003 / 108 · Zu sich selbst werden
Sokrates, der Mann auf der Lichtung
Eine Antwort fällt, und mit ihr das schützende Dach. Einer bleibt stehen und fragt weiter.
I. Eine Erklärung genügt nicht
Der alte Sokrates, den Platon im Phaidon sprechen lässt, erinnert sich an einen jungen Mann, der die Natur verstehen wollte. Am letzten Tag seines Lebens erzählt er den Freunden, wie begierig er einst nach den Ursachen des Entstehens und Vergehens gesucht hatte. Warum lebt etwas? Wie bewegt sich der Himmel? Was macht die Welt zu dem, was sie ist?
Darin stand er nicht allein. Thales hatte das Wasser an den Anfang gestellt, Heraklit dem Feuer eine grundlegende Rolle gegeben, die Atomisten erklärten die Vorgänge aus Atomen und leerem Raum. Es wäre ungenau, diese unterschiedlichen Unternehmungen einfach mit heutiger Wissenschaft gleichzusetzen. Doch die Richtung ist erkennbar: nicht bloß eine überlieferte Geschichte wiederholen, sondern untersuchen, woraus die Dinge bestehen und was mit ihnen geschieht.
Dann begegnet Sokrates dem Gedanken des Anaxagoras: Geist, nous, ordne alles. Das klingt nach der gesuchten Antwort. Wenn Geist die Welt ordnet, müsste er sie doch so ordnen, wie es am besten ist. Sokrates erwartet nicht allein Auskunft darüber, wo die Erde liegt. Er möchte erfahren, weshalb es für sie am besten ist, gerade dort zu liegen. Nicht allein die Bewegung der Sonne, sondern den Grund, aus dem diese Bewegung die beste ist.
Er liest weiter. Die Erwartung wird enttäuscht. Sobald Anaxagoras etwas im Einzelnen erklärt, treten Luft, Äther, Wasser und andere stoffliche Ursachen an die Arbeit. Der Geist hat die Tür geöffnet und scheint danach verschwunden zu sein. Was Sokrates von ihm wissen wollte, bleibt unbeantwortet.
Die Knochen und Sehnen eines Menschen erklären, wie er im Gefängnis sitzen kann. Noch nicht erklärt ist, warum er es für richtig hält, dort zu bleiben. Das eine muss deshalb nicht falsch sein. Es beantwortet nur eine andere Frage. Sokrates will sich nicht damit zufriedengeben, dass an die Stelle seines Warum eine immer genauere Beschreibung des Wie tritt.
Seine zweite Fahrt, von der der Phaidon erzählt, führt über Aussagen und Annahmen: Was folgt aus ihnen, was hält der Prüfung stand? Auch die platonischen Ideen treten auf diesem Weg hervor. Es ist nicht einfach ein Wechsel von Naturkunde zum Gespräch. Für dieses Porträt bleibt zunächst ein kleinerer Augenblick wichtig: Ein Mensch bemerkt, dass eine Erklärung ihn nicht erreicht, und ist bereit, die Frage noch einmal zu stellen.
Er hat nicht gefunden, was er suchte. Er tut nicht so, als wäre die Suche darum schon abgeschlossen.
II. Der Spruch aus Delphi
Auf dem Markt, neben dem Gymnasion, bei einem Gastmahl, unterwegs auf der Straße: Sokrates hält jemanden mit einer Frage auf. Du verstehst etwas vom Regieren. Was ist Gerechtigkeit? Du kennst den Krieg. Was ist Tapferkeit? Du erziehst junge Menschen. Was ist Tugend? Er bittet nicht nur um Beispiele. Er möchte wissen, was die Beispiele zu Beispielen derselben Sache macht.
In der Apologie erklärt er diesen Lebensweg mit einem merkwürdigen Auftrag. Sein Freund Chairephon war nach Delphi gegangen und hatte die Pythia gefragt, ob jemand weiser sei als Sokrates. Niemand, lautete die Antwort. Sokrates konnte sie nicht mit dem vereinbaren, was er von sich selbst wusste. Er war sich keiner besonderen Weisheit bewusst. Ein Gott aber konnte nicht lügen. Was meinte der Spruch?
Er machte sich daran, einen Gegenfall zu finden. Zuerst suchte er Politiker auf. Wer eine Stadt lenkt und öffentlich gehört wird, müsste doch wissen, worüber er entscheidet. Die Männer gaben Antworten, aber im Fortgang des Gesprächs hielten diese nicht stand. Sokrates entdeckte einen Abstand zwischen dem Ansehen, das jemand genoss, und dem Wissen, das dessen Überzeugungen tatsächlich trug.
Als Nächstes kamen die Dichter. Ihre Werke waren schön; wer solche Werke hervorbrachte, musste doch verstehen, was er tat. Aber auf Fragen nach ihren eigenen Versen konnten sie nicht immer befriedigend antworten. Sokrates sah in ihrer Leistung etwas, das eher Eingebung als verfügbares Wissen war. Damit bestritt er nicht die Größe des Gedichts. Er bestritt den selbstverständlichen Übergang von dieser Größe zur Weisheit seines Verfassers.
Bei den Handwerkern lag die Sache anders. Sie konnten wirklich etwas, das er nicht konnte. Ein Schiff bauen, ein Haus errichten: Das wurde durch Fragen nicht plötzlich zu Unwissen. Doch sie neigten dazu, die Sicherheit in ihrem Handwerk auf die größten Fragen des Lebens auszudehnen. Weil sie sich hier auskannten, glaubten sie auch dort Bescheid zu wissen.
Drei Wege führten also an drei verschiedene Verwechslungen: Macht mit Weisheit, Eingebung mit Verständnis, fachliches Können mit allgemeiner Urteilsfähigkeit. Der kleine Vorsprung, den Sokrates für sich entdeckte, bestand darin, über das Nichtgewusste nicht zu verfügen, als wüsste er es. Ich weiß, dass ich nichts weiß: So lautet die berühmte Kurzform. In dieser Form steht der Satz nicht in der Apologie.
Er ist auch kein Widerruf allen Wissens. Der Handwerker versteht noch immer sein Handwerk. Die schwierigere Einsicht lautet: Wirkliches Wissen hat Grenzen, und das Selbstgefühl eines Wissenden bemerkt sie nicht immer. Sokrates kann diese Frage nicht nur anderen stellen. Auch in sich muss er unterscheiden, wo die Kenntnis aufhört und die Gewohnheit beginnt, recht zu haben.
III. Vier Gespräche ohne sicheres Dach
Was ist Frömmigkeit? Der Euthyphron fragt danach. Was ist Tapferkeit? Der Laches. Was ist Besonnenheit? Der Charmides. Was ist Freundschaft? Der Lysis. Am Ende dieser Gespräche liegt nicht jeweils die gesuchte Definition auf dem Tisch, ordentlich gereinigt und zum Mitnehmen bereit.
Dabei beginnt es zuversichtlich. Euthyphron hält sich für einen besonderen Kenner göttlicher Dinge; Laches ist Feldherr. Man könnte meinen, die Lebensstellung des Befragten erspare das Fragen. Doch eine Stellung ist noch keine Antwort. Im Gespräch muss der Satz selbst das Gewicht tragen.
Fromm sei, was die Götter lieben. Aber die Götter sind sich nicht in allem einig. Wäre dieselbe Handlung dann zugleich fromm und unfromm? Man verbessert den Satz: was alle Götter lieben. Sokrates fragt weiter. Lieben sie es, weil es fromm ist, oder wird es erst durch ihr Lieben fromm? Auch die Einigkeit hat die gesuchte Erklärung noch nicht geliefert.
Tapferkeit bedeute, im Kampf auf seinem Platz zu bleiben und nicht zu fliehen. Doch Reiter können im Zurückweichen kämpfen. Sokrates erinnert an Spartaner bei Plataiai, die sich zurückzogen, um sich dann zu wenden und zu siegen. Ein Schritt rückwärts kann zu einem tapferen Handeln gehören. Und was ist mit Tapferkeit gegenüber Krankheit, Armut, Lust oder Angst? Der Soldat hat einen wichtigen Fall genannt, aber die Sache noch nicht eingegrenzt.
Charmides schlägt eine Art ruhiges, langsames Verhalten vor. Sokrates nennt Tätigkeiten, bei denen Schnelligkeit gerade gut ist: lesen, lernen, beim Ringen geschickt reagieren. Wenn Besonnenheit etwas Gutes sein soll, lässt sie sich nicht einfach am Tempo erkennen. Im Lysis versucht man es mit der Ähnlichkeit: Gleiches sei Gleichem befreundet. Schlechte Menschen sind aber nicht einmal mit sich selbst verlässlich im Einklang. Und der vollkommen Gute, der gar nichts benötigt, scheint auch keinen Freund zu brauchen. Weshalb sollte er dennoch Freundschaft suchen?
Die Einwände kommen nicht aus einer fernen Welt. Ein Rückzug, ein rasch begriffener Satz, das Bedürfnis nach einem Freund: Alles lag schon im Leben der Gesprächspartner bereit. Nur hatte ihre fertige Antwort diese Dinge nicht mehr hereingelassen. Jetzt stehen sie vor der Tür und verlangen Einlass.
Später nennt man dieses Verfahren Elenchos, prüfende Widerlegung. Sokrates trägt nicht einfach die richtige Lehre vor. Er verfolgt mit einem Menschen dessen eigene Zustimmung so weit, bis die Sätze nicht mehr miteinander vereinbar sind. Die Verlegenheit entsteht im eigenen Denken. Man kann sie nicht ganz dadurch loswerden, dass man den Fragenden unsympathisch findet.
Hier sehe ich den Mann, der abträgt, ohne sofort wieder aufzubauen. Ein Satz ist gefallen. Er wird nicht ersetzt, nur damit niemand ohne Antwort heimgehen muss. Das ist nicht der ganze Sokrates aller Dialoge; er hat Überzeugungen, moralische Forderungen und manchmal weitreichende Begründungen. Aber wenn diese Definition scheitert, soll ihr Scheitern sichtbar bleiben.
Auch er steht nun dort. Keine Mauer im Rücken, kein Dach aus vertrauten Worten. Die Frage ist kein Loch, das nur für den Schüler gegraben wurde. Der Wind kommt von allen Seiten. Sokrates hält es aus, auf dieser Lichtung zu bleiben.
IV. Eine verwundete Stadt
Athen hält es nicht auf dieselbe Weise aus. Im Jahr 399 vor unserer Zeitrechnung wird der etwa siebzigjährige Sokrates angeklagt. Meletos, Anytos und Lykon werfen ihm vor, die von der Stadt anerkannten Götter nicht anzuerkennen, neue göttliche Wesen einzuführen und die Jugend zu verderben.
Hinter dem Verfahren liegt die Erfahrung eines Zusammenbruchs. Fünf Jahre zuvor hat Athen den Peloponnesischen Krieg gegen Sparta verloren. Die von Sparta gestützten Dreißig haben für kurze Zeit eine blutige oligarchische Herrschaft errichtet. Kritias, einer ihrer führenden Köpfe, hatte zum Umkreis des Sokrates gehört. Auch Alkibiades hatte ihn gekannt: jener Mann, dessen Überläufe und Seitenwechsel sich tief in die politische Erinnerung Athens eingegraben hatten.
403 wird die Demokratie wiederhergestellt. Eine weitreichende Amnestie soll die Vergeltung beenden; für die Dreißig selbst und einige andere gelten Ausnahmen. Doch ein rechtlicher Schlussstrich macht Erinnerungen nicht ungeschehen. Im Vorwurf der verführten Jugend lässt sich ein bitterer Unterton hören: Diese Männer haben dir zugehört. Sieh dir an, was aus ihnen geworden ist.
Und hinter der religiösen Anklage eine andere Angst: Du befragst noch das, worauf wir gemeinsam stehen. Eine Stadt, die Niederlage, Gewaltherrschaft und Bürgerkrieg erlebt hat, möchte wieder wissen, woran sie sich halten kann. Ein Mann prüft gerade diese Haltepunkte. Das ist eine mögliche Lesart des Konflikts, kein Einblick in die Gedanken sämtlicher Richter.
Sie darf außerdem etwas nicht verschlucken. Sokrates hat sich dem Befehl der Dreißig widersetzt, bei der Verhaftung Leons von Salamis mitzuwirken. Nähe ist nicht Gehorsam; wer jemanden unterrichtet oder mit ihm gesprochen hat, ist nicht deshalb Urheber seiner späteren Taten. Die politische Wunde erklärt, weshalb Namen wehtun. Sie beweist keine Schuld.
Dennoch bleibt ein schwer erträglicher Gegensatz. Athen will wieder aufbauen. Sokrates sagt nicht, dass jede Mauer falsch sei. Er weigert sich nur, eine für tragfähig zu erklären, die vor seinen Fragen nachgibt. Seine Hilfe besteht darin, die Stadt nicht einschlafen zu lassen. Die Stadt möchte entscheiden dürfen, wann sie genug davon hat.
V. Eine Verteidigung, keine Bitte um Mitleid
Sokrates verteidigt sich. Wer sagt, er habe keine ernsthafte Verteidigung versucht, verwechselt Ernst mit der Bereitschaft zu jeder rettenden Geste. In Platons Apologie antwortet er auf die Vorwürfe, befragt Meletos und erklärt sein Leben. Er bringt nur nicht seine Kinder vor die Richter, damit ihr Anblick das Urteil bewegt. Sie sollen nach Recht urteilen, nicht aus Rührung.
Schwieriger als die jetzigen Ankläger sind die alten Bilder. Seit Langem erzählt man sich von einem sonderbaren Mann, der die Dinge über dem Himmel und unter der Erde untersucht und die schwächere Rede zur stärkeren macht. Aristophanes hat dieses Bild auf die Bühne gestellt. Ein solches Vorurteil hat keinen einzelnen Mund, den Sokrates ins Kreuzverhör nehmen könnte. Es kann längst im Zuhörer wohnen, ohne dass dieser weiß, wann es eingezogen ist.
Er erzählt vom Orakel und den Befragungen. Das Ergebnis hat er als Aufgabe verstanden: wie eine Bremse an einem großen Pferd soll er die Stadt wachhalten. Würde man ihn unter der Bedingung freilassen, nicht mehr zu philosophieren, könnte er sie nicht annehmen. Ein ungeprüftes Leben wäre für ihn nicht das Leben, das er führen soll. Die Stadt verlöre etwas, wenn sie die lästige Stimme beseitigte.
Die Richter stimmen ab. Schuldig. Häufig wird das Ergebnis mit ungefähr 280 gegen 220 angegeben. Platon überliefert keine vollständige Zählung; Sokrates sagt, dreißig anders abgegebene Stimmen hätten zum Freispruch gereicht. Sicherer als die genaue Rekonstruktion ist die Bedeutung des knappen Abstands: Nicht ganz Athen wollte ihn verurteilen.
Es folgt die Entscheidung über das Strafmaß. Die Anklage beantragt den Tod, der Verurteilte darf einen Gegenantrag stellen. Sokrates erwägt Haft und Verbannung. Würde eine andere Stadt ihn eher ertragen? Könnte er in der Fremde einfach schweigen und damit aufhören, so zu leben, wie er es für richtig hält?
Auf die Frage, was er eigentlich verdient habe, antwortet er zunächst: Verköstigung im Prytaneion auf Kosten der Stadt. Man ehre dort einen Sieger der Spiele; er habe der Stadt einen mindestens ebenso wichtigen Dienst erwiesen. Der Athlet lasse sie glücklich erscheinen, er bemühe sich darum, dass sie es wirklich werde. Die Kühnheit dieses Vergleichs kann man sich vorstellen. Auch den Ärger, den er auslösen konnte.
Doch die Mahlzeiten sind nicht sein letztes Wort. Er schlägt eine Geldstrafe von einer Mine vor, die er aufbringen könnte, dann dreißig Minen. Platon, Kriton, Kritobulos und Apollodoros übernehmen die Bürgschaft. Diese konkrete Alternative gehört zur Geschichte. Die Richter entscheiden dennoch auf Tod. Eine viel spätere Quelle behauptet, achtzig weitere Stimmen hätten sich gegen ihn gewandt. Ein zweites, scheinbar lückenloses Abstimmungsergebnis lässt sich daraus nicht sicher machen.
Was Sokrates nicht anbietet, ist das Versprechen, ein anderer zu werden: Ich werde euch nicht mehr stören; von jetzt an lasse ich die Fragen ruhen. Er kann um sein Leben argumentieren. Aber er will es nicht durch eine Zusage retten, von der er weiß, dass sie sein Leben verleugnet. Das wäre eine falsche Mauer auf der Lichtung.
VI. Der Becher
Kriton kommt ins Gefängnis und will ihn fortbringen. Geld und Helfer lassen sich finden. In Thessalien gibt es Freunde, die ihn aufnehmen würden. Kriton fürchtet den Verlust des Freundes und zugleich das Urteil der Leute: Man werde glauben, sie hätten ihr Vermögen lieber geschont, als Sokrates zu retten. Die Bitte ist nicht kühl. In ihr reden Liebe, Angst und die dringende Vorstellung, dass noch etwas getan werden kann.
Sokrates fragt, ob es richtig wäre. Im Kriton hält er daran fest, Unrecht nicht mit Unrecht zu beantworten. Er lässt die Gesetze sprechen: Unter ihnen hat er gelebt, ihren Schutz angenommen, seine Kinder großgezogen. Kann er nun durch private Hilfe ein Urteil außer Kraft setzen, weil es ihn trifft? Kriton findet keinen Grund, der ihn davon überzeugt, dass diese Flucht gerecht wäre.
Die Frage ist damit nicht für alle Menschen und alle Staatsgewalten beantwortet. Sokrates selbst hat einen ungerechten Befehl zurückgewiesen. Aber jetzt erreicht sein lebenslanges Prüfen den eigenen Körper. Es genügt ihm nicht, dass ein Gedanke das Überleben ermöglicht. Er muss ihn auch für richtig halten können.
Ich lese darin den Versuch, sich zu bewahren, nicht die Geringschätzung eines entbehrlichen Leibes. Der Körper ist keine wegwerfbare Hülle. Dass dieser Tod sein Leben beendet, gibt der Entscheidung ihr Gewicht. Sie macht Angst nicht zur Schande und das Entkommen nicht allgemein zum Verrat. Sie zeigt einen Mann, der seinen eigenen Gründen ausgesetzt bleibt, wenn ihr Preis alles ist, was er noch hat.
Im Phaidon verbringen die Freunde den letzten Tag mit ihm. Sie sprechen über die Unsterblichkeit der Seele. Sokrates trägt Beweise vor; Simmias und Kebes erheben Einwände, er antwortet. Das Gespräch ist mehr als ein freundliches Spiel mit einer tröstlichen Vermutung. Gegen Ende unterscheidet er jedoch die Überzeugung, zu der die Argumente führen sollen, von den Einzelheiten seiner Jenseitserzählung. Ein vernünftiger Mensch würde nicht darauf bestehen, dass dort alles genau so aussehe. Die Hoffnung sei ein Wagnis wert.
Eine andere Vorstellung hat er schon vor Gericht ausgesprochen, in der Apologie: Vielleicht ist der Tod ein traumloser Schlaf, vielleicht eine Reise an einen anderen Ort. Im zweiten Fall könnte er Homer, Hesiod und andere Verstorbene treffen. Er könnte sie befragen. Das ist nicht derselbe Gesprächsaugenblick wie die Erörterung der Seele im Gefängnis; aber man erkennt denselben Wunsch.
Sokrates hat die Dichter geprüft, ohne die Schönheit ihrer Dichtung zu leugnen. Homer wäre ihm nicht weniger groß, weil er ihn fragen wollte, ob er verstehe, was er geschrieben hat. Ein seliges Jenseits wäre für diesen Mann nicht bloß Ruhe. Es wäre eine weitere Gelegenheit zum Gespräch. Noch auf dem Markt der Toten müsste sich jemand einen Augenblick aufhalten lassen. Sokrates möchte nicht aufhören.
Es wird Abend. Ein Gefängnisbediensteter kommt, um sich zu verabschieden. Er spricht davon, wie freundlich Sokrates ihn behandelt habe, obwohl er zu denen gehört, die den Befehl vollziehen müssen. Dann beginnt er zu weinen und geht hinaus. Für einen Augenblick sieht man nicht das Amt, sondern einen Menschen, dem der Abschied schwerfällt.
Kriton bittet um Aufschub. Die Sonne steht noch über den Hügeln. Andere haben bis spät gewartet, noch gegessen und getrunken. Sokrates sagt, diese Menschen glaubten dadurch etwas zu gewinnen. Er selbst sehe keinen Gewinn darin, sich an den Rest zu klammern, nur weil noch ein Rest vorhanden sei.
Ein Diener wird geschickt. Der Mann, der das Gift zubereitet hat, kommt mit dem Becher. Sokrates fragt nach dem Vorgehen. Er solle umhergehen, bis die Beine schwer werden, und sich dann hinlegen. Ohne dass sich sein Ausdruck verändert, nimmt er den Becher. Darf er etwas davon als Trankopfer ausgießen? Es sei nur die nötige Menge bereitet, lautet die Antwort. Dann kann er wenigstens beten, der Übergang möge glücklich sein. Er betet und trinkt den Becher ohne Widerstreben aus.
Jetzt bricht die Beherrschung der Freunde. Phaidon verhüllt das Gesicht und weint um sich selbst, weil er diesen Freund verlieren wird. Kriton ist schon hinausgegangen, weil er seine Tränen nicht zurückhalten kann. Apollodoros, der lange geweint hat, stößt einen Schrei aus, der fast alle anderen mitreißt. Sokrates bittet um Ruhe. Er habe die Frauen fortgeschickt, um solche Klagen zu vermeiden; man solle in ehrfürchtiger, guter Stille sterben. In der fremden Sitte dieses Raumes liegt eine sehr nahe Bitte: Bleibt bei mir, ohne diesen Tumult.
Er geht auf und ab. Als die Beine schwer werden, legt er sich auf den Rücken. Der Mann drückt fest auf einen Fuß und fragt, ob er etwas spüre. Nein. Er prüft die Beine weiter oben. Kälte und Starre steigen auf. Sokrates hat sein Gesicht bedeckt. Als die Kälte den unteren Rumpf erreicht, nimmt er die Bedeckung weg und spricht noch einmal.
Kriton, wir schulden Asklepios einen Hahn. Bezahlt die Schuld. Vergesst es nicht.
Kriton verspricht es und fragt, ob er noch etwas wünsche. Keine Antwort. Nach einer Weile eine Bewegung. Der Mann deckt das Gesicht auf; die Augen sind starr. Kriton schließt ihm Augen und Mund.
Asklepios ist der Gott der Heilung. Ein Hahn kann der Dank für eine Genesung sein. Nietzsche hört hier einen letzten Urteilsspruch gegen das Leben: Leben sei Krankheit gewesen, der Tod bringe Heilung. So erscheint ihm Sokrates als Lebensverneiner. Das ist eine eindringliche Deutung. Sie ist nicht die zweifelsfrei festgestellte Bedeutung dieser letzten Worte.
Man kann auch anders hinhören. Keine letzte Lehre wird über die Anwesenden erhoben, kein fertiges System als Vermächtnis verteilt. Da ist etwas, das noch erledigt werden soll. Wir schulden. Ein Freund soll daran denken. Welche Heilung genau gemeint war, wissen wir nicht sicher. Aber in der Stimme liegt eine Verpflichtung, die über den Augenblick hinaus in die Hände anderer gegeben wird.
Der Mann vom Markt, von den Gastmählern, von der kühnen Forderung nach freien Mahlzeiten kommt noch einmal ins Alltägliche zurück. Ein Dank, eine Schuld, eine kleine Sache, die man nicht vergessen darf. Der Tod ist groß. Der Satz passt in den Mund eines Freundes. Sokrates hat den Boden nicht verlassen.
VII. Das fehlende Lachen
Platon ist nicht dabei gewesen. Phaidon sagt im Dialog, Platon sei wohl krank gewesen. Eine vorsichtige kleine Angabe markiert die Abwesenheit des Mannes, dessen Schreiben uns diese Szene überliefert hat. Der Text steht uns nahe. Die Situation, aus der er hervorgegangen ist, bleibt auf Abstand.
An diesem Tag wurde durchaus gelacht. Phaidon beschreibt den Wechsel von Heiterkeit und Tränen. Sokrates lächelt, als Kriton wissen will, wie er bestattet werden möchte. Als sei der Mensch, der hier mit ihnen spricht, schon mit dem Körper verwechselt worden, den sie später begraben werden. Das Lächeln antwortet auf die Verwechslung.
Am Ende aber weinen die Freunde. Und an dieser Stelle stelle ich mir ein Lachen vor, das die Erzählung nicht liefert. Kein nachzutragender historischer Vorgang. Ein mögliches Verstehen neben dem Schmerz. Nicht höhnisch, nicht bitter, auch keine Vorführung unerschütterlicher Tapferkeit. Eher: Etwas von dem, was du getan hast, habe ich verstanden. Ich werde nicht damit aufhören, wenn du fort bist.
Wer weint, hat ihn deshalb nicht missverstanden. Der Verlust eines geliebten Menschen ist nicht bloß der Verlust einer beruhigenden Antwort. Man kann die Gründe kennen und trotzdem nicht aufhören, jemanden zu vermissen. Das gedachte Lachen würde die Tränen nicht widerlegen. Es könnte neben ihnen Platz nehmen.
Mir kommt Zhuangzi in den Sinn, der auf eine Schale schlägt und singt. Die Nähe entsteht in meinem Lesen; sie macht aus zwei Lebenswegen nicht dieselbe Philosophie. Vielleicht wäre es möglich, einen Augenblick auf der Lichtung zu bleiben, auch mit Trauer, ohne sofort wieder Schutz errichten zu müssen. Kein Lachen könnte Sokrates retten. Aber es könnte jemand anderem erlauben, das Gespräch fortzusetzen.
Platon schrieb die Politeia. Er entwickelte die Lehre von den Ideen: Gerechtigkeit selbst, jenseits der strittigen gerechten Dinge; Schönheit selbst, jenseits ihrer wechselnden Erscheinungen; das Gute, durch das Erkenntnis und Wert möglich werden. Eine Frage erhält eine Architektur. Wenn ein Beispiel versagt, muss nicht zugleich ihr Gegenstand verschwinden.
Es ist eine der großen Leistungen des Denkens, keine bloße Schwäche vor dem Ungewissen. In der Landschaft dieses Essays wird sie dennoch zu einer Mauer auf der Lichtung. Man kann sich vorstellen, Platon baue einen Ort für das, was der Tod ihm genommen hat. Doch dieses Bild erzählt etwas über die Versuchung des Lesers, nicht über einen nachgewiesenen psychischen Ursprung der Ideenlehre.
Derselbe Platon hat die ergebnisoffenen Gespräche geschrieben. Und sein Sokrates argumentiert im Phaidon selbst mit den Ideen. Fragen und Bauen wohnen längst unter demselben Buchdeckel. Man kann sie nicht sauber auf Lehrer und Schüler verteilen, als hätte der eine nur eingerissen und der andere aus Trauer alles wieder zugemauert.
Aristoteles tritt hinzu, kritisiert die Ideen, ordnet neu, entwickelt seine Kategorien. Lassen wir danach die Jahrhunderte in einer stark verkürzten Ferne vorüberziehen: Die Scholastik baut; Descartes nimmt auseinander und beginnt erneut; Hume treibt Fragen in die Fugen; Kant errichtet die drei Kritiken; Hegel gibt dem Geist eine Geschichte seiner Selbsterkenntnis. Die Unterschiede zwischen ihnen sind größer, als dieses Bild zeigen kann.
Und doch bleibt unter jeder Mauer die Möglichkeit, ihre Tragfähigkeit zu prüfen. Große Bauten machen die Frage nicht überflüssig. Die Frage verbietet auch nicht jeden Bau. Sie hält nur den Zugang zu jenem offenen Boden frei, auf dem wir wieder bemerken können, dass unsere Antwort nicht hält.
VIII. Bevor eine Brücke entsteht
Stellen wir uns noch einmal einen Fluss vor. Kant und Wang Yangming stehen am Brückenkopf. Nietzsche kommt vom anderen Ende auf sie zu. Unter der Brücke ist Zhuangzi im Wasser, bei den Fischen. Jeder befindet sich auf seine Weise in der Nähe eines Übergangs.
Wo ist Sokrates?
Er steht nicht auf der Brücke. Er ist nicht unter ihr und nicht im Wasser. Er ist vor der Brücke: auf der freien Fläche, dort, wo noch niemand zu bauen angefangen hat.
Eine Brücke muss erst entstehen. Die Ideen, die Kategorien, die drei Kritiken, der Satz vom Geist als Prinzip: In dieser Landschaft bieten sie jeweils einen Weg über das Wasser. Jemand muss einen Halt finden und ihm sein Gewicht anvertrauen. Sokrates bleibt vor diesem Schritt. Noch liegt der erste Stein nicht.
Er fragt: Seid ihr sicher, dass ihr wisst, was am anderen Ufer ist?
Niemand kann antworten.
Die Jahrhunderte teilen sich jetzt ein einziges Ufer. Kant sieht das Reich der Zwecke. Wang Yangming sieht die Helligkeit des Herzens. Nietzsche geht noch. Zhuangzi begegnet im Wasser Hundun, dem unzerschnittenen Ganzen. Keine Zeittafel kann diese Zusammenkunft ordnen. Sie gehört zu dem Bild, in dem wir sie sehen.
Sokrates ist in einem anderen Sinn vor ihnen: vor der Gewissheit, dass an dieser Stelle überhaupt eine Brücke stehen müsse. Er ist nicht der amtlich beglaubigte erste Fragende der Geschichte und nicht der einzige Mensch, der ohne fertige Antwort ausgekommen wäre. Er ist derjenige, den dieses Porträt auf der Lichtung zurücklässt.
Was nicht standhielt, ist abgetragen. In dem letzten Tag, der uns von ihm bleibt, sind ein ruhiges Lächeln und ein Becher Gift. Nichts wird dazwischengestellt, um ihn vor unserem Blick zu verbergen.
Die Menschen um ihn weinen.
Er wartet. Auf einen, der lacht.
Lesehinweise und Quellen
Lichtung, unbebaute Brückenstelle und das erwartete Lachen sind literarische Bilder dieses Essays. Das Abtragen ohne sofortigen Neubau bezeichnet einen Zug der fragenden Dialoge, keine vollständige Lehre des historischen Sokrates. Aussagen über Trauer als Ursprung von Platons Philosophie werden nicht als biografisch erwiesene Tatsachen verstanden. Die Verbindung zu Zhuangzi ist eine Deutung des Autors, keine Gleichsetzung.
Maßgebliche Stellen: Apologie 20e–23b, 32c–d, 36a–38b und 40c–41c; Kriton 43–54; Phaidon 58e–59b, 96a–100b, 114d und 115c–118a. Traumloser Schlaf und das Wiedersehen mit Dichtern gehören zur Gerichtsrede, nicht zum letzten Gefängnistag. Die Stimmenzahlen sind rekonstruiert; Diogenes Laertios 2,41–42 berichtet erheblich später. Platons Todeserzählung ist kein klinisches Protokoll und keine stenografische Mitschrift.
Die vier Untersuchungen: Euthyphron 6–11, Laches 190–199, Charmides 159–176, Lysis 214–223. Nietzsches Deutung des Hahns findet sich in Die fröhliche Wissenschaft, §340, und Götzen-Dämmerung, „Das Problem des Sokrates“, §1. Der hier vorgeschlagene Blick auf Dank und alltägliche Verpflichtung bleibt eine alternative Lesart. Antike Äußerungen sind aus den Dialogen frei wiedergegeben.
Plato, Apology (20e–23b; 32c–d; 36a–38b; 40c–41c) · Plato, Phaedo (58e–59b; 96a–100b; 114d; 115c–118a) · Plato, Crito (43–54) · Plato, Euthyphro (6–11) · Plato, Laches (188–192: definitions and examples of courage) · Plato, Charmides (158–162: quietness and quickness) · Plato, Lysis (214–223) · Diogenes Laertius, Lives of Eminent Philosophers, book 2, Socrates (2.41–42) · Friedrich Nietzsche, Twilight of the Idols, The Problem of Socrates, §1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy, Socrates: sources and political setting
Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。