098 / 108 · Der Andere und der leere Platz
Thomas von Aquin: Stroh
Vom stummen Ochsen über fünf Wege zur ruhenden Feder. Eigene Grenzen anzuerkennen ist ein Anfang, noch keine Garantie für den Schutz Andersdenkender.
I. Der stumme Ochse
Paris, um 1245. Eine Geschichte der frühen Biografen führt uns in einen Unterrichtsraum der Dominikaner. In der Ecke sitzt ein großer, schwerer junger Mann und liest. Er sagt wenig. Die anderen halten ihn für langsam. Sie nennen ihn den stummen Ochsen. Er hört es. Er widerspricht nicht.
Seinem Lehrer Albert dem Großen schreibt die Überlieferung eine berühmte Antwort zu: Dieser Ochse werde seine Stimme noch in der ganzen Welt hören lassen. Das ist kein Unterrichtsprotokoll. In der Geschichte weigert sich ein Lehrer, seinen Schüler mit dem Etikett der Mitschüler zu verwechseln.
Der junge Mann heißt Thomas von Aquin.
Er ist etwa zwanzig und hat bereits seiner Familie widerstanden. Sie hoffte auf eine einflussreiche kirchliche Laufbahn im Umfeld des Benediktinerklosters Montecassino. Er wollte zu den Dominikanern, einem Bettelorden. 1244 hielten ihn Angehörige fest, um ihn umzustimmen; im folgenden Jahr kam er wieder frei. Biografien erzählen auch von einer Frau, die ihn verführen sollte. Zeugnis, Heiligenlegende und spätere Ausschmückung müssen dabei unterscheidbar bleiben.
Paris bei Albert, dann Köln, wieder Paris, später verschiedene Städte Italiens und Frankreichs. Um 1225 geboren, 1274 gestorben: ungefähr neunundvierzig Jahre. Sein lateinisches Werk ist gewaltig. Eine geschätzte Wortzahl durch sämtliche Tage seit seiner Geburt zu teilen, würde nur Genauigkeit vortäuschen.
Wie hat er das geschafft? Frühe Lebensbeschreibungen berichten vom Diktieren an mehrere Gehilfen. Daraus wurde das Bild von vier gleichzeitig entstehenden Büchern. Wie genau sich die Arbeit abwechselte, müssen wir nicht zum Wunder erklären. Die Bücher sind da, und die Arbeit vieler Hände war nötig: schreiben, abschreiben, durchsehen, korrigieren. Thomas war keine Feder ohne Papier und ohne Zeit.
Was wollte er schreiben? Etwas beinahe Unmögliches: mit den Mitteln aristotelischen Denkens die christliche Theologie von Grund auf ordnen.
Das war nicht bloß eine akademische Geschmacksfrage. Aristoteles’ Naturphilosophie und einige ihrer Auslegungen lösten Verbote und Auseinandersetzungen aus. Wie weit durfte man einem heidnischen Denker an einer christlichen Universität folgen? Aristoteles selbst war kein christlicher Ketzer. Seine Leser konnten jedoch unter Häresieverdacht geraten.
Der stumme Ochse rückte diese umstrittene Quelle in die Mitte seiner Arbeit.
II. Aristoteles kehrt zurück
Dem frühmittelalterlichen lateinischen Westen war nur ein Teil des Aristoteles leicht zugänglich. Die Kategorien und De interpretatione blieben durch Boethius’ Übersetzungen und Kommentare präsent. Naturphilosophie, Metaphysik und andere Werke hatten andere Überlieferungswege. Byzantinische und arabischsprachige Leser hatten Aristoteles nicht alle „verloren“. Sein Verschwinden beschreibt einen bestimmten Standort, nicht die ganze Welt.
Dann kehrte er für die lateinischen Leser zurück. Auf mehreren Wegen: aus dem Arabischen ins Lateinische und unmittelbar aus dem Griechischen.
Im vorigen Essay haben wir einen Überlieferungszusammenhang verfolgt: christliche Gelehrte, die griechische Texte ins Syrische übersetzten; Übersetzer im Bagdad des neunten und zehnten Jahrhunderts. Danach wurden die Texte nicht bloß aufbewahrt. Muslimische Philosophen lasen sie, kommentierten sie, entwickelten Gedanken weiter, widersprachen.
Zwei Namen waren für Thomas besonders wichtig. Avicenna, Ibn Sina, der persische Arzt und Philosoph, schrieb den Kanon der Medizin und das Buch der Heilung. Averroes, Ibn Ruschd, Richter und Philosoph aus Córdoba, kommentierte einen großen Teil von Aristoteles’ Werk.
Aristoteles hieß „der Philosoph“, Averroes „der Kommentator“. Das bezeichnet Bedeutung, keine Alleinzuständigkeit. Thomas nahm Averroes ernst genug, um ihm entschieden zu widersprechen, etwa bei der Frage nach einem allen Menschen gemeinsamen Intellekt.
Im zwölften und dreizehnten Jahrhundert gelangten arabische Werke über Toledo und andere Orte in die lateinische Gelehrsamkeit. Menschen verschiedener Sprachen und Religionen arbeiteten daran. Daraus wird noch keine einzige, stets harmonische Übersetzerstube. Auch direkte Übertragungen aus dem Griechischen, besonders die Wilhelms von Moerbeke, waren wichtig. Viele Hände brachten Bücher an die Universitäten.
Der verfügbare Aristoteles wurde größer. Das war ein Beben.
Augustinus, Pseudo-Dionysius und Boethius hatten die lateinische Theologie längst geprägt. Platonische Traditionen boten eine Sprache von Seele, Aufstieg und Licht. Auch sie waren nie reibungslos im Christentum aufgegangen. Erben hatte immer schon Auswählen und Verändern bedeutet.
Aristoteles bot mächtige Werkzeuge für sinnliche Erfahrung, natürliche Ursachen, Form und Materie, Leib und Seele. Besonders strittig waren die Ewigkeit der Welt und die Natur des Intellekts. „Die Seele stirbt mit dem Körper“ ist keine angemessene Zusammenfassung dieser Überlieferung und ihrer Streitfragen.
1210 und 1215 wurde in Paris die Lehre bestimmter naturphilosophischer Schriften eingeschränkt; 1231 wurde erneut eine Prüfung angeordnet. Später gingen die Bücher dennoch in den Unterricht ein. Ein Verbot oder einige gestrichene Sätze konnten die Begegnung nicht abschließend regeln.
1270 verurteilte Bischof Étienne Tempier dreizehn Sätze, 1277 folgte eine Liste von 219. Wen sie jeweils traf und in welchem Maß auch Thomas betroffen war, bleibt umstritten. Es war nicht einfach ein persönliches Urteil über ihn und keine Verwerfung sämtlicher Werke des Aristoteles. Thomas war 1277 bereits drei Jahre tot. Seine spätere Heiligsprechung darf die Konflikte nicht verschwinden lassen; sie macht aus ihm aber auch keinen einsamen Helden gegen eine unterschiedslose Kirche.
Aristoteles ernst zu nehmen hieß nicht, gelegentlich ein passendes Zitat einzufügen. Thomas arbeitete mit Logik, Metaphysik, Physik, Ethik und Seelenlehre. Er kommentierte, übernahm und verwarf. Wo sich ein Widerspruch zur christlichen Lehre zeigte, prüfte er Argument oder Auslegung. Wahre Vernunft und wahre Offenbarung konnten für ihn nicht widersprechen. Was natürlicher Beweisführung entzogen war, konnte Glaubensinhalt sein; zwei echte Widersprüche wurden dadurch nicht gleichzeitig wahr.
Man darf dieses Vertrauen bezweifeln. Man sollte es nicht in einen modernen Nichtangriffspakt zweier völlig getrennter Bereiche umschreiben. In seiner Theologie arbeiten Vernunft und Offenbarung zusammen, ohne sich einfach dieselbe Begründung auszuleihen.
Was später als Höhepunkt der Scholastik gilt, steht auf Jahrhunderten des Abschreibens, Übersetzens und Weiterdenkens. Hypatia gehörte zu einer früheren Welt des Lehrens. Wir können nicht beweisen, dass ein bestimmtes Buch auf Thomas’ Tisch durch ihre Hände gegangen war.
Ihre Geschichten aufeinanderfolgen zu lassen macht eine gemeinsame Arbeit sichtbar: Verstandenes so öffnen, dass andere eintreten können. Es erfindet keinen lückenlosen Reiseplan eines Manuskripts. Thomas war weder der erste noch der letzte Punkt dieses Netzes.
III. Fünf Wege
Summa theologiae, erster Teil, Frage 2, Artikel 3. Ein riesiges Werk; wir halten an einer kleinen Tür. Gibt es Gott? Utrum Deus sit.
Die Form der Antwort gehört zur Sache. Zuerst kommen Einwände, dann eine Gegenposition, dann die eigene Antwort, schließlich Antworten auf die einzelnen Einwände. In seiner Antwort legt Thomas fünf Wege vor: quinque viae.
Der erste beginnt bei Veränderung. Was etwas der Möglichkeit nach ist, wird durch etwas Wirkliches dazu aktualisiert. Wenn jeder Beweger seine Wirksamkeit nur empfängt, wodurch kann die geordnete Reihe überhaupt wirken? Thomas schließt auf einen ersten unbewegten Beweger. Bewegung meint mehr als Ortsveränderung.
Der zweite Weg betrifft Wirkursachen. Nichts kann seine eigene Wirkursache sein. Die Abhängigkeit einer geordneten Ursachenreihe verlangt nach Thomas eine erste Ursache. „Erste“ heißt nicht einfach die erste Billardkugel am Anfang einer kosmischen Zeitleiste.
Der dritte geht von Dingen aus, die entstehen und vergehen, führt vom möglichen Sein und Nichtsein zum notwendigen Sein und fragt nach dem Grund dieser Notwendigkeit. Die Schritte sind umstritten. „Irgendetwas muss existieren“ ist noch nicht das ganze Argument.
Der vierte führt von Abstufungen des Wahren, Guten und Edlen zu einer Quelle der Vollkommenheit. Er setzt metaphysische Annahmen über ein Höchstes und über Verursachung voraus. Er besagt nicht bloß, dass jede beliebige Rangliste einen Sieger brauche.
Der fünfte setzt bei der regelmäßigen Zielgerichtetheit nicht vernunftbegabter Naturdinge an und schließt auf eine ordnende Intelligenz. Sein Hintergrund ist die Lehre von Zweckursachen, nicht einfach das heutige Schlagwort, ein kompliziertes Organ benötige einen Konstrukteur.
Fünf Wege. Prämissen, Abhängigkeitsverhältnisse, Folgerungen und das Verhältnis zur Naturwissenschaft lassen sich bestreiten. „Gott wurde nicht gemessen“ widerlegt aber nicht automatisch das vorliegende Argument. Auch Kritik muss wissen, was sie kritisiert.
Seit acht Jahrhunderten wird darüber gestritten. Ich werde die Fragen hier nicht entscheiden. Mich interessiert zunächst, wie Thomas seine Gründe vor einem Leser ausbreitet.
Der Prolog richtet sich an Anfänger. Das bedeutet nicht, dass die Beweise nur ihre eigene Ohnmacht vorführen sollen. Thomas hält Gottes Existenz ausdrücklich für beweisbar. Wer seine Demut bewundert, darf ihm nicht dafür seine Überzeugung wegnehmen.
Er unterscheidet dennoch Reichweiten. Die fünf Wege sind nicht seine gesamte natürliche Theologie. Spätere Fragen behandeln Einfachheit, Vollkommenheit und Einheit Gottes. Am Ende der Wege stehen für ihn nicht fünf unverbundene Götter. Die Dreifaltigkeit hingegen wird durch diese Vernunftargumente nicht bewiesen.
Von Wirkungen, die uns besser bekannt sind, auf ihre Ursache zu schließen ist für ihn eine Demonstration, keine moderne statistische Induktion aus einigen Beobachtungen. Wer sie prüfen will, muss ihre metaphysischen Voraussetzungen prüfen.
Existenz beweisen heißt nicht, das Wesen vollständig zu begreifen. Natürliche Vernunft kann nach Thomas einige göttliche Eigenschaften erkennen, nicht aber die Trinität demonstrieren. Sie steht nicht sprachlos vor der Tür; der Glaube ist wiederum kein Freibrief, jede Lücke beliebig auszufüllen.
Wie wird etwas gewusst, und wie weit reicht dieses Wissen? Vernunft und Offenbarung wirken in der Theologie zusammen, dürfen aber ihre jeweilige Berechtigung nicht unbemerkt austauschen. Das ist mühsamer als ein einfaches Schild: Hier endet die Vernunft.
Thomas war weder der einzige Denker von Grenzen noch ein Vermittler ohne feste Position. Er konnte scharf streiten. Seine Fragen lassen dennoch Einwände zu Wort kommen, bevor er entscheidet. Daraus nehme ich eine Vorsicht mit: Meine Darstellung ist nicht die ganze Wirklichkeit dessen, wovon sie spricht.
Das ist noch keine vollständige Ethik. Wer Gottes Unbegreiflichkeit anerkennt, achtet nicht automatisch jedes andersgläubige Leben. Auf diesen Riss müssen wir zurückkommen.
IV. Stroh
Neapel, 6. Dezember 1273, Nikolaustag. Frühe biografische Überlieferung setzt hier die entscheidende Unterbrechung an. Thomas feiert die Messe. Seit Jahren folgt darauf die Arbeit. An diesem Morgen geht es nicht so weiter.
Wir können ihn in seine Zelle zurückkehren sehen. Er setzt sich. Die Feder bleibt liegen. Sein enger Gefährte Reginald drängt zur Fortsetzung; der dritte Teil der Summa ist noch offen. Die folgenden Gespräche kennen wir aus Zeugnissen und Lebensbeschreibungen, nicht aus Thomas’ Tagebuch.
Er könne nicht, antwortet Thomas. Reginald drängt weiter. Überliefert sind Drängen und Verweigerung, nicht jede Begegnung mit Datum und Wortlaut.
Schließlich die berühmt gewordene Aussage: Alles Geschriebene erscheine ihm wie Stroh, verglichen mit dem, was ihm gezeigt worden sei.
Palea kann Stroh oder Spreu bedeuten. Wir müssen keine bestimmte Getreideernte in die Zelle stellen. Die Metapher spricht von einem Abstand. Summa theologiae, Summa contra gentiles, Aristoteleskommentare, Bibelauslegung, philosophische und theologische Streitfragen: Das ganze Werk steht plötzlich in einem anderen Vergleich.
Nicht einfach: Ich habe schlecht geschrieben. Stroh ist nicht nichts. Es gehört zu einer Ernte. Es bezeugt Arbeit und ist doch nicht das Korn. So lese ich das Bild; damit weiß ich noch nicht, was er an jenem Morgen erlebte.
Was wurde ihm gezeigt? Wir können die Erfahrung nicht von außen rekonstruieren. Biografien sprechen von Offenbarung, spätere Leser vermuten Krankheit. Die Quellen sind keine Krankenakte, die sieben Jahrhunderte später eine Diagnose erlaubt. Weder können wir die Vision beglaubigen noch sein Selbstverständnis mit einer bloßen Diagnosevermutung erledigen.
Nichtwissen bezeichnet zunächst unsere Grenze. Eine Quellenlücke beweist keine absolute Unsagbarkeit. Und doch: Ein Schriftsteller dieser Größe hört auf, und wir sehen lange auf die abgelegte Feder.
Er schreibt die Summa nicht weiter. Das ist der feste Mittelpunkt der Geschichte.
Wir dürfen darin Zurückhaltung lesen: Worte müssen nicht alles besetzen. Das ist unsere Deutung, keine einheitliche Erklärung seines Körpers, seiner Gründe und seiner Theologie. Er hinterließ keinen ausführlichen eigenen Bericht über diesen Tag. Daraus folgt nicht, dass er nie wieder sprach oder dachte.
Ordnen wir sein Leben nicht rückwärts als zwangsläufigen Weg zu diesem Moment. Er argumentierte, dann kam eine Unterbrechung, die die Quellen nicht vollständig erklären. Strenges Denken und ein unvollendetes Buch können zu demselben Menschen gehören.
Am 7. März 1274 stirbt er auf dem Weg zum Zweiten Konzil von Lyon in Fossanova, etwa neunundvierzig Jahre alt. Berichte über Reise und Krankheit unterscheiden sich. Einen überlieferten Zusammenstoß oder das Dezemberereignis behandeln wir nicht als medizinisch festgestellte Todesursache.
Die Summa endet im dritten Teil bei Frage 90. Das spätere Supplement wurde aus seinem älteren Sentenzenkommentar zusammengestellt. Die Texte stammen also durchaus von ihm; die Zusammenstellung ist aber nicht seine eigene Vollendung des dritten Teils.
Der stumme Ochse hat die Feder hingelegt. In dem überlieferten Vergleich sind die Bücher Stroh. Was das Korn war, hat er uns nicht erklärt.
V. Neapel
Noch einmal zurück. Roccasecca, um 1225. Eine Burg in Süditalien, Grundbesitz, adlige Eltern, Landulf und Theodora, politische Verbindungen und Pläne für ein Kind.
Für jüngere Söhne bot die Kirche eine angesehene und der Familie nützliche Laufbahn. Montecassino lag nahe: ein altes, reiches Benediktinerkloster, eingebunden in lokale Machtverhältnisse. Den Sohn dort unterbringen, aufsteigen sehen, vielleicht zum Abt machen – das hatte eine Logik. Es war eine Hoffnung, kein fertiger Ernennungsbrief.
Mit etwa fünf Jahren kommt Thomas dorthin; ungefähr neun Jahre lernt er dort. Als die Konflikte zwischen Kaiser und Papst den Aufenthalt gefährlich machen, schickt ihn die Familie zum Studium nach Neapel.
Friedrich II. gründete diese Universität 1224 auch zur Ausbildung von Amtsträgern. Süditaliens sprachliche und intellektuelle Verbindungen eröffneten Zugänge zu neu ins Lateinische gelangenden Texten. Neugier und Herrschaftsinteresse bestanden nebeneinander. Die Universität war kein machtfreies Paradies.
Mit etwa vierzehn begegnet Thomas hier einem größeren Aristoteles, begleitet von Fragen aus griechischen und arabischen Kommentierungen. Als Lehrer der Naturphilosophie wird gewöhnlich Petrus von Irland genannt.
Hier begegnet er auch den Dominikanern. Der 1216 bestätigte Bettelorden verbindet Predigt, Studium und Lehre. Eine andere Lebensform als die geplante Laufbahn wird greifbar. Mit ungefähr neunzehn will er eintreten.
Die Familie bekämpft nicht grundsätzlich das geistliche Leben; sie hatte es selbst vorgesehen. Sie bekämpft diese Zugehörigkeit, diese Stellung, die ihren Interessen anders dient. Man versucht ihn umzustimmen, hält ihn fest. Er bleibt dabei. Nach etwa einem Jahr kann er gehen.
Paris, Köln, wieder Paris, dann italienische Städte: Lehrveranstaltungen, Kontroversen, Wege. 1272 schickt der Orden ihn nach Neapel zurück, um dort eine Schule aufzubauen. Hier schreibt er am letzten Teil der Summa, hier hört er im Dezember 1273 auf. Anfang 1274 bricht er nach Lyon auf und stirbt unterwegs.
Neapel ist Eingang und Ausgang seines geistigen Weges. Als Jugendlicher betritt er eine weitere Bücherwelt; gegen Ende seiner Vierziger lässt er das Buch liegen, das so viel ordnen sollte.
Dazwischen liegen Jahrzehnte des Brückenbaus zwischen Aristoteles und Christentum. Vieles gelingt. Nicht alles wird fertig. Hängt die Unvollendung mit dem Aufhören zusammen?
Vielleicht. Vielleicht nicht. Hat das Erlebte die Bedeutung seiner Brücke verändert? Wurde ihm wichtiger, dass es ein anderes Ufer gibt, als dass sein Bau abgeschlossen wird? Vielleicht hat nichts davon den Ausschlag gegeben. Vielleicht war er einfach krank.
Wir wissen es nicht. Er begann in Neapel, hielt in Neapel inne, starb auf dem Weg. Für den Leser schließt sich ein Kreis, aber nicht unbedingt der Kreis, den der Autor einer noch zu vollendenden Summa geplant hatte. Wer ihn zeichnete und was Thomas dabei empfand, verraten uns die Quellen nicht vollständig.
VI. Der Turm
Paris, Dominikanerkonvent Saint-Jacques. Thomas ist zu seiner zweiten Pariser Lehrzeit zurückgekehrt, bereits ein berühmter Theologe. Schauen wir unter den Ruhm: Was füllt den Tag?
Gebet, Messe, Schriftauslegung, Disputation. Wir brauchen keinen erfundenen Stundenplan, der jeden Morgen pünktlich um vier beginnt. Ein Einwand muss vorgebracht, gehört und beantwortet werden. Ihn zum Vorteil des Lehrers schwach zu machen wäre keine gute Disputation. Aus manchen Lehrveranstaltungen und Auseinandersetzungen werden Texte.
In der übrigen Zeit schreibt er. Schreiben heißt nicht nur, allein am Tisch zu sitzen. Sekretäre nehmen das Diktat auf; Thomas geht umher, prüft, lässt abschreiben, korrigiert. Vielleicht übertreibt die Erzählung von vier gleichzeitig diktierten Werken. Auch ohne dieses Wunder bleibt ein außergewöhnliches Arbeitstempo.
Stellen wir uns Blätter vor, die bei Kerzenlicht auf ihre Abschrift warten: Bett, Tisch, Stuhl, Kruzifix, Bücher, Steinwände, im Winter kalt. Das ist kein wiedergefundenes Inventar einer bestimmten Nacht von 1270. Das Bild gibt der Arbeit einen materiellen Ort.
Die Zelle ist sein Turm. Armut gehört zur gewählten Lebensform. Sie macht Bücher, Mitarbeiter und Bedingungen des Unterrichtens nicht überflüssig. Kein Privateigentum zu haben bedeutet nicht, keine gemeinsamen Mittel zu benötigen.
In diesem Turm geschieht auch etwas anderes. Frühe Biografien erzählen von Versunkenheit im Gebet, von Tränen und scheinbarem Vergessen der Umgebung. Hagiografisch geformte Zeugnisse sind nicht dasselbe wie eine persönliche Formel, die er selbst stets gebraucht hätte.
Manche berichten von einem Schweigen mitten in der Arbeit und von deren Wiederaufnahme. Selbst wenn wir den Bericht annehmen, wissen wir damit nicht, was im Schweigen geschah.
Der Turm ist Werkstatt und Begegnungsort. Doch nicht jede persönliche Erfahrung wird zum Beweismittel gegen einen Gesprächspartner.
Thomas schreibt durchaus über Kontemplation, Entrückung und Gotteserkenntnis. Seine Theologie arbeitet auch mit Offenbarung, nicht nur mit natürlicher Vernunft. Entscheidend ist eine andere Unterscheidung: darüber zu sprechen oder jeden Einwand mit „Ich habe es erlebt“ abzuschneiden.
Liegt darin Demut? Eine Verantwortung gegenüber Lesern, eine Unterscheidung von Textgattungen? Das Fehlen eines Selbstberichts belegt kein einziges Motiv. Ich lese hier eine Forderung an uns: Auch wer seiner Erfahrung sicher ist, muss erklären, was er anderen als Grundlage gemeinsamer Prüfung anbietet.
Das ist eine Lehre aus seinem Werk, keine nachgereichte Psychologie. In unserem vorgestellten Zimmer diktiert der Bruder, korrigiert, betet und kehrt zur Arbeit zurück. Gebet und Arbeit teilen ein Leben, ohne dieselbe Art von Beleg werden zu müssen.
Im Dezember 1273 ruht die Feder. Nicht jede konkurrierende Erklärung lässt sich ausräumen. Lassen wir den Punkt offen: ein großes System und eine Stelle, über die sein Verfasser nicht weiterschrieb.
VII. Nicht ausgeschöpft
Dieses Kapitel der Reihe fragt nach dem anderen und seinem Platz. Thomas spricht sein Leben lang von Gott. Doch Gott ist im Christentum Schöpfer, Vater, Mitte. Wie kann Gott ein anderer sein?
Gerade diese Spannung interessiert mich. Der vorherige Essay zeigte, wie politisches Gerücht Hypatia zum Hindernis machte. Daraus folgt kein Urteil, Cyrills gesamte Theologie habe keine Transzendenz gekannt. Thomas wird dadurch auch nicht zu seinem makellosen Gegenbild.
Geschöpfe können nach Thomas zur Erkenntnis Gottes führen, ohne dass wir dessen Wesen in diesem Leben umfassen. Verneinung, Bejahung und Analogie wirken zusammen; dazu gehört das Erbe des Pseudo-Dionysius. Es bleibt nicht bei „Man kann nichts sagen“. Thomas sagt viel: fünf Wege, göttliche Eigenschaften, Trinität.
Aber die Summe seiner Sätze ist nicht Gott. Hier höre ich das Strohbildecho: Etwas geht nicht in der Darstellung auf.
Ein Riss darf deshalb nicht verdeckt werden. In der Summa, II–II, Frage 11, Artikel 3, befürwortet Thomas, hartnäckige Häretiker zur Hinrichtung an die weltliche Gewalt zu übergeben. Das wurde ihm nicht bloß von anderen untergeschoben. Gottes Unbegreiflichkeit anzuerkennen führte ihn nicht dazu, das Leben Andersgläubiger durchgängig für unantastbar zu halten.
Wir können Christen nicht bequem in diejenigen einteilen, die den anderen vernichten, und diejenigen, die das niemals tun, und ihn dann auf die sichere Seite stellen. Eine Grenze im Denken zuzugeben entwaffnet nicht schon die Hand, die einen anderen bestraft.
Aus SAE bringe ich folgende Frage mit: Eine Darstellung schließt sich nicht über alles; ein lebender Mensch darf nicht auf den Platz zusammengestaucht werden, den ein System für ihn vorsieht. Das ist meine Frage, keine Thomas zugeschriebene SAE-Lehre. Nicht das Ganze zu sein anzuerkennen ist ein Anfang, nicht die bestandene Gesamtheit ethischer Prüfungen.
Buddhistische Leerheit, christlicher Gott, islamische Einheit Gottes, Zhuangzis Dao und die Vorsicht des Zen gegenüber Worten können hier miteinander ins Gespräch kommen. Sie sind keine verborgene Einheitslehre. Ein Gespräch beginnt damit, Unterschiede nicht in meine Sprache einzuverleiben.
Thomas’ Glaube hat bestimmten Inhalt: Trinität, Menschwerdung, Sakramente. Er glaubt nicht bloß an „irgendetwas Unbekanntes“. Man kann seine Lehren zurückweisen und dennoch Gründe, Unterscheidungen und Versäumnisse ernst nehmen. Auch Kritik an Gewalt im Umfeld Cyrills verlangt Belege statt vermeintlichen Einblick in dessen ganze Seele. Komplexität entschuldigt keinen Schaden.
Wie gesund eine Denkweise ist, zeigt sich an ihrem Verständnis eigener Grenzen und am wirklichen Platz, den sie Widersprechenden lässt. Ein System kann Demut bekennen und verfolgen. Ein Mensch kann hier eine Tür schließen und dort eine öffnen. Wir brauchen einzelne Urteile und Handlungen, keinen Freispruch unter dem Sammelwort „offen“.
Respekt ist nicht Gehorsam. Kritik muss niemanden vollständig auslöschen. Ich behalte das Bild der hingelegten Feder: Ein Systembauer sieht seine Worte hinter dem zurückbleiben, worauf sie zeigen. Das verdient Gehör. Keine seiner anderen Folgerungen ist deshalb von Prüfung befreit.
Stroh ist nicht Schande, sondern kann ein Eingeständnis sein. Dieses Eingeständnis in menschliche Beziehungen zu tragen bleibt unsere Aufgabe: nicht von oben die Erlaubnis zum Existieren erteilen, Gleichheit nicht mit Gleichförmigkeit verwechseln. Gleicher Rang kann wirkliche Verschiedenheit tragen. Ein Mensch bleibt mehr als mein Urteil. Hypatias Lehren und Thomas’ Feder können sich an dieser Frage begegnen, ohne eine identische Doktrin zu beweisen.
VIII. Die Brücke
Heute Abend kommt eine Gestalt hinzu. Hypatia steht in der Mitte der Brücke, das Astrolabium in der Hand. Thomas nähert sich langsam im Gewand seines Ordens.
Er trägt kein Buch. Armut bedeutete in seinem Leben nicht den Verzicht auf Arbeitsmittel. Auf dieser erfundenen Brücke braucht heute kein Band zwischen ihm und einem anderen Menschen zu stehen.
Er sieht Hypatia. Er hält an. Mehr als acht Jahrhunderte liegen zwischen ihren Geburten. Eine direkt von ihr übernommene Bibliothek können wir ihm nicht geben. Beide kennen dennoch das Lesen, Kommentieren und Lehren. Eine Begegnung muss nicht erst einen Stammbaum beweisen.
Er sagt etwas auf Latein, sie antwortet auf Griechisch. Die Wörter verstehen sie nur schlecht. Die Haltung verstehen sie. Er neigt den Kopf ein wenig.
Augustinus steht in einiger Entfernung. Zeitgenosse Hypatias, geistiger Vorfahr des Thomas: Auch er hatte griechisches Denken in christliche Theologie hineingetragen. Er tritt nicht dazwischen. Er sieht zu.
Weiter hinten sitzt Sokrates. Platon hockt über einer Zeichnung. Thomas blickt zum Diagramm, zum Astrolabium, zu den anderen: Menschen, die Gleichungen schreiben, Mais beobachten, Gedichte verfassen, Sternkarten lesen.
Viele Hände werden für ihn denkbar: griechische Kopisten, syrische Übersetzer, arabisch schreibende Gelehrte, Tische, an denen lateinische Texte entstehen. Kein einziger Weg mit lückenlos belegten Stationen, sondern Wege, die sich in seiner Lektüre kreuzen.
Er ist nicht ihr Ende. Wer nach ihm kommt, weiß er nicht. 1273 hat er aufgehört zu schreiben. Er konnte nur das ihm gegebene Stück gehen.
Seine Summa endet bei Frage 90 des dritten Teils. Stroh und Korn hinterlassen eine Frage: Wie weit tragen meine Werkzeuge? Damit sind weder alle Grenzen für spätere Leser gezogen noch die Widersprüche seines eigenen Lebens aufgelöst.
Am Ende der Brücke sieht jener Mann herüber, der schon Hypatia angesehen hatte. Nun gilt sein Blick Thomas. Er sagt nichts. Thomas spürt ihn, dreht sich aber nicht um. Aufmerksam betrachtet er das Astrolabium.
Die Nacht wird dunkler. Mondlicht liegt auf den Markierungen. Heute schreibt er nicht weiter. Wir leihen uns das Strohbild, ohne die Bücher für wertlos zu erklären. Sie sind wirklicher Arbeit entwachsen. Andere können lesen und widersprechen.
Der die Ernte eingebracht hat, ruht. Neben Hypatia schaut er in die Ferne. Ihr Astrolabium, seine Feder: Werkzeuge helfen Menschen, können ihnen aber nicht alles abnehmen.
Heute muss keiner den anderen in sein Werkzeug hineinzwängen.
Die Brücke führt weiter. Kein Buch hat sie zu Ende geschrieben.
Lesehinweise und Quellen
Fünf Wege: Summa I, q.2, a.2–3; Trinität und natürliche Vernunft: I, q.32, a.1. Stroh und Ochse stammen aus Biografien, nicht einem Tagebuch. Keine medizinische Ferndiagnose; das Supplement verwendet seinen älteren Sentenzenkommentar.
II–II, q.11, a.3 billigt die weltliche Hinrichtung hartnäckiger Häretiker. Thomas wird nicht zum makellosen Beschützer Andersdenkender. Übersetzungen kamen über mehrere Wege; die 219 Sätze von 1277 sind kein bloßes persönliches Urteil über ihn.
Unterrichts-, Zimmer- und Brückenszenen enthalten erfundene Gesten und Gespräche, keine Augenzeugenprotokolle. Vergleiche und SAE-Bezüge sind Deutungen des Autors. Benachbarte Fragen beweisen weder gleiche Lehren noch ein fehlerloses Leben.
Aquinas — Summa I, question 2 · Aquinas — Summa I, question 32 · Aquinas — Summa II–II, question 11 · Early biography excerpts, translated by Kenelm Foster · Benedict XVI — Thomas Aquinas, 2 June 2010
Eigenständige deutsche Neufassung. Quellen, Zitate und ausführliche Anmerkungen in der chinesisch-englischen Originalausgabe。