Wenn alles sich durchdringt, bleibt ein Anderer?
Indras Netz und mehr als Vernetzung
Huayans eindringlichstes Bild ist Indras Netz: Unzählige Juwelen spiegeln jedes andere, in jedem Spiegelbild erscheint wiederum das ganze Netz, ohne Ende. „Alles ist verbunden“ ist dafür zu schwach. Netzwerkknoten können verdeckt, verzögert oder getrennt sein. Indras Netz behauptet, dass jedes Ereignis in allen anderen erscheint, eines und vieles zugleich bestehen und Differenz ohne Behinderung bleibt.
Die Frage an SAE lautet daher nicht, ob beide Relation schätzen. Sie lautet: Muss eine vollkommene Relation ein Außen bewahren, das ich nicht einnehmen kann? An dieser Stelle berühren sich die Systeme am höchsten Punkt und gehen in entgegengesetzte Richtungen.
Wo die fünf Lehren abzweigen
Huayans fünf Lehren—Lehre des kleinen Fahrzeugs, anfängliche und endgültige Mahāyāna-Lehre, plötzliche und vollkommene Lehre—ordnen Doktrinen, nicht Zeiten oder Persönlichkeitsgrade. Jede DD-Zuordnung bleibt deshalb nichtstrikt. Man kann Selbstbefreiung um 13DD und 14DD, die relationale Wendung ab 15DD lesen, ohne die buddhistischen Lehren in DD-Stufen aufzulösen.
Die Abzweigung liegt gerade beim Höchsten. Huayans vollkommene Lehre ist nicht einfach 16DD. Beide überschreiten ein ausschließlich eigenes Ziel. Huayan vollendet durch ungehinderte gegenseitige Einbeziehung; SAE durch gegenseitigen Nichtzweifel, der die Unerschöpflichkeit des anderen wahrt. Das ist kein Rangunterschied, sondern eine andere Endtopologie.
Kein Außen und Außen ohne äußere Kraft
Huayans Entstehung des Dharma-Reichs kennt keinen ersten Verursacher außerhalb. Phänomene entstehen durch das eine wahre Dharma-Reich und Dharma-Natur in einem Ganzen ohne äußeren Rest. „Kein Anfang“ heißt nicht kein Grund, sondern kein externer Initiator. Huayan beginnt aus Fülle und kann eine vollkommene Vollendung positiv artikulieren.
SAE bewegt sich fast umgekehrt. Es besitzt mit Negativa einen formalen Anfang, aber keinen geschlossenen Endpunkt. Jede Konstruktion lässt Rest außerhalb; 16DD bleibt relationale Grenze, die niemand allein besetzt. Huayan hat keinen äußeren ersten Grund und ein aussprechbares Höchstes. SAE hat einen formalen Beginn und kein global geschlossenes Ende. Keines ist die unfertige Version des anderen.
Durchdringung ist nicht gegenseitiges Verstehen
SAEs Anerkennung eines anderen als Zweck bedeutet nicht Kenntnis seiner Zwecke. Bei 15DD wird ein anderer Zweckursprung registriert; jede Simulation verwendet dennoch das eigene 14DD als Vorlage. Selbst ein feines Modell erreicht einen Strukturmarker, nicht den Inhalt von innen.
16DD macht Subjekte ebenfalls nicht transparent. Weil beide den anderen als wahres Subjekt anerkennen, bleibt etwas der einseitigen Besitznahme entzogen. „Ich verstehe dich vollständig“ kann gerade der Satz sein, der den Menschen wieder zum Objekt im eigenen Modell macht.
Huayan antwortet anders. Ungehinderte Durchdringung ist nicht meine Repräsentation des anderen, sondern das volle Erscheinen jedes Phänomens durch das Ganze. Differenz bleibt; eines ist nicht vieles, Teil nicht Ganzes. Vollendung braucht kein Außen, weil nichts von Relation ausgeschlossen wird. Huayan vollendet Andersheit durch Einbeziehung, SAE durch Verweigerung totaler Einbeziehung.
Das Netz passt nur zur Hälfte
SAE kann Netzwerke mit Rückkopplung zeichnen. Doch bei unendlicher Spiegelung bricht die Entsprechung. Reflexivität bleibt begrenzt. Jedes Modell eines Knotens vom Netz ist Konstruktion und verdeckt; die Markierung der Verdeckung erzeugt eine weitere Konstruktion mit weiterem Rest. Kein Knoten nimmt das Ganze verlustfrei auf.
Huayan kann fragen, warum wahre Subjektivität Außen erfordern soll. SAE kann fragen, wie ein Ausleger im Namen des Ganzen vermeidet, für einen anderen Knoten zu sprechen. Huayans sechs Merkmale bewahren Ganzes und Teil, Identität und Differenz; SAEs Resterhaltung bewahrt Außen als Bedingung des Nichtbesitzes. Jede Verteidigung hängt am eigenen Axiom.
Bleibt nach vollständiger Durchdringung ein Anderer? Huayan sagt: gerade in der Durchdringung erscheint jeder andere in eigener Differenz. SAE sagt: Ohne ein der einseitigen Einbeziehung Entzogenes lässt sich ein Subjekt nicht von einem außerordentlich reichen Objektmodell unterscheiden. Die Schnittstelle soll diese Naht nicht schließen. Sie zeigt, warum „vollständig“ mehr als eine vollständige philosophische Bedeutung besitzt.
Das Bild von Indras Netz darf deshalb auch nicht als bloßes Modell gegenseitigen Verstehens verwendet werden. Huayans Durchdringung ist ontologisch und soteriologisch dichter als die Behauptung, jeder Knoten besitze viele Informationen über andere. SAE bleibt auf der Seite begrenzter Modellierung und verantworteter Anerkennung. Mehr Daten verringern manche Unkenntnis; sie beseitigen nicht den prinzipiellen Unterschied zwischen dem anderen Subjekt und meinem Modell von ihm.