Das Zhuangzi neu aufschlagen · 08 · Der Vogel und die tote Maus
Drei Tage und drei Nächte ließ er suchen
Eine Eule bewacht ihre Beute. Daraus weiß sie noch nicht, wohin der andere Vogel fliegen will.
Huizi ist Kanzler von Liang geworden. Zhuangzi macht sich auf, ihn zu besuchen. Da trägt jemand Huizi einen Satz zu: Zhuangzi komme, um ihn zu ersetzen.
Huizi war Kanzler von Liang, und Zhuangzi wollte ihn besuchen. Jemand sagte zu Huizi: ‚Zhuangzi kommt und will deinen Kanzlerposten übernehmen.‘ Huizi bekam Angst und ließ drei Tage und drei Nächte im Land nach ihm suchen.
Auf eine unbestätigte Vermutung folgen drei Tage und drei Nächte der Suche. Als Zhuangzi schließlich selbst vor ihm steht, erläutert er nicht zuerst seine Reisepläne. Er erzählt von einem Vogel.
Im Süden gibt es einen Vogel namens Yuanchu. Kennst du ihn? Er bricht am Südmeer auf und fliegt zum Nordmeer; er rastet nur auf dem Wutong-Baum, frisst nur Bambusfrüchte und trinkt nur aus süßen Quellen. Nun hat eine Eule eine verwesende Maus gefunden. Als der Yuanchu über sie hinwegfliegt, blickt sie zu ihm hinauf und schreit: ‚Weg da!‘ Willst du mir jetzt mit deinem Staat Liang ebenso drohen?
Der Yuanchu fliegt vom südlichen zum nördlichen Meer. Er hat seine eigenen Rastplätze, seine Nahrung und seine Quellen. Die Eule besitzt eine tote, schon faulende Maus. Kaum sieht sie den Vogel über sich, ruft sie: Bleib mir fern! Zhuangzi fragt: Willst du mir mit deinem Liang auch diesen Schrei entgegenschicken?
1. Der Spott ist wirklich da. Aber es geht um mehr als eine Rangliste
Bei dieser Stelle kann man leicht lachen. Den Kanzlerposten mit einer verwesenden Maus zu vergleichen ist zweifellos scharfer Spott. Wer daraus nur einen freundlich vorgehaltenen Spiegel macht, ohne jede Spitze, wird der Wucht des Textes nicht gerecht. Bleibt nach dem Lachen aber bloß ‚Zhuangzi ist edel, Huizi hängt am Ansehen‘ übrig, ist die Geschichte zu schnell vorbei. Wir haben die beiden benotet, uns auf die schönere Seite gestellt und brauchen nichts mehr anzusehen. Mich interessiert mehr, worin die Eule sich täuscht.
Was sie festhält, ist ihr wichtig. Der vorüberfliegende Vogel hat jedoch ein anderes Ziel. In der Geschichte zeigt er nicht, dass er um diese Mahlzeit streiten möchte. Der Schrei überspringt genau diese Lücke: Ich fürchte, es zu verlieren, also musst du es haben wollen. Dass ich etwas für bewahrenswert halte, bedeutet noch nicht, dass jeder, der näher kommt, schon darauf aus ist.
2. Drei Tage und drei Nächte hinter einem Satz her
‚Angst‘ wiegt hier schwer, und ‚drei Tage und drei Nächte‘ ebenfalls. Der Text führt weder die Suchbefehle noch ihren genauen Umfang auf. Wir müssen nicht ergänzen, wie jede einzelne Straße durchkämmt wurde. Das Erzählte reicht: Huizis Furcht wird zu einem anhaltenden Handeln. Daraus folgt nicht, dass er innerlich keinen Zweifel hatte. Auch Ungewissheit kann Menschen verzweifelt suchen lassen. Die Suche zeigt hier aber zumindest, welche Behandlung die Vermutung erfährt. ‚Er will mir meinen Platz wegnehmen‘ ist noch nicht erwiesen und darf doch schon das Leben in Bewegung setzen.
Warum fügt sich der Gedanke so mühelos ein? Vielleicht weiß Huizi sehr gut, wie viel dieser Platz ihm selbst bedeutet. Sobald er hört, jemand wolle ihn ersetzen, füllt der vertrauteste Wunsch die unbekannteste Stelle aus. Auch uns passiert das. Jemand trifft eine Entscheidung, die er nicht erklärt hat, und in uns steht der Grund schon bereit. Je besser dieser Grund zu dem passt, woran wir selbst hängen, desto weniger bemerken wir, dass auch er noch geprüft werden müsste.
3. Über wen sagt dieser Schrei zuerst etwas aus?
Oben fliegt der Yuanchu, unten ruft die Eule. Der Schrei richtet sich zwar an den anderen Vogel, am meisten verrät er aber über die Rufende: Ich bewache etwas und halte es für möglich, dass es mir weggenommen wird. Damit ist nicht jede Sorge zur Projektion erklärt. Konkurrenz kann wirklich sein, und Menschen verbergen mitunter ihre Absichten. Die Geschichte fordert uns weder auf, das Urteilen aufzugeben, noch darf man mit einem ‚Du denkst zu viel nach‘ berechtigte Wachsamkeit abwürgen. Sie verlangsamt nur einen sehr schnellen Schluss: Welche Belege führen mich gerade von ‚Mir ist es wichtig‘ zu ‚Genau darauf hat er es abgesehen‘?
Noch dringender wird die Pause, wenn jede mögliche Handlung des anderen als Konkurrenz ausgelegt werden kann. Wird er tätig, bereitet er seinen Angriff vor. Gibt er nach, weicht er nur aus, um später weiterzukommen. Sagt er, er wolle es nicht, tarnt er sich geschickt. Das Urteil wird damit nicht immer genauer; es erlaubt nur nichts mehr, was es zum Widerruf bewegen könnte. Selbst wenn der Yuanchu weiter nach Norden fliegt, kann die Eule noch sagen: Seht, vorerst hat er sich zurückgezogen.
4. Am Fluss lebt auch noch eine Schildkröte
In der Anordnung des Kapitels Herbstfluten steht unmittelbar davor die Geschichte vom angelnden Zhuangzi. Der König von Chu schickt zwei Würdenträger, die ihm die Staatsgeschäfte antragen sollen. Zhuangzi hält seine Angel und fragt nach der heiligen Schildkröte, deren Gebeine man in Chu verehrt:
Würde diese Schildkröte lieber tot sein und ihre Gebeine in Ehren bewahrt wissen, oder lieber leben und ihren Schwanz durch den Schlamm ziehen?
Lieber nach dem Tod als ehrwürdiges Gebein aufbewahrt werden oder lebend den Schwanz durch den Schlamm ziehen? Die beiden Gesandten antworten: lieber lebend durch den Schlamm. Dann geht zurück, sagt Zhuangzi, ich will ebenfalls meinen Schwanz durch den Schlamm ziehen. Lesen wir die Geschichten nebeneinander, haben wir also schon gesehen, dass Zhuangzi ein als Ehre angebotenes Lebensarrangement tatsächlich abgelehnt hat. Nicht nur Menschen, die etwas nicht bekommen, können sagen, dass sie es nicht wollen. Dabei brauchen wir nicht auszurechnen, ob das Angebot aus Chu größer gewesen wäre als der Kanzlerposten in Liang. Der Text nimmt uns diese Bewertung politischer Macht nicht ab. Entscheidend ist: Eine Ehre, die andere verleihen möchten, ist nicht automatisch das Leben, das ihr Empfänger führen möchte.
Die beiden Gesandten können für die Schildkröte antworten: lieber leben. Zwischen der Zustimmung zu dieser Antwort und dem Glauben, dass der Mensch vor ihnen dafür wirklich auf Ehre verzichten würde, kann trotzdem noch ein Schritt liegen.
5. Wer nicht aufsteigt, steigt angeblich nur anders auf
Manche Arbeitsumgebungen beherrschen das Erklären von Menschen besonders gut. Jemand hilft bei einer Sache, die in keiner Leistungsbewertung auftauchen wird: Er sammelt bestimmt Beziehungen. Jemand lehnt eine Beförderung ab: Er hat gewiss etwas Besseres in Aussicht. Jemand geht: Er hat den Wettbewerb hier verloren. Selbst wenn er wiederholt sagt, dass er gerade diese Art von Arbeit lieber macht, hört man das höflich als eine weitere Ausrede. Manchmal mögen solche Erklärungen stimmen. Erstickend ist nicht, dass es sie gibt. Erstickend ist, wenn daneben niemand mehr die Möglichkeit bekommt, seinen eigenen Grund zu nennen und damit als aufrichtig gehört zu werden. Auch Nicht-Wetteifern gilt dann als eine Art des Wetteiferns. Alle Wege führen wieder auf dieselbe Leiter.
Beim Herrn von Fan ging es im vorigen Essay darum, dass eine Stellung nicht genügt, mich zu vertreten. Hier führt der Gedanke nach außen weiter: Auch meine Stellung reicht nicht aus, das Leben eines anderen zu erklären. Kenne ich nur den Maßstab des Aufstiegs, kann die gute Arbeit eines Kollegen bedrohlich wirken und seine Frage wie eine Herausforderung. Vielleicht nimmt er einfach die Sache ernst. In meiner Geschichte habe ich ihm seinen Ehrgeiz aber schon zugewiesen.
Wer andere führt, muss besonders aufpassen. Eine Vermutung in seiner Hand bleibt nicht bloß eine private Vorstellung. Sie beeinflusst, wer eine Chance erhält, wer abgesondert wird und wessen gewöhnliche Kontakte plötzlich als Bündnisbildung gelten. Die Kosten der Suche trägt nicht allein derjenige, der Angst hat. Auch der Verdächtigte kann dafür bezahlen müssen.
6. Nicht noch einen Satz für Zhuangzi hinzufügen
Zhuangzis letzte Frage lautet: Willst du mir mit deinem Liang drohen? Höflich ist das nicht, und wir brauchen dem Satz seine Schärfe nicht zu nehmen. Er verfasst in dieser Szene aber auch kein vollständiges Persönlichkeitsgutachten über Huizi. Dessen Reaktion steht nicht im Text. Der Leser muss kein beschämtes Verstummen ergänzen, um die Lektion für erfolgreich zu halten. Wichtiger ist vielleicht, dass Huizi nicht nur in dieser einen Geschichte lebt. Er ist auch der verlorene Gesprächspartner, von dem Zhuangzi beim Vorübergehen an seinem Grab anhand des Handwerkers Shi und des Mannes aus Ying erzählt.
Der Text zeigt uns Huizi in zwei verschiedenen Beziehungen. Einmal kann er lächerlich sein, ein andermal spüren wir, dass niemand ihn ersetzen kann. Wer einen Menschen einen Moment lang seine ‚verwesende Maus‘ bewachen sieht, weiß deshalb noch nicht alles über ihn. Sonst würden wir mit Zhuangzi gerade das tun, was er hier auseinanderlegt: einen fertigen Erklärungsrahmen über den Menschen vor uns ziehen.
7. Danach kommen die Fische unter der Brücke
Nach der Angelszene und dem Yuanchu erzählt Herbstfluten, wie Zhuangzi und Huizi auf der Brücke über den Hao spazieren. Zhuangzi sieht die Fische gelassen schwimmen und nennt das ihre Freude. Huizi fragt: Du bist kein Fisch – woher weißt du, dass Fische sich freuen? Diesmal stellt er eine Frage, die wirklich ein Gespräch verdient: Wie können wir etwas über das Empfinden eines anderen Lebewesens wissen? Sie lässt sich nicht einfach mit seinem früheren Verdacht gegen Zhuangzi gleichsetzen. Doch hintereinander gelesen erzeugen die drei Szenen einen interessanten Widerhall. Kann jemand ein anderes Leben führen, als du es dir vorstellst? Worauf stützt du dein Urteil über seine Absichten? Und wie weißt du etwas, wenn du sagst, du wüsstest es?
In der vorigen Szene wird eine fremde Vermutung zu schnell zur Handlung. In der folgenden tritt der Streit über das Verstehen offen hervor. Die Geschichten legen nicht ein für alle Mal fest, wer von beiden immer recht und wer immer unrecht haben wird. Sie reden noch miteinander.
8. Was du in der Hand hältst, darf wichtig bleiben
Nach dieser Lektüre muss niemand eilig erklären, der eigene Kanzlerposten sei ebenfalls eine verwesende Maus. Arbeit, Stellung und Einkommen dürfen wichtig sein. Das einzugestehen ist keine Schande. Lockern sollten wir etwas anderes: Weil es mir wichtig ist, muss es auch das sein, was andere eigentlich wollen. Wenn ich das nächste Mal mit großer Sicherheit sage: ‚In Wirklichkeit will er doch nur …‘, könnte ich schon bei ‚in Wirklichkeit‘ einen Augenblick verweilen. Hat der andere diesen Grund genannt? Habe ich etwas beobachtet? Oder trägt mein vertrautester Wunsch gerade den Namen eines fremden Menschen? Was ich in der Hand halte, ist dadurch nicht verschwunden. Der Vogel am Himmel könnte aber seine eigene Richtung wiederbekommen.
Text und Lesart
Diese vollständige deutsche Leserfassung ist auf Grundlage des chinesischen Essays eigenständig geschrieben. Die bereits veröffentlichte englische Fassung wurde unabhängig verfasst; die vereinfachte und die traditionelle chinesische Fassung enthalten den vollständigen Essay. Klassische Zitate werden hier auf Deutsch wiedergegeben: Das ist keine vollständige Übersetzung des Zhuangzi. Heutige Vergleiche und weiterführende Gedanken gehören zur Lesart des Autors, nicht zu zusätzlichen Vorgängen im alten Text. Die theoretischen Begleittexte sind über die vorhandene englisch-chinesische Forschungsübersicht erreichbar.
Hinweise zur Lektüre
Text und Lesart: Herbstfluten.
Die chinesische Seite bewahrt das klassische Zitat; die englische Erzählung wurde für diese Ausgabe neu geschrieben. Zeitgenössische Vergleiche und weiterführende Überlegungen sind Lesarten des Autors, keine zusätzlichen Vorgänge, die das Original berichtet.