Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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IV · Von der Freiheit zur Institution
Essay 11 von 15

Wenn zwei Zwecke aufeinandertreffen

Han Qin (秦汉)

Der andere ist keine zweite Version meiner selbst

Zum Verstehen empfiehlt man oft einen Perspektivwechsel: „Wie würde ich mich an seiner Stelle fühlen?“ Die Übung ist hilfreich und trägt doch ein Risiko. Noch immer erzeugen meine Wünsche, Ängste und Werte die Antwort. Die schwierigen Fälle beginnen dort, wo ich selbst unter denselben Umständen nicht der andere würde. Sein Nicht-nicht-Können besitzt vielleicht kein Gegenstück in meinem Leben.

Für SAE treffen zwischen Subjekten nicht bloß Meinungen aufeinander, die nach genügend Gespräch notwendig verschmelzen. Es begegnen sich zwei Quellen von Zwecken. Anerkennung beginnt mit dem Eingeständnis, dass mein Maß den anderen nicht erschöpft. Verständnis kann wachsen, ohne seine Unreduzierbarkeit aufzuheben.

Auch Empathie und Akzeptanz sind nicht identisch. Empathie versucht, in einen fremden Bezugsrahmen einzutreten; Akzeptanz kann bei „So bist du eben“ stehenbleiben. Umgekehrt wird grenzenlose Empathie zur Selbstaufgabe, wenn ich für das Fühlen mit dem anderen meine eigenen inneren Notwendigkeiten lösche.

Gegenseitiges Meißeln

Geraten zwei Menschen in Konflikt, die sich und den anderen als Zweck behandeln, ist der erste Schritt nicht Sieg, sondern gegenseitiges Meißeln (mutual chiseling). Jede Seite hält ihre Konstruktion an den Bezugsrahmen der anderen und fragt: Was daran ist ein tragender Zweck? Was ist Gewohnheit, Angst, Rollenspiel oder die ungeprüfte Annahme, die eigene Norm müsse allgemein gelten?

Dabei kann sichtbar werden, dass nur die Ausdrucksformen kollidieren und die tieferen Zwecke vereinbar sind. Ebenso kann sich herausstellen, dass zwei Nicht-nicht-Können wirklich nicht zusammenpassen. Das zweite Ergebnis ist kein automatisches Gesprächsversagen. Der klare Satz „Darauf kann ich nicht verzichten, und ich erkenne an, dass du jenes nicht aufgeben kannst“ kann bereits eine reife Leistung sein.

Gegenseitiges Meißeln heißt nicht grenzenloser Kompromiss. Beide müssen Befragung zulassen, ohne ihren Kern bloß als Beweis der Offenheit preiszugeben. Meißeln ohne Selbstschutz wird zur Anpassung; Festigkeit ohne Veränderungsmöglichkeit bleibt Monolog.

Weggehen

Verweigert eine Seite der anderen den Status als Zweck oder erlaubt der Konflikt kein gemeinsames Leben, kann Weggehen die ehrlichste Antwort sein. Es ist nicht notwendig die Niederlage einer Debatte. Hier verwirklichen sich Abzweigungsrechte in einer Beziehung: Mein Zweck benötigt weder deine Zustimmung noch deine Unterwerfung, um zu bestehen.

Der Austritt schützt mitunter auch das Gegenüber. Wer unter den Titeln Erziehung, Rettung oder Bestrafung weiterkämpft, verwandelt „Ich respektiere dich“ in „Ich werde dich respektieren, sobald du mir zustimmst“. Dass zwei Subjekte nichts Gemeinsames bauen können, verlangt nicht, dass eines von ihnen verschwindet.

Doch Weggehen ist nicht immer möglich. Gemeinsame Kinder, unteilbare Güter, Pflichten gegenüber Dritten, ein geteilter Lebensraum und bereits erzeugte hohe Austrittskosten können aus dem Ausgang eine neue Verletzung machen.

Der verbleibende Rest

Wenn gegenseitiges Meißeln den Konflikt nicht löst und Weggehen nicht verantwortbar ist, bleibt ein zwischenmenschlicher Rest. Eine äußere Schlichtung anzunehmen bedeutet dann nicht, als Subjekt zu versagen. Beide erkennen vielmehr ihre Grenze an: Sie können nicht je Richter in eigener Sache bleiben und zugleich erwarten, dass ihr Urteil für den anderen gemeinsam gültig sei.

Nach der Begegnung zweier Zwecke gibt es somit drei Wege: meißeln, wo Prüfung die Lage verändern kann; auseinandergehen, wo weitere Verflechtung unnötig ist; und ein gemeinsam anerkanntes Verfahren nutzen, wo ein unausweichlicher Schnittpunkt bleibt. Am dritten Weg entsteht die Institution.

Zusammenleben wird nicht möglich, weil alle am Ende gleich werden. Innerlich plurale Menschen wissen bereits, dass Unreduzierbarkeit keine Vernichtung verlangt. Die tiefste Anerkennung besteht nicht darin, den anderen vollständig zu verstehen, sondern an der Grenze des Verstehens nicht auf sein fehlendes Daseinsrecht zu schließen.

Dieser Essay ist eine eigenständige, allgemeinverständliche Neufassung des SAE-Grundlagenaufsatzes 5. Die vollständige Argumentation und ihre wissenschaftlichen Grenzen stehen im Original. How Is the Inter-Ontological Possible. Originalaufsatz ↗ · DOI ↗