Die Tat tun, die Person werden
Der scheinbare Zirkel
Wir werden gerecht, indem wir gerechte Dinge tun, und besonnen, indem wir besonnene Dinge tun. Aristoteles’ Satz scheint einen Zirkel zu enthalten. Wenn nur der Gerechte gerecht handeln kann, wie soll der Anfänger je beginnen? Und wenn schon jede äußerlich richtige Tat genügt, warum unterscheidet Aristoteles überhaupt zwischen einer richtigen Handlung und einem tugendhaften Menschen?
Seine Antwort trennt das Ergebnis vom Zustand des Handelnden. Ein grammatischer Satz kann zufällig gelingen oder unter Anleitung entstehen; damit ist der Schüler noch kein Grammatiker. Ebenso kann jemand tun, was ein Gerechter tun würde, aus Angst, Unwissenheit, Berechnung oder unter Zwang. Die Tat kann ihrer Art nach richtig sein, während sie noch nicht aus der entsprechenden Tugend hervorgeht.
Das Ergebnis enthält die Person nicht
Für tugendhaftes Handeln nennt Aristoteles zusätzliche Bedingungen. Der Handelnde muss wissen, was er tut, die Handlung um ihrer selbst willen wählen und aus einer festen, nicht leicht beweglichen Haltung handeln. Das Wissen erhält dabei erstaunlich wenig Gewicht; entscheidend sind Wahl und stabiler Charakter. Moralische Bildung ist nicht bloß Informationsübertragung.
Der sichtbare Ausgang enthält diese Bedingungen nicht. Zwei Personen geben denselben Betrag, sagen dieselben Worte oder verweigern denselben Befehl. Die eine handelt aus gerechter Wahl, die andere für einen Ruf, die dritte aus Furcht. Wer nur das Produkt sieht, darf die Person nicht vollständig daraus rekonstruieren. Umgekehrt kann eine aufrichtige Haltung eine schlecht beurteilte Handlung nicht automatisch richtig machen. Tat und Handelnder müssen getrennt geprüft werden.
Die Handlung um ihrer selbst willen wählen
„Um ihrer selbst willen“ bedeutet nicht, dass Folgen gleichgültig wären. Es bezeichnet den Grund, aus dem die Handlung als diese Handlung gewählt wird. Wer ein Versprechen nur hält, weil Kameras laufen, produziert womöglich denselben äußeren Zustand, hat aber das Versprechen nicht als verpflichtend anerkannt. Die Differenz wird besonders sichtbar, wenn Überwachung verschwindet.
SAE spricht hier eher von Übernahme und Signatur als von Tugend. Ein Urteil wird nicht schon dadurch zum eigenen, dass man die richtigen Sätze wiederholt. Die Person muss die Gründe übernehmen und für die gesetzte Unterscheidung antworten können. Diese Signatur besitzt jedoch eine begrenzte Reichweite. Sie macht jemanden zum Verantwortlichen dieses Urteils; sie liefert keine vollständige Theorie seines Charakters und keine ewige Identität.
Wie Formung geschieht
Wiederholung ist bei Aristoteles kein mechanisches Kopieren. Handlungen bilden Empfindungen, Wahrnehmung und Neigungen so, dass das Gute später anders erscheint und anders Freude macht. Deshalb kommt es darauf an, von Jugend an in einer bestimmten Weise an Lust und Schmerz gewöhnt zu werden. Der Anfänger handelt zunächst unter Anleitung in einer Form, die er noch nicht vollkommen besitzt; durch das Tun wird die Fähigkeit stabiler, aus der die Handlung künftig hervorgehen kann.
SAE kann den sedimentierenden Effekt einer Entscheidung beschreiben: Ein gesetzter Unterschied verändert, welche Wege später leicht, sichtbar oder teuer werden. Doch es sollte dieses Sediment nicht vorschnell „Charakter“ nennen. Seine primäre Einheit ist das verantwortbare Urteil, während Aristoteles eine über Zeit gebildete Haltung des ganzen Handelnden untersucht. Die Begriffe berühren sich, ohne deckungsgleich zu sein.
Für Pädagogik und Institutionen ist die Differenz entscheidend. Eine Checkliste kann richtige Ausgänge erhöhen und dennoch keine Urteilskraft bilden. Reine Selbstentfaltung kann umgekehrt eine bestehende Verzerrung nur stabilisieren. Bildung braucht Aufgaben, Rückmeldung, Wiederholung und zunehmend eigene Wahl. Der Lehrer kann die Handlung anbahnen, aber nicht auf Dauer die Wahl des Lernenden ersetzen.
Aristoteles löst den Zirkel deshalb nicht durch eine geheime erste Tugend. Er unterscheidet Stufen: eine Handlung der richtigen Art, eine Handlung unter den Bedingungen des Tugendhaften und eine gefestigte Person, die solche Handlungen zuverlässig hervorbringt. SAE fügt eine Warnung hinzu: Auch eine gefestigte Signatur bleibt überprüfbar; kein einzelnes Produkt enthält den Menschen ganz. Die Tat ist real. Die Bildung durch die Tat ist real. Aber aus keiner Tat allein folgt der endgültige Satz: So ist diese Person.
Damit bleibt eine beidseitige Frage offen. Aristoteles erklärt, wie Wiederholung Haltung bildet, aber der richtige Anfang ist bereits auf Gesetzgeber und Erzieher angewiesen. SAE markiert die Übernahme eines Urteils genauer, erklärt jedoch weniger, wie die Fähigkeit zur Übernahme wächst. Ergebnis, Wahl und Bildung müssen gemeinsam betrachtet werden, ohne in einen einzigen Beleg zusammenzufallen.