Über diese Ausgabe
Zur Fassung: Das chinesische Original ist auf derselben Seite in vereinfachter und traditioneller Schrift lesbar. Die Angaben zur gefährlichen Handlung des Opfers in Folge 1, zu den Dominator-Modi, zu kriminell asymptomatischen Menschen und zur Zeitlinie nach Staffel 1 wurden sachlich überarbeitet. Spoiler zur gesamten ersten Staffel. Zitate sind eigenständige Übertragungen, keine Wiedergabe offizieller Untertitel.
Jemand reicht einem anderen etwas, tritt beiseite und schaut zu.
Kaum eine Bewegung vollführt Shogo Makishima in dieser Geschichte häufiger. Er reicht ein Messer weiter, ein Werkzeug, Informationen oder eine Gelegenheit, nach der man nur die Hand ausstrecken muss. Danach mischt er sich nicht ein. Er drängt nicht, gibt keine Anleitung. Er zieht sich ins Dunkel zurück und wartet ab, was der andere tun wird.
Was er sehen möchte, sagt er selbst: den eigenen Willen eines Menschen.
Dieser Essay gilt der gefährlichsten Figur der Geschichte. Nicht wegen der Zahl ihrer Toten. Sondern weil sie auf eine unangenehme Weise recht hat.
Der Satz
Stellen wir zunächst seinen Satz unverstellt vor uns hin.
Er ist der Überzeugung, dass ein Mensch nur dann Wert gewinnt, wenn er nach seinem eigenen Willen handelt.
Für sich genommen sagt dieser Satz fast dasselbe wie die drei vorangegangenen Essays. Ein Mensch darf nicht bloß eingeteilt, zugewiesen, diagnostiziert und ausgelesen werden. Irgendwo muss es etwas geben, das er selbst erschlossen hat. Ich will diesen Satz gar nicht widerlegen. Ich muss vielmehr zugeben, dass Makishima die Sache klarer ausspricht als die meisten.
Seine Diagnose dieser Gesellschaft ist noch schärfer.
Er sagt, die Menschen hier hätten noch nie etwas selbst gewählt. Das stimmt. Über den beruflichen Eignungsbescheid haben wir bereits gesprochen.
Er sagt, sie wüssten nicht einmal, dass sie nie gewählt haben, und lebten ausgesprochen zufrieden. Auch das stimmt. Yuki Funahara trauerte ihrer Laufbahn nicht lange nach.
Er sagt, ihre Bücher würden gefiltert; deshalb liest er nur gedruckte Bücher. Wieder hat er recht: Wenn eine Gesellschaft sämtliche Inhalte ins Netz stellt, legt sie sämtliche Inhalte in dieselbe Hand.
Er sagt, wenn auf der Straße etwas geschieht, stehen die Leute nur daneben. Wer eingreift, gefährdet seinen Farbton, und irgendwann wird das System es schon regeln. Das lässt sich am schwersten bestreiten, denn genau so zeigt es die Serie: am helllichten Tag, mitten in der Stadt, ein Mord vor aller Augen. Die Umstehenden weichen zurück, filmen, warten. Keiner geht dazwischen. Sie sind nicht herzlos. Sie wurden so erzogen: Eingreifen hat einen Preis; nicht einzugreifen ist erlaubt.
Noch etwas: Sein Arbeitszimmer ist voller gedruckter Bücher. Er liest sie genau, zitiert beim Sprechen mühelos aus ihnen. Geschrieben wurden sie über Jahrhunderte von Menschen, die Entscheidungen trafen, Fehler machten und für ihre Entscheidungen bezahlten. Zwischen diesen Menschen lebt er. Wenn er sagt, dass in dieser Gesellschaft niemand mehr wirklich lebt, redet er also nicht ins Blaue hinein. Neben ihm steht eine ganze Wand voller Vergleichsfälle.
Seine Diagnose trifft Punkt für Punkt zu. Dieser Essay versucht nicht, auch nur einen dieser Punkte zu widerlegen.
Wo liegt dann das Problem?
An welcher Stelle steht der Satz
Das Problem liegt nicht im Satz selbst. Es liegt darin, an welchem Ende der Schlussfolgerung man ihn aufstellt.
Dafür gibt es zwei Möglichkeiten.
Erstens: Am Anfang steht der Grundsatz, dass Menschen nicht als Material behandelt werden dürfen. Daraus folgt, dass jeder etwas Eigenes haben muss. In dieser Reihenfolge ergibt sich der „eigene Wert“ aus dem Status als Mensch. Er ist eine Folgerung.
Zweitens: Am Anfang steht der Satz, dass nur das Handeln nach eigenem Willen Wert erzeugt. Was folgt daraus?
Dass es Menschen gibt, die keinen Wert erzeugt haben.
Und sobald es diese Menschen gibt, steht offen, wie man sie behandeln darf. „Er ist doch auch ein Mensch“ schützt sie dann nicht mehr. Denn in dieser Reihenfolge hängt gerade das Menschsein davon ab, ob jemand Wert hervorgebracht hat. Die Schwelle steht jetzt am Anfang. Sie schützt niemanden mehr. Sie sondert aus.
Derselbe Satz führt zum entgegengesetzten Ergebnis, je nachdem, ob er am Anfang oder am Ende der Begründung steht.
Makishima benutzt die zweite Reihenfolge. Deshalb kann er diesen fast unangreifbaren Satz aussprechen und zugleich die Menschen um ihn herum als Material verwenden. Für ihn ist das kein Widerspruch. In seiner Ordnung haben sie den Anspruch, nicht als Material behandelt zu werden, noch gar nicht erworben.
An einem konkreten Menschen wird das deutlicher.
Shusei Kagaris Farbton trübt sich mit fünf. Danach verbringt er sein Leben in den beiden vorgesehenen Kästchen. Er bekommt nie die Möglichkeit, auch nur einmal nach seinem eigenen Willen zu handeln. Nicht, weil er es nicht möchte. Die Möglichkeit wird ihm genommen, bevor er überhaupt etwas sagen kann.
Nach der ersten Reihenfolge ist es falsch, ihn so zu behandeln. Er muss dafür nicht erst irgendetwas beweisen.
Nach der zweiten Reihenfolge ist er leer.
Am beklemmendsten ist dabei, dass das System, das Kagari leer macht, und die Logik, die ihn für leer erklärt, dieselbe Bewegung ausführen: erst eine Schwelle aufstellen, dann prüfen, wer nicht darüberkommt.
Der Unterschied zwischen den beiden Reihenfolgen wird an dem Tag sichtbar, an dem man einem solchen Menschen tatsächlich begegnet.
In der ersten begegnet man jemandem, der sein Leben lang keine einzige eigene Entscheidung treffen konnte, und hat eine Aufgabe: Bedingungen schaffen, unter denen er künftig seine erste treffen kann. Dass er bisher noch nichts Eigenes hat, ist kein Urteil über ihn. Es begründet etwas, das jemand tun muss.
In der zweiten begegnet man demselben Menschen und schließt daraus, dass er noch nicht zählt. Von „Er zählt noch nicht“ zu „Dann kann man ihn verwenden“ steht nichts mehr im Weg.
Er gibt den Menschen keine Chance
Nun zu dieser Geste des Weiterreichens.
Zugegeben: Auf den ersten Blick wirkt sie großzügig. In der ganzen Geschichte ist er der Einzige, der anderen Gelegenheiten in die Hand drückt. Alle übrigen beaufsichtigen, beurteilen oder beraten. Nur er sagt: Los, tu, was du willst. Ich halte dich nicht auf.
Eine Schülerin macht aus ihren Mitschülerinnen Schaustücke. Er tritt an ihre Seite, gibt ihr das Nötige und zieht sich zurück. Ein alter Mann jagt aus Vergnügen lebende Menschen. Makishima liefert ihm Beute. Die Unruhen in der ganzen Stadt entstehen von selbst, nachdem er Helme verteilt hat, die die Scans abschirmen. Niemandem hat er befohlen, loszuschlagen.
Es sieht beinahe so aus, als würde er Menschen einfach von ihren Fesseln befreien.
Aber was tut er danach?
Er schaut zu. Ist das, was jemand hervorbringt, spannend genug, bleibt er. Wenn nicht, geht er weiter zum Nächsten. Die Schülerin lässt er später fallen, weil sie ihn nicht mehr interessiert.
Hier verläuft die Grenze. Wer einem anderen wirklich eine Chance gibt, muss auch bereit sein, hinzunehmen, dass daraus jemand wird, der ihm nicht gefällt.
Die Bedingung einer wirklichen Chance ist, dass der Gebende kein bestimmtes Ergebnis verlangt. Man gibt etwas aus der Hand. Von da an gehört die Sache einem nicht mehr. Vielleicht leistet der andere etwas Großartiges. Vielleicht tut er gar nichts. Vielleicht tut er etwas, das den Geber schmerzt. Das alles muss gelten dürfen. Wer es nicht gelten lässt, hat keine Chance gegeben.
Makishima lässt es nicht gelten. Entspricht jemand seinem Geschmack, schaut er weiter zu. Sonst tauscht er die Person aus.
Er gibt keine Chancen. Er stellt Prüfungsaufgaben und will die abgegebenen Arbeiten sehen.
Natürlich beantwortet der Prüfling die Aufgabe tatsächlich selbst. Aber Makishima stellt sie, wählt den Prüfungsraum und bestimmt, welche Antwort als gelungen gilt. In dieser Anordnung ist der Geprüfte das Messgerät, und der Prüfer liest den Wert ab.
Diese Form ist uns schon begegnet.
Was beweisen die Unruhen
Sein größtes Experiment besteht darin, Störhelme zu verbreiten, die Messung zeitweise außer Kraft zu setzen und abzuwarten, was die Menschen tun.
Das Ergebnis ist hässlich. Die Stadt versinkt im Chaos. Gewöhnliche Bürger bewaffnen sich, auf den Straßen wird Selbstjustiz geübt, viele sterben.
Sieht man nur dieses Ergebnis, scheint er gewonnen zu haben. Hat er es nicht gesagt? In diesen Menschen sei nichts. Sobald niemand mehr auf sie aufpasse, sähen sie so aus. Da liegen die Beweise.
Doch das Experiment hat einen entscheidenden Fehler. Und den liefert Makishimas eigener Satz.
Warum greifen diese Menschen zu Waffen? Die Serie sagt es deutlich: aus Angst. Die Sicherheit, auf der ihr Leben seit Jahrzehnten beruht, versagt über Nacht. Niemand hat ihnen beigebracht, wie man ohne sie lebt. Was sie tun, ist keine Wahl, sondern eine Stressreaktion.
Nach Makishimas eigenem Maßstab, wonach nur das Handeln aus eigenem Willen zählt, ist gerade das, was sie in der Panik tun, kein Ausdruck dieses Willens.
Der Maßstab, mit dem er diese Menschen für leer erklärt, besagt zugleich, dass ihr Verhalten an diesem Tag für seinen Beweis nicht zählt.
Sein Experiment misst nicht, wie diese Menschen aussehen, wenn sie frei sind. Es misst, wie sie aussehen, wenn sie zu Tode erschrocken sind. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Hier hat er allerdings noch eine härtere Antwort. Wir müssen sie ihm zugestehen.
Er könnte sagen: Ich brauche die Unruhen gar nicht. Seht euch ihr gewöhnliches Leben an. Jahrzehnte, Generationen, und niemand fragt ein einziges Mal: „Mit welchem Recht?“ Niemand stellt den Eignungsbescheid infrage, niemand zweifelt an seinem Platz, niemand sagt Nein zu dieser Waffe. Die Unruhen machen das nur schneller sichtbar. Sie schaffen nichts Neues.
Darauf lässt sich schwer antworten. Doch der Satz zerlegt sich an einer Stelle selbst.
Er erklärt die Leere dieser Menschen damit, dass ihnen nie ein eigener Wille erlaubt worden sei. Diese Erklärung trägt. Sobald er sie verwendet, kann er die Rechnung aber nicht mehr den Menschen präsentieren. Wenn jemand nie die Gelegenheit bekam, nach dem Recht einer Ordnung zu fragen, sagt das etwas darüber, was diese Gesellschaft getan hat. Es sagt nicht, was diese Menschen ihrem Wesen nach sind.
Er kann ihre Leere nicht mit „Man hat sie nicht gelassen“ erklären und dieselbe Leere anschließend als Erlaubnis nehmen, sie zu benutzen. Beides lässt sich nicht zugleich behaupten.
Um wirklich zu messen, wie freie Menschen handeln, müsste er etwas bereitstellen, das er nicht geben kann: Zeit. Die Möglichkeit, ohne Gefahr allmählich herauszufinden, was man will. Jemanden, der daneben wartet, statt zuzusehen. Nichts davon stellt er zur Verfügung. Es bietet keine schöne Vorstellung und liefert kein Ergebnis an einem einzigen Nachmittag.
Er sucht nach einem „Glanz der Seele“, den man sich auf der Stelle anschauen kann. Wenn ein Mensch herausfindet, was er mit seinem Leben anfangen will, sieht das meistens nach sehr wenig aus. Und es dauert.
Er folgt seinem eigenen Gesetz, und darin stehen die anderen
Eines muss man ihm zugutehalten: Er ist kein Heuchler.
Sibyl sucht ihn auf. Es legt ihm die Wahrheit offen und lädt ihn ein, beizutreten: einer der 247 zu werden, das Urteil dieses Landes selbst. Mehr kann das System nicht bieten. Von nichts mehr gemessen werden und dafür alle anderen messen.
Er lehnt ab, weil es seiner Überzeugung widerspricht. Dann zerstört er den Körper vor sich.
Dieses Nein ist echt und kostet viel. Es zeigt, dass er etwas Eigenes besitzt und daran festhalten kann. Menschen, die das können, gibt es in dieser Geschichte nicht viele. Er ist einer davon.
Darin liegt das Problem nicht. Es liegt im Inhalt dessen, woran er festhält.
Ein Satz seines Gesetzes lautet: Menschen sollen nach ihrem eigenen Willen handeln. Diesen Satz erfüllt er selbst, ohne einen Schritt zurückzuweichen.
Ein anderer steht nicht ausdrücklich darin, wird aber mit jeder seiner Handlungen vollzogen: Der Nutzen anderer Menschen besteht darin, ihn dieses Handeln beobachten zu lassen.
Er hält sein eigenes Gesetz ein. Und in diesem Gesetz steht, wozu die anderen dienen.
Das ist der schwerste Fehler, den ein Gesetz haben kann. Eine eigene Lebensweise zu besitzen, ist richtig. Mit ihr bei anderen Widerhall zu finden, ist gut. Andere aber als Bestimmungen in das eigene Gesetz einzuschreiben, zerstört den Boden, auf dem dieses Gesetz steht. Sein erster Satz verlangt Handeln nach eigenem Willen. Seine praktische Umsetzung macht Menschen, die eben nicht so handeln können, zu Material.
Er selbst betritt den Prüfungsraum nie. Er prüft alle; niemand prüft ihn. Er entscheidet, wer geprüft wird, wann, mit welchen Mitteln und welche Antwort zum Bestehen genügt.
Das ist keine Frage des Mutes. Er kämpft ohne Zögern und setzt sein Leben oft genug aufs Spiel. Es ist eine Frage des Standorts. Den Platz, auf dem er steht, hat er sich selbst vorbehalten.
Sibyl erkennt keinen Feind
Jetzt lässt sich das Unangenehmste aussprechen.
Warum will Sibyl ihn aufnehmen?
Das System hat viele Gegner gesehen und viele beseitigt. Makishima behandelt es völlig anders. Ihn will es hineinbitten. Dafür will es sogar Kogami ausschalten, denn nur Kogami könnte Makishima töten, bevor dessen Eingliederung gelingt.
Was hat es in ihm erkannt?
Beide Seiten beginnen mit derselben Bewegung: erst den Menschen in etwas anderes umrechnen, dann weitersehen.
Sibyl rechnet jeden Menschen in einen Zahlenwert um und weist ihm danach Platz, Weg und Behandlung zu. Makishima rechnet jeden Menschen in eine Beobachtung um und entscheidet anhand des Ergebnisses, ob es sich lohnt, weiter zuzusehen. Das erste Verfahren arbeitet im Maßstab einer ganzen Gesellschaft, das zweite nimmt sich einen Menschen nach dem anderen vor. Der Größenunterschied ist enorm. Der erste Schritt ist identisch.
Wenn Sibyl ihm die Hand reicht, fordert es deshalb keinen Feind zur Kapitulation auf. Es erkennt einen Verwandten. Es sieht in ihm nicht: „Dieser Mensch ist gegen mich.“ Es sieht: „Dieser Mensch verwendet denselben Algorithmus wie ich. Er hat nur seinen Platz noch nicht eingenommen.“
Und diese Einschätzung trifft zu. Das Angebot zielt genau auf das, was er eigentlich will: keinem Maßstab mehr unterliegen und dafür alle anderen vermessen. Er lehnt nicht ab, weil ihm diese Stellung missfiele. Er lehnt ab, weil es drinnen keinen Zuschauerraum gibt. Die 247 sehen sich das Schauspiel nicht an. Sie sind das Schauspiel. Er will draußen stehen und schauen. Das System bittet ihn hinein, um Maschine zu werden.
Es ist eine äußerst präzise Fehleinschätzung und eine ebenso präzise Wiedererkennung.
Darum lässt sich dieser Essay auch nicht darauf reduzieren, dass Makishima Sibyl entlarve. Das tut er tatsächlich. Jeder seiner entlarvenden Sätze stimmt. Man kann all seine Diagnosen übernehmen und dann feststellen, dass sein Rezept dieselbe Form hat wie das, was er beseitigen will.
Masaoka gibt ihm einen Revolver
Zum Schluss Kogamis Schuss.
Als Kogami das Amt für öffentliche Sicherheit verlässt, nimmt er zwei Dinge mit: einen Störhelm und einen Revolver. Den Revolver hat ihm Tomomi Masaoka gegeben. Der alte Vollstrecker, der noch als Polizist der früheren Zeit gearbeitet hat, drückt ihm eine altmodische Waffe in die Hand.
Dieses Detail lohnt einen zweiten Blick. Der Revolver erkennt keine Benutzer, scannt nicht, meldet keine Werte und entscheidet nicht, ob man schießen soll. Man hebt ihn, und er wartet. Ob der Abzug gedrückt wird, verantwortet allein die Hand, die ihn hält.
Masaoka gibt ihm eine Waffe, die ihm das Urteil nicht abnimmt.
Später erschießt Kogami mit ihr Shogo Makishima in einem Getreidefeld.
Akane Tsunemori folgt ihm bis zum Schluss und beharrt darauf, Makishima lebend festzunehmen. Makishima hat ihrer Freundin vor ihren Augen die Kehle aufgeschnitten. Trotzdem beharrt sie darauf. Sie handelt sogar mit Sibyl: Für die Zusage, Makishima zu fangen, rettet sie Kogamis Leben. Nach all dem kann sie ihn am Ende dennoch nicht aufhalten.
Die Meinungsverschiedenheit dieser beiden lässt sich nicht in richtig und falsch auflösen.
Akane hat recht: Kein Mensch sollte über Leben und Tod eines anderen entscheiden, auch wenn dieser den Tod tausendfach verdient hätte. Sobald man zugibt, dass manche Menschen privat hingerichtet werden dürfen, lässt sich diese Tür nicht mehr schließen. Wer auf der anderen Seite steht, entscheidet dann immer derjenige, der gerade die Waffe in der Hand hält.
Kogami sieht ebenfalls etwas richtig: In diesem Land gibt es keine von Sibyl unabhängige Institution, die kriminell asymptomatische Menschen öffentlich vor Gericht stellen könnte. Die Rechtspraxis ist auf die Messwerte zusammengedrückt, und Makishimas Werte bilden seine Gefährlichkeit nicht ab. Ihn abzuliefern hieße nicht, ihn der Justiz zu übergeben, sondern einer Eingliederung. Man würde ihn in den Raum bitten und zu einem Teil dessen machen, was über alle urteilt. Kogami sieht klarer als jeder andere: Ihn leben zu lassen hieße, ihn gewinnen zu lassen.
Zwischen Kogami und Makishima verläuft jedoch eine wirkliche Grenze. Sie liegt nicht in den Motiven.
Alles, was Makishima tut, muss durch die Hände eines anderen gehen: durch die Hände der Schülerin, des alten Jägers, der Menschen in der ganzen Stadt, die zu Waffen greifen. Jeder seiner Pläne hält einen Platz für andere bereit.
Kogamis Schuss fällt durch seine eigene Hand. Er schreibt niemanden als Bauteil in seinen Plan hinein. Sein Handeln kostet die Menschen um ihn herum etwas; Ginoza und Akane bezahlen für seinen Weggang. Das muss man nicht schönreden. Aber es sind Folgen seiner Handlung, keine Bestandteile seines Vorhabens.
Der Unterschied zwischen selbst handeln und andere für sich handeln lassen liegt nicht im Mut. Er liegt darin, ob man dafür noch einen weiteren Menschen verbraucht.
Auch den Preis bezahlt er. Der Weg in sein bisheriges Leben ist am Ende der ersten Staffel versperrt. Er verliert seinen Namen, seine Stellung, seine Kollegen, dieses Land; sein Weg führt nun nach draußen. Er hat etwas getan, das in Sibyls Welt nicht vorgesehen ist: selbst geurteilt und die Last selbst übernommen.
Das ist keine verallgemeinerbare Antwort. Es ist die Antwort eines Menschen. Sie gilt nur für ihn.
Nach dem Schuss im Getreidefeld bleibt noch eine Person übrig.
Sie akzeptiert Sibyls Algorithmus nicht; sie weiß, was in dem Raum steht. Kogamis Antwort akzeptiert sie ebenso wenig. Bis zum Schluss verfolgt sie ihn, gerade um diesen Schuss zu verhindern. Im letzten Augenblick gelingt es ihr nicht. Zuvor hat sie Masaokas Revolver an sich genommen und Makishimas Festnahme als Verhandlungsmasse gegenüber Sibyl eingesetzt. Aber auch das reicht nicht aus, den Ausgang zu bestimmen.
Und sie entscheidet sich, drinnen zu bleiben.
Im nächsten Essay fragen wir, ob diese Entscheidung Feigheit ist.
PSYCHO-PASS. Konzept und Drehbuch: Gen Urobuchi. Regie: Naoyoshi Shiotani; Gesamtregie: Katsuyuki Motohiro. Animation: Production I.G. Erstausstrahlung: Oktober 2012 bis März 2013, 22 Folgen. Dieser Essayzyklus behandelt die erste Staffel.