Strukturen in Märchen · 06
Das Mädchen ohne Hände: Der Vater dachte an einen Baum – warum verlor die Tochter ihre Hände?
Ein Irrtum wird aufgeklärt, eine Drohung ausgesprochen, eine Tochter stimmt zu. Was davon kann erklären, dass am Ende nur ihr Körper den Preis bezahlt?
Als der Müller im Wald einem Fremden begegnet, besitzt seine verarmte Familie nur noch die Mühle und einen Apfelbaum dahinter. Der Fremde verspricht Reichtum, wenn er bekommt, was hinter der Mühle steht. Der Müller denkt an den Baum, willigt ein und unterschreibt. Zu Hause berichtet die Frau von Schränken und Kisten, die sich plötzlich mit Schätzen gefüllt haben. Er erklärt erfreut den Handel. Sie erschrickt: Hinter der Mühle habe gerade ihre Tochter gefegt. Ihr, nicht dem Baum, gelte das Versprechen.
Dieser Irrtum macht einen Unterschied, den man nicht überspringen sollte. Der Vater weiß zunächst nicht, dass er sein Kind versprochen hat; er ist deshalb nicht einfach derselbe wie jemand, der wissentlich eine Tochter gegen Geld eintauscht. Nachdem die Frau ihn aufklärt, weiß er es jedoch. In drei Jahren, so die Abmachung, wird der Fremde kommen. Die Freude am Reichtum und der noch ausstehende Anspruch wohnen nun unter einem Dach. Von Versuchen des Vaters, sich während dieser Jahre aus dem Vertrag zu lösen, erzählt das Märchen nichts. Wer die Folgen tragen wird, zeichnet sich dagegen immer deutlicher ab.
Die Tochter lebt fromm. Am vereinbarten Tag wäscht sie sich und zieht einen Kreidekreis um sich. Der Fremde ist tatsächlich der Teufel, kann sich ihr aber nicht nähern und verlangt vom Vater, ihr kein Wasser mehr zu geben. Aus Angst gehorcht dieser. Sie wäscht ihre Hände mit Tränen, sodass auch der zweite Versuch misslingt. Nun fordert der Teufel, ihr die Hände abzuschlagen. Der Vater ist entsetzt: Wie könne er das seinem Kind antun? Erst als der Teufel droht, stattdessen ihn selbst mitzunehmen, gibt er nach.
Er tritt vor die Tochter, erklärt, dass er aus Furcht zugestimmt habe, und bittet sie um Hilfe und um Vergebung für das, was sie erleiden wird. Sie sei sein Kind, sagt das Mädchen; er solle mit ihr tun, wie er wolle. Dann hält sie ihm die Hände hin. Verstörend ist gerade, dass die Geschichte eine Zustimmung erzählt und diese Zustimmung in den Fortgang der Verletzung einbaut. Nicht der Teufel führt den Schlag. Der Vater bittet um Verständnis, die Tochter beruft sich auf ihre Beziehung zu ihm, und am Ende fällt die Klinge auf sie.
Die Angst des Vaters ist wirklich. Ihm droht kein lächerlicher Spuk, sondern der Teufel, der den Reichtum gebracht hat und nun ein Leben fordert. Auch ihr Wunsch, den Vater zu retten, ist wirklich; man darf sie nicht zu jemandem machen, der von Anfang bis Ende überhaupt keine Antwort gegeben hätte. Aber diese beiden Wahrheiten verteilen den Preis nicht gleichmäßig. Er stimmt der Verletzung zu, weil er nicht mitgenommen werden will. Sie nimmt sie an, weil sie ihn nicht verlieren will. Abgetrennt werden allein ihre Hände.
Dass sie die Hände ausstreckt, beweist daher für sich genommen keine Zustimmung ohne Druck. Ein Nein würde nicht nur ihren Körper bewahren; sie müsste zugleich zusehen, wie der Teufel den Vater holt. Seine Bitte um Hilfe rückt sie schon vor der Verletzung in die Rolle der Retterin. Damit man den unzumutbaren Druck anerkennen kann, muss man ihr nicht erst jeden eigenen Willen absprechen. Vielmehr wird gerade ihre Liebe zum Vater für eine Anordnung gebraucht, in der sie seine Rechnung bezahlt.
Der Teufel bekommt sie schließlich trotzdem nicht. Ihre Tränen waschen die Stümpfe rein, sodass er die Macht verliert, ihr nahezukommen, und fortgehen muss. Gebet und Frömmigkeit wirken in diesem Märchen tatsächlich; sie sind kein Schmuck, den die Lektüre nach Belieben streichen könnte. Doch der Widerstand gelingt zu spät, um die Hände zu bewahren. Der Vater hat sie bereits abgeschlagen. Dass der Teufel das Mädchen nicht mitnehmen kann, versetzt die Familie nicht in die Zeit vor dem Handel zurück.
Der Vater bietet ihr nun lebenslangen Wohlstand an: Ihretwegen seien die Schätze ins Haus gekommen. Vielleicht ist das die Fürsorge, die er sich vorstellen kann. Sie kommt dennoch von demjenigen, der sie verletzt hat und zugleich vom Handel profitiert. Das Mädchen lehnt ab. Sie könne nicht bleiben, müsse hinaus und vertraue darauf, dass gute Menschen ihr zum Leben genug geben würden. Sie spricht damit kein abschließendes Urteil über das ganze Leben des Vaters. Sie entscheidet aber ausdrücklich, ihr weiteres Leben nicht inmitten dieses Reichtums verbringen zu müssen.
Dafür muss sie nicht beweisen, dass der Vater sie niemals geliebt hat. Er kann Angst gehabt haben, bereuen und sie aufrichtig versorgen wollen; sie darf trotzdem nicht mit ihm weiterleben wollen. Soll eine Entschädigung nur gelten, solange die Verletzte am alten Ort bleibt und sich weiterhin versorgen lässt, richtet sie sich schwerlich ganz nach deren Bedürfnis, neu anzufangen. Das Mädchen verlangt keinen höheren Preis. Sie nimmt ihre Zukunft aus dem wohlhabenden Leben heraus, das der Vater für sie vorgesehen hat.
Nach einem ganzen Tag unterwegs kommt sie nachts hungrig an einen königlichen Obstgarten. Ein Wassergraben versperrt den Zugang. Auf ihr Gebet hin schließt ein Engel die Schleuse, das Wasser läuft ab und sie gelangt hinein. Mit dem Mund isst sie eine Birne. Der Gärtner sieht das Mädchen ohne Hände und den weiß gekleideten Engel, hält sie für ein Gespenst und wagt nichts zu sagen. Am nächsten Tag bemerkt der König die fehlende Frucht. Als er davon hört, beschließt er, mit Gärtner und Priester in der folgenden Nacht zu warten.
Der Priester fragt, ob sie ein Geist oder ein Mensch sei. Nur ein armes, von allen außer Gott verlassenes Menschenkind, antwortet sie. Selbst wenn die ganze Welt sie verlasse, er werde es nicht tun, erklärt der König. Er nimmt sie ins Schloss, lässt silberne Hände für sie anfertigen und heiratet sie. Die Geschichte wartet also nicht auf nachgewachsene natürliche Hände, bevor sie Liebe und ein neues Leben erhalten darf. Die silbernen Hände sind eine Hilfe in diesem Leben, kein Beweis dafür, dass sie sich erst reparieren lassen muss, um einer Beziehung würdig zu werden.
Später zieht der König in den Krieg. Sie bekommt einen Sohn, und die Königinmutter schickt die gute Nachricht. Unterwegs schläft der Bote ein. Der Teufel vertauscht den Brief und macht aus dem Kind ein schreckliches Wesen. Obwohl der König über die falsche Nachricht traurig ist, verlangt seine Antwort weiterhin, gut für die Frau zu sorgen, bis er zurückkommt. Der Teufel ersetzt auch diese Antwort, nun durch einen Befehl, Mutter und Kind zu töten. Früher verletzte er das Mädchen durch die Angst des Vaters; jetzt soll ein scheinbar vom Ehemann stammendes Blatt Papier ihr neues Zuhause gegen sie wenden.
Die Königinmutter will es nicht glauben und fragt schriftlich nach. Wieder kommt nur eine verfälschte Antwort, zuletzt sogar die Forderung, Augen und Zunge der jungen Königin als Vollstreckungsbeweis aufzubewahren. Doch wiederholte Bestätigung macht für sie den Befehl nicht ausführbar. Sie beschließt, zwei Unschuldige zu retten, und nimmt stattdessen Augen und Zunge eines Rehs. Sie bindet das Kind auf den Rücken der jungen Mutter, schickt beide fort und sagt ihr, sie dürfe nie wiederkommen. Zwei Leben werden gerettet; zugleich geht zum zweiten Mal ein Zuhause verloren.
Sie steht damit anders da als der Vater. Aus Furcht verletzte er sein Kind selbst. Die Königinmutter hingegen verweigert die Tötung, obwohl sie glaubt, der Sohn bestehe darauf. In der Lage, wie sie sie versteht, kann sie Mutter und Kind nicht offen bei sich behalten; mit Verheimlichung und Freigabe rettet sie ihr Leben. Dass dieser Schutz begrenzt bleibt, macht ihn nicht wertlos. Die junge Frau weiß allerdings weiterhin nicht, dass ihr Mann keinen dieser Befehle gegeben hat. Mit dem Kind auf dem Rücken und der Nachricht, nicht mehr erwünscht zu sein, geht sie in den Wald.
Der Teufel vertauscht nicht bloß Informationen. Zwischen den Menschen erzeugt er Entscheidungen, die sie für bereits getroffen halten. Der König glaubt, Fürsorge verlangt zu haben; seine Mutter glaubt an seinen Tötungsbefehl; die Frau glaubt, der Mann lasse sie nicht mehr bleiben. So verändert sich für jeden die Beziehung, auf deren Grundlage er handelt. Am schwersten nachprüfen kann ausgerechnet diejenige, die sofort fortmuss. Eine Stimme besitzt sie, aber keinen Weg, ihre Erfahrung wieder mit der Antwort des fernen Mannes zu verbinden.
Erneut erscheint ein Engel und führt sie zu einem Waldhaus, dessen Inschrift jedem freies Wohnen zusagt. Eine weiß gekleidete Wächterin erkennt sie, versorgt das Kind und kümmert sich um beide. Sie bleiben dort viele Jahre; durch Gottes Gnade und ihre Frömmigkeit wachsen die Hände nach. Diese Unterkunft erkauft sie weder mit neuer Arbeit noch mit Rückzahlung oder Heirat. Zuerst bekommt sie Zeit zum Leben und zum Großziehen des Kindes. Anders als die beiden Male, als sie unvermittelt ausgeliefert oder fortgeschickt wurde, ist hier schon das Leben ohne Drängen etwas Neues.
Erst nach der Heimkehr entdecken König und Mutter die verfälschten Briefe. Er beweint Frau und Kind, die er für tot hält, und macht sich auf eine lange Suche, als er erfährt, dass beide leben. Auch diese Suche wird im Märchen durch göttliche Gnade getragen; sie ist kein realistischer Bericht einer gewöhnlichen Reise. Entscheidend ist: Er nimmt die durch einen falschen Brief geschaffene Lage nicht als unabänderliches Ende hin. Er verlässt seinen gesicherten Ort und sucht selbst nach denen, die nicht von sich aus ins Schloss zurückkehren können.
Schließlich gelangt er zum Waldhaus und schläft erschöpft mit einem Tuch über dem Gesicht ein. Die Frau kommt mit dem Sohn herein und bittet ihn, dem Vater das verrutschte Tuch wieder aufzulegen. Das Kind erkennt diesen Mann nicht. Es kennt nur den himmlischen Vater aus dem Gebet, nicht den verwildert wirkenden Mann, von dem es so lange getrennt war. Erwachsene können nach der Aufklärung wieder zueinanderfinden. Einem Kind lassen sich die fehlenden Jahre nicht ebenso schnell zurückgeben. Die Vaterschaft besteht wirklich; das gegenseitige Kennenlernen muss dennoch erst anfangen.
Der König hört Stimmen und richtet sich auf. Die Frau erklärt, wer sie ist. Ausgerechnet der Anblick ihrer Hände lässt ihn zögern: Seine Frau habe doch silberne Hände gehabt. Erst als der Engel die aufbewahrten Hände bringt, ist er sicher. Nicht die Verletzung verwirrt ihn, sondern ihre Veränderung seit dem Abschied. Das Wiedererkennen verlangt nicht, dass sie in seine erinnerte Gestalt zurückkehrt. Ihr heutiger Körper und der alte Gegenstand erzählen gemeinsam, wie sie aus der Vergangenheit hierhergekommen ist.
Genesung bedeutet in diesem Detail nicht vollständiges Löschen. Die silbernen Hände werden nicht mehr im Alltag gebraucht und helfen doch, die gemeinsame Geschichte wiederzuerkennen. Mit den nachgewachsenen Händen verschwinden weder die Klinge des Vaters noch der Hunger im Obstgarten, der erste Schutz des Königs oder die Trennung. Etwas kann außer Gebrauch kommen, ohne aus einem Leben getilgt zu werden. Ebenso wenig muss ein Mensch dauerhaft verletzt aussehen, damit man seine Vergangenheit anerkennt.
Sie kehren ins Schloss zurück, feiern noch einmal Hochzeit, und das Märchen verspricht ihnen fortan ein glückliches Leben. Diese Freude darf gelten; die Schwere des Unrechts muss nicht durch Ablehnung des Wiedersehens bewiesen werden. Aber die Frau ist zweimal aus einem Zuhause gegangen, in dem andere über ihr Bleiben und Gehen entschieden. In dem fremden Waldhaus hat sie Jahre des Mutterseins und des Nachwachsens ihrer Hände erlebt. Zurück kommt nicht einfach die Frau von damals, die darauf gewartet hätte, vom König wieder in Ordnung gebracht zu werden. Sie geht mit diesem gelebten Leben erneut in die Beziehung.
Der Vater glaubte anfangs, bloß den Apfelbaum versprochen zu haben. Später war der Teufel fort und der Reichtum noch da, während die Tochter allein mit dem veränderten Körper weiterleben musste. Das Märchen lässt den Vater am Ende nicht zum Erklären ins Schloss kommen; auch die glückliche Ehe erledigt diese Erklärung nicht für ihn. Wenigstens die aufbewahrten silbernen Hände erinnern daran, dass Genesung und neue Liebe wirklich sein können, ohne Irrtum und Angst des einen in einen Preis umzudeuten, den ein anderer von Anfang an hätte bezahlen müssen.
Textgrundlagen
Eigenständiger deutscher Leseressay nach dem vollständigen chinesischen Text dieser Website. Die religiösen und magischen Geschehnisse bleiben Tatsachen innerhalb dieser Märchenfassung; die Betrachtung von Druck, Fürsorge und Wiederanfang ergänzt keine erfundenen Lebensgeschichten.
Hinweise zur Fassung
Textgrundlage: Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, siebte Auflage von 1857, Nr. 31, Das Mädchen ohne Hände, nach dem deutschen Text dieser Fassung und Margaret Hunts englischer Übersetzung, Nr. 31. Zugrunde liegt die vollständige Fassung mit Frömmigkeit, Engeln, silbernen Händen, mehrfach vertauschten Briefen und Wiederfinden. Die wiederholten Angaben von sieben Jahren werden nicht zu einer scheinbar exakten Zeittafel addiert. Körperliche Unterschiede gelten hier nicht als Mangel der Person; natürliche nachgewachsene Hände sind keine Voraussetzung dafür, Liebe zu verdienen. Lebensrettung und Fortweisung durch die Königinmutter bleiben von den wirklichen Antworten des Königs unterschieden. Die kürzere Fassung von 1812 wird nicht eingemischt.