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Anime · Code Geass: Lelouch of the Rebellion
Essay 3 von 5

Kein einziger Bösewicht

Das ist keine Metapher. Sein Vorhaben ist sehr konkret: Das Bewusstsein der gesamten Menschheit soll zu einem einzigen verschmelzen. Danach wird niemand mehr irgendetwas vor jemand anderem verbergen können.

Aug 31, 2026 · Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung
Spoilerhinweis: Behandelt werden alle 50 Episoden von R1 und R2 einschließlich zentraler Todesfälle und des Endes. Die Kompilationsfilme und Lelouch of the Re;surrection bleiben außer Betracht.
Über diese Ausgabe

Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung nach dem chinesischen Original, das auf der Website in vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen verfügbar ist. Das Original enthält kleinere Korrekturen zu Handlung, Zeitfolge und zu weit gehenden Formulierungen. Wiedergegebene Äußerungen sind eigene deutsche Fassungen, keine offiziellen Untertitel.

Charles will Gott töten.

Das ist keine Metapher. Sein Vorhaben ist sehr konkret: Das Bewusstsein der gesamten Menschheit soll zu einem einzigen verschmelzen. Danach wird niemand mehr irgendetwas vor jemand anderem verbergen können.

Er nennt es die Ragnarök-Verbindung. Seit Jahrzehnten bereitet er sie vor.

Der erste Plan: keine Lügen mehr

Schauen wir zunächst darauf, woraus dieser Plan entstanden ist.

Charles und V.V. wachsen an einem Ort auf, an dem alle lügen. Am Hof ermorden Mütter die Kinder anderer Frauen, Brüder vergiften einander, und hinter jedem Satz steckt ein zweiter. Zwei Kinder überleben diese Welt und schwören sich: Sie werden eine Welt ohne Masken schaffen.

Das ist kein Plan eines Tyrannen. Es ist der Plan zweier verletzter Kinder.

Marianne gehört ebenfalls dazu. Sie bringt einen Grund vor, dem noch schwerer zu widersprechen ist: Nur in einer Welt ohne Lügen kann Nunnally ohne Angst leben.

Die technischen Einzelheiten können wir beiseitelassen. Entscheidend ist, was dieser Plan abschafft.

Auf den ersten Blick schafft er die Lüge ab. Tatsächlich schafft er den anderen Menschen ab.

Verschmilzt alles Bewusstsein miteinander, gibt es kein Gegenüber mehr, das man täuschen könnte. Konflikte enden dann nicht, weil sich alle versöhnt hätten. Sie enden, weil die beiden Seiten eines Konflikts nicht mehr zwei Seiten sind.

In einer Welt ohne andere Menschen gibt es tatsächlich keine Verletzungen. Es gibt allerdings auch sonst nichts mehr.

Vor dem Schwert von Akasha weist Lelouch diesen Plan zurück. Es ist in fünfzig Folgen das einzige Mal, dass er ausdrücklich sagt, auf welcher Seite er steht.

Er will ein Morgen.

Er sagt, dass die Zeit in dieser Welt weitergehen muss. Dass Menschen noch anders werden können müssen, als sie jetzt sind. Zu dem, was er bewahren will, gehören die Lügen, die Masken und all die unschönen Seiten.

Denn die Fähigkeit zu lügen ist dieselbe Fähigkeit, die uns erlaubt, anders zu werden.

Damit ein Mensch etwas verbergen, sich verstellen oder etwas anderes sagen kann, als er denkt, muss es in ihm einen Bereich geben, der von außen noch nicht sichtbar ist. Genau dieser Bereich lässt die Möglichkeit offen, jemand zu werden, der er heute noch nicht ist.

Nimmt man sämtliche Masken ab, legt man den Menschen fest. Für immer. Charles will keine durchsichtige Welt schaffen. Er will eine Welt, die stillsteht.

Der zweite Plan: für immer Angst

Schneizels Plan ist völlig anders und erheblich realistischer.

Damocles ist eine schwebende Festung, voll beladen mit F.L.E.I.J.A.-Waffen, die eine Stadt innerhalb weniger Sekunden auslöschen können. Schneizel will diese Festung über der Welt schweben lassen. Wer einen Angriff beginnt, wird vernichtet.

Dieser Plan würde funktionieren.

Gerade das ist so unangenehm. Hier fantasiert kein Wahnsinniger. Dahinter steht eine Theorie, zu der sich in jedem Lehrbuch der internationalen Beziehungen ein entsprechender Eintrag finden ließe: Frieden durch eine hinreichend glaubwürdige Drohung mit Vernichtung. Die Menschheit hat das wirklich schon versucht. Und es hat wirklich funktioniert.

Der Preis: Von nun an leben alle unter einem Schwert. Für immer.

Angst kann Kriege tatsächlich beenden. Sie tut es, indem sie niemandem mehr die Möglichkeit lässt, Nein zu sagen.

Der erste Essay hat beschrieben, was Geass einem Menschen nimmt. Schneizels Plan tut dasselbe, nur ohne übernatürliche Kräfte und ohne Blickkontakt. Er bringt die gesamte Menschheit in eine Lage, in der „Nein“ keine verfügbare Antwort mehr ist. Und macht diese Lage zum Dauerzustand.

Er will nichts

Was an Schneizel wirklich Angst macht, ist aber nicht sein Plan.

Es ist die Tatsache, dass er selbst nichts haben will.

Er will keinen Thron. Er ist weder geldgierig noch lüstern, weder auf Ruhm aus noch darauf angewiesen, geliebt zu werden. Gelassen überlässt er Nunnally die Herrschaft über die ganze Welt. Das ist kein taktischer Rückzug, um später umso mehr zu gewinnen. Es ist ihm tatsächlich gleichgültig, wer auf diesem Platz sitzt.

Er löst einfach eine Aufgabe.

Wenn wir uns einen Tyrannen vorstellen, gehört gewöhnlich ein Begehren dazu. Er will genießen, er will angebetet werden, er will in die Geschichte eingehen. Doch dieses Begehren lässt anderen Menschen auch einen Spielraum. Ein Herrscher, der geliebt werden will, braucht lebende Menschen, die ihn lieben. Einer, der Nachruhm will, braucht jemanden, der sich an ihn erinnert. Solche Bedürfnisse setzen ihm Grenzen.

Schneizel kennt diese Grenzen nicht. Denn er selbst kommt in seiner Gleichung nicht vor.

Ihm fehlt nicht das Gewissen. Ihm fehlt ein eigener Standpunkt. Auch sich selbst behandelt er als Variable, die sich gegebenenfalls wegoptimieren lässt. Er ist jederzeit bereit, den Platz zu räumen und abzutreten. Ergibt die Rechnung, dass er verschwinden soll, wird er nicken.

Wer sogar sich selbst auf diese Weise mitberechnet, den hält nichts davon ab, andere ebenso mitzurechnen.

Die radikalste Instrumentalisierung entsteht nicht daraus, dass jemand andere zu gering schätzt. Sie entsteht daraus, dass er sich selbst genauso gering schätzt.

Am Ende belegt Lelouch ihn mit Geass und befiehlt ihm, Zero sein Leben lang die Treue zu halten.

Das wirkt wie die härteste Vergeltung der ganzen Serie. Doch sehen wir genauer hin: Wer ohnehin kein eigenes Selbst hat, wird kaum dadurch bestraft, dass man ihm den Willen eines anderen einsetzt. Endlich hat er eine eindeutig bestimmte Zielfunktion. Er muss sie nicht einmal mehr selbst suchen.

Er wirkt danach sogar gefestigter als zuvor.

Der dritte Plan

Lelouchs Plan behandeln wir im letzten Essay. Hier muss er nur schon einmal auf den Tisch.

Das Zero Requiem: Ein Mensch wird zum gemeinsamen Hassobjekt der ganzen Welt und anschließend öffentlich getötet. Sein Tod soll der gesamten Welt die Versöhnung ermöglichen.

Damit liegen alle drei Pläne vor uns.

Dieselbe Form

Charles will das Individuum abschaffen. Schneizel will das Nein abschaffen. Lelouch will einen Menschen abschaffen.

Ausmaß, Mittel und Charakter der drei Pläne könnten unterschiedlicher kaum sein. Stellt man sie aber nebeneinander und betrachtet ihren Aufbau, erkennt man in allen dieselbe Bewegung:

Erst wird der Mensch in etwas anderes umgerechnet. Dann kann die Rechnung beginnen.

Charles rechnet Menschen in Bewusstseinsfragmente um. Fragmente kann man verschmelzen; Menschen nicht. Schneizel rechnet Menschen in Objekte der Abschreckung um. Solche Objekte kann man abschrecken; Menschen nicht. Lelouch rechnet einen Menschen in einen Behälter für Hass um. Einen Behälter kann man füllen und anschließend zerbrechen; einen Menschen nicht.

Sobald diese Umrechnung vollzogen ist, sind alle drei Pläne in ihrer eigenen Logik unangreifbar.

Der gesamte Fehler liegt im Schritt der Umrechnung. Und dieser Schritt geschieht in allen drei Plänen rasend schnell und vollkommen leise. Keiner hält dort inne, um darüber nachzudenken.

Genau das macht diese Serie so schwer zu fassen: Sie gibt uns niemanden, den wir hassen könnten.

Charles ist ein verletztes Kind. Marianne ist eine Mutter, die ihre Kinder liebt. Schneizel hat nicht einmal eigennützige Absichten. Lelouch will seine Schwester retten. Alle vier können ihre Motive ohne jede Scham öffentlich vorzeigen.

Unsere gewohnte Vorstellung von Politik braucht einen Bösewicht. Jemanden, der gierig ist, grausam oder auf Macht um der Macht willen aus. Nimmt man den Bösewicht weg, wird die Sache kein bisschen besser. Sie wird nur schwerer zu durchschauen.

Denn wenn alle Motive sauber sind, lässt sich nicht mehr durch das Prüfen der Motive zwischen richtig und falsch unterscheiden. Man muss sich den Plan selbst ansehen. Und darin den Punkt finden, an dem ein Mensch in etwas anderes umgerechnet wird.

Wogegen er sich wehrt, was er selbst tut

Zurück zu der Szene am Schwert von Akasha.

Was Lelouch dort sagt, ist die Haltung dieser Serie: Er will eine Welt, in der ein Mensch noch ein anderer werden kann. Deshalb will er auch ihre unschönen Seiten bewahren.

Ein Mensch verdient es nicht deshalb, als Zweck behandelt zu werden, weil er jetzt so oder so ist. Er verdient es, weil noch nicht feststeht, wer er sein wird.

Stünde dieser Satz für sich, hätten wir ein Werk mit einer eindeutigen Position vor uns.

Nur spricht Lelouch ihn aus, dreht sich um und setzt seinen eigenen Plan in die Tat um.

Und auch der beginnt mit einer Umrechnung.

Im nächsten Essay

Nebenbei noch etwas.

Mit Damocles gelingt es Schneizel am Ende nicht, Lelouch zu besiegen. Bei dem Sieg, den er tatsächlich über ihn erringt, benutzt er etwas wesentlich Billigeres.

Er teilt den Schwarzen Rittern schlicht eine Tatsache mit.

Darum geht es im nächsten Essay. Und darum, weshalb der Verrat der Schwarzen Ritter die am gründlichsten missverstandene Szene dieser Serie ist.

Diese Essayreihe behandelt die insgesamt fünfzig Folgen der TV-Serie „Code Geass: Lelouch of the Rebellion“, R1 und R2. Die drei Zusammenfassungsfilme, die darauf folgenden Kinofilme und weitere Ableger gehören nicht zu ihrem Gegenstand.