Ein Name in der Grammatik des Besitzes
„Desfred“ klingt in der deutschen Ausgabe wie ein Eigenname; im englischen Offred wird die Konstruktion hörbar: of Fred, zu Fred gehörig. Wechselt die Magd den Haushalt, wechselt auch die Bezeichnung. Gilead will nicht wissen, wer diese Frau ist, sondern welchem Kommandanten ihre Fruchtbarkeit gerade zugeordnet wurde. Ihr früherer Name bleibt im Roman ungesichert. Diese Leerstelle ist keine Niederlage der Erzählung. Sie verhindert die bequeme Vorstellung, Identität sei ein verborgenes Kennwort, das nur wieder eingesetzt werden müsse. Die Besitzgrammatik war von Anfang an unvollständig, weil die sprechende Person mehr enthält als die Zuordnung.
Kostbar und deshalb zur Sache gemacht
Gilead leidet unter einer Fruchtbarkeitskrise und behandelt gebärfähige Frauen als seltene Ressource. Die Mägde erhalten Nahrung, Untersuchungen, Begleitung und Schutz vor jener alltäglichen sexuellen Bedrohung, an die sich Desfred aus der früheren Gesellschaft erinnert. Tante Lydia verspricht nicht nur Sicherheit vor Freiheit, sondern eine Freiheit von Furcht. Das ist nicht vollständig gelogen. Die politische Frage lautet, was geschützt wird. Gesundheit, Ausgang und Kleidung sind auf eine künftige Schwangerschaft ausgerichtet; Lesen, Geld und selbstständige Wege gelten als Risiken für dieselbe Funktion. Eine Person kann äußerst wertvoll sein und gerade dadurch besonders gründlich zum Gegenstand werden.
Die Zeremonie verteilt den Körper
Bei der monatlichen Zeremonie liegt Desfred zwischen den Beinen Serena Joys, während der Kommandant den staatlich vorgeschriebenen Geschlechtsakt vollzieht. Die Anordnung verteilt Autorität, ehe eine der Beteiligten ihr eigenes Wort finden kann: der Mann verkörpert Befehl und Zeugung, die Ehefrau legitime Mutterschaft, die Magd Fruchtbarkeit. Desfred sagt, sie sei dabei nicht wirklich anwesend. Ihre nüchterne, fast spöttische Beschreibung ist jedoch gerade eine Form der Anwesenheit. Sie unterscheidet das religiöse Drehbuch vom Erleben der Beteiligten. Dass sie zwischen Kolonien und Magddienst „gewählt“ hat, macht die Zeremonie nicht zu einer freien Vereinbarung; es zeigt nur, wie Zwang eine Unterschrift als Verantwortung des Opfers verbuchen kann.
Die erste Person als Überschuss
Atwood lässt nicht eine Reporterin oder Historikerin über die Mägde berichten. Die zur Funktion erklärte Frau erzählt selbst. Sie ist weder immer mutig noch durchgehend zuverlässig, sondern bitter, witzig, begehrend, ängstlich und zur Anpassung fähig. Gerade diese moralische Unordnung schützt die Stimme vor einer zweiten Reduktion zur beispielhaften Heldin. Desfred denkt an Waschmittelwerbung, Hotelzimmer, ihre Mutter, Luke, die Tochter und Moira; sie erzählt Varianten derselben Nacht und korrigiert sich. Ein Reproduktionsamt braucht diese Einzelheiten nicht. Eine Person erkennt man hier nicht an Reinheit, sondern daran, dass ihre Erfahrung mehr Wege nimmt, als ihre staatliche Funktion vorsieht.
Butter, Latein und gestohlene Erinnerung
Desfred versteckt Butter vom Tablett, um sie wie Hautcreme zu benutzen. Im Schrank findet sie die eingeritzte, halb verstandene lateinische Zeile der früheren Magd und trägt sie als heimlichen Satz weiter. Sie wiederholt Erinnerungen, obwohl jede Wiederholung sie verändern kann. Nichts davon befreit sie, bringt ihre Tochter zurück oder bedroht unmittelbar das Regime. Die Nutzlosigkeit ist kein Beweis politischer Wirksamkeit, sondern eine andere Art von Besitz. Gilead bewertet ihren Körper nach Fruchtbarkeit und Gehorsam. Butter auf trockener Haut, ein Schülerwitz und die genaue Farbe eines vergangenen Nachmittags entziehen sich dieser Bilanz. Sie erhalten einen Rest von Aufmerksamkeit, dessen Zweck sie selbst bestimmt.
Nicht zur Gewohnheit werden lassen
Tante Lydia kündigt an, das Ungeheuerliche werde mit der Zeit gewöhnlich. Der Roman bestätigt ihre Menschenkenntnis: Desfred gewöhnt sich an ihr Zimmer, an Formeln und Wege, und Menschen können beinahe alles in Alltag verwandeln. Ihr innerer Widerstand besteht deshalb oft nicht in einem Fluchtplan, sondern im täglichen Verweigern der Normalität. Sie zählt die verschlossenen Ausgänge, erinnert sich an frühere Freiheiten und wiederholt einen Satz, dessen philologische Bedeutung nebensächlich ist. Das darf nicht romantisiert werden; Erinnerung ersetzt keine Institution, die ihr Nein wirksam macht. Aber sie bewahrt die Differenz zwischen „es geschieht jeden Monat“ und „es ist richtig“. Genau diese Differenz will Gilead aus ihrer eigenen Stimme entfernen.
Das unbekannte Gegenüber
Desfred richtet ihre Erzählung immer wieder an ein mögliches „Du“. Vielleicht hört niemand zu, vielleicht versteht die Person falsch, vielleicht antwortet sie später. Gerade diese Ungewissheit unterscheidet die Beziehung von Gileads Rollen. Der Kommandant und Serena erwarten festgelegte Reaktionen; das unbekannte Gegenüber besitzt keine vorab zugeteilte Verfügung über ihren Körper oder ihre Worte. Erzählen schafft daher eine kleine soziale Welt, in der Zustimmung nicht schon durch das Amt definiert ist. Dass die Tonbänder später gefunden und neu geordnet werden, macht diese Freiheit verletzlich, aber nicht bedeutungslos: Die Sprecherin hat selbst entschieden, dass ihre Erfahrung jemandem geschuldet sein könnte.