Essay 14: Die Nördlichen und Südlichen Dynastien – wo zwei Wege zusammenlaufen
Am Ende des vorigen Essays stand eine Trennung: Mit dem Zug der vornehmen Familien über den Jangtse nach Süden wurden Software und Hardware des Betriebssystems 3.0 räumlich auseinandergerissen. Der Süden erbte die…
Am Ende des vorigen Essays stand eine Trennung: Mit dem Zug der vornehmen Familien über den Jangtse nach Süden wurden Software und Hardware des Betriebssystems 3.0 räumlich auseinandergerissen. Der Süden erbte die Software: Ideologie, Netzwerke der Gelehrtenaristokratie und die Erzählung von der rechtmäßigen Nachfolge. Im Norden blieb die Hardware: Land, Menschen, Städte. Dreihundert Jahre lang versuchten beide Seiten nun, mit jeweils einem halben System wieder eine vollständige Ordnung aufzubauen.
Die Zeit der Nördlichen und Südlichen Dynastien (420–589) bildet die zweite Hälfte dieser beiden parallelen Versuchsreihen. Der rasante Wechsel der Sechzehn Reiche kam zum Ende; im Norden entstand endlich wieder eine einheitliche Herrschaft, die länger Bestand hatte: die Nördliche Wei-Dynastie (386–534). Auch der Süden ging von der gemeinsamen Herrschaft der Adelsclans unter den Östlichen Jin zu den vier Südlichen Dynastien über: Song, Qi, Liang und Chen (420–589).
Die beiden Wege schienen immer weiter auseinanderzuführen. Im Norden ging es um das Zusammenwachsen der Völker, im Süden um den Wechsel in der Herrschaft der Adelsclans. Doch am Ende liefen sie an einem Punkt zusammen: in der Guanlong-Gruppe. Aus dieser Verbindung gingen Sui und Tang hervor.
I. Nördliche Wei – Software für die Hardware
439 vereinigte Tuoba Tao, Kaiser Taiwu der Nördlichen Wei, den Norden. Die Tuoba, eine Gruppe der Xianbei, hatten eine nomadische Herrschaft in der Steppe gebildet. Nun waren sie die alleinigen Herrscher Nordchinas.
Nur brachte die Einigung keine Stabilität, sondern ein gewaltiges Regierungsproblem: Wie verwaltet man ein riesiges Reich, dessen Bevölkerung überwiegend aus han-chinesischen Bauern besteht?
Die Tuoba regierten traditionell durch Stammesverbände. Verwandtschaft und militärische Organisation bildeten die Grundlage; die Bindung zwischen Anführer und Gefolgsleuten beruhte halb auf Vereinbarung, halb auf Zwang. In der Steppe funktionierte dieses System gut. Die dortige Wirtschaftsweise, die nomadische Viehhaltung, war vergleichsweise einfach und brauchte keine aufwendige Verwaltung. In der Agrargesellschaft am Gelben Fluss war mit einer Stammesordnung dagegen kein Staat zu machen. Landwirtschaft verlangte eine genaue Bodenverwaltung, den Bau von Bewässerungsanlagen, Steuererhebung und Bevölkerungsregister. All das setzte eine ausgereifte Bürokratie voraus.
Die frühen Nördlichen Wei behalfen sich mit einer „getrennten Verwaltung von Hu und Han“. Xianbei und die übrigen als Hu bezeichneten Völker wurden über die Stammesordnung regiert, die Han-Bevölkerung durch eine Verwaltung nach chinesischem Muster. Zwei Systeme liefen nebeneinander.
Das entsprach der anfänglichen Lösung vieler Erobererdynastien. Auch die nördliche und die südliche Verwaltung der Liao folgten einem ähnlichen Gedanken. Der Vorteil war der Pragmatismus: keine erzwungene Einheitlichkeit, jede Gruppe wurde auf ihre Weise regiert. Der Nachteil war eine institutionell festgeschriebene Zweiteilung. Xianbei und Han waren vor dem Gesetz, im gesellschaftlichen Rang und in ihren politischen Rechten ungleich. Kurzfristig ließ sich diese Ungleichheit durch die militärische Überlegenheit der Eroberer aufrechterhalten. Auf Dauer konnte das nicht gutgehen. Ungleichheit erzeugt Groll, und wenn sich genug Groll angesammelt hat, bricht er aus.
Die ersten Kaiser der Nördlichen Wei nahmen innerhalb dieser getrennten Verwaltung allerlei Anpassungen vor und schlossen Kompromisse. Die große Operation am offenen System kam erst unter Kaiser Xiaowen.
II. Xiaowens Reformen – wieder ein bewusster Gestalter der Ordnung
Tuoba Hong, als Kaiser Xiaowen von 471 bis 499 auf dem Thron, gehört in der chinesischen Politikgeschichte in eine Reihe mit dem Herzog von Zhou, mit Shang Yang und Qin Shi Huang, mit Dong Zhongshu und Kaiser Wu der Han: Wieder trat jemand auf, der eine politische Ordnung bewusst entwarf.
Die Richtung seiner Reformen war unmissverständlich: umfassende Sinisierung.
Verlegung der Hauptstadt nach Luoyang.
Von Pingcheng, dem heutigen Datong in Shanxi, ging es nach Luoyang. Dahinter steckte dieselbe Logik wie bei Pan Gengs Umzug nach Yin: Wer die räumlichen Verhältnisse neu ordnet, kann die alten Interessenverflechtungen aufbrechen. Pingcheng war die Hochburg des alten Xianbei-Adels. Hier saßen seine Wurzeln tief, hier reichten seine Verbindungen überallhin. Luoyang war ein Zentrum der Han-Kultur. Die Verlegung bedeutete, die Xianbei-Aristokraten mitsamt den Wurzeln aus ihrer Komfortzone zu reißen und in eine von chinesischer Kultur beherrschte Umgebung zu werfen.
Der Umzug wurde als großes Drama inszeniert. Unter dem Vorwand eines Feldzugs nach Süden führte Xiaowen ein gewaltiges Heer südwärts. In Luoyang angekommen, erklärte er: Wir ziehen nicht weiter. Hier ist die neue Hauptstadt. Die mitgereisten Xianbei-Adligen protestierten. Sie wollten Pingcheng nicht verlassen, ihre Ländereien und ihre Gefolgsleute nicht aufgeben. Xiaowen ließ ihnen zwei Möglichkeiten: Entweder zieht ihr mit mir weiter nach Süden und nehmt das Risiko eines Krieges dort auf euch. Oder ihr akzeptiert Luoyang als Hauptstadt. Die Adligen wählten das kleinere Übel und stimmten widerwillig dem Umzug zu.
Es war eine Zwangsumsiedlung, verpackt als politisches Manöver. Xiaowen wusste, dass eine offen angekündigte Hauptstadtverlegung auf geschlossenen Widerstand stoßen würde. Also schuf er eine noch schlechtere Alternative, den Südfeldzug, damit der Umzug wie ein annehmbarer Kompromiss aussah.
Verbot von Hu-Kleidung und Hu-Sprache, Einführung von Han-Familiennamen.
In Luoyang befahl Xiaowen den Xianbei, chinesische Kleidung zu tragen. Am Hof durfte nur noch Chinesisch gesprochen werden, kein Xianbei mehr. Auch die Familiennamen wurden chinesisch: Aus Tuoba wurde Yuan, aus Dugu wurde Liu, aus Buliugu wurde Lu, aus Helai wurde He …
Das war keine bloße Kosmetik. Kleidung und Sprache sind die sichtbarsten beziehungsweise hörbarsten kulturellen Kennzeichen eines Volkes. Sie zu ändern hieß, die Unterschiede zwischen Xianbei und Han bis in die Einzelheiten des Alltags hinein zu beseitigen. Wer dieselbe Kleidung trägt, dieselbe Sprache spricht und dieselben Familiennamen führt, ist nach außen nicht mehr von einem Han-Chinesen zu unterscheiden. Und die äußere Angleichung zieht eine innere nach sich. Wenn du lange genug chinesische Kleidung trägst und Chinesisch sprichst, fängst du an, wie ein Han-Chinese zu denken.
Einführung des Systems der gleichmäßigen Landzuteilung.
485 führten die Nördlichen Wei das System der gleichmäßigen Landzuteilung ein. Der Staat verteilte Boden nach der Bevölkerungszahl; erwachsene Männer erhielten eine bestimmte Fläche in Mu, der chinesischen Flächeneinheit. Nach ihrem Tod fiel das Land an den Staat zurück. Das war keine Wiederherstellung des alten Brunnenfeldsystems. Wang Mang hatte das versucht und war damit katastrophal gescheitert. Es war ein neuer Entwurf: Das oberste Eigentumsrecht am Boden lag beim Staat, jeder Bauer erhielt aber ein Nutzungsrecht. Damit sollte die Konzentration des Landbesitzes eingedämmt werden. Zugewiesenes Land konnte man nicht kaufen oder verkaufen, zumindest in der Theorie. Also konnten Großgrundbesitzer es nicht grenzenlos anhäufen.
Strukturell war diese Landordnung von enormer Bedeutung. Sie war ein wichtiger Patch für das Betriebssystem 3.0. Die Landkonzentration gehörte zu dessen zentralen Resten; sowohl die gesellschaftlichen Krisen am Ende der Westlichen Han als auch jene am Ende der Östlichen Han hingen damit zusammen. Der ursprüngliche Entwurf von 3.0, Shang Yangs Privatisierung des Bodens, erlaubte den freien Landhandel. Handel führte zur Konzentration, Konzentration zu entwurzelten Bauern, entwurzelte Bauern zu Aufständen. Die gleichmäßige Landzuteilung sollte diese Kette gleich am Anfang unterbrechen: durch die Beschränkung des Landhandels.
Sui und Tang übernahmen und entwickelten diese Landordnung weiter. Sie wurde zur Grundlage ihrer Wirtschaftsordnung. Vielleicht war sie, als einzelne Institution betrachtet, das wichtigste Erbe, das die Nördlichen Wei der Nachwelt hinterließen.
Einführung des Systems der drei Vorsteher.
In der örtlichen Verwaltung bildeten fünf Haushalte eine Nachbarschaft, ein lin; fünf Nachbarschaften einen Ortsverband, ein li; fünf Ortsverbände einen Bezirk, ein dang. Auf jeder Stufe gab es einen Vorsteher. Diese „drei Vorsteher“ führten die Verwaltung an der Basis. Damit wurde deren Gefüge neu aufgebaut. Die unter Qin und Han praktizierte direkte Erfassung aller gewöhnlichen Untertanen in Haushaltsregistern war im Norden durch die langen Kriegswirren zerfallen. Der Staat hatte den unmittelbaren Zugriff auf die einzelnen Haushalte verloren. Das System der drei Vorsteher stellte diese Verbindung wieder her.
Förderung von Ehen zwischen Hu und Han.
Xiaowen ging selbst mit Heiratsverbindungen zur Han-Aristokratie voran. Seine jüngeren Brüder und Xianbei-Adlige sollten Töchter hochrangiger Han-Familien heiraten; Töchter des Kaiserhauses Tuoba wurden mit Angehörigen der Han-Gelehrtenaristokratie vermählt. Die beiden Eliten sollten durch Verwandtschaft zusammenwachsen. Nach ein paar Generationen wäre die Frage „Wer ist hier Xianbei, wer Han?“ gar nicht mehr zu beantworten.
Zusammengenommen lassen die Reformen Xiaowens Absicht klar erkennen: Er installierte auf der Hardware des Nordens eine verbesserte Fassung der Software 3.0.
Landzuteilung plus drei Vorsteher stellten die unmittelbare Kontrolle des Staates über die Gesellschaft wieder her, also die Funktion der flächendeckenden Haushaltsregistrierung. Hauptstadtverlegung plus Sinisierung beseitigten die Zweiteilung in Hu und Han: Alle sollten mit demselben kulturellen Code arbeiten. Die Heiratsverbindungen verschmolzen die Eliten: Aus zwei Herrschaftsgruppen wurde eine.
Unter dem Gesichtspunkt des Aufbaus ähnelt Xiaowens Vorgehen strukturell dem des Herzogs von Zhou. Beide versuchten nach einer Phase des Chaos, durch bewusst entworfene Institutionen eine dauerhafte Ordnung zu schaffen. Xiaowens Aufgabe war allerdings schwieriger. Der Herzog von Zhou hatte ein System für eine kulturell relativ einheitliche Gesellschaft entworfen. Die Unterschiede zwischen den Zhou und den von ihnen unterworfenen Shang waren bei Weitem nicht so groß wie zwischen Xianbei und Han. Xiaowens System musste zwei kulturell höchst unterschiedliche Gruppen in einem gemeinsamen Rahmen zusammenleben lassen.
Er entschied sich dafür, die eine Seite, die Xianbei, an die andere, die Han, anzugleichen. Das war kein Zusammenwachsen auf Augenhöhe. Es war Assimilation in eine Richtung.
III. Der Aufstand der Sechs Garnisonen – der von der Reform ausgeschlossene Rest schlägt zurück
Wer trug die Kosten von Xiaowens Reformen?
Die Gewinner sind leicht zu benennen: die Xianbei-Adligen und die Han-Gelehrtenaristokratie in Luoyang. In der neuen Hauptstadt heirateten sie untereinander, pflegten Umgang und erkannten einander an. So bildete sich eine neue, gemischte Elite. Ihre Nachkommen würden den Kern der herrschenden Schicht in den Reichen der Sui und Tang stellen.
Ebenso klar waren die Verlierer: die Xianbei-Soldaten, die an der Nordgrenze zurückblieben.
An der nördlichen Reichsgrenze lagen sechs Militärgarnisonen: Woye, Huaishuo, Wuchuan, Fuming, Rouxuan und Huaihuang. Dort waren zahlreiche Xianbei-Soldaten stationiert, um die Rouran abzuwehren, eine nomadische Herrschaft in der nördlichen Steppe. Vor der Hauptstadtverlegung hatten diese Soldaten hohes Ansehen genossen. Sie waren der Schutzwall des Reiches und die Erben der militärischen Tradition der Tuoba. Solange der Hof in Pingcheng saß, hatten sie eine großzügige Versorgung und einen hohen gesellschaftlichen Rang gehabt.
Mit dem Umzug nach Luoyang änderte sich alles. Der Schwerpunkt des Reiches verlagerte sich nach Süden, und Sinisierung wurde zum Maßstab der politischen Kultur. Aus Sicht der neuen Elite in Luoyang waren die Grenzsoldaten, die noch immer Xianbei sprachen, Hu-Kleidung trugen und an den Sitten der Steppe festhielten, rückständig, ungehobelt und in der neuen Zeit völlig fehl am Platz. Ihr gesellschaftlicher Rang stürzte ab. Aus dem Rückgrat des Reiches wurden seine verstoßenen Kinder.
Gleichzeitig verschlechterte sich ihre materielle Lage. Der Hof lenkte immer mehr Mittel in den Ausbau Luoyangs und des chinesischen Kernlands; die Militärbudgets der Grenzgarnisonen wurden gekürzt. Auch die Aufstiegswege der Soldaten waren versperrt. Nach den neuen, sinisierten Bewertungskriterien hatte ein Grenzsoldat ohne Kenntnis der chinesischen Kultur praktisch keine Chance, in die Zentralbürokratie zu gelangen.
523 brach der Aufstand der Sechs Garnisonen aus.
Der unmittelbare Anlass war eine Hungersnot. Eine schwere Dürre hatte den Norden getroffen. Den Soldaten und der Zivilbevölkerung der sechs Garnisonen gingen die Lebensmittel aus. Die tiefere Ursache lag jedoch in der strukturellen Ausgrenzung, die Xiaowens Reformen geschaffen hatten. Die Nutznießer der Sinisierung saßen vor allem in Luoyang, diejenigen, die ihre Kosten trugen, in den Grenzgarnisonen. Ein Mechanismus, der beide am Gewinn beteiligt hätte, fehlte. Während die Reform eine neue Elite hervorbrachte, ließ sie eine alte systematisch fallen.
Ein klassischer Fall: Der Rest schlägt zurück.
Xiaowens Reform sollte die Zweiteilung in Hu und Han beseitigen, indem die Xianbei sinisiert wurden. Doch die Sinisierung verlief ungleichmäßig. Die Xianbei-Adligen in Luoyang machten sie mit, weil sie die Voraussetzungen und die Anreize dazu hatten. Die Xianbei-Soldaten an der Grenze taten es nicht, weil ihnen beides fehlte. Während die Reform die alte Zweiteilung, Hu gegen Han, beseitigte, schuf sie eine neue: sinisierte Aufsteiger gegen nicht sinisierte Grenzbewohner.
Der alte Rest wurde aufgenommen: der Gegensatz zwischen Hu und Han. Ein neuer wurde freigesetzt: der Gegensatz zwischen Zentrum und Rand. Der Rest bleibt erhalten. Xiaowen hatte den Widerspruch nicht abgeschafft, sondern von der ethnischen auf die geografische Ebene verlagert. Doch verlagert ist nicht gelöst. Auf der geografischen Ebene häufte sich der Widerspruch bis zur Grenze des Erträglichen an und entlud sich im Aufstand der Sechs Garnisonen.
Die Folge des Aufstands war die Spaltung der Nördlichen Wei. Zwar wurde er niedergeschlagen, doch die Militärführer, die ihn bekämpft hatten, insbesondere Erzhu Rong und seine Nachfolger, wurden mächtiger als die Zentralregierung. 534 zerfiel das Reich in Östliche und Westliche Wei. Hinter den Östlichen Wei stand Gao Huan, ein Mann aus dem Militärmilieu der Sechs Garnisonen. Hinter den Westlichen Wei stand Yuwen Tai, der ebenfalls aus einer Soldatenfamilie dieser Garnisonen stammte.
Die Ironie der Geschichte: Xiaowens Reformen sollten aus Xianbei Han-Chinesen machen. Am Ende zerstörten ausgerechnet die von der Reform fallengelassenen Xianbei-Soldaten den Staat des Reformers. Die Nachkommen dieser Soldaten gründeten neue Dynastien, Nördliche Qi und Nördliche Zhou. Und aus diesen gingen schließlich Sui und Tang hervor.
Xiaowens Reformen waren nicht gescheitert. Ihre Inhalte, Landzuteilung, drei Vorsteher und Sinisierung, wurden allesamt von den späteren Herrschaften übernommen. Nur ihr Träger, der Staat der Nördlichen Wei selbst, wurde von dem Rest zerstört, den die Reform hervorgebracht hatte. Der Inhalt der Reform überlebte, der Reformer starb. Es ist das häufigste und zugleich tragischste Schicksal von Reformern: Deine Gedanken leben länger als dein Körper.
IV. Vier Südliche Dynastien – der Aufbau der Adelsclans zehrt sich auf
Im Süden ging es weniger heftig zu als im Norden. Die Struktur der Geschichte ist aber ebenso klar.
Nach dem Ende der Östlichen Jin im Jahr 420 folgten im Süden vier Dynastien aufeinander: Song, Qi, Liang und Chen. Der Wechsel verlief jedes Mal nach fast genau demselben Muster: Ein Militär usurpierte den Thron.
Liu Yu stürzte die Jin und gründete die Song. Xiao Daocheng stürzte die Song und gründete die Qi. Xiao Yan stürzte die Qi und gründete die Liang. Chen Baxian stürzte die Liang und gründete die Chen.
Bei jeder Usurpation ersetzte ein Heerführer einen schöngeistigen, schwachen Kaiser. Jeder Gründer einer neuen Dynastie hatte als niedriger Offizier angefangen: Liu Yu in den unteren Rängen der Beifu-Truppen, Xiao Daocheng als Heerführer aus bescheidener Familie; Chen Baxians Herkunft war noch niedriger. Allein dieses Muster sagt schon etwas aus: Der Aufbau der Adelsclans war dabei, sich aufzuzehren.
Sein Kern bestand im Monopol der großen Adelsfamilien auf die politische Macht. Der Kaiser kam entweder selbst aus diesem Adel, wie bei den Östlichen Jin, oder war von ihm abhängig. Die Clans sicherten ihre Privilegien durch die Kontrolle über die Personalauswahl, das Neun-Ränge-System, durch ihr Monopol auf hohe Ämter und durch soziale Abschottung. Die als „rein“ geltenden Ämter waren den Adelsfamilien vorbehalten, die „unreinen“ blieben Männern geringer Herkunft. Adel und gewöhnliche Bevölkerung heirateten nicht untereinander und saßen nicht an derselben Tafel.
Unter den Östlichen Jin hatte das System hundert Jahre funktioniert. In der Zeit der Südlichen Dynastien begann es zu altern. Es brach nicht plötzlich zusammen. Es verlor langsam Blut.
Erstens: Die militärischen Fähigkeiten der Adelsclans verfielen.
Unter den Östlichen Jin hatten einige große Familien noch militärische Schlagkraft besessen. Sowohl Huan Wens Huan-Clan als auch Xie Ans Xie-Clan konnten Heere ins Feld führen. Unter den Südlichen Dynastien zog es die Adelssöhne immer stärker in zivile Ämter, zur Dichtung und zu philosophischen Salongesprächen. An die Front wollten sie nicht mehr. Die militärische Macht wanderte allmählich zu Männern außerhalb des Adelssystems: Männern von geringer Herkunft, aber mit militärischem Talent.
Das war eine strukturelle Machtverschiebung. Die Clans gaben ihre Gewaltmittel auf, weil Krieg zu anstrengend und zu gefährlich war und nicht zu ihrer Lebensweise passte. Sie überließen sie den Männern geringer Herkunft. Kurzfristig schien das unproblematisch: Andere kämpfen für dich, du genießt im Hinterland dein angenehmes Leben. Auf lange Sicht hat aber derjenige das letzte politische Wort, der über die Gewalt verfügt. Wer die Klinge in der Hand hält, dem gehört das Reich. Die Adelsclans gaben die Klinge aus der Hand. Dann wurden sie von den Männern abgelöst, die sie nun hielten.
Zweitens: Ihr kulturelles Kapital wuchs, ihr politisches Kapital schrumpfte.
Die Südlichen Dynastien waren eines der goldenen Zeitalter der chinesischen Literatur und Kunst. Xie Lingyuns Landschaftsdichtung, Liu Xies „Wenxin diaolong“, Xiao Tongs Anthologie „Wenxuan“, die große Blüte der Kalligrafie: All das kam aus der Welt der Adels- und Gelehrtenfamilien. Vor dem Hintergrund ihrer schwindenden politischen Macht leuchtete ihre kulturelle Schöpferkraft besonders hell.
Nur lässt sich kulturelles Kapital nicht unmittelbar in politische Macht umtauschen. Dein Gedicht kann noch so schön sein: Eine Klinge hält es nicht auf. Darin liegt ein grundlegendes Paradox dieses aristokratischen Aufbaus. Er erhält die gesellschaftliche Rangordnung durch kulturelle Abgrenzung; Bildung ist der entscheidende Unterschied zwischen den vornehmen Familien und den Männern geringer Herkunft. Doch je kultivierter du bist, desto weniger willst du dich mit „groben“ Dingen abgeben: Krieg führen, Finanzen verwalten, die täglichen Regierungsgeschäfte erledigen. Und ausgerechnet diese „groben“ Dinge tragen die Macht.
Die kulturelle Verfeinerung des Adels war eine Form der Selbstkastration. Erst beweist du mit deiner Bildung, dass du über den Leuten geringer Herkunft stehst. Dann nimmst du diese Überlegenheit als Grund, ihre Arbeiten nicht zu verrichten. Weil sie aber sämtliche praktischen Aufgaben erledigen, bekommen sie auch die wirkliche Macht. Und schließlich verdrängt dich diese wirkliche Macht. Das kulturelle Überlegenheitsgefühl war der schönste Zierrat am Sarg der Adelsclans.
Drittens: Mit jeder Usurpation wurde die Kaisermacht stärker.
Jede militärische Usurpation hatte eine bemerkenswerte Wirkung: Der neue Kaiser war weniger vom Adel abhängig als der alte. Er war durch seine eigenen Truppen an die Macht gekommen, nicht durch die Unterstützung der großen Familien. Ihnen schuldete er nichts. Er konnte sie umgehen und unmittelbar Männer seines Vertrauens ernennen. Meist waren das Heerführer und Berater geringer Herkunft, mit denen er das Reich erobert hatte.
Über die vier Südlichen Dynastien hinweg wurde die Kaisermacht Schritt für Schritt stärker, während die Adelsclans an den Rand rückten. Schon Liu Yu von den Song setzte in großem Umfang Männer geringer Herkunft ein. Im Dianqian-System überwachten solche Beamten die kaiserlichen Prinzen und Amtsträger in den Provinzen. Unter Xiao Yan von den Liang behielt der Adel zwar noch seinen gesellschaftlichen Rang, doch sein tatsächlicher Einfluss auf politische Entscheidungen war bereits stark geschrumpft.
Die Entwicklung folgte einer eigenen Logik. Jeder Machtwechsel ordnete die Machtverteilung durch Gewalt, durch die Usurpation eines Militärs, neu. Jede Neuordnung verringerte das Gewicht der Adelsclans. Sie konnten diese Entwicklung nicht aufhalten. Dazu hätten sie militärische Macht gebraucht, und genau die hatten sie verloren.
Viertens: Hou Jings Rebellion brachte den aristokratischen Aufbau vollständig zum Einsturz.
548 überschritt der aus dem Norden stammende rebellische General Hou Jing den Jangtse. 549 nahm er Jiankang ein. Kaiser Wu der Liang, Xiao Yan, wurde in der Palaststadt Taicheng eingeschlossen und verhungerte noch im selben Jahr. Hou Jing richtete in Jiankang und seiner Umgebung ungeheure Verwüstungen und Massaker an.
Militärisch ist die Geschichte dieser Rebellion nicht kompliziert. Ein aus dem Norden übergelaufener General zertrümmerte mit ein paar Tausend Mann die mächtigste der Südlichen Dynastien, die Liang. Schon dieses Missverhältnis ist ein diagnostischer Befund. Wie kann ein augenscheinlich blühendes Reich von ein paar Tausend Mann zu Fall gebracht werden?
Die Antwort: Die Adelsclans hatten die Politik monopolisiert und das Militär aufgegeben. Im gesamten Süden lag die militärische Macht verstreut in den Händen örtlicher Machthaber. Die Zentrale in Jiankang hatte selbst kaum verlässliche Truppen. Im Alltag lebte man friedlich nebeneinander. Sobald aber etwas geschah, konnte niemand schnell genug ein ausreichendes Heer zur Verteidigung zusammenziehen.
Für die Adelsclans des Südens war Hou Jings Rebellion vernichtend. Die großen Familien im Raum Jiankang, die seit einem Jahrhundert angesehenen Wang, Xie, Yu, Huan und andere, wurden in großer Zahl getötet oder zerstreut. „Mehr als hundert Familien der Würdenträger aus dem chinesischen Kernland waren mit den Jin über den Fluss gezogen.“ Diese mehr als hundert großen Familien, die einst bei der Flucht des Adels nach Süden eingewandert waren, wurden in Hou Jings Rebellion fast mit der Wurzel ausgerissen.
Die materiellen und personellen Grundlagen ihrer Ordnung erlitten einen nicht wiedergutzumachenden Schlag. In der anschließenden Chen-Dynastie (557–589) waren die Adelsclans keine bestimmende politische Kraft mehr. Der von Chen Baxian gegründete Staat war eine Militärherrschaft. Seine Machtbasis war das Heer, nicht der Adel.
Vom Beginn der Östlichen Jin 317 bis zu Hou Jings Rebellion 548 hatte der aristokratische Aufbau etwa zweihundertdreißig Jahre funktioniert. Er starb nicht, weil ihn ein bestimmter Gegner bezwungen hätte. Er verblutete langsam: Verlust der militärischen Fähigkeiten, schrumpfendes politisches Kapital, kulturelle Verfeinerung, durch die er sich selbst an den Rand drängte. Am Ende gab Hou Jing dem Ganzen nur noch einen leichten Stoß von außen, und es fiel um.
Das ist dasselbe Zusammenbruchsmuster wie bei den Östlichen Han. Kein gewaltsamer Tod, sondern ein natürlicher. Die langfristige Anhäufung innerer Reste hatte dem Aufbau seine Substanz entzogen. Schließlich reichte eine nicht einmal besonders große äußere Störung, um den vollständigen Zusammenbruch auszulösen.
V. Die Guanlong-Gruppe – wo die beiden Wege sich treffen
Im Norden zerfielen die Nördlichen Wei nach dem Aufstand der Sechs Garnisonen in Östliche Wei, aus denen die Nördlichen Qi hervorgingen, und Westliche Wei, auf die die Nördlichen Zhou folgten.
Östliche Wei und Nördliche Qi standen unter der Kontrolle von Gao Huans Familie. Seine Macht stützte sich auf die Xianbei-Soldaten der Sechs Garnisonen und die einflussreichen Han-Familien Hebeis. Die politische Kultur der Nördlichen Qi war vergleichsweise konservativ: weiterhin stark von den Xianbei geprägt und weniger weit sinisiert.
Westliche Wei und Nördliche Zhou wurden von Yuwen Tais Familie beherrscht. Yuwens Ausgangslage war schwieriger. Sein Gebiet, Guanzhong, war viel kleiner als Gao Huans Herrschaftsraum in Hebei und Henan, hatte viel weniger Einwohner und eine viel schwächere Wirtschaft. Um aus dieser unterlegenen Position heraus zu überleben, musste Yuwen Tai radikalere institutionelle Neuerungen wagen.
Er setzte an mehreren entscheidenden Stellen an.
Das Fubing-System.
Eine neue Militärordnung vereinte Bauer und Soldat in einer Person. Im Frieden Bauer, im Krieg Soldat. Keine Berufssoldaten, keine Söldner, sondern Bauern mit eigenem Land, die bei Bedarf zu den Waffen griffen und ins Feld zogen. Damit verbreiterte sich die Grundlage militärischer Macht von einer kleinen Zahl professioneller Kämpfer auf die gesamte Bauernschaft. Die Fähigkeit, Truppen zu mobilisieren, nahm enorm zu.
Das Fubing-System hatte noch eine zweite Funktion: Hu und Han zusammenzuführen. Xianbei-Soldaten und Han-Bauern dienten in denselben Einheiten. Auf dem Schlachtfeld wuchs die Kameradschaft, in Friedenszeiten heiratete man untereinander. Das Heer wurde zum Schmelztiegel der Völker.
Die Guanlong-Gruppe.
Yuwen Tai organisierte die ihm folgenden Xianbei-Adligen und die großen Han-Familien Guanzhongs zu einem eng verbundenen politischen und militärischen Bündnis. Die Nachwelt nennt es die „Guanlong-Gruppe“, ein Begriff des Historikers Chen Yinke.
Zu ihr gehörten Militäraristokraten mit Xianbei-Abstammung, etwa die Yuwen, Dugu und Zhangsun; örtliche Machthaber han-chinesischer Abstammung, etwa die Li, Yang und Dou; und zahlreiche Familien mit Vorfahren aus beiden Bevölkerungsgruppen. Heiratsverbindungen, gemeinsamer Dienst und die Teilhabe an den Vorteilen des Bündnisses verbanden sie zu einem Elitennetzwerk über ethnische Grenzen hinweg.
Kennzeichnend für dieses Netzwerk war gerade, dass es weder ausschließlich aus Xianbei noch ausschließlich aus Han bestand. Es war eine Mischung: gemischte Abstammung, gemischte Kultur, gemischte Sprachpraxis – viele beherrschten Xianbei und Chinesisch – und gemischte Werte. Militärische Tapferkeit zählte ebenso wie kulturelle Bildung.
Aus der Perspektive des Aufbaus entstand die Guanlong-Gruppe dort, wo die Wege des Nordens und des Südens zusammenliefen.
Sie erbte die militärische Tradition des Nordens, den Xianbei-Kriegergeist der Sechs Garnisonen, und seine Verwaltungserfahrung, das Vermächtnis von Xiaowens Reformen. Zugleich nahm sie kulturelle Ressourcen des Südens auf: konfuzianische Klassiker, Entwürfe von Verwaltungsinstitutionen und die Sprache politischer Legitimität. Diese wurden allerdings nicht unmittelbar aus den Südlichen Dynastien importiert. Sie kamen auf indirektem Weg über die im Norden erhaltene han-chinesische Kulturtradition.
Die Guanlong-Gruppe war eine neue Art. Keine Rückkehr zu Version 3.0, deren Aufbau von einer rein han-chinesischen Elite getragen worden war. Keine Fortsetzung der Militärmachthaber-Ordnung der Sechzehn Reiche, denn sie besaß institutionalisierte Organisationsstrukturen und beruhte nicht bloß auf persönlicher Waffengewalt. Und auch keine Variante der Adelsclan-Ordnung, denn für den Eintritt zählten Fähigkeit und Beitrag, nicht allein Abstammung und Kultur. Sie war eine neue politische Spezies, zusammengemischt im dreihundertjährigen Rührwerk der Teilung zwischen Nord und Süd.
Yang Jian, der Gründer der Sui, gehörte zum innersten Kreis der Guanlong-Gruppe. Sein Vater Yang Zhong war einer der zwölf Großgeneräle der Westlichen Wei beziehungsweise Nördlichen Zhou gewesen. Auch Li Yuan, der Gründer der Tang, kam aus diesem Kreis. Seine Mutter war eine Tochter Dugu Xins, eines Gründungsmitglieds der Guanlong-Gruppe.
Die Guanlong-Gruppe war keine Dynastie. Sie war eine Petrischale. In ihr wuchsen Sui und Tang heran, die beiden glanzvollsten Dynastien in der Geschichte des chinesischen Kaisertums.
VI. Die Gesamtbilanz dreihundertjähriger Teilung
Von 304 bis 589: zweihundertfünfundachtzig Jahre der Teilung. Zeit, die Gesamtbilanz zu ziehen.
Was sich an der Hardware änderte:
Die Wirtschaftsordnung des Nordens wurde umgebaut. Die gleichmäßige Landzuteilung ersetzte das frei handelbare Privateigentum an Boden. Das Fubing-System schuf ein neues Modell militärischer Mobilisierung. Die drei Vorsteher bauten die Verwaltung an der Basis wieder auf. Das alles war neue Hardware, die in der ursprünglichen Version 3.0 noch nicht vorhanden gewesen war.
Der Süden erlebte eine großflächige wirtschaftliche Erschließung. Die Menschen und Techniken, die mit dem Zug der vornehmen Familien nach Süden kamen, trieben die Entwicklung des Jangtsegebiets und der weiter südlich gelegenen Regionen voran. Gegen Ende der Südlichen Dynastien erreichte die Wirtschaftsleistung des Südens bereits annähernd die des Nordens oder übertraf sie sogar. Der langfristige Zug des chinesischen Wirtschaftsschwerpunkts nach Süden machte in diesen dreihundert Jahren einen entscheidenden Schritt.
Was sich an der Software änderte:
Der Konfuzianismus blieb die vorherrschende Ideologie, verlor aber sein Monopol. Buddhismus und Daoismus erlangten einen anerkannten Status und breiten gesellschaftlichen Einfluss. Ein Nebeneinander der drei Lehren begann sich herauszubilden. Die ideologische Ebene von 3.0 wurde damit von „alleiniger Vorrang der konfuzianischen Lehre“ auf „Konfuzianismus als Grundlage, Buddhismus und Daoismus als Ergänzung“ aufgerüstet. Sie wurde vielfältiger und elastischer.
Im Süden verlor das Adelssystem an Kraft. Das Neun-Ränge-System konnte den politischen Ansprüchen der aufsteigenden Kräfte, der Militärs, der Männer geringer Herkunft und der Fachbeamten, in der Praxis immer weniger gerecht werden. Eine neue Form der Personalauswahl begann sich abzuzeichnen: Auswahl durch Prüfungen. Unter den Südlichen Dynastien gab es bereits Vorformen der Prüfungen für Kategorien wie Mingjing, die Kenntnis der Klassiker, und Xiucai, herausragendes Talent. Hier wurde der Samen des späteren kaiserlichen Prüfungssystems gelegt.
Was sich an der ethnischen Zusammensetzung änderte:
Die ethnische Landschaft des Nordens wurde von Grund auf neu geformt. Xiongnu und Jie gingen weitgehend in der Han-Bevölkerung auf. Die größte hinzukommende Gruppe waren die Xianbei. Durch die Sinisierungspolitik der Nördlichen Wei und die gelebte Verbindung in der Guanlong-Gruppe verschmolzen die Xianbei- und Han-Eliten miteinander. Auch Di und Qiang gingen zu großen Teilen in der Han-Bevölkerung auf. Als Sui und Tang das Reich vereinigten, waren die „Han“ des Nordens nicht mehr einfach Han im Sinne der Westlichen und Östlichen Han-Dynastie. Viele ihrer Vorfahren gehörten den nördlichen Völkern an, und in ihrer Kultur lebten Elemente der Steppentraditionen fort.
Diese Mischung hatte niemand am Reißbrett entworfen. Sie war das natürliche Ergebnis von dreihundert Jahren Krieg, Wanderungen, Heiraten und Zusammenleben. Ihre Folgen reichten jedoch weit. Dass die Reiche der Sui und Tang expansiver und aufnahmefähiger waren als die Reiche der Qin und Han, lag zum Teil daran, dass ihre herrschende Elite selbst aus dem Zusammenwachsen mehrerer Völker hervorgegangen war. Eine Herrschaftsgruppe, die selbst eine Mischung ist, begegnet Menschen, die „nicht zu unserem Volk gehören“, von vornherein mit weniger Ablehnung.
Was das für das Gesetz des Zyklus von Abtragen und Aufbau insgesamt ergibt:
Die dreihundertjährige Teilung hat eines gezeigt: Der Betrieb des Systems 3.0 kann für lange Zeit unterbrochen werden. Seine Grundlogik verschwindet währenddessen aber nicht vollständig: zentralisierte Staatsgewalt, die Gliederung in Kommandanturen und Kreise, die Verbindung von Konfuzianismus und Legalismus sowie die direkte Erfassung der gewöhnlichen Untertanen in Haushaltsregistern. Diese Logik überlebt bruchstückhaft in unterschiedlichen örtlichen Praktiken und wartet darauf, wieder zusammengefügt zu werden.
Doch dieses Zusammenfügen ist kein bloßer Neustart. Dreihundert Jahre Unterbrechung sind zu lang; viele Komponenten des alten Systems sind inzwischen überholt. Es braucht zahlreiche neue: gleichmäßige Landzuteilung, Fubing-System, das Nebeneinander der drei Lehren, Vorformen des Prüfungssystems und eine Elite, in der Hu und Han zusammengewachsen sind. Manche dieser Komponenten kommen aus dem Norden, andere aus dem Süden, wieder andere von den Stellen, an denen Hu und Han aufeinanderprallten.
Die Institutionen der Sui und Tang sind deshalb nicht der x-te Neustart von 3.0, sondern ein großes Upgrade. Man könnte es Version 3.5 nennen. Das Material dafür liefern sämtliche Ergebnisse der beiden parallelen Versuchsreihen aus dreihundert Jahren Teilung.
Im nächsten Essay: die Sui. Yang Jians Entwurf der Ordnung war außerordentlich präzise. Yang Guangs Problem hatte dagegen dieselbe Struktur wie das Qin Shi Huangs: Der Aufbau wurde schneller vorangetrieben, als die Gesellschaft seine Reste aufnehmen konnte. Nach zwei Kaisern und achtunddreißig Jahren war die Dynastie am Ende. Doch zwischen Sui und Qin gibt es einen grundlegenden Unterschied. Nach dem Untergang der Qin musste man sich an Version 3.0 erst von Grund auf herantasten. Nach dem Untergang der Sui konnten die Tang deren gesamtes institutionelles Gefüge unmittelbar übernehmen. Die Sui sind die Qin der Tang.
Diese deutsche Ausgabe wurde für deutschsprachige Leser eigenständig neu geschrieben.