Strukturen in Märchen · 07
Die Schneekönigin: Wer darf sagen, wer ein anderer »wirklich« ist?
Gerda sucht Kay, der im Eisschloss gar nicht um Hilfe ruft. Wann macht die Suche wieder eine eigene Antwort möglich, und wann würde sie nur die Rückkehr zu unserem Lieblingsbild verlangen?
Kays Veränderung beginnt nicht wie eine Entführung. Er sitzt mit Gerda noch im kleinen Dachgarten über demselben Bilderbuch, als es plötzlich im Herzen sticht und etwas ins Auge gerät. Sie schaut nach und findet nichts; er sagt selbst, es sei wieder gut. Dann gefallen ihm die Rosen nicht mehr: schief gewachsen, mit Würmern zwischen den Blättern. Auch Gerda sehe beim Weinen hässlich aus. Was sie eben noch gemeinsam mochten, scheint ihm auf einmal seine Lächerlichkeit zu zeigen.
Wir Leser wissen mehr als die Kinder. Zu Beginn zerbrach ein Zauberspiegel, der die Welt entstellte. Seine Splitter liegen überall: Im Auge lassen sie nur Fehler sehen, im Herzen führen sie zum allmählichen Gefrieren. Zwei sitzen in Kay, der nicht weiß, dass sich seine Art zu sehen verändert hat. Klug bleibt er. Er lernt sogar immer besser, Tonfall und Schwächen der Nachbarn nachzumachen, und erntet dafür Gelächter. Die Veränderung macht ihn nicht schlechthin unfähig; gewisse Fähigkeiten finden dadurch noch mehr Beifall.
Er entdeckt auch ein neues Vergnügen. Durch das Vergrößerungsglas betrachtet er auf dem Ärmel die feinen, regelmäßigen Schneeflocken und hält sie für vollkommener als echte Blumen. Ihre Schönheit ist nicht falsch, ihre Betrachtung kein Fehler. Beunruhigend ist etwas anderes: Je sicherer er meint, die Welt endlich klar zu sehen, desto kleiner wird der Bereich seines Empfindens, in dem er mit anderen leben kann. Gerdas Kummer hält ihn nicht mehr auf, an Großmutters Geschichten findet er nur noch Mängel. Vieles kann er erklären; seine Mitmenschen finden immer schwerer einen Platz in seinen Erklärungen.
Später hängt er seinen kleinen Schlitten auf dem Platz an einen großen. Zunächst ist das ein Spiel, an dem er selbst teilnehmen will. Dann geht die Fahrt immer weiter. Hinter dem Stadttor möchte er das Seil lösen und kann nicht. Die Schneekönigin hält an, hüllt ihn in ihren Pelz und küsst seine Stirn; nun friert er nicht mehr. Mit dem zweiten Kuss treten Gerda, Großmutter und die Menschen zu Hause aus seiner Erinnerung. Die erst furchterregende Königin erscheint schön und vollkommen. Er beginnt ihr zu erzählen, wie viel er rechnen kann und von der Welt weiß.
Gerda kennt davon nichts, nur sein Ausbleiben. Sie sucht am Fluss, wird von der Strömung zu einem Garten getragen und von einer alten Frau ans Ufer geholt. Die gibt ihr Kirschen, kämmt sie und lässt sie zwischen immer blühenden Blumen wohnen. Anders als bei der Schneekönigin ist hier alles warm, duftend und fürsorglich. Die Frau mag das Mädchen wirklich und möchte es behalten. Mit dem goldenen Kamm lässt sie Kay vergessen; die Rosen, die an den Garten zu Hause erinnern könnten, versteckt sie unter der Erde.
Durch diesen Umweg hat die Suche nicht bloß eine kalte Gegnerin. Fürsorge und Freude im Garten sind wirklich. Nur besteht eine Bedingung dieser dauernden Freude darin, dass Gerda sich an den Grund ihres Kommens nicht mehr erinnern kann. Die Frau hindert sie nicht täglich am Hinausgehen. Sie nimmt vorher den Anlass weg, fortgehen zu wollen. Wenn ein Mensch einen früheren Wunsch nicht mehr äußert, hat er ihn nicht notwendig nach ernsthafter Auseinandersetzung aufgegeben. Vielleicht hat der Wunsch nicht einmal mehr Gelegenheit, wieder aufzutauchen.
Eine Rose auf ihrem Hut hat die Frau übersehen. Gerda sieht sie und bemerkt, dass im Garten etwas fehlt. Ihre Tränen fallen in die Erde und lassen wirkliche Rosen wachsen. Sie erinnert sich an Kay und daran, wie lange sie schon geblieben ist. Draußen ist Herbst: Die von immerwährenden Blüten verborgene Zeit wird wieder sichtbar. Sie geht nicht, weil dieser Ort ihr niemals Freude gegeben hätte. Die Freude darf nur nicht an ihrer Stelle die noch offene Suche beenden.
Den Weg wieder zu wissen bewahrt Gerda jedoch nicht vor Irrtümern. Ein Rabe berichtet von einem jungen Mann, der im Schloss die Zuneigung einer Prinzessin gewonnen habe. Eilig fügt sie jedes Detail zu Kays Geschichte. Ein Bündel habe er getragen? Das müsse sein Schlitten gewesen sein. Mit der Hoffnung auf Wiedererkennen scheint die Erklärung fast schon fertig. Als sie mit der Lampe ans Bett tritt, sieht sie ein anderes Gesicht. Sie muss von dieser beinahe sicheren Hoffnung lassen und erneut anerkennen, dass sie Kay noch nicht gefunden hat.
Die kleine Verwechslung begrenzt eine große Schlussfolgerung, die sich allzu leicht ziehen ließe: Liebe lässt einen nicht automatisch jederzeit wissen, wo der andere ist und was er denkt. Gerdas Ausdauer ist kostbar und muss doch von dem, was sie wirklich vorfindet, korrigierbar bleiben. Sie verlangt vom fremden Prinzen nicht, Kay zu werden, und erklärt auch nicht wegen ihrer Mühen die Nachricht des Raben für unfehlbar. Prinz und Prinzessin helfen ihr weiter. Später bringen sie Räubermädchen, Rentier und die Frauen im Norden immer näher ans Ziel.
Nahe dem Schneeschloss erklärt eine zauberkundige Frau das Entscheidende: In Kays Auge und Herzen stecken Spiegelsplitter; dass es ihm dort am besten gefällt, hängt damit zusammen. Gerda sucht nun nicht mehr allein aus Sehnsucht nach dem früheren Freund. Sie hat auch eine Erklärung, woher seine Veränderung kommt. In diesem Märchen gibt es den Spiegel, das Vergessen und die später entfernbaren Splitter wirklich. Deshalb kann Kays gegenwärtige Zufriedenheit nicht ohne Weiteres als letzte Entscheidung eines Menschen gelten, der seine ganze Lage überblickt.
Sie ist trotzdem kein beliebig übergehbarer Schein. Er ruft nicht unentwegt um Hilfe, sondern legt in den weiten Eissälen aus Stücken Formen und Wörter. Gelinge ihm das Wort »Ewigkeit«, hat die Königin versprochen, werde er sein eigener Herr und bekomme die ganze Welt samt einem Paar neuer Schlittschuhe. Die Aufgabe gibt ihm ein Ziel und die Aussicht auf künftige Freiheit. Ernsthaft vertieft er sich darin und merkt nicht einmal, dass er fast erstarrt ist. Die Vollkommenheit, die er schätzt, überschneidet sich mit den Bedingungen, die ihm das Fortgehen immer schwerer machen.
Als Gerda die Halle betritt, ist die Königin fort. Das Märchen lässt die Rettung also nicht in einem Zweikampf um Kay bestehen. Gerda erkennt ihn, läuft hin und umarmt ihn, während er unbeweglich bleibt. Ihre heißen Tränen schmelzen sein gefrorenes Herz; sie singt das alte Lied von Rosen und Christkind. Nun weint auch er. Seine eigenen Tränen spülen den Splitter aus dem Auge. Er erkennt sie, fragt, wie er hierhergekommen sei, und fühlt erstmals wieder die Kälte und Leere um sich.
In dieser Reihenfolge ist Rettung mehr als das Durchhalten einer alten Freundin. Sie bringt Nähe, Erinnerung und Tränen; danach kommt seine eigene Reaktion. Er wird nicht länger bloß von ihr als jemand erklärt, der nach Hause muss. Er fragt selbst nach seinem Ort und geht mit ihr. Sie trägt ihn nicht zuerst ins alte Zimmer und verlangt dort, er solle wieder wie früher werden. Die Veränderung vollzieht sich, als Kay erneut fühlen, erkennen und antworten kann.
Inzwischen fügen sich die Eisstücke vor Freude zur »Ewigkeit«. Die Bedingung der Königin ist erfüllt, Kay darf frei von ihrer Bindung sein. Diesen magischen Ausgang kann man nicht zum bloßen Erfolg gewöhnlicher Überredung kürzen. Gerdas Gebete, die Engel, die sie durch den Schneesturm geleiten, und die gesungenen religiösen Verse gehören zu Andersens Weg. Das Märchen lässt Beeinflussung enden, Erinnerung zurückkehren und den Ausgang aufgehen, alles zugleich. Es gibt damit eine viel eindeutigere Antwort als der Alltag.
Gerade deshalb sollten wir bemerken, was wir aus der Geschichte nicht mitnehmen dürfen. Wenn ein wirklicher Mensch sein altes Leben nicht mehr mag, frühere Beziehungen zurückweist oder uns fremde Interessen entwickelt, beweist das für sich keinen Zauber. Hier gibt es einen Erzähler, der die Splitter sehen kann, eine Erklärung aus Zauberwissen und schließlich Kays eigene Bestätigung nach ihrer Entfernung. In gewöhnlichen Beziehungen ersetzt die Sehnsucht nach früher solche Gründe nicht.
»Ich kenne dein wahres Ich« kann aus Zuneigung kommen und dem anderen dennoch jede Möglichkeit nehmen, seine Veränderung zu erklären. Wird nur die Rückkehr zu unserer Lieblingsgestalt als seine eigene Entscheidung anerkannt, verwandelt sich Suche allmählich in Rückruf. So deutlich er sein neues Leben auch beschreibt: Alles gilt dann bloß als weiterer Beweis seiner Beeinflussung. Wer so vorgeht, kann aufrichtig an Rettung glauben und doch wie die Frau im Blumengarten Fürsorge mit Behalten vermengen, statt zu sehen, dass der Mensch vor ihm anderswohin wollte.
Umgekehrt reicht Kays Lob der Vollkommenheit nicht aus, Gerda das Weitersuchen zu verbieten. Seine Erinnerung wurde entfernt, sein Empfinden von außen verändert, sogar die Möglichkeit, sich der Angehörigen zu entsinnen, ging verloren. Seine augenblickliche Zufriedenheit zur ganzen Antwort zu erklären gäbe demjenigen, der ihn verändert hat, einen zusätzlichen Vorteil: Sobald der Eingriff so tief geht, dass keine Bitte mehr kommt, müssten andere ihre Sorge einstellen. Seine Antwort zu achten heißt auch zu fragen, ob er sich noch erinnern, vergleichen und mehr als eine Antwort bilden kann.
Garten und Eisschloss lassen sich deshalb zusammen betrachten. Die alte Frau schenkt Kirschen, Blumen und Wärme; die Königin einen kältefreien Körper, vollkommene Eisstücke und künftige Freiheit. Beides zieht wirklich an und erschwert zugleich die Erinnerung an alte Beziehungen. Gerda verlässt den Garten nicht, weil sie plötzlich keine Freude mehr braucht. Kay darf nach dem Eisschloss weiterhin Schneeflocken mögen. Zu lösen ist nicht diese Vorliebe, sondern ein Zustand, in dem Freude oder Vollkommenheit anstelle der Betroffenen andere Lebensmöglichkeiten beseitigt.
Auf dem Rückweg kommen sie an den Orten vorbei, an denen Gerda Hilfe fand. Zu Hause bemerken sie, dass sie erwachsen geworden sind. Dachgarten und Großmutter bleiben vertraut, doch die vergangene Zeit wird nicht zurückgenommen. Die Großmutter liest aus dem Evangelium vom Bewahren des Kinderherzens; endlich verstehen sie ihr altes Lied. Andersen bringt sie heim und lässt sie dennoch gewachsen sein. Wiedergefunden wird keine von allem verschonte Kindheit, sondern eine Beziehung, in der sie sich nach den Veränderungen noch erkennen.
Gerda hat Kay gefunden, ohne durch die Länge ihrer Suche das Recht erworben zu haben, künftig sein ganzes Leben zu entscheiden. Dass er Rosen und Lieder wiedererkennt, verpflichtet ihn auch nicht, als Rettungsbeweis für immer unverändert zu bleiben. Vielleicht ist das Kostbarste gerade, dass er wieder fragen kann, wo er ist. Wer neu fragen kann, wird nicht bloß aus einer Hand in die andere übergeben. Er kann neben dem Menschen gehen, der ihn gesucht hat. Den weiteren Weg müssen trotzdem beide weitergehen.
Textgrundlagen
Vollständiger deutscher Leseressay, unabhängig nach dem veröffentlichten chinesischen Text neu geschrieben. Die besonderen Belege des Märchens bleiben von dem unterschieden, was man über einen wirklichen Menschen wissen kann; die Lektüre verleiht niemandem die Befugnis, fremde Veränderungen als Verzauberung zu erklären.
Hinweise zur Fassung
Textgrundlage: Hans Christian Andersen, Die Schneekönigin (Snedronningen, 1844), in der ursprünglichen Folge von sieben Geschichten. Bezugspunkte sind die vollständige englische Übersetzung in der gemeinfreien Sammlung Stories from Hans Andersen und Jean Hersholts Übersetzung beim Andersen-Zentrum. Der Essay bietet eine Lektüre, keine satzweise Übersetzung. Er bewahrt Gerdas Vergessen im Zaubergarten, ihre Verwechslung des jungen Mannes im Schloss, Kays eigene Tränen, die den Splitter ausspülen, das Wort »Ewigkeit« aus Eis und die Rückkehr als Erwachsene. Gerda und Kay sind eng verbundene Spielgefährten, keine leiblichen Geschwister. Der Zauberspiegel ist eine ausdrückliche Tatsache des Märchens, keine Diagnose für Veränderungen von Charakter oder Beziehungen im wirklichen Leben.