Die Rednerin im Haus
Serena Joy hatte öffentlich verkündet, Frauen gehörten ins Haus. Gilead verwirklicht diesen Satz und nimmt ihr damit die Bühne, auf der sie ihn vertreten konnte. Nun sitzt sie mit Arthritis im Wohnzimmer, pflegt den Garten und strickt unnötige Schals. Lesen, Reden und politische Organisation sind auch Ehefrauen verboten. Die Ironie besteht nicht nur darin, dass eine Heuchlerin bestraft wird. Serena hat sich vorgestellt, sie könne „die Frauen“ definieren, ohne selbst vollständig unter die Kategorie zu fallen. Das neue System brauchte ihre Stimme beim Aufbau; nach der Vollendung wird eine weibliche Rednerin überflüssig und die frühere Autorin als Rolle im eigenen Entwurf eingeordnet.
Frauen verwalten Frauen
Die Tanten im Roten Zentrum schlagen, belehren und organisieren öffentliche Beschämung. Tante Lydia gibt der Gewalt eine mütterliche Sprache: Alles geschehe zu Schutz und moralischer Erziehung. Die Wahl weiblicher Aufseherinnen ist effizient. Sie kennen die Verletzbarkeiten der anderen Frauen, und ihr Handeln kann leichter als Fürsorge erscheinen als der Befehl eines Soldaten. Dafür erhalten sie etwas, das Frauen sonst vorenthalten wird: Lesen, Schreiben, Büros und Entscheidungsmacht. Ihre Privilegien sind real und gerade deshalb bindend. Gilead muss nicht jede Frau gleichermaßen entmachten; es verteilt schmale Zuständigkeiten, deren Ausübung die umfassendere Unterordnung stabilisiert.
Die Leiter nach unten
Ehefrauen stehen über Marthas und Mägden, Tanten dürfen Mägde bestrafen, und bei einer Partizikution wird den Mägden erlaubt, einen angeblichen Vergewaltiger zu töten. Desfred spürt den Rausch der freigegebenen Gewalt und beteiligt sich, bevor sie erfährt, dass der Mann wahrscheinlich ein politischer Gefangener war. Die Ordnung bietet jeder Gruppe eine noch verletzlichere Gruppe als Ziel. Dadurch wird begrenzte Macht mit Freiheit verwechselt und Zorn nach unten abgeleitet. Wer den Anteil von Frauen an dieser Verwaltung benennt, darf jedoch die Ebenen nicht gleichsetzen: Serena kann Desfred quälen und bleibt dem Kommandanten rechtlich untergeordnet. Mittäterschaft ist Handlungsmacht innerhalb einer ungleich verteilten Struktur, nicht Gleichheit mit ihren Architekten.
Moira und die Pflicht zur Heldin
Moira entkommt dem Zentrum zweimal, beim zweiten Mal in der Kleidung einer Tante. Für die anderen Mägde wird sie zum Beweis, dass eine Grenze überschritten werden kann. Später findet Desfred sie im Jezebel’s, dem illegalen Klub für privilegierte Männer. Nach erneuter Gefangennahme hatte Moira zwischen den Kolonien und diesem Ort gewählt; nun sagt sie, es sei erträglich, und will nicht mehr fliehen. Desfred wünscht sich ein heroischeres Ende. Genau diesen Wunsch macht der Roman unbequem. Wenn die härteste Figur ungebrochen bliebe, könnten Leser das Scheitern anderer als Mangel an Mut erklären. Atwood zeigt stattdessen, dass wiederholte Gefangenschaft auch Widerstandskraft verbraucht. Unterdrückte schulden dem Publikum keine ermutigende Biografie.
Desglen und die riskante Verbindung
Die erste Desglen verwandelt die vorgeschriebene Einkaufsbegleitung in eine Verbindung zu Mayday. Ein einziges Codewort könnte Hoffnung oder Falle sein; Desfred reagiert zunächst mit Angst. Ein Überwachungsstaat muss nicht jedes Gespräch hören, wenn niemand sicher weiß, wer neben ihm geht. Als die Wagen kommen, erhängt sich Desglen, um unter Verhör keine Namen preiszugeben. Desfreds erste Reaktion auf die Nachricht ist Erleichterung, weil ihr eigenes Risiko sinkt. Sie schämt sich und erzählt es trotzdem. Diese Ehrlichkeit verhindert eine saubere Trennung in Widerständige und Angepasste. Dieselbe Person kann in einer Szene Hilfe öffnen, in einer anderen das eigene Überleben voranstellen.
Urteilen, ohne Personen festzuschreiben
Serena vermittelt aus Eigeninteresse die verbotene Begegnung mit Nick; Moira überlebt in einer verwalteten Rolle; Desglen schützt andere durch ihren Tod; Desfred tritt einen gefesselten Mann und bewahrt zugleich die Stimme, aus der der Roman besteht. Moralisches Urteil darf diese Handlungen nicht verwischen. Es sollte aber beweglich genug bleiben, die wechselnden Zwänge, Vorteile und Folgen zu verfolgen, statt jede Figur zu einem einzigen Typ zu machen. Gileads Stärke liegt darin, Funktionen als Identitäten auszugeben: Ehefrau, Tante, Magd, Verräterin. Eine Kritik, die Menschen endgültig mit ihrer schlimmsten oder mutigsten Handlung identifiziert, übernimmt unbemerkt dieselbe Grammatik. Solidarität beginnt nicht mit Reinheit, sondern mit der Möglichkeit, eine zugewiesene Rolle gemeinsam zu überschreiten.
Mittäterschaft ist weder Freispruch noch Totalidentität
Eine differenzierte Lektüre darf begrenzten Zwang nicht als Entschuldigung für jede Handlung verwenden. Serena entscheidet sich wiederholt, Desfred zu demütigen; Tante Lydia verfeinert die Pädagogik der Unterwerfung. Diese Akte haben Opfer und müssen beurteilt werden. Zugleich erklärt keine einzelne Tat die ganze Person oder verteilt die institutionelle Verantwortung neu. Gilead profitiert gerade von moralischen Kurzschlüssen: Entweder gelten Frauen nur als Opfer und ihre konkrete Gewalt verschwindet, oder ihre Beteiligung wird zum Beweis, dass das System nicht patriarchal sei. Der Roman verlangt beides zugleich zu sehen – handelnde Verantwortung innerhalb einer Ordnung, deren Regeln, Waffen und oberste Vorteile ungleich verteilt sind.