Elfter Essay: Die Östliche Han-Dynastie – der erste vollständige Zyklus von Version 3.0
Liu Xiu startete das Betriebssystem 3.0 neu. Die Architektur blieb, die Parameter wurden leicht nachjustiert, das System ging wieder in Betrieb.
Liu Xiu startete das Betriebssystem 3.0 neu. Die Architektur blieb, die Parameter wurden leicht nachjustiert, das System ging wieder in Betrieb.
Damit bietet die Östliche Han-Dynastie (25–220 n. Chr.) einen außerordentlich wertvollen Fall zur Beobachtung: Zum ersten Mal durchlief das Betriebssystem 3.0 einen vollständigen Zyklus, ohne dass seine Architektur ausgetauscht wurde. Von der Gründung bis zum Zusammenbruch vergingen fast zweihundert Jahre. In diesen zwei Jahrhunderten lässt sich der gesamte Vorgang verfolgen: wie sich innerhalb eines unveränderten Rahmens Rest ansammelt, wie er zunächst keimt, dann institutionelle Formen annimmt, außer Kontrolle gerät und schließlich den Zusammenbruch herbeiführt.
Die Geschichte der Westlichen Han handelt von der Erfindung und Durchsetzung einer Systemarchitektur. Die der Östlichen Han handelt davon, wie diese Architektur arbeitet und altert. Beide Geschichten lehren etwas anderes: Die Westlichen Han zeigen, wie man eine Maschine baut. Die Östlichen Han zeigen, wie eine Maschine an Altersschwäche stirbt.
I. Wie Kaiser Guangwu die Parameter veränderte
Liu Xiu, Kaiser Guangwu, ließ die Architektur bestehen, veränderte aber einige entscheidende Parameter. Die Eingriffe wirkten unscheinbar. Dennoch prägten sie die nächsten zweihundert Jahre der Östlichen Han tiefgreifend.
Erstens: Er schwächte die politische Macht der verdienten Mitstreiter.
Wie Liu Bang hatte Liu Xiu das Reich mithilfe verdienter Gefolgsleute erobert. Liu Bang hatte diese Männer anschließend gewaltsam beseitigt: Han Xin, Peng Yue und Ying Bu wurden nacheinander getötet. Liu Xiu ging erheblich milder vor. Er stattete seine Mitstreiter großzügig aus, mit Lehen, Land und Geld, überließ ihnen aber weder wirkliche politische Macht noch militärische Kommandogewalt. „Die verdienten Mitstreiter zurücktreten lassen, die Zivilbeamten vorrücken lassen“: Statt der alten Kampfgefährten sollte ein ziviler Beamtenapparat die laufenden Regierungsgeschäfte führen.
So sah das Schicksal jener Männer aus, die später als die „Achtundzwanzig Generäle der Wolkenterrasse“ bekannt wurden: Ehre und Reichtum, aber Abstand zum Zentrum der Macht. Das war ein scharfer Gegensatz zur frühen Westlichen Han-Dynastie, als die verdienten Gefolgsleute Truppen befehligten und an politischen Entscheidungen mitwirkten.
Liu Xius Logik war eindeutig: Mit den verdienten Mitstreitern konnte man ein Reich erobern, aber kein Reich regieren. Erobern verlangte militärisches Können, Regieren Verwaltungskompetenz. Beides war nicht bei denselben Leuten zu finden. Die Mitstreiter weiter an der Macht zu lassen hieß, eine Gruppe von Militärstrategen mit der Verwaltung zu betrauen. Das war nicht ihr Fach. Zudem stellte ihre militärische Stärke schon für sich genommen eine mögliche Bedrohung der Zentralgewalt dar.
Aus der Perspektive des Rests versuchte Liu Xiu, etwas zu verhindern, das er aus der Geschichte der Westlichen Han kannte: dass die verdienten Mitstreiter übermächtig wurden. Liu Bang hatte diesen Rest mit Gewalt beseitigt, indem er die Männer töten ließ. Der Preis war ein Verlust an politischer Glaubwürdigkeit: Spätere Gefolgsleute wagten es nicht mehr, ihr Leben für die Han einzusetzen. Liu Xiu begegnete diesem Rest mit einer wirtschaftlichen Abfindung. Geld ja, Macht nein. Der Preis war wesentlich geringer.
Allerdings hatte dieses Verfahren eine Nebenwirkung. Es brachte eine Schicht lokaler Magnatenfamilien hervor, die über gewaltigen Landbesitz und Reichtum, aber keine politische Macht verfügten. Kurzfristig bedrohten sie die Zentrale nicht. Langfristig musste sich wirtschaftliche Stärke jedoch irgendwann in politischen Einfluss verwandeln. Hier lag einer der Ursprünge jener mächtigen Familien, die dem Reich in der mittleren und späten Östlichen Han-Zeit zu schaffen machen sollten.
Zweitens: Er stärkte das kaiserliche Sekretariat, das Shangshutai.
Das Verwaltungszentrum der Westlichen Han war das Amt des Kanzlers gewesen. Der Kanzler verfügte über enorme Macht und stand unmittelbar unter dem Kaiser an zweiter Stelle im Reich. Schon unter Kaiser Wu hatte man begonnen, den „inneren Hof“ einzusetzen, also kaiserliche Vertraute wie die Sekretäre und Palastbegleiter, um den „äußeren Hof“ zu umgehen, den regulären Beamtenapparat unter dem Kanzler. Institutionell festgeschrieben war das jedoch noch nicht.
Liu Xiu machte daraus eine feste Einrichtung. Er erweiterte die Macht des Shangshutai erheblich und verlagerte die tatsächliche Entscheidungshoheit in Verwaltungsfragen vom Kanzler, dessen Amt später Situ hieß, auf das Sekretariat. Dieses war dem Kaiser unmittelbar verantwortlich; sein Leiter, der Shangshu Ling, wurde zum faktischen Chef der Verwaltung. Kanzler beziehungsweise Situ war nun ein Ehrenamt: ein Titel ohne die entsprechende Macht.
Strukturell bedeutete diese Veränderung, dass der Kaiser persönlich mehr Kontrolle erhielt. Das Shangshutai war sein Privatsekretariat. Seine Macht beruhte auf kaiserlichem Vertrauen, nicht auf einer institutionell verbürgten Befugnis. Der Kaiser konnte daher jederzeit die politische Richtung ändern, indem er die Sekretäre austauschte. Der institutionell verankerte Kanzlerapparat setzte ihm dabei keine Grenzen mehr.
Diese Stärkung hatte allerdings eine Voraussetzung: Der Kaiser selbst musste über genügend Fähigkeiten und Energie verfügen, um das Sekretariat zu lenken. War er klug und tatkräftig, wie Guangwu oder Kaiser Ming, funktionierte das System gut. Was aber, wenn er ein Kind war und dazu nicht imstande? Dann übernahmen andere Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung die Macht des Sekretariats: die Kaiserinwitwe, ihre Verwandten oder die Eunuchen.
Ausgerechnet Liu Xius Entwurf zur Stärkung der Kaisermacht bereitete damit den Weg dafür, dass diese Macht später an Kaiserinnenfamilien und Eunuchen fiel. Werkzeuge sind neutral. Mit einem brauchbaren Messer kann ein Held Gemüse schneiden. Ein Dieb kann damit ein Schloss aufbrechen.
II. Die Magnatenfamilien: Der Rest wird zur Institution
Der Aufstieg der Magnatenfamilien war die wichtigste gesellschaftliche Entwicklung unter den Östlichen Han.
Erfunden wurden diese Familien dort nicht. Großgrundbesitzer, Großkaufleute und mächtige Sippen hatte es bereits unter den Westlichen Han gegeben. Damals waren sie allerdings Ziel staatlicher Unterdrückung. Die berüchtigten harten Beamten Kaiser Wus gingen gezielt gegen sie vor. Mächtige Familien nach Guanzhong umzusiedeln, also sie zwangsweise zu verpflanzen und damit ihre lokale Macht zu schwächen, gehörte zum politischen Standardrepertoire.
Bei den Östlichen Han lagen die Dinge anders. Liu Xiu selbst entstammte einer mächtigen Familie aus Nanyang. Zwar war er ein Nachkomme des Kaiserhauses, doch zu seiner Zeit führte sein Familienzweig längst das Leben wohlhabender Lokalgrößen. Auch ein großer Teil seiner wichtigsten Unterstützer kam aus diesem Milieu. Die Magnatenfamilien aus Nanyang und Hebei bildeten die Basis, auf der er das Reich eroberte. Wer mit dieser Basis das Reich gewonnen hat, wird sich danach kaum umdrehen und sie unterdrücken.
So wechselte die Haltung des Hofes gegenüber den Magnatenfamilien: Aus der Unterdrückung der Westlichen Han wurden unter den Östlichen Han stillschweigende Duldung und mitunter sogar Zusammenarbeit.
In den zweihundert Jahren der Östlichen Han verwandelten sich diese Familien von wirtschaftlichen in politische Machtgebilde:
In der ersten Phase, von Guangwu bis Kaiser Zhang, etwa 25–88, waren sie vor allem eine wirtschaftliche Kraft. Sie besaßen riesige Ländereien, zahlreiche Pächter, also von ihnen abhängige Bauern, und eigene Bewaffnete, die ihre Güter bewachten oder als Hauskrieger dienten. Wirtschaftlich waren sie vom Staat unabhängig. Politisch verfügten sie noch nicht über einen systematisch abgesicherten Einfluss.
In der zweiten Phase, von Kaiser He bis Kaiser Huan, etwa 88–167, begannen sie, den Beamtenapparat systematisch zu durchdringen. Der Weg führte über das Chaju-System, die Auswahl von Amtsträgern durch Empfehlung. Die lokalen Beamten sollten „ihren Eltern ergebene und unbestechliche“ Kandidaten empfehlen, Menschen von besonderer moralischer Eignung. Die Verfügung über diese Empfehlungen lag bei ihnen selbst. Da viele dieser Beamten aus Magnatenfamilien kamen, bevorzugten sie selbstverständlich Angehörige der eigenen Familie. Nach einigen Generationen brachten bestimmte Familien regelmäßig hohe Amtsträger hervor. „Vier Generationen in den drei höchsten Ämtern“ oder „hohe Würdenträger von Generation zu Generation“ wurden zu ihren Markenzeichen.
Die Yuan aus Runan, die in vier Generationen fünf Inhaber höchster Ämter stellten, und die Yang aus Hongnong, die über vier Generationen das Amt des Großkommandanten Taiwei besetzten, sind die bekanntesten Beispiele. Hier hatten sich nicht in jeder Generation Einzelne allein kraft ihrer Begabung nach oben qualifiziert. Vielmehr monopolisierten die Familiennetzwerke systematisch den Zugang über das Empfehlungswesen.
In der dritten Phase, von Kaiser Huan bis zum Ende der Han, etwa 167–220, durchdrangen die Magnatenfamilien nicht mehr bloß den Beamtenapparat. Sie beherrschten faktisch die lokale Gesellschaft. Ihre Güter waren Selbstversorger mit eigener Landwirtschaft, eigenem Handwerk und sogar eigenen Schulen für die Söhne der Familie und ihre Klienten. Pächter und Hauskrieger bildeten de facto Privatarmeen. Der Einfluss der Familien vor Ort übertraf den der von der Zentrale entsandten Beamten bei Weitem.
Als am Ende der Han die zentrale Autorität zusammenbrach, waren diese Familien vor Ort die einzige Kraft, die noch etwas organisieren konnte. Cao Cao, Yuan Shao, Liu Bei, Sun Quan: Die wichtigsten Akteure der Drei Reiche stammten entweder selbst aus solchen Familien, wie Yuan Shao aus der Familie Yuan von Runan, oder sie waren auf deren Unterstützung angewiesen, um eine eigene Herrschaft aufzubauen.
Unter dem Gesichtspunkt der Resterhaltung ist die Entwicklung der Magnatenfamilien ein Lehrbuchfall:
Das Betriebssystem 3.0, bestehend aus Kommandanturen und Kreisen, der unmittelbaren Erfassung aller Haushalte als gleichgestellte Untertanen und privatem Grundeigentum, war auf eine direkte Beziehung zwischen Staat und einzelnen Haushalten ausgelegt. Dazwischen sollte keine Pufferschicht bleiben. Qin hatte mit seiner Haushaltsregistrierung die alten Sippenverbände aufgelöst, sodass zwischen Staat und Individuum keine vermittelnde Organisation mehr stand.
Dieses Ziel lässt sich aber nicht auf Dauer aufrechterhalten. Menschen schließen sich von Natur aus zu Gruppen zusammen, aufgrund von Verwandtschaft, gemeinsamer Herkunft, wirtschaftlichen Interessen oder Kultur. Zerschlägt man die alte Zwischenschicht, die Sippenverbände, wächst auf anderer Grundlage eine neue nach. Die Magnatenfamilien waren genau diese neue Zwischenschicht, hervorgebracht durch das Zusammenwirken von Landkonzentration und Empfehlungswesen.
Jedes Mal, wenn der Staat eine Zwischenschicht beseitigt, wächst sie auf einem neuen Boden nach. Die Mittel mögen sich unterscheiden: Qin setzte auf die Haushaltsregistrierung, Kaiser Wu auf seine unerbittlichen Beamten, Liu Xiu auf die Verabschiedung seiner verdienten Mitstreiter. Das Ergebnis bleibt gleich: Die Zwischenschicht kehrt in anderer Gestalt zurück. Die Sippenverbände wurden zerschlagen, die Magnatenfamilien wuchsen nach. Die Magnatenfamilien wurden unter Druck gesetzt; Cao Caos staatliche Agrarkolonien bei Xu dienten teilweise gerade dazu, ihre wirtschaftliche Grundlage zu treffen. Dann wuchs ein erblicher Beamtenadel heran: Das Neun-Ränge-System aus der Zeit der Wei, der Jin sowie der Nördlichen und Südlichen Dynastien machte das politische Monopol der mächtigen Familien zur Institution.
Die Zwischenschicht ist der ewige Rest des Aufbaus. Man kann sie nicht beseitigen, denn ihre Wurzel liegt nicht in einer bestimmten institutionellen Regelung, sondern darin, dass Menschen soziale Wesen sind. Menschen bilden Gruppen. Gruppen bilden Hierarchien. Hierarchien bilden Zwischenschichten. Man kann deren Gestalt verändern: vom Sippenverband zur Magnatenfamilie, von dort zum Erbadel, dann zu den Landnotabeln und so weiter. Abschaffen lässt sich das Phänomen selbst nicht.
III. Kaiserinnenfamilien und Eunuchen: Zwei Reste im Aufbau zehren einander auf
Die politische Geschichte der mittleren und späten Östlichen Han lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Kaiserinnenfamilien und Eunuchen wechselten sich an der Macht ab.
Der Mechanismus funktionierte so:
Schritt eins: Ein Kind bestieg den Kaiserthron. Seit Kaiser He kamen unter den Östlichen Han fast alle Kaiser als Kinder an die Macht: He mit zehn Jahren, Shang mit hundert Tagen, An mit dreizehn, Shun mit elf, Chong mit zwei, Zhi mit acht, Huan mit fünfzehn und Ling mit zwölf.
Schritt zwei: Die Kaiserinwitwe übernahm die Regentschaft, und ihre Herkunftsfamilie erhielt die tatsächliche Macht.
Schritt drei: Der Kaiser wurde erwachsen und wollte die Macht zurückholen. Doch der gesamte Hof war inzwischen mit Leuten der Kaiserinnenfamilie besetzt. Im regulären Beamtenapparat fand er niemanden, der ihm allein ergeben war. Wer lebte Tag und Nacht in seiner Nähe und hing vollständig von ihm ab? Nur die Eunuchen.
Schritt vier: Der Kaiser verbündete sich mit den Eunuchen, putschte und beseitigte die Kaiserinnenfamilie. Für ihre Verdienste gewannen die Eunuchen Macht und begannen, die Regierung zu beherrschen.
Schritt fünf: Ein neuer Kaiser kam als Kind auf den Thron, denn sein Vorgänger war häufig früh gestorben. Eine neue Kaiserinwitwe übernahm die Regentschaft, eine neue Kaiserinnenfamilie die Macht. Die Eunuchen fielen einer Säuberung zum Opfer.
Schritt sechs: Zurück zu Schritt eins.
In der mittleren und späten Östlichen Han-Zeit wiederholte sich dieser Kreislauf immer wieder und durchlief mindestens vier oder fünf vollständige Runden. Sobald die Kaiserinnenfamilie beseitigt war, stiegen die Eunuchen auf. Sobald die Eunuchen einer Säuberung zum Opfer gefallen waren, kehrte eine Kaiserinnenfamilie zurück. Die beiden Gruppen saßen an den Enden einer Wippe: eine hinauf, die andere hinunter, unaufhörlich im Wechsel.
Vom institutionellen Aufbau her betrachtet waren sowohl die Kaiserinnenfamilien als auch die Eunuchen strukturelle Erzeugnisse des Betriebssystems 3.0.
Die Macht der Kaiserinnenfamilien hatte ihre Wurzel darin, dass Version 3.0 keinen Mechanismus der Machtübergabe vorsah, der unabhängig von der Person des Kaisers funktionierte. Wem gehörte die Macht, wenn der Kaiser starb oder noch ein Kind war? Dafür gab es keine eindeutige institutionelle Regelung. Die Regentschaft der Kaiserinwitwe war eine informelle Gepflogenheit, keine förmliche Institution. Die Herrschaft ihrer Verwandten war deren natürliche Fortsetzung. Wem vertraute die Kaiserinwitwe? Den Leuten aus ihrer eigenen Familie.
Die Macht der Eunuchen hatte eine andere Wurzel: Version 3.0 konzentrierte die Macht hochgradig in der Person des Kaisers. Die Konstruktion des Shangshutai verstärkte das noch. Musste der Kaiser gegen den äußeren Hof vorgehen, also gegen den von einer Kaiserinnenfamilie beherrschten Beamtenapparat, blieb ihm als einzige politische Ressource der innere Palast. Und dessen Kernpersonal waren die Eunuchen.
Dass diese beiden Reste einander aufzehrten, richtete gewaltigen Schaden an. Jeder Machtwechsel ging mit politischen Säuberungen einher: Tötungen, Vermögenseinziehungen, Verbannungen. Dabei verschwanden nicht nur einzelne Verwandte einer Kaiserin oder einzelne Eunuchen, sondern auch zahlreiche Verbündete und Gefolgsleute im Beamtenapparat. Nach mehreren Runden waren die Fähigen und Erfahrenen immer wieder ausgesiebt worden. Übrig blieben entweder harmlose Mittelmäßigkeit oder Opportunisten, die es verstanden, rechtzeitig die richtige Seite zu wählen.
Das System verschliss sich selbst. Jeder interne Machtkampf senkte die Qualität des gesamten Beamtenapparats. Es war wie bei einem Kleidungsstück, das immer wieder gewaschen wird: Mit jeder Wäsche wird der Stoff dünner. Irgendwann lässt sich das Kleidungsstück nicht mehr tragen.
Noch tiefer betrachtet machte der Wechsel zwischen Kaiserinnenfamilien und Eunuchen einen grundlegenden Defekt von Version 3.0 sichtbar: An der Spitze gab es nur einen einzigen Machtknoten. Das Funktionieren des gesamten Systems hing von den Fähigkeiten und dem Willen eines einzigen Menschen ab, des Kaisers. War er klug, lief das System gut. War er jung und schwach, rissen die verschiedenen Kräfte, die um diesen Knoten kämpften, das System sofort auseinander.
Ein System mit nur einem entscheidenden Knoten besitzt keine Redundanz. Fällt der Knoten aus, fällt das ganze Netz aus. Moderne verteilte Systeme sehen für kritische Knoten redundante Sicherungen vor. Das chinesische Kaisersystem kannte diesen Gedanken nicht. Der Kaiser war einmalig, nicht vervielfältigbar und nicht ersetzbar. Saß auf diesem einzigen Knoten ein zweijähriges Kleinkind, konnte das System nur durch informelle Machtarrangements weiterlaufen: Kaiserinwitwe, deren Verwandte, Eunuchen. Solche Arrangements waren an keine Regeln gebunden. Alles hing vom Kräftemessen der Beteiligten ab.
Das Ergebnis dieses Kräftemessens war die Wippe zwischen Kaiserinnenfamilien und Eunuchen.
IV. Die Verfolgung der Parteigänger: Wenn die Instandhalter zu Herausforderern werden
In den Jahren 166 und 169 erlebte die Östliche Han-Dynastie zwei Verfolgungswellen gegen die sogenannten Parteigänger.
Der Ablauf war folgender: Konfuzianische Gelehrte, deren Kern aus Studenten der Kaiserlichen Akademie und Gelehrten aus den Provinzen bestand, kritisierten öffentlich die Alleinherrschaft der Eunuchen. Sie beurteilten politische Persönlichkeiten und fällten Urteile über die Regierungspolitik. In der Geschichtsschreibung erscheinen sie als Vertreter der „reinen Kritik“ oder als „Parteigänger“. Die Eunuchen schlugen zurück. Sie beschuldigten ihre Kritiker, sich „zu Cliquen für eigene Interessen zusammenzuschließen“, und brachten die Kaiser Huan und Ling dazu, Verhaftungen und den Ausschluss der Parteigänger vom Staatsdienst anzuordnen. Das Amtsverbot traf nicht nur die Beschuldigten selbst. Auch Verwandte, Schüler und Freunde wurden hineingezogen. Die beiden Verfolgungswellen erfassten unmittelbar Hunderte; ihre Auswirkungen erreichten Tausende.
Die politischen Folgen liegen auf der Hand: Zahlreiche hervorragende Köpfe wurden aus dem Beamtenapparat ausgeschlossen. Im Rahmen von Abtragen und Aufbau ist jedoch die strukturelle Bedeutung noch aufschlussreicher. Die konfuzianische Gelehrtenschicht wandelte sich vom Bewahrer des Aufbaus zu seinem Herausforderer.
Erinnern wir uns an den Entwurf von Version 3.0. Der Vorrang der konfuzianischen Lehre sollte den Rest ideologisch codieren, damit die Gesellschaft die Ordnung freiwillig akzeptierte. Welche Rolle war dabei den Gelehrten zugedacht? Sie sollten die Ideologie hervorbringen und verbreiten: die Klassiker studieren, sie auslegen, die Politik an ihren Maßstäben messen und die nächste Generation ausbilden. Sie waren das „Software-Wartungsteam“ von Version 3.0.
Solange das System normal funktionierte, trug diese Rolle zur Stabilität bei. Die Gelehrten kritisierten bestimmte Handlungen des Kaisers, etwa indem sie Katastrophen und ungewöhnliche Naturerscheinungen im Rahmen der Wechselwirkung zwischen Himmel und Mensch als Warnzeichen deuteten. Das System selbst stellten sie nicht infrage. Ihre Kritik war konstruktiv: Sie zeigten, wo die richtigen Parameter verlassen worden waren, und verlangten eine Korrektur. Damit halfen sie dem System tatsächlich, sich selbst zu reparieren.
Was aber, wenn es nicht mehr um falsch eingestellte Parameter ging, sondern um einen strukturellen Defekt? Wenn die Eunuchen den gesamten Beamtenapparat systematisch zersetzten und der Kaiser sich systematisch auf ihre Seite stellte? Dann wurde aus konstruktiver Kritik offene Konfrontation. Die Gelehrten sagten nicht länger nur: „Die Parameter sind falsch eingestellt.“ Sie sagten: „Mit denen, die das System bedienen, stimmt etwas nicht.“ Persönlichkeiten und Regierungspolitik zu beurteilen bedeutete im Kern: Wir, die Intellektuellen, werden entscheiden, wer zur Ausübung von Macht befugt ist und wer nicht. Das war eine direkte Herausforderung des kaiserlichen Rechts, die Ämter zu besetzen.
Die Eunuchen erkannten diese Bedrohung. Der Vorwurf der „Cliquenbildung“ war ein politischer Angriff, aber nicht völlig aus der Luft gegriffen. Die Parteigänger bildeten tatsächlich eine organisierte Gruppe mit gemeinsamen Werten, die den politischen Kurs beeinflussen wollte. Setzte sie sich durch, waren die Eunuchen erledigt. Wollten die Eunuchen überleben, mussten sie die Parteigänger ausschalten.
Aus der Perspektive des Rests enthüllten die Verfolgungen einen tiefen Widerspruch im Vorrang der konfuzianischen Lehre: Man bildet eine Intellektuellenschicht aus, deren Berufung moralische Kritik ist. Und dann verbietet man ihr zu kritisieren.
Der Plan war gewesen, die konfuzianischen Gelehrten zum Software-Wartungsteam des Systems zu machen. Wer Software wartet, wird zwangsläufig Fehler entdecken. Entdeckt er sie, wird er sie melden. Wird die Meldung angenommen, hört also der Kaiser auf den mahnenden Rat, lässt sich das System reparieren, und alle sind zufrieden. Wird die Meldung zurückgewiesen, weil sich Kaiser und Eunuchen gemeinsam dagegenstellen, wächst im Wartungsteam der Frust. Es wird immer radikaler, bis aus den Instandhaltern Gegner geworden sind.
Man kann nicht einerseits unabhängig denkende Intellektuelle wollen, die Legitimität erzeugen und politische Maßnahmen kritisch prüfen, und andererseits verlangen, dass sie den Mund halten, sobald einem das Gesagte nicht passt. Eigenständiges Denken ist kein Wasserhahn, den man nach Bedarf auf- und zudreht. Wer ihn aufdreht, muss hinnehmen, dass auch Wasser herauskommt, das er nicht sehen möchte.
Die Verfolgung der Parteigänger war ein Akt der Selbstverstümmelung des Betriebssystems 3.0. Das System schnitt sein eigenes Software-Wartungsteam heraus. Kurzfristig waren die Eunuchen nun sicher. Langfristig verlor das System seine Fähigkeit zur Selbstreparatur. Niemand kritisierte mehr, nicht weil die Probleme verschwunden wären, sondern weil die Kritiker zum Schweigen gebracht worden waren. Die Probleme häuften sich weiter, doch niemand benannte sie mehr. Schweigen bedeutet nicht Gesundheit. Schweigen bedeutet, die Behandlung aufzugeben.
Weniger als zwanzig Jahre nach der Verfolgung der Parteigänger brach der Aufstand der Gelben Turbane aus. Nachdem das System sein Software-Wartungsteam herausgeschnitten hatte, war der Zusammenbruch der Hardware nur noch eine Frage der Zeit.
V. Die Gelben Turbane: Der Rest an der Basis entlädt sich religiös
Im Jahr 184 erhoben sich im ganzen Reich gleichzeitig die Anhänger des von Zhang Jiao geführten Taiping Dao, des „Weges des Großen Friedens“. Sie trugen gelbe Tücher um den Kopf, daher der Name „Aufstand der Gelben Turbane“. Ihr Aufruf lautete: „Der blaue Himmel ist tot, der gelbe Himmel soll sich erheben. Im Jahr Jiazi wird alles unter dem Himmel großes Heil erfahren.“
Es war der erste große Bauernaufstand der chinesischen Geschichte, der religiös organisiert war.
Warum Religion?
Frühere Bauernaufstände, die von Chen Sheng und Wu Guang ebenso wie die der Grünen Wälder und der Roten Augenbrauen, waren weltlich gewesen. Ihre Organisation beruhte auf gemeinsamer Herkunft, also Landsmannschaft, oder auf militärischen Verbindungen, etwa dem Dienst in derselben Einheit. Auch ihre Parolen waren politisch: „Sind Könige, Fürsten, Feldherren und Kanzler etwa von besonderem Geblüt?“ Oder: „Die Han wiederherstellen!“
Bei den Gelben Turbanen war es anders. Der Weg des Großen Friedens war eine vollständig ausgebildete religiöse Organisation. Er hatte eine Lehre, niedergelegt im Taiping Jing, der „Schrift des Großen Friedens“; Rituale, etwa die Krankenheilung durch talismanisches Wasser; eine Organisationsstruktur aus sechsunddreißig Verbänden mit jeweils Tausenden bis Zehntausenden Mitgliedern; und einen Führerkult um Zhang Jiao, den „Großen weisen und gütigen Meister“. Die Anhängerschaft verteilte sich über acht Provinzen des Reiches, von den heutigen Provinzen Hebei, Henan und Shandong bis nach Hubei, Anhui und Jiangsu.
Warum nahm der Widerstand von unten eine religiöse Gestalt an?
Weil das Betriebssystem 3.0 sämtliche weltlichen Wege des Widerstands versperrt hatte.
Die konfuzianische Ideologie hatte die politische Ordnung in eine moralische Ordnung verwandelt. Die Beziehungen zwischen Herrscher und Untertan sowie zwischen Vater und Sohn galten als unumstößlich, von Himmel und Erde vorgegeben. Widerstand bedeutete daher Untreue und Verletzung der kindlichen Pietät. In normalen Zeiten unterdrückte diese Codierung wirksam schon den Gedanken an weltlichen Widerstand. Ein Bauer, der die Grundlagen konfuzianischer Erziehung verinnerlicht hatte, konnte sein Aufbegehren kaum in der Sprache weltlicher Politik rechtfertigen. Denn diese Lehre sagte ihm, dass Aufbegehren schon an sich falsch war.
Die Religion eröffnete jedoch einen Weg an dieser Codierung vorbei. „Der blaue Himmel ist tot“ hieß: Ich lehne mich nicht gegen den Herrscher auf, ich gehorche einer höheren Autorität, dem Himmel, dem gelben Himmel. Das Mandat des Himmels ist weitergewandert. Der alte Himmel, der blaue Himmel der Han-Dynastie, ist tot. Der neue, gelbe Himmel des Weges des Großen Friedens soll ihn ersetzen. Das ist keine Rebellion. So will es das Mandat des Himmels.
Die religiöse Sprache codierte den Widerstand neu. Aus einem „Aufruhr wider Treue und kindliche Pietät“ wurde eine „Revolution im Einklang mit dem Mandat des Himmels“. Die Codierung setzte eine Ebene höher an: Das Himmelsmandat stand über der Moral von Herrscher und Untertan. Deshalb konnte sein Übergang die Umwälzung dieses Herrschaftsverhältnisses legitimieren.
Vom Rest her betrachtet fand der Aufstand der Gelben Turbane einen Ersatzweg, auf dem sich der Rest an der gesellschaftlichen Basis entladen konnte: die Armut, Wut und Verzweiflung der Bauern. Die weltlichen Auswege waren versperrt. Die konfuzianische Ideologie hatte den Satz „Ich wehre mich, weil der Hof mich ungerecht behandelt“ unzulässig gemacht. Die Religion öffnete einen Weg jenseits der weltlichen Ordnung: „Ich wehre mich, weil das Mandat des Himmels gewechselt hat.“
Dieses Muster kehrte immer wieder. Unter den Östlichen Han gab es den Weg des Großen Friedens und den Weg der Fünf Scheffel Reis. Am Ende der Yuan-Dynastie kamen die Lehren des Weißen Lotus und des Maitreya hinzu, mit den Roten Turbanen. Am Ende der Ming wirkte die Wenxiang-Lehre, die „Lehre vom Duft“. Unter den Qing folgten der Weiße Lotus und das Himmlische Reich der Taiping. Jedes Mal sagte die religiöse Gestalt des Widerstands von unten dasselbe aus: Indem die offizielle Ideologie den weltlichen Widerstand blockierte, drängte sie ihn in eine religiöse Dimension, die sich noch schwerer kontrollieren ließ. Wer die Tür im Erdgeschoss versperrt, muss damit rechnen, dass die Menschen aus dem Fenster im ersten Stock springen.
Der Aufstand der Gelben Turbane selbst wurde rasch niedergeschlagen; seine Hauptstreitmacht war nach weniger als einem Jahr besiegt. Seine Folgen waren jedoch tödlich. Um ihn niederzuwerfen, musste der Hof den lokalen Magnatenfamilien sowie den Gouverneuren der Provinzen und Kommandanturen gestatten, eigene Truppen anzuwerben. Damit verlagerte er die militärische Macht von der Zentrale in die Regionen. Einmal abgegeben, ließ sie sich nicht mehr zurückholen. In diesem Machtvakuum stiegen die regionalen Kriegsherren auf: Dong Zhuo, Cao Cao, Yuan Shao, Liu Biao und Sun Jian.
Nicht die Gelben Turbane stürzten die Östliche Han-Dynastie. Sie zerfiel an den militärischen Kräften, die sie selbst zu deren Bekämpfung freigesetzt hatte. Das Heilmittel wurde zum tödlichen Gift.
VI. Woran die Östlichen Han starben: ein vollständiger Obduktionsbericht
Der Untergang der Östlichen Han hatte nicht eine einzige Ursache. Mehrere Reste erreichten gleichzeitig ihren kritischen Punkt. Ein vollständiger Obduktionsbericht könnte so aussehen:
Unmittelbare Todesursache: Der Zerfall in regionale Militärherrschaften ließ die zentrale Autorität zusammenbrechen.
Nachdem Dong Zhuo 189 in die Hauptstadt eingezogen war, bestand die Zentralregierung nur noch dem Namen nach. Die folgenden dreißig Jahre, bis Cao Pi 220 die Han ablöste, waren ein langwieriger Sterbeprozess. Es gab noch einen Kaiser, aber er war eine Marionette. Die Macht lag verstreut in den Händen regionaler Kriegsherren.
Erste mittelbare Todesursache: Der Machtwechsel zwischen Kaiserinnenfamilien und Eunuchen zehrte die Qualität des Beamtenapparats auf.
Wiederholte politische Säuberungen warfen die Fähigen aus dem System und füllten den Apparat mit Mittelmaß und Opportunisten. Als er in einer Krise gebraucht wurde, beim Aufstand der Gelben Turbane, reichte seine administrative Leistungsfähigkeit für eine wirksame Antwort nicht mehr aus.
Zweite mittelbare Todesursache: Die Verfolgung der Parteigänger entfernte die Fähigkeit des Systems zur Selbstreparatur.
Mit dem Ausschluss der konfuzianischen Gelehrten verlor das System die Fähigkeit, Probleme zu entdecken und zu melden. Sie häuften sich weiter an, ohne bearbeitet zu werden, bis der Schaden nicht mehr rückgängig zu machen war.
Dritte mittelbare Todesursache: Der Aufstieg der Magnatenfamilien höhlte die tatsächliche Kontrolle der Zentrale über die Regionen aus.
Die Gutswirtschaft, die Privatarmeen und die monopolartigen Netzwerke zur Besetzung von Ämtern machten die lokale Gesellschaft faktisch unabhängig von der Zentrale. Als deren Autorität zusammenbrach, wirkten aus den Regionen keine Kräfte, die sie wieder zusammengeführt hätten. Stattdessen rissen die Fliehkräfte sie noch weiter auseinander.
Grundlegende Todesursache: Das Betriebssystem 3.0 ruhte auf einem einzigen entscheidenden Knoten.
Alle genannten Probleme hatten dieselbe Wurzel: Das Funktionieren des gesamten Systems hing an einem einzigen Menschen, dem Kaiser. Ein Kind auf dem Thron → Machtübernahme durch die Kaiserinnenfamilie → Gegenschlag der Eunuchen → Verschleiß des Beamtenapparats → Verlust der Selbstreparatur → Widerstand von unten → Verlagerung der Militärmacht in die Regionen → regionale Militärherrschaften → Zusammenbruch der Zentrale. Am Anfang dieser Kausalkette stand „ein Kind auf dem Thron“, also ein Zufallsereignis, das das System nicht beherrschen konnte.
Ein System, in dem ein Zufallsereignis eine unumkehrbare Kette des Zusammenbruchs auslösen kann, ist kein gutes System. Doch an diesem entscheidenden Knoten hatte Version 3.0 keine Redundanz vorgesehen. Es besaß keine institutionalisierte Regentschaft, sondern nur entsprechende Gepflogenheiten. Es besaß keine Gewaltenteilung, denn sämtliche Macht war beim Kaiser konzentriert. Und es besaß kein unabhängiges Verfahren, den Träger der höchsten Macht auszuwählen: Es galt die Erbfolge nach Blutsverwandtschaft mit Vorrang des ältesten Sohnes der Hauptgemahlin, ohne Prüfung der Eignung.
Dieser grundlegende Defekt war keine Besonderheit der Östlichen Han. Er steckte in jeder Installation von Version 3.0. Die Westlichen Han hatten dasselbe Problem; auch an ihrem Ende war die Einmischung der Kaiserinnenfamilien ein entscheidender Faktor. Nur regierten ihre Kaiser im Durchschnitt länger und waren bei der Thronbesteigung älter. Deshalb brachen die Probleme nicht so geballt auf wie bei den Östlichen Han. Deren Unglück bestand darin, dass eine ganze Reihe von Kinderkaisern aufeinanderfolgte und den Defekt bis zum Äußersten trieb.
Doch auch diese Serie von Kinderkaisern war nicht ganz zufällig. In der späten Östlichen Han-Zeit bevorzugten sowohl Kaiserinnenfamilien als auch Eunuchen junge Thronfolger, weil Kinder leichter zu kontrollieren waren. Die Auswahl des Nachfolgers beeinflussen zu können gehörte selbst zu ihrer Macht. Der Systemfehler, also die Konzentration auf einen einzigen Knoten und das daraus erwachsende Risiko eines Kinderkaisers, wurde von denen, die ihn ausnutzten, aktiv verstärkt. Das war eine positive Rückkopplung: Der Defekt brachte seine Nutznießer hervor, und die Nutznießer vergrößerten den Defekt.
VII. Was die Östlichen Han über das Gesetz der Zyklen lehren
Die zweihundert Jahre der Östlichen Han bilden den ersten vollständigen Betriebszyklus von Version 3.0. Aus ihm lassen sich einige bleibende Erkenntnisse gewinnen.
Erstens: Der Rest wird zur Institution.
Die Entwicklung der Magnatenfamilien zeigt: Rest ist nichts Statisches. Er wächst, wird aus etwas Kleinem zu etwas Großem, aus etwas Losem zu etwas Festgefügtem, aus etwas Informellem zu etwas Formellem. Der kleine Rest, den man bei der Gründung des Systems wahrnimmt, etwa die Güter einiger pensionierter Mitstreiter, kann hundert Jahre später ein Ungeheuer sein, das das System verschlingt: ein Netz von Magnatenfamilien, das die gesamte lokale Gesellschaft beherrscht.
Diese Institutionalisierung des Rests ist der zentrale Mechanismus, durch den ein Aufbau altert. Nicht der Entwurf selbst ist schlechter geworden; am Rahmen von Version 3.0 änderte sich in zweihundert Jahren nichts Grundlegendes. Vielmehr sammelte und verfestigte sich im Inneren der Rest, bis er diesen Rahmen ausgehöhlt hatte.
Zweitens: Ein Aufbau kann seinen eigenen Mechanismus der Selbstreparatur herausschneiden.
Die Verfolgung der Parteigänger zeigt: Besitzt ein Aufbau die Fähigkeit, sich selbst zu reparieren, etwa durch die Kritik konfuzianischer Gelehrter, dann kann diese Fähigkeit durch die Machtkämpfe in seinem Inneren wieder vernichtet werden. Das System kann seine eigenen Ärzte töten.
Das ist eine ernüchternde Erkenntnis. Selbst wenn man einen Mechanismus zur Selbstreparatur einbaut, gibt es keine Garantie, dass das System ihn nicht eines Tages selbst abschaltet. Sein Immunsystem kann an einer „Autoimmunerkrankung“ aus dem eigenen Inneren zugrunde gehen.
Drittens: Wird ein Ausweg verschlossen, sucht sich der Rest einen anderen.
Der Aufstand der Gelben Turbane zeigt: Versperrt eine Ideologie den Weg des weltlichen Widerstands, legt dieser ein religiöses Gewand an und taucht aus einer anderen Dimension wieder auf. Rest ist Wasser. Versperrt man ihm einen Weg, findet es einen anderen. Versperrt man alle Wege, sickert es aus dem Untergrund hervor.
Viertens: Das Heilmittel kann zum tödlichen Gift werden.
Die zur Bekämpfung der Gelben Turbane in die Regionen verlagerte Militärmacht zerstörte am Ende die zentrale Autorität selbst. Diese Erfahrung wiederholte sich später. Im Gefolge der An-Lushan-Rebellion erweiterte die Tang-Dynastie die Macht der Militärgouverneure, um den Aufstand niederzuschlagen. Danach wurden diese Gouverneure zur neuen Bedrohung. Das Grenztruppensystem, das die Ming gegen die Mongolen errichtet hatten, lieferte schließlich den Aufständischen Li Zichengs Soldaten.
Wer ein Problem durch den Einsatz von Machtmitteln löst, muss damit rechnen, dass diese Mittel selbst zum nächsten Problem werden. Das heißt nicht, dass man auf sie verzichten sollte. Manchmal bleibt keine Wahl. Es heißt aber, dass man sich der Unkontrollierbarkeit einmal freigesetzter Kräfte bewusst sein muss. Jedes Medikament hat Nebenwirkungen. Vor der Einnahme sollte man prüfen, ob diese tödlicher sein könnten als die Krankheit.
Fünftens: Der Zusammenbruch eines Aufbaus ist kein Ereignis, sondern ein Prozess.
Die Östlichen Han brachen nicht an einem bestimmten Tag zusammen. Von Kaiser Hes Thronbesteigung im Jahr 88 bis zur Ablösung der Han durch Cao Pi im Jahr 220 verlief ein langsamer Zerfallsprozess von mehr als hundertdreißig Jahren. Es gab darin Momente, die nach Erholung aussahen: die Zeit guter Regierung unter Kaiserinwitwe Deng Sui und die kurze Stabilisierung zu Beginn von Kaiser Shuns Herrschaft. Doch solche Erholungen waren Pausen im Zerfall, keine Umkehr.
Dass der Zusammenbruch ein Prozess ist, bedeutet auch: In jeder seiner Phasen gibt es Menschen, die das System noch für reparierbar halten. Sie täuschen sich nicht einfach selbst. In dieser Phase ist das System tatsächlich noch nicht vollständig zerstört. Was sie unterschätzen, ist die Gesamtmenge des bereits angesammelten Rests. An der Oberfläche läuft der Betrieb weiter. Darunter hat sich der Rest längst bis zu einem unumkehrbaren Ausmaß angehäuft.
Wann wird aus „noch reparierbar“ ein „nicht mehr zu retten“? Während es geschieht, kann niemand das genau sagen. Der kritische Punkt wird erst im Rückblick sichtbar. Das ist der grausamste Zug am Altern eines Aufbaus: Man weiß nie, ob man noch vor diesem Punkt steht oder schon dahinter. Bis alles zu spät ist.
Im nächsten Essay: die Drei Reiche, ein Vergleich, den die Geschichte selbst bereitstellt. Der zentrale Rest, den der Zusammenbruch der Östlichen Han hinterließ, waren die Magnatenfamilien. Vier Hauptakteure fanden vier grundverschiedene Antworten darauf: Cao Cao unterdrückte sie, Liu Bei umging sie, Sun Quan verhandelte mit ihnen, die Familie Sima nahm sie in die Arme. Vier Verfahren, vier Preise. Am Ende gewann die Umarmung. Die Sima machten die Magnatenfamilien, bis dahin ein Rest, zur Grundlage ihrer Herrschaft und gewannen das Reich, indem sie die Macht mit dieser Schicht teilten. Das wirkte am klügsten, hatte aber den höchsten Preis: Wer mit dem Rest verschmilzt, hat keinen Spielraum mehr, ihm ein Gegengewicht entgegenzusetzen. Beglichen wurde diese Rechnung in voller Höhe im Krieg der Acht Prinzen der Westlichen Jin und in der anschließenden großen Zersplitterung, als die Völker des Nordens die Herrschaft in der Zentralebene übernahmen.
Diese deutsche Ausgabe wurde für deutschsprachige Leser eigenständig neu geschrieben.