppe auf Menschen, die bei ihm bleiben wollen. Gefühle zählen nicht weniger, weil sie von anderen angeregt wurden. Sie wachsen in Beziehungen. Es gibt keine Trauer, die, von niemandem je beeinflusst, deshalb vollkommen rein wäre. Wir müssen nicht nach einer äußeren Herkunft der Tränen fragen, sondern danach, ob gegenseitiger Einfluss zu einer Forderung geworden ist, die man nicht ablehnen darf.

Drei Rufe sind keine neue Quote

Sagen wir nach der Lektüre, ein wahrhaft einsichtiger Mensch brauche nur dreimal zu klagen, haben wir lediglich einen strengeren Maßstab gewählt. Früher musste man lange genug weinen, nun rechtzeitig aufhören; noch immer wird Trauer abgenommen wie ein Werkstück. Man darf schnell gehen, lange sprachlos sein, erst Tage später weinen oder Jahre danach plötzlich von einem kleinen Gegenstand berührt werden. Die Dauer allein ordnet diese Erfahrungen nicht in bessere und schlechtere. Die Geschichte gibt Qin Shi die Bewegung, nicht nach fremder Erwartung weiterzumachen. Übertragen wir sie auf heute, muss dieser Raum ebenso für Menschen offenbleiben, die länger weinen. Sonst wird das Freisein von einer Atmosphäre nur die nächste Atmosphäre.

Mitunter brauchen wir durchaus Rituale. Sie zeigen, wie man kommt, begleitet oder wann man den Angehörigen ein Glas Wasser bringt. Nicht jede Form ist falsch. Entscheidend ist, ob sie Menschen trägt oder von ihnen eine Aufführung zu ihrer eigenen Vollendung verlangt.

Das Seil lösen, nicht die Tränen versiegeln

Qin Shi spricht vom Ausweichen vor dem Himmel und von bei qing. Alte Kommentare verstehen bei teils als Hinzufügen, teils im Sinn des verwandten Zeichens für Abwenden. Das ganze Stück darf nicht allein mit der heutigen Bedeutung ‚verdoppeln‘ zu einer Rechenformel der Gefühle werden. Folgen wir dem Hinzufügen, können wir fragen: Lastet auf dem Verlust noch ‚So hätte er nicht geschehen dürfen‘ oder ‚Ich muss durch Schmerz meine Treue beweisen‘? Der folgende Satz, Trauer und Freude drängen nicht ein, wenn man in der Zeit ruhe und dem Verlauf folge, ist aber stärker als das bloße Weglassen einer zusätzlichen Schicht Trauer. Wir dürfen nicht so tun, als sagte der alte Text nur das heute leicht Annehmbare. Er zeichnet einen Zustand, in dem Kommen und Gehen einen nicht mehr in Trauer und Freude gefangen halten.

Hier möchte ich die ‚Lösung der Aufhängung‘ dennoch konkret lesen. Xian steht für das Hängen. Das Bild vom Lösen des verkehrten Aufgehängtseins ist keine Rüstung, die man sich anlegt, sondern ein Ende des Hängens. Im Alltag kann sich die Anspannung langsam lösen, unbedingt etwas beweisen, festhalten oder eine Veränderung ungeschehen machen zu müssen. Das ist kein Befehl. Lange zu trauern heißt nicht, Zhuangzi nicht verstanden zu haben. Kommt Philosophie zu einem Menschen im Verlust, sollte sie ihm zuerst gerade keine zusätzliche Bestehensaufgabe geben.

Das kleine Feuer

Dann wendet sich der Text unvermittelt Holz und Feuer zu. Das Brennholz endet, das Feuer wird weitergegeben, sein Ende kennen wir nicht. Über diese Worte bestehen viele Auslegungsunterschiede; bereits die alten Kommentare diskutieren zhi und wei xin. Hier folgen wir dem Bild von endendem Holz und übertragbarem Feuer, ohne es als zweifelsfreie Wort-für-Wort-Übersetzung auszugeben. Ein Holzscheit brennt. Leicht sehen wir nur diesen Scheit: Er wird kürzer, schwärzer und verliert schließlich seine frühere Form. Vielleicht hat das Feuer schon einen anderen entzündet. So wandert der Blick vom Festhalten an einer unveränderten Gestalt zu dem, was in der Veränderung weitergeht.

Das beweist weder die Unsterblichkeit eines bestimmten Menschen noch garantiert es, dass alles Geliebte bleibt. Der Text sagt, wir wüssten das Ende nicht. Dieses Nichtwissen zu bewahren ist ehrlicher, als Lesern Ewigkeit zu versprechen. Ob die Alten damit dennoch einen stärkeren Gedanken des Fortdauerns ausdrücken wollten, bleibt diskutierbar. Die beiden Zeichen ‚nicht wissen‘ schließen andere Lesarten nicht schon für sich aus.

Beim Weggang eines Menschen erinnern wir uns vielleicht an etwas, das er uns beigebracht hat. Nicht an einen aufgestellten Lehrspruch, sondern daran, beim nächsten Menschen in einer schwierigen Lage wirklich einen Moment länger zu warten. Damit wird weder der Verstorbene kopiert noch der Verlust aufgehoben. Nur wirkt eine Beziehung manchmal an anderer Stelle weiter.

Leben heißt nicht nur, Feuer zu hinterlassen

Das Bild vom übergebenen Feuer wird leicht zur Ermutigung, sich aufzuopfern: Menschen gingen zu Ende, entscheidend sei das Entzünden anderer. Das kann bewegen, aber auch gefährlich werden, besonders im Mund dessen, der noch etwas mehr von dir verlangt. Nähren des Lebens beginnt ausdrücklich mit Körperbewahrung, Ganzhalten des Lebens und Ausschöpfen der Jahre. Wir dürfen am Ende nicht behaupten, es habe sich nie um das Bewahren des Lebens gekümmert. Auch Ding weiß, wann er die Klinge weglegt. Für den eigenen Körper zu sorgen, sich auszuruhen und nicht völlig aufzubrennen ist kein Verrat an diesem Feuer. Niemand muss etwas hinterlassen, um Liebe zu verdienen. Ohne Werk, ohne Schüler, ohne einen aufgezeichneten Namen wird ein Leben nicht zum vergeblich verbrannten Scheit.

Für mich verteilt dieses Ende keine Aufgaben zum Weitertragen eines Erbes. Es öffnet nur die zu fest geschlossene Hand etwas: Willst du eine Gestalt genau so erhalten oder das, was in dieser Beziehung geschehen ist und später vielleicht wieder geschehen kann? Das Letztere geht nicht notwendig nach deiner Anordnung weiter und muss nicht deinen Namen tragen.

Lass den Weinenden erst einmal sitzen

Ding, der Fasan und Qin Shi hinterlassen drei verschiedene Bewegungen: an der Schwierigkeit langsamer werden, den eingerichteten Käfig nicht begehren, nach dem Weinen nicht bleiben müssen, um die erwartete Szene zu vollenden. Unser Leseweg verbindet sie; er erteilt damit keine drei Vorschriften für alle. Sie lassen uns zurückschauen, welche Kraft dem ernsthaften Leben dient und welche nur dazu, uns einer schon festgelegten Gestalt auszuliefern. Nach der Lektüre sollten wir damit aber nicht sofort einen Weinenden messen. Ein Stuhl, etwas Wasser oder die gewünschte Stille sind vielleicht passender als die Erklärung Qin Shis.

Du selbst darfst dich ebenfalls eine Weile setzen. Ohne vorher zu entscheiden, wie viele Klagerufe es sein sollen.

Text und Lesart

Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die vorhandene englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate sind deutsche Wiedergaben, keine vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Die Unterschiede alter Auslegungen zur Frage des Schülers, zum Bezug von ‚diesem Menschen‘ und zu Holz und Feuer bleiben kenntlich. Gegenwärtige Beispiele sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Ereignisse der Überlieferung. Die vier theoretischen Begleitbände sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.

Hinweise zur Lektüre

Text und Lesart: Nähren des Lebens · Yang sheng zhu.

Die chinesische Seite bewahrt das klassische Zitat; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Zeitgenössische Vergleiche und weiterführende Überlegungen sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Vorgänge, die das Original berichtet.

Zum Vergleich der Kommentare: Gesammelte Erläuterungen zum Zhuangzi · Nähren des Lebens und Lin Xiyis mündliche Erläuterungen zum Zhuangzi.

Der Essay folgt der Lesart, dass der Schüler Qin Shis Trauer für nicht ausgiebig genug hält. Guo Xiang versteht die Frage dagegen als Erstaunen darüber, dass Qin Shi überhaupt klagt. Auch der Bezug von ‚jenem Menschen‘ ist strittig; hier wird Lao Dan als Bezug gewählt.