Essay 22 · Satoshi Nakamoto und die Kryptowährungen: Ein Rechnungsbuch, dem niemand vertrauen muss, braucht trotzdem jemanden, der es benutzt
Bitcoin löste die Reihenfolge digitaler Zahlungen ohne zentrale Abrechnungsstelle. Vertrauen verschwand jedoch nicht; es wanderte zu Software, Börsen, Verwahrung, Entwicklergemeinschaft und den Menschen, die einer Regel Bedeutung geben.
In diesem Essay
1. Cypherpunks schreiben Code
Anfang der neunziger Jahre stand in einem Text, der später als Cypherpunk-Manifest bekannt wurde, ein Satz: Cypherpunks schreiben Code.
Das war kein Ausdruck von Technikoptimismus. Gemeint war: Bittet Regierungen, Unternehmen oder andere öffentliche Autoritäten nicht darum, euch eure Privatsphäre zurückzugeben. Schreibt die Ordnung, die sie schützen soll, unmittelbar in Software.
Aus demselben Kreis stammte ein anderer Text, das Kryptoanarchistische Manifest. Darin stand eine Vorhersage, die in eine ganz andere Richtung wies: In anonymen Interaktionen im Netz wird der Ruf eine zentrale Stellung einnehmen.
Beide Sätze stammen aus derselben Tradition. Der erste ist ein Programm. Der zweite eine Prophezeiung.
Man muss darauf achten, wo der zweite Satz steht. Er stammt weder von einem Kritiker außerhalb der Bewegung noch von einem später Gescheiterten oder einer Aufsichtsbehörde. Er kommt aus dem Inneren dieser Tradition und steht ausgerechnet in ihrem radikalsten Text. Jemand, der die Anonymität bis zum Äußersten treiben wollte, schrieb nebenbei auf, was nach der Anonymität kommen würde.
Die ganze folgende Geschichte besteht darin, dass der erste Satz bis zum Äußersten verwirklicht wurde und sich zugleich der zweite bis zum Äußersten bewahrheitete.
In den bisherigen einundzwanzig Essays tat der Aufbau immer dasselbe: Er presste Dinge, die sich nicht an einem gemeinsamen Maßstab messen ließen, doch in diesen Maßstab, damit die Rechnung aufging. Jedes Mal lief etwas über, das nicht hineinpasste, und der Aufbau suchte einen Umgang damit. Zehn Verfahren sind uns dabei begegnet.
Diesmal ist es anders.
Diesmal soll der Rest nicht behandelt werden. Beseitigt werden soll das, woraus er entsteht.
Diese Quelle hat einen Namen: Vertrauen.
Die Diagnose selbst trifft zu. Verfolgt man das Überlaufende aus den bisherigen einundzwanzig Essays bis zu seinem Ursprung, gelangt man fast immer an dieselbe Stelle: Irgendjemandem muss man glauben. Doch wem geglaubt wird, der kann irren, parteiisch sein, sich bezahlen lassen oder im entscheidenden Augenblick die Türen schließen. Ein Tempel kann die Regeln ändern. Eine Regierung kann das Papier, das sie selbst ausgegeben hat, nicht mehr anerkennen. Eine Ratingagentur kann Geld vom Emittenten nehmen. Eine Börse kann über Nacht zusammenbrechen. Wenn der Ärger immer dort beginnt, dann muss diese Stelle weg.
Bei jedem Rechnungsbuch der bisherigen einundzwanzig Essays musste am Ende jemand für die Einträge einstehen. Im zweiten Essay wurden die Schulden auf den Tontafeln durch den Rang des Tempels anerkannt. Im sechsten standen die Behörden für die Jiaozi ein. Im siebzehnten hing der Dollar davon ab, ob eine Gruppe von Menschen weiterhin bereit war, die Rechnung anzuerkennen. Und als die Maschine im achtzehnten zum Stillstand kam, musste der Staat vortreten und sagen: Ich stehe dafür ein.
Der 2008 vorgelegte Entwurf wollte genau diesen Schritt überflüssig machen.
Schon sein erster Satz benannte das Problem unverblümt: Wenn Zahlungen im Internet weiterhin über Finanzinstitute laufen müssen, geht ihr wesentlicher Vorteil verloren. Gesucht wurde elektronisches Bargeld, das kein Vertrauen voraussetzt.
Im Februar 2009 formulierte der Autor das Ziel in einem Internetforum noch entschiedener: Das System sei vollständig dezentralisiert. Alles beruhe auf kryptografischen Beweisen statt auf Vertrauen.
Es ist der kühnste Versuch, den der Aufbau bis zu diesem Punkt der Reihe unternommen hat.
Er will dem Rest weder eine Bahn zuweisen noch ihn vor die Tür setzen oder Belege von ihm verlangen.
Er will dafür sorgen, dass der Rest nirgends mehr entstehen kann.
Der Gedanke ist von großer Klarheit und geht weiter als alle zehn bisherigen Verfahren. Diese setzten erst an, nachdem der Rest entstanden war: Man ließ ihn frei, gab ihm einen anderen Namen, fragte nicht nach ihm, rechnete ihn um, zog die Grenze wieder enger, wies ihm eine Bahn zu, verlangte Belege, gab ihm selbst die Schuld, ließ ihn nicht ins Buch oder veränderte die Quelle, aus der etwas überlief. Diesmal soll schon an der Quelle verhindert werden, dass überhaupt etwas entsteht.
2. Zähmen oder beseitigen
Dieser Entwurf kam nicht aus dem Nichts. Ein Forscher hat es treffend zusammengefasst: Für beinahe alle seine technischen Bestandteile findet sich eine Vorgeschichte in der wissenschaftlichen Literatur der achtziger und neunziger Jahre. Das eigentlich Neue lag in keinem einzelnen Bauteil. Es lag darin, die Bauteile auf eine Weise zusammenzufügen, die zuvor niemandem gelungen war.
Es lohnt sich, dieser Entwicklung nachzugehen. Bei jedem Schritt wurde in derselben Frage ein wenig nachgegeben oder ein wenig Boden gewonnen.
Der erste Schritt liegt im Jahr 1983. Ein Kryptograf stellte eine Technik namens blinde Signatur vor, mit der nicht zurückverfolgbare Zahlungen ermöglicht werden sollten. Schon sein Aufsatz legte den Konflikt zwischen automatisierten Zahlungssystemen und persönlicher Privatsphäre offen. Mithilfe der Kryptografie wollte er die Anonymität des Bezahlens schützen.
Genau dort lag aber auch die Schwierigkeit dieses elektronischen Bargelds: Es schützte die Privatsphäre des Zahlenden, kam jedoch weiterhin nicht ohne einen zentralen Emittenten oder einen bankartigen Server aus.
Die vertrauenswürdige dritte Instanz war also nicht beseitigt. Man versuchte lediglich, sie zu zähmen.
Der Unterschied zwischen Zähmung und Beseitigung ist die Hauptachse dieser ganzen Entwicklung. Jeder Schritt rückt ein Stück auf die Beseitigung zu, und bei jedem bleibt etwas übrig, das sich nicht wegrücken lässt. Man muss hier nicht danach fragen, wer klüger war. Es genügt zu fragen, was bei jedem Einzelnen zurückblieb.
Anfang der neunziger Jahre trieb jener Kreis die Frage weiter. Jemand entwarf die Vorstellung nicht zurückverfolgbarer Interaktionen im Netz und anonymer Märkte. Er schrieb selbst ausdrücklich, dass dies auch einige äußerst verwerfliche Märkte ermöglichen werde. Staaten würden deshalb versuchen, die Verbreitung dieser Technik zu verhindern. Und viele dieser Befürchtungen würden begründet sein.
Das sollte man festhalten: Diese Schattenseite haben spätere Kritiker nicht nachträglich hineingelesen. Sie steht in den ursprünglichen Texten. Die Beteiligten hatten die Kosten selbst berechnet.
Man sollte es festhalten, weil davon abhängt, wie das Folgende zu beurteilen ist. Wenn nur die Gegner einer Technik ihre schädlichen Seiten erkennen, kann man von einem Versäumnis der Entwickler sprechen. Hier aber schrieb der Urheber die schädlichen Seiten selbst zuerst auf und hielt die Sache danach immer noch für lohnend. Es geht also nicht um ein Versäumnis. Es geht um eine Entscheidung im Wissen um den Preis.
Zwischen 1997 und 2002 machte ein weiterer Forscher aus dem Arbeitsnachweis, dem Proof of Work, ein praktisch einsetzbares Werkzeug. Damit führte er ihn über die politische Vision hinaus.
Ursprünglich sollte das Verfahren Spam und Missbrauch abwehren. Bevor der Server eine Nachricht durchließ, musste ihr Absender Arbeit leisten, die sich überprüfen ließ, aber beträchtlichen Rechenaufwand verursachte.
Der Forscher zog in seinem Aufsatz selbst einen Vergleich: Eine solche Kostenfunktion lasse sich als das Prägen physischen Geldes verstehen.
In diesem Vergleich wird bereits der innerste Antrieb des späteren Systems sichtbar. Eine Zugangsschwelle, die bislang durch gesellschaftliche Urteile, institutionelle Prüfungen oder ein Preissystem gesetzt wurde, sollte in einheitliche Kosten für Rechenleistung umgeschrieben werden.
Es folgten mehrere Seitenlinien, die beinahe unmittelbar zum Ergebnis führten. Jemand skizzierte eine dezentralisierte digitale Währung. Szabos Entwurf von Bit Gold legte das spätere Gerüst fast schon in Einzelteilen auf den Tisch: zuerst eine Aufgabenfolge erzeugen, dann den Arbeitsnachweis erbringen, sichere Zeitstempel hinzufügen und das Ganze in ein verteiltes Eigentumsregister eintragen. Die vorangegangene Folge sollte jeweils die Aufgaben der nächsten hervorbringen.
Szabo benannte die Schwachstellen seines Systems allerdings selbst. Das Vertrauen, das der Zeitstempeldienst und das Eigentumsregister benötigten, ließ sich nur auf mehrere Stellen verteilen. Es konnte sich nicht einfach in Luft auflösen.
Ein anderer Versuch sollte die wiederholte Verwendung von Proof-of-Work-Token ermöglichen. Er stützte sich auf einen speziellen Server, dessen Funktionsweise sich aus der Ferne überprüfen ließ. Auch hier blieb ein serverseitiger Kern bestehen.
Noch bevor jener Entwurf erschien, war das digitale Bargeld also an einer klar erkennbaren Weggabelung angekommen.
Entweder behielt man einen zentralen Emittenten. Oder man behandelte Rechenkosten lediglich als Eintrittskarte. Oder man entwickelte den Arbeitsnachweis in Richtung Geld weiter, ohne sich wirklich von Schwachstellen wie Zeitstempeln, Registern oder Servern gelöst zu haben.
Auf jedem dieser Wege blieb dasselbe ungelöste Problem zurück.
Und die Stelle, an der es zurückblieb, wurde jedes Mal kleiner und härter.
Kleiner wurde sie, weil eine Generation nach der anderen sie tatsächlich weiter einengte. Härter wurde sie, weil das verbliebene Stück meist genau das war, mit dem am schwersten umzugehen war. Irgendjemand musste noch sagen: Diese Buchung kam zuerst, jene danach. Irgendjemand musste das Register verwahren. Irgendwo musste eine Maschine antworten. Die großen Teile abzuschlagen ist nicht schwer. Schwer ist das kleine Stück, das am Ende übrig bleibt.
3. Zehn Minuten
Der Ausgangspunkt des Entwurfs war schlicht.
Digitale Signaturen können belegen, wer einen Coin an wen übertragen hat. Für sich allein lösen sie jedoch ein anderes Problem nicht: Was geschieht, wenn derselbe Coin zweimal ausgegeben wird?
Frühere Entwürfe für elektronisches Geld sahen dafür häufig eine zentrale Prägestelle oder eine zentrale Abrechnungsinstanz vor, die jede einzelne Transaktion prüfte.
Diesmal sollte keine vertrauenswürdige dritte Instanz nötig sein. Stattdessen sollten ein Peer-to-Peer-Netzwerk, Zeitstempel und Arbeitsnachweise die Reihenfolge der Transaktionen festschreiben.
Was zuerst in der vom gesamten Netz anerkannten öffentlichen Geschichte verzeichnet wird, gilt.
Damit wird eine alte Frage an einen anderen Ort versetzt. Im zweiten Essay stand auf der Tontafel, wer wem wie viel schuldete. Welche Tontafel aber galt, hing davon ab, im Lagerhaus welches Tempels sie lag. Hier wird nicht gefragt, wo sie liegt. Gefragt wird nur, ob der Eintrag früher erfolgte und wie viel Arbeit ihm nachfolgt. Reihenfolge tritt an die Stelle von Autorität.
Technisch geschieht dreierlei. Transaktionen werden in Blöcken gebündelt. Die Beteiligten suchen mit ihrer Rechenleistung für den Blockkopf einen Hashwert, der das Schwierigkeitsziel erfüllt. Und die Knoten akzeptieren die Kette mit der größten kumulierten Arbeit als gültige Geschichte.
Von diesen drei Schritten wird der dritte am leichtesten übergangen. Dabei ist er der entscheidende. Die ersten beiden sind Technik. Der dritte ist eine Regel: Welche Seite gilt, wenn Uneinigkeit entsteht? Jedes Rechnungsbuch muss diese Frage beantworten. Bisher lautete die Antwort immer, dass eine bestimmte Person oder Institution entscheidet. Diesmal lautet sie: Anerkannt wird die Seite, hinter der sich die meiste Arbeit aufgetürmt hat.
Solange ehrliche Knoten über die Mehrheit der Rechenleistung verfügen, muss jeder, der alte Einträge manipulieren will, sämtliche darauf folgende Arbeit erneut leisten. Die Kosten steigen dabei rasch.
Der Entwurf nennt außerdem zwei Größen, die den Takt der Ordnung bestimmen: Im Durchschnitt entsteht alle zehn Minuten ein neuer Block. Nach jeweils 2.016 Blöcken wird die Schwierigkeit angepasst, damit das Tempo der Blockerzeugung stabil bleibt.
Was man hier besonders genau betrachten sollte, ist allerdings nicht das Wort Dezentralisierung.
Es ist der Umgang mit dem gemeinsamen Maßstab.
Alle bisherigen Maßstäbe maßen etwas anderes: ein Shi Getreide, einen Arbeitstag, ein Mu Land, eine Unze Gold, einen Klick. Dieser Maßstab misst die Arbeit, die aufgewendet wird, um den Eintrag selbst vorzunehmen. Er misst keinen Gegenstand der Welt. Er misst die Kosten des Buchens.
Das Verfahren gegen Missbrauch war ursprünglich bloß eine Eintrittskarte. Hier wird es einen Schritt weitergeführt: Der Arbeitsnachweis dient nicht mehr nur als Berechtigung, das System zu betreten. Er wird unmittelbar zum Mechanismus der Geldschöpfung.
Die Belohnung für einen neuen Block rechnet Rechenleistung, Strom und Zeit direkt in neue Coins um.
Damit wird geleistete Arbeit zu etwas in der Geldgeschichte höchst Seltenem: zu einem einheitlichen, öffentlich messbaren Maßstab der Geldprägung.
Als der Autor später im Forum die Knappheit erklärte, schrieb er, am Ende werde es höchstens einundzwanzig Millionen Coins geben.
Geldangebot, Reihenfolge der Zahlungen, Endgültigkeit der Abrechnung und Kosten der Fälschungssicherheit werden so in dieselbe Rechenlogik gepresst.
Im vierzehnten Essay hieß es, der Goldstandard habe nicht dadurch überzeugt, dass er bequemer oder genauer war. Seine Überzeugungskraft lag in dem Satz: Das hat niemand festgesetzt. Das ist das Gewicht des Goldes. Und das Gold liegt unter der Erde und gehorcht keiner Regierung.
Diesmal hat das Argument dieselbe Form. Nur eine Sache ist ausgetauscht worden.
Das hat niemand festgesetzt. Das ist ausgerechnet worden.
Dieser Satz besitzt noch mehr Überzeugungskraft als der vorige, und sein Vorsprung liegt in der Nachprüfbarkeit. Das Gewicht des Goldes muss jemand wiegen, und wer wiegt, kann betrügen. Einen Hashwert muss niemand wiegen. Jeder kann ihn auf jeder Maschine nachrechnen und erhält genau dasselbe Ergebnis. Die Überprüfung dauert nur wenige Sekunden. Die Menschen, die im dritten Essay die Stempel prüften, werden hier zum ersten Mal wirklich überflüssig.
Die Wendung ausgerechnet worden reicht zudem weiter als der Verweis auf das Gewicht des Goldes. Gold muss jemand ausgraben, auf seinen Feingehalt prüfen, in einem Tresor lagern und mit dem Schiff von einem Land ins andere bringen. Bei jedem Schritt geht es durch die Hände von Menschen. Ein Hashwert braucht das nicht. Jede Maschine an jedem Ort kann ihn unabhängig neu berechnen und erhält genau dasselbe Ergebnis.
Das System kehrt nicht zum Metall zurück. Es übersetzt die Kosten selbst in die abstrakte Welt der Hashberechnungen, spezialisierter Hardware, Stromtarife und Schwierigkeitsanpassungen.
4. Die erste Zeile des Rechnungsbuchs
Am 3. Januar 2009 wurde der erste Block geschrieben.
In ihn war eine Schlagzeile aus der Times jenes Tages eingebettet. Sinngemäß lautete sie, der Schatzkanzler stehe vor einer zweiten Rettungsaktion für die Banken.
Die Schlagzeile erfüllte zwei Aufgaben. Sie war ein Zeitstempel und belegte, dass dieser Block nicht vor jenem Tag entstanden sein konnte. Zugleich war sie eine Geste: Der Anfang wurde auf den Augenblick der weltweiten Finanzkrise und der Bankenrettungen festgelegt.
Die fünfzig Coins, die dieser Block als Belohnung enthielt, erwiesen sich später als nicht ausgebbar.
Legt man diese beiden Dinge nebeneinander, tritt etwas hervor, das in dieser ganzen Reihe nur einmal vorkommt.
In den bisherigen einundzwanzig Essays stand in der ersten Zeile jedes Rechnungsbuchs eine Buchung. Ein Shi Gerste, ein Rind, eine Schuld, ein Vertrag, der Name eines Menschen mit einer Zahl dahinter.
In der ersten Zeile dieses Rechnungsbuchs steht keine Transaktion.
Dort steht ein Satz.
Und die fünfzig Coins neben diesem Satz können niemals ausgegeben werden.
Bei diesen fünfzig lohnt es sich, einen Augenblick zu verweilen. Sie stehen im Buch. Jeder kann nachsehen und ihre Existenz feststellen. Doch sie kommen nicht heraus und können in keine einzige Transaktion eingehen. Ein Buch, dessen ganzer Zweck der Umlauf ist, beginnt mit einem Eintrag, der für immer vom Umlauf ausgeschlossen bleibt. Das war kein technisches Versehen. Spätere Analysen gehen überwiegend davon aus, dass es so gewollt war. Derjenige, der das Buch eröffnete, ließ den ersten Eintrag als unverrückbares Zeichen stehen.
Schon zu Beginn erklärt ein Rechnungsbuch, wogegen es geschaffen wurde. Dann lässt es den ersten Eintrag für immer an seinem Platz, ohne ihn am Umlauf zu beteiligen.
Hier bekennt der Aufbau zum ersten Mal öffentlich, dass er ein Gegenaufbau ist.
Dieses Bekenntnis nimmt sein späteres Schicksal bereits vorweg. Was lediglich ein Werkzeug ist, kann jeder benutzen, ohne darin eine Parteinahme zu sehen. Was aber gleich am Anfang erklärt, wogegen es sich richtet, hat vom ersten Tag an Feinde und Gläubige. Und es hat eine Haltung, der es fortan gerecht werden muss.
Ebenso lohnt es sich zu betrachten, wie der Wert zum ersten Mal eine Zahl bekam.
Im Oktober 2009 veröffentlichte eine frühe Website einen Wechselkurs zum Dollar. Grundlage war eine Stromkostenformel. Aus dem durchschnittlichen Strompreis für US-Haushalte, dem Jahresstromverbrauch eines Rechners und der Zahl der Coins, die dieser Rechner in den vergangenen dreißig Tagen erzeugt hatte, wurde ein Verkaufspreis abgeleitet.
Der früheste öffentlich genannte Kurs lag bei ungefähr 1.309,03 Coins für einen Dollar. Am 28. Dezember 2009 stand auf derselben Seite ein Wert von 1.578,77 Coins für einen Dollar.
Die beiden Zahlen selbst sind nicht wichtig. Wichtig ist, wie sie zustande kamen.
Der Wert entstand zunächst weder aus geschäftlichem Ansehen noch aus Steuern oder einer staatlichen Anordnung. Er wurde zuerst an Produktionskosten gebunden, die sich Kilowattstunde für Kilowattstunde überprüfen ließen.
Der Gedanke aus dem elften Essay, den Wert an die Arbeit zu binden, erhielt hier eine technische Fassung, und zwar eine sehr viel genauere als damals. Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist eine Größe, der man sich nur statistisch annähern kann. Wie viele Kilowattstunden eine Maschine in dreißig Tagen verbraucht hat, steht dagegen auf dem Stromzähler.
Später löste sich dieser Anker vollständig. Der Preis entfernte sich von den Stromkosten und kehrte nie zu ihnen zurück.
Wie die ersten Teilstriche eines Maßstabs festgelegt werden und was er später misst, hat oft nichts miteinander zu tun.
Das ist uns schon begegnet, nur noch nicht so deutlich. Das Gewicht der Münzen im dritten Essay entsprach zunächst einer tatsächlichen Menge Metall, später dem Ansehen ihres Emittenten. Der gemeinsame Nenner im siebzehnten entsprach zunächst dem Gewicht des Goldes, später der Bereitschaft einiger Staaten, weiterhin für die Rechnung einzustehen. Wenn die Skala entsteht, braucht sie etwas Sichtbares, an das sie sich anlehnen kann. Sobald sie fest steht, wird diese Stütze oft weggezogen.
5. Allenfalls ein skeptischer Empfang
Es lohnt sich, die zeitliche Folge durchzugehen. Sie holt etwas, das oft als Legende erzählt wird, in seinen konkreten Verlauf zurück.
Am 31. Oktober 2008 wurde der Entwurf an eine Kryptografie-Mailingliste geschickt.
Am 3. Januar 2009 entstand der erste Block. Am 8. Januar erschien die erste Softwareversion. In der Ankündigung stand: vollständig dezentralisiert, ohne Server und ohne zentrale Autorität.
Am 12. Januar fand die erste Übertragung auf der Kette statt. Finney erinnerte sich später, er sei nach Satoshi Nakamoto der Erste gewesen, der die Software betrieben habe. Er habe einen Block mit einer Nummer in den Siebzigern geschürft und von Nakamoto eine Testüberweisung über zehn Coins erhalten.
Am 11. Februar folgte die Aussage über vollständige Dezentralisierung und kryptografische Beweise.
Am 5. Oktober 2009 wurde der erste Dollarkurs genannt.
Am 22. Mai 2010 tauschte jemand zehntausend Coins gegen zwei Pizzen. Nach damaliger Bewertung waren sie ungefähr einundvierzig Dollar wert. Dies gilt gewöhnlich als die erste berühmt gewordene Transaktion mit realen Waren.
Am 17. Juli 2010 nahm eine Handelsplattform den Betrieb auf. Das System trat aus der Phase der Mailinglisten und unmittelbaren Peer-to-Peer-Verbindungen in die Phase der Handelsplattformen ein.
Am 11. Dezember 2010 äußerte Nakamoto Sorge angesichts der Möglichkeit, dass WikiLeaks diese Währung nutzen könnte. Er schrieb einen Satz, der später oft zitiert wurde: Man habe in ein Wespennest gestochen, und der Schwarm komme auf sie zu.
Am 23. April 2011 schrieb er einem Entwickler: Ich habe mich inzwischen anderen Dingen zugewandt. Es liegt in ihren Händen.
Als Abschied ist dieser Satz ungewöhnlich. Fast alle, die in den bisherigen einundzwanzig Essays einen Maßstab errichteten, blieben anschließend da. Sie blieben, um zu erklären, auszubessern, bei Zweifeln das Wort zu ergreifen oder ihren Anteil am Gewinn einzustreichen. Diesmal ging der Verfasser des Entwurfs, kaum dass sein Werk auf eigenen Füßen stand. Danach kehrte er nicht zurück und sagte kein Wort mehr.
Zwei Einzelheiten dieser Abfolge sind besonders wichtig.
Die erste ist Finneys Erinnerung. Ende 2008, sagte er, sei die Reaktion auf der Mailingliste allenfalls ein skeptischer Empfang gewesen.
Der Entwurf gewann seine Fachkollegen also keineswegs auf Anhieb für sich. Unter erfahrenen Kryptografen, die große Pläne zur Genüge kannten, wurde er zunächst kühl betrachtet.
Die zweite Einzelheit ist der Preis. Der frühe Preis wurde nicht mit einem Schlag durch einen breiten Konsens des Marktes entdeckt. Sehr wenige Beteiligte tasteten sich Stück für Stück an ihn heran: über berechnete Stromkosten, Tauschgeschäfte in Foren und einfache Handelsplattformen.
Dass Geld zum gemeinsamen Maßstab wird, geschieht nicht von selbst. Erst nach wiederholtem Durchrechnen, wiederholtem Streit und wiederholten Geboten kommt es mühsam zum Stehen.
Diese Einsicht ist für die gesamte Reihe nützlich.
Wahrscheinlich musste jeder Maßstab der bisherigen einundzwanzig Essays bei seiner Entstehung eine ähnlich unbeholfene Phase durchlaufen. Nur liegen diese Vorgänge zu weit zurück, und es gibt zu wenige Aufzeichnungen. Die Nachgeborenen sehen allein den bereits gefestigten Maßstab und glauben deshalb leicht, so müsse es von Anfang an gewesen sein.
Diesmal ist es anders. Hier ist der ganze Vorgang dokumentiert: an welchem Tag jemand zum ersten Mal fragte, wie viel das wert sei; wer es zuerst gegen einen wirklichen Gegenstand eintauschte; wie der erste Kurs errechnet wurde; und wie viele Menschen ihm anfangs nichts zutrauten.
Selten ist die Geburt eines Maßstabs so vollständig festgehalten worden.
Und fast jede Stelle dieser Aufzeichnungen zerlegt eine Vorstellung, die bei der Lektüre der bisherigen einundzwanzig Essays leicht entsteht: Ein Maßstab werde angenommen, weil er richtig sei. Hier sieht man etwas anderes. Zuerst begegnet man ihm mit kühlen Blicken. Dann probieren ihn wenige Menschen aus. Dann wird ein nicht sonderlich verlässlicher Preis für ihn errechnet. Dann werden zwei Pizzen damit gekauft. Erst danach kommen nach und nach weitere Menschen hinzu.
Auch der Satz vom Wespennest verdient einen eigenen Platz.
Der Schöpfer eines Systems, das vollständige Dezentralisierung und Unabhängigkeit von jedermann beansprucht, macht sich Sorgen darüber, wer es ins Visier nehmen könnte.
Daran zeigt sich, dass er genau wusste: Das System steht nicht wirklich außerhalb der Gesellschaft. Sein Überleben hängt auch davon ab, wie jene äußeren Kräfte reagieren, die er nicht durch Code binden kann.
Diese Abhängigkeit bestand vom ersten Tag an. Ein System, das zum Betrieb keinerlei Erlaubnis braucht, bleibt doch an Dinge gebunden, die sich seiner Kontrolle entziehen: ob in bestimmten Ländern Börsen eröffnen dürfen, ob sie Anschluss an Banken finden, ob Maschinen zu kaufen sind und wie hoch der Strompreis liegt. Der Code kann alles auf der Kette regeln. Er kann nicht regeln, in wessen Hand der Stecker liegt.
6. Wohin das Vertrauen gegangen ist
Eines der stärksten Argumente der Befürworter lautet, hier sei zum ersten Mal etwas mit einigem Erfolg gelungen: Fremde können Werte übertragen, ohne dass ihre Identität vorab feststehen muss und ohne dass eine vertrauenswürdige dritte Instanz nötig ist.
Auch einschlägige wissenschaftliche Überblicksarbeiten beschreiben das System so. In diesem Sinn hat es tatsächlich eine Lücke geschlossen.
Diese Leistung darf man nicht kleinreden. Keines der Rechnungsbücher aus den bisherigen einundzwanzig Essays hatte das geschafft. Sie alle verlangten entweder zuerst zu wissen, wer du bist, oder eine Institution in der Mitte, die alle anerkannten.
Die Tragweite wird erst deutlich, wenn man sich die konkreten Lebenslagen aus den vorangegangenen Essays vergegenwärtigt. Die Menschen ohne vorzeigbare Belege im dreizehnten, die Menschen, die im sechzehnten auf keiner Liste standen, die für das Kreditwesen Unsichtbaren im einundzwanzigsten: Sie wurden auf unterschiedliche Weise aufgehalten. Gemeinsam war ihnen aber eines. Immer gab es eine Tür, an der zunächst ihre Identität geprüft wurde. Diesmal wurde diese Tür abgeschafft. Das System fragt nicht, wer du bist. Es prüft nur, ob die Zeichenfolge der Signatur stimmt.
Eine andere Deutung betont dagegen, dass die Unabhängigkeit vom Vertrauen hier immer Grenzen hat.
Ein Forscher nennt sie die mechanisierte Vorstellung eines Geldes, das aus dem gesellschaftlichen Leben herausgelöst werden soll. Ein anderer Forscher stellte bei der Beobachtung der Gemeinschaft fest, dass die Nutzer keineswegs in einer Welt ganz ohne Vertrauen lebten. Vielmehr bauten sie Vertrauen neu auf, und zwar um die gemeinsame Überzeugung herum, Technik sei vertrauenswürdiger als Menschen.
Anders gesagt: Wenn etwas angeblich kein Vertrauen braucht, verschwindet das Vertrauen in der Praxis oft gar nicht.
Es wechselt seinen Gegenstand.
Von Bankiers, Staaten und Unternehmen wandert es zum Protokoll, zur Codebasis, zur Verteilung der Knoten, zu den Anreizen für die Miner und zu den gemeinsamen Überzeugungen, die sich um diese technischen Gegenstände bilden.
Ein Wechsel bedeutet nicht, dass sich nichts geändert hätte. Das muss man fairerweise sagen. Öffentlichem Code zu vertrauen ist etwas anderes, als einer Institution zu vertrauen, die ihre Bücher nicht offenlegt. Den Code kann jeder lesen. In das Innere der Institution kommt niemand hinein. Nach dem Wechsel lässt sich tatsächlich mehr überprüfen. Doch Nachprüfbarkeit heißt nicht, dass jeder nachprüft. Wer den Code versteht, gehört unter den Nutzern nach wie vor zu einer winzigen Minderheit.
Die wirtschaftswissenschaftliche Kritik führt die Frage noch eine Ebene weiter.
Eine Forschungsarbeit aus einer Zentralbank formuliert es scharf: Kryptowährungen erkaufen die Konservierung des Vertrauens mit geringerer Bequemlichkeit. Würden wir tatsächlich in einer Welt ohne jedes Vertrauen in Institutionen leben, könnte dieses System im Vorteil sein. In der wirklichen Welt sind Menschen jedoch oft bereit, Zahlungsdienstleistern und Zentralbanken zu vertrauen. Deshalb bleibt das bestehende System bequemer.
Ein anderer Forscher greift den Entwurf über seine Kostenstruktur an. Seinem Urteil nach ist die Aufrechterhaltung dieses anonymen, dezentralisierten Vertrauens teuer. Die Kosten steigen zudem linear mit dem Wert, der im System auf dem Spiel steht. Wer die Verlässlichkeit in größerem Maßstab erhalten will, muss entsprechend mehr für die Sicherheit ausgeben.
Für den gedanklichen Rahmen dieser Reihe ist das wichtig. Deshalb muss seine Bedeutung klar ausgesprochen werden.
Der eingesparte Teil des Vertrauens ist nicht zu null geworden.
Er ist zu einer Stromrechnung geworden.
Ein Index aus Cambridge und die amerikanische Energiestatistikbehörde weisen beide darauf hin, dass der Strombedarf des Minings mittlerweile eine Größenordnung erreicht hat, die in nationale Statistiken und politische Debatten eingeht.
Kein Vertrauen zu benötigen hat also selbst einen Preis. Und dieser Preis steht gut sichtbar in einem anderen Rechnungsbuch.
Darin liegt auch eine Ehrlichkeit dieses Systems, die selten hervorgehoben wird. Frühere Rechnungsbücher verbargen ihre Kosten anderswo. Das Einlösungsversprechen stand nicht im Buch. Die Möglichkeit einer Rettung stand nicht im Buch. Was das Ansehen eines Staates wert war, stand ebenfalls nicht im Buch. Erst am Tag ihres Versagens wurde alles auf einmal abgerechnet. Hier laufen die Kosten täglich über den Stromzähler, für jeden sichtbar. Es ist teurer. Aber es drückt sich nicht vor der Rechnung.
Die früheren Bücher brauchten Menschen, die ihre Einträge anerkannten. Dieser Akt der Anerkennung kostete nichts, war nur unzuverlässig. Hier muss niemand mehr dafür einstehen. Der Preis ist, dass alle zehn Minuten eine Gruppe von Maschinen Strom verbrauchen muss.
Der Maßstab des vierzehnten Essays hatte die letzte Absicherung auf Metall und einige Zentralbanken verlagert. Diesmal wird sie auf Strom und Rechenleistung verlagert.
Was in diesen Maßstab nicht aufgenommen wurde, meldet sich unterdessen draußen immer wieder.
Wie lange wartet man auf die Bestätigung einer Transaktion? Wann steigen die Gebühren? Was geschieht, wenn sich die Kette staut? An wen wendet man sich bei einem vergessenen Passwort? Wie kommt Fiatgeld hinein, wie kommt es wieder heraus? Welche wenigen Hersteller verfügen über die Produktionskapazitäten für Mining-Geräte? Wie stimmen sich die Mining-Pools untereinander ab?
Nichts davon steht im Protokoll.
Legt man diese Fragen neben die in sieben Abschnitte zerlegte Kette aus dem achtzehnten Essay, erkennt man dieselbe Form. Dort wurde eine Hypothek in sieben Glieder aufgeteilt. An jeder Verbindungsstelle blieb etwas, das nur mithilfe von Vertrauen zu überbrücken war. Hier wird eine Überweisung in einen Teil innerhalb und einen außerhalb des Protokolls zerlegt. Der äußere Teil hat ebenfalls sieben oder acht Verbindungsstellen. Der Unterschied liegt nur im Grund der Zerlegung: Damals sollte das Risiko verkauft werden. Hier entsteht die Teilung, weil das Protokoll nur den Abschnitt regeln kann, den es eben regeln kann.
Das Protokoll regelt die Reihenfolge auf der Kette. Wer es benutzen will, muss aber erst durch diese rund zehn Dinge hindurch. Und bei jedem davon muss er auf etwas vertrauen.
7. Wer ändert das Protokoll?
Der deutlichste Weg, auf dem das Vertrauen zurückkehrt, führt über die Börsen. Und für diesen Weg gibt es ein ungewöhnlich vollständiges Anschauungsstück.
Das Protokoll selbst verlangt vielleicht nicht, dass du bei der Abwicklung deiner Zahlung einer bestimmten Bank vertraust. Sobald du aber Fiatgeld in Coins wechseln oder Coins wieder zu Fiatgeld machen willst, oder sobald dir die Aufbewahrung des eigenen privaten Schlüssels zu lästig wird, gelangst du in die Hände von Verwahrplattformen, Zahlungsabwicklern und Wallet-Anbietern.
Die Börse, die 2014 insolvent wurde, führt diesen Vorgang beispielhaft vor. Zeitweise war sie das Gesicht dieser Währung. Sie war der wichtigste Zugang, um Kurse nachzusehen, zu handeln und Geld ein- oder auszuzahlen.
In einer Mitteilung vom 28. Februar 2014 räumte sie ein, dass etwa 750.000 Coins ihrer Kunden und ungefähr 100.000 eigene Coins verschwunden seien. Das Unternehmen hielt es für höchst wahrscheinlich, dass sie gestohlen worden waren. Zugleich klaffte in den Bankkonten eine Lücke von rund 2,8 Milliarden Yen.
Am 20. März teilte das Unternehmen dann mit, in alten Wallets ungefähr 200.000 Coins wiedergefunden zu haben. Damit sank die Schätzung der tatsächlich verschwundenen Menge auf rund 650.000 Coins.
Spätere Untersuchungen verfolgten die Diebstähle zurück und stellten wiederholte Entwendungen zwischen 2011 und 2014 fest.
Hier war keine Krise durch doppelte Ausgaben auf der Ebene des Protokolls eingetreten.
Die Nutzer hatten vielmehr einen Vermögenswert, der angeblich kein Vertrauen brauchte, erneut einem Vermittler überlassen, dem man vertrauen musste.
Damit kehrte alles zurück: jahrelanges Warten, eingefrorene Gelder, Gerichtsverfahren um Entschädigung und die Überprüfung der Identität.
Eine Nachrichtenagentur beschrieb es in einem Rückblick deutlich: Der Zusammenbruch der Börse habe offengelegt, dass die Ideale von Laissez-faire und Regulierungsfreiheit in dieser Gemeinschaft auf die Anforderungen von Finanzdienstleistungen prallen mussten: verlässliche Abläufe, Regelkonformität und die Bedürfnisse der Kunden.
Das ist keine zufällige Abweichung. Es ist eine strukturell angelegte Rückkehr.
Der Finanzstabilitätsrat weist in seiner Behandlung der Risiken dezentraler Finanzsysteme auf umfassende Verbindungen zwischen der sogenannten dezentralen Finanzwelt und zentralisierten Handels- und Kreditplattformen hin. Viele Beteiligte wechseln gerade über diese Plattformen zwischen den Systemen auf der Kette und der Welt des Fiatgelds. Er hebt außerdem hervor, dass die jeweiligen Steuerungsordnungen oft unklar, undurchsichtig, unerprobt oder manipulierbar sind. Wie weit die Dezentralisierung tatsächlich reicht, unterscheidet sich erheblich.
Der zweite Weg der Rückkehr ist grundlegender. Er führt zum Kern dieses Essays.
Ein Forscher hat zwei Dinge unterschieden: Steuerung durch die Infrastruktur und Steuerung der Infrastruktur.
Im ersten Fall vollzieht das Protokoll die Regeln automatisch. Dieser Teil gelingt sehr gut.
Der zweite Fall ist etwas anderes. Wie wird das Protokoll selbst geändert? Wer behebt die Fehler? Auf wen hört man, wenn sich die Kette spaltet? Sollen die Knoten ein Update vornehmen?
Diese Fragen kann das Protokoll nicht aus eigener Kraft beseitigen.
Eine weitere Forscherin weist darauf hin, dass die tatsächliche Steuerung von Blockchains weiterhin auf menschlichem Urteil, Einfluss und informellen Verfahren beruht. Für eine der dort vorkommenden Formen von Autorität verwendet sie sogar den Begriff charismatische Herrschaft.
Der spätere Streit um die Blockgröße, die Aktivierung von Segregated Witness und der von Nutzern angestoßene Soft Fork zeigen allesamt: Nutzer, Miner, Kernentwickler und Unternehmen sind durch die Kryptografie nicht zu vollkommen gleichberechtigten Teilchen eingeebnet worden.
Was Konsens heißt, entsteht häufig im Zusammenwirken technischer Parameter, wirtschaftlicher Anreize, Deutungsmacht und öffentlicher Mobilisierung.
An diesem Punkt lässt sich die Einsicht formulieren, die dieser Fall an die gesamte Reihe zurückgibt.
Der Aufbau kann alles regeln, außer der Frage, wer seine Regeln ändern darf.
In den bisherigen einundzwanzig Essays kam dieser Satz nicht vor, und der Grund ist einfach. Die früheren Formen des Aufbaus hatten nie vor, sich unveränderlich festzuschreiben. Sie ließen stets einen Platz für Änderungen frei. Auf diesem Platz saßen gewöhnlich Menschen, Parlamente, Zentralbanken, Kommissare oder Ratingausschüsse.
Diesmal versucht der Aufbau zum ersten Mal, auch diesen Platz abzuschaffen.
Doch er lässt sich nicht abschaffen. Regeln können automatisch vollzogen werden. Das Ändern von Regeln nicht.
Hier lohnt der Blick zurück auf den siebzehnten Essay. Im Text jenes internationalen Abkommens stand eine fast nie angewandte Klausel. Schon ihre bloße Existenz bedeutete, dass der Aufbau in seinem eigenen Text einen Platz für Änderungen freihielt. Die früheren Formen des Aufbaus ließen alle einen solchen Platz offen. Meist schrieben sie sogar dazu, wer berechtigt war, ihn einzunehmen. Diesmal blieb kein solcher Platz.
Der dritte Weg der Rückkehr führt über das Ansehen des Gründers.
Eine Besonderheit dieser Währung besteht darin, dass der Rückzug ihres Gründers in gewisser Hinsicht die Möglichkeit späterer Eingriffe verringerte. Zugleich ließ er vielen Anhängern Raum für einen Mythos ohne Kaiser.
Doch die Geschichte der Kryptowährungen verlief nicht überall so.
2016 wurden einer autonomen Investmentorganisation auf einer anderen Kette Token im Wert von ungefähr sechzig Millionen Dollar entzogen. Die Gemeinschaft entschied sich anschließend für einen Hard Fork, um die Auswirkungen des Vorgangs rückgängig zu machen. Übrig blieben zwei Ketten.
Daran zeigt sich, dass der Satz Code ist Gesetz angesichts hinreichend großer Verluste durch die Politik einer Gemeinschaft außer Kraft gesetzt werden kann.
Später, 2022, brachen ein Stablecoin und der an ihn gekoppelte Token zusammen. Aufsichtsbehörden und investigative Berichte konzentrierten sich unmittelbar darauf, wie Gründer und Unternehmen durch wiederholte Aussagen Vertrauen aufgebaut und nach dem Verlust der Kursbindung enorme Schäden verursacht hatten.
Ein noch extremerer Fall bildet beinahe das Gegenstück zu dieser gesamten Tradition: Der Gründer einer zentralisierten Börse sammelte durch sein persönliches Ansehen und die Erzählung um seine Marke das Vertrauen sehr vieler Menschen. Schließlich wurde festgestellt, dass er Kundengelder veruntreut, betrügerisch verwendet und unrechtmäßig mit anderen Geldern vermischt hatte.
Darin liegt ein seltsamer Widerhall jener frühen Prophezeiung.
Das anonyme System hat den Ruf nicht abgeschafft. Es hat ihn an einen gefährlicheren Ort versetzt.
Wo herkömmliche Wirtschaftsprüfung, Einlagensicherung, klare Unternehmensführung und ausgereifte Abhilfeverfahren fehlen, werden Gründer, Kernentwickler, Börsenbetreiber, der Mythos der Prüfung und die Kultur der Gemeinschaft mit einem Übermaß an Bedeutung beladen.
Der Ruf ist kein bloßes Beiwerk mehr. Er wird zur Brücke, über die das anonyme Geld wieder an die gesellschaftliche Welt angeschlossen wird.
Im einundzwanzigsten Essay hieß es aber bereits: Auch der Ruf will, dass die Rechnung aufgeht. Von Natur aus ist er nicht großzügiger als Geld.
Hier lässt sich ergänzen: Je weniger formelle Institutionen etwas umgeben, desto mehr Gewicht lastet auf dem Ruf. Und je größer dieses Gewicht ist, desto mehr stürzt auf die Menschen herab, wenn der Ruf versagt.
8. Nicht zu reparieren
Der Streit über diese ganze Geschichte ist bis heute nicht entschieden. Und die Meinungsverschiedenheiten sind keine Geschmacksfragen.
Die erste Kontroverse lautet: befreiende Dezentralisierung oder neue Vermittler für die Spekulation? Die Befürworter betonen, dass erstmals Fremde Werte übertragen konnten, ohne Banken, ohne Abrechnungsstellen und ohne vorab festgestellte Identität. Darin sehen sie eine technische Antwort auf Finanzkrisen, Kapitalverkehrskontrollen, Zahlungszensur und die Aufblähung des Fiatgelds. Die Kritiker halten entgegen, der überwiegende Teil des tatsächlichen Handelsvolumens konzentriere sich seit Langem auf Börsen und spekulative Geschäfte. Ein Forscher schreibt ausdrücklich, gerade die heute umfangreichsten Kryptoaktivitäten liefen über jene vertrauenswürdigen Finanzvermittler. Die Vorteile der Anonymität und des dezentralisierten Vertrauens würden dabei also gar nicht wirklich genutzt.
Die zweite Kontroverse fragt, ob die Unabhängigkeit vom Vertrauen eine institutionelle Tatsache oder eine Werbeaussage ist. In den ursprünglichen Texten steht der Ersatz von Vertrauen durch kryptografische Beweise zweifellos im Mittelpunkt. Andere Forschungen halten dagegen, diese Darstellung übersehe das gesellschaftliche Vertrauen, das sich um Code, Gemeinschaft und geteilte Überzeugungen bilde. Strittig ist nicht, ob bestimmte alte Vermittler beseitigt wurden. Strittig ist, ob man die Abhängigkeit, die nach ihrer Beseitigung übrig bleibt, weiterhin Vertrauen nennen sollte.
Die dritte Kontroverse gilt der Frage, ob technische Steuerung politische Steuerung ersetzen kann. Die optimistische Seite meint, Protokollregeln, offener Quellcode, die Wahlmöglichkeiten der Knoten und Marktwettbewerb könnten eine hinreichend starke, sich selbst organisierende Ordnung bilden. Die skeptische Seite weist darauf hin, dass der tatsächliche Betrieb öffentlicher Ketten immer auf wenige Kernentwickler, Mining-Pools, Infrastrukturanbieter und Meinungsführer angewiesen bleibt. Eine Aufspaltung sei kein Fehler, sondern eine strukturelle Folge.
Die vierte Kontroverse fragt, ob das Ganze eher Geld oder eher ein spekulativer Vermögenswert ist. Befürworter verweisen auf die Geschichte von der Testüberweisung über zehn Coins bis zu den Pizzen für zehntausend: Als Zahlungsmittel sei es tatsächlich erprobt worden. Kritiker erwidern, die später entstandene gesellschaftliche Praxis drehe sich häufiger um Horten, Handel, Hebelgeschäfte und Erzählungen über den Preis. Ein Forscher hat das zugespitzt: Würde es gemessen an seinen eigenen ideologischen Zielen vollständig erfolgreich, würde es gerade dadurch in seinen wirklichen Geldfunktionen scheitern.
Hier wird kein Urteil gefällt.
Der Grund ist diesmal besonders klar: Die vier Kontroversen fragen nicht nach derselben Sache. Die erste fragt nach den tatsächlichen Verwendungen. Die zweite nach der Definition eines Wortes. Die dritte nach den Grenzen dessen, was institutionelle Gestaltung leisten kann. Die vierte nach der Beschaffenheit eines Gegenstands. Vermengt man all das zu der Frage, ob Kryptowährungen nun etwas taugen oder nicht, erhält man keine Antwort.
Jenseits dieser vier Kontroversen lässt sich jedoch etwas mit größerer Bestimmtheit sagen. Es knüpft an den Schluss des vorigen Essays an.
Im einundzwanzigsten Essay hieß es, jedes Scoringsystem bilde am Ende einen Mechanismus aus, den es Wiederherstellung nennt. Und dieses Wort sei ein Geständnis: Es räumt ein, dass ein Mensch sich verändern kann, während die Aufzeichnung eine Verdichtung der Vergangenheit bleibt. Zwischen beiden liegt ein Abstand.
Dieses System ist genau entgegengesetzt entworfen.
Es ist stolz darauf, keine Reparatur zuzulassen.
Sobald eine Transaktion in jene Kette geschrieben ist, lässt sie sich nicht rückgängig machen. Geht der private Schlüssel verloren, sind die Coins verloren. Niemand kann sie für dich zurückholen. Auf der Kette gibt es keine Beschwerdestelle, keinen Kundendienst, keinen Menschen, der sich umstimmen ließe, und niemanden, der berechtigt wäre, eine bereits geschriebene Zeile zu ändern.
Das ist kein Mangel des Systems. Es ist die Quelle seiner gesamten Sicherheit.
Ein Rechnungsbuch kann nur dann ohne jemanden auskommen, der für seine Einträge einsteht, wenn niemand an ihnen rühren kann.
Lassen sie sich ändern, muss jemand das Recht haben, sie zu ändern. Hat jemand dieses Recht, muss man jemandem vertrauen.
Nicht reparierbar zu sein und kein Vertrauen zu brauchen sind deshalb zwei Seiten derselben Sache. Nur eine davon lässt sich nicht haben.
Doch 2016 wurde auf jener anderen Kette, als der Verlust groß genug war, die Tür aufgestoßen.
Diskussionen in der Gemeinschaft, Abstimmungen und ein Hard Fork machten die Übertragung jener Token rückgängig. Das geschah nicht automatisch durch das Protokoll. Eine Gruppe von Menschen kam zusammen und entschied es.
Danach blieben zwei Ketten bestehen. Die eine akzeptierte die Rücknahme. Die andere beharrte darauf, dass die ursprüngliche Geschichte nicht geändert werden durfte.
Beide Ketten liefen auch danach weiter.
Der Streit brachte also keine Antwort hervor. Er brachte eine Gabelung hervor. Ein Teil der Menschen entschied sich für eine Welt, in der Reparatur möglich ist, ein anderer für eine Welt, in der sie unmöglich ist. Keine Seite konnte die andere überzeugen.
Diese Gabelung sagt mehr aus, als ein Sieg einer der beiden Seiten es getan hätte. Sie bedeutet, dass die Unmöglichkeit einer Reparatur kein Standpunkt ist, der sich durch Argumente zwingend herleiten lässt. Sie ist eine Wahl. Eine Wahl aber muss jemand treffen. Sobald jemand wählen muss, ist man wieder am Anfang. Der Aufbau ist einen ganzen Kreis gegangen, um die Menschen aus dem Rechnungsbuch hinauszubitten. Im entscheidenden Augenblick wurden die Hinausgebetenen wieder hereingebeten. Und zwar, um zu entscheiden.
Was Nakamoto tun wollte, lässt sich in einem Satz sagen: Geld soll von einem Menschen zum anderen gelangen können, ohne dass dafür irgendeinem Menschen vertraut werden muss.
Ein großer Teil davon ist ihm gelungen. Die Kette schreitet bis heute in Zehn-Minuten-Schritten voran. Niemand hat sie angehalten. Niemand hat die bereits geschriebenen Zeilen geändert.
Wer sie benutzen will, muss jedoch irgendwo Fiatgeld in Coins wechseln. Er muss den privaten Schlüssel irgendwo aufbewahren. Er muss darauf vertrauen, dass die Verfasser der Wallet-Software keine Hintertür eingebaut haben. Staut sich die Kette, muss er darauf vertrauen, dass die Gebühren morgen wieder sinken. Und wenn das System geändert werden soll, muss er auf einige bestimmte Menschen hören, die sagen, wie es zu ändern sei.
All das steht nicht im Protokoll. Das Protokoll regelt das Buch. Es regelt nicht, auf welchem Weg die Menschen, die es benutzen, überhaupt zu ihm gelangen.
Ein Rechnungsbuch kann es schaffen, niemanden mehr zu brauchen, der für es einsteht.
Es kann es nicht schaffen, niemanden mehr zu brauchen, der es benutzt.
Und solange Menschen es benutzen, werden Menschen Fehler machen, bestohlen werden, mitten in der Nacht eine Zeichenfolge verlieren oder nach einem Zusammenbruch verlangen, das Geschehene zurückzudrehen. An jenem Tag muss jemand vortreten und entscheiden, ob zurückgedreht wird oder nicht.
Die bisherigen einundzwanzig Rechnungsbücher hatten alle eine Tür in sich geöffnet, die Wiederherstellung hieß. Sie hatten festgelegt, wie lange man gehen, was man einreichen und wie weit man kommen musste, damit der Weg als zurückgelegt galt.
Dieses Buch hat die Tür nicht geöffnet. Es hat die Unmöglichkeit einer Reparatur zur Quelle seiner gesamten Sicherheit erklärt.
Und doch wurde die Tür auf jener anderen Kette einmal aufgestoßen.
Nicht das Protokoll stieß sie auf. Eine Gruppe von Menschen kam zusammen.
Die Rechnung geht noch immer nicht auf. Und das Buch wird weitergeführt.
Eigenständige deutsche Neufassung auf Grundlage der Argumentation und Quellen des chinesischen Originals, für deutschsprachige Leser neu komponiert. 中文・English