Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 70

Einen Satz kennen und nach ihm leben

Chinesischer Text dieses Kapitels

Seidenhandschriften · chinesische Textfassung dieses Kommentars

吾言甚易知也,甚易行也,而人莫之能知也,而莫之能行也。言有君,事有宗,其唯无知也,是以不我知。知者希,则我贵矣,是以圣人被褐而怀玉。

Zur Textfassung und Zeichensetzung

Der chinesische Text folgt dem kommentierten Dao De Jing des Autors (《道德经注·君子不器》). Diese Fassung berücksichtigt beide Seidenhandschriften, A und B, sowie editorische Berichtigungen und Ergänzungen; sie gibt keine der beiden Handschriften Zeichen für Zeichen wieder. Die Kapitelnummern folgen der überlieferten Standardfassung, die Satzzeichen dem Kommentar. Beim Wechsel der Lesesprache bleibt der chinesische Wortlaut unverändert.

Den zugrunde liegenden Aufsatz lesen (Englisch / Chinesisch)

I. Im Lesezeichenordner liegen schon viele Antworten

Weniger unterbrechen. Besser zuhören. Nicht jede Gelegenheit ergreifen. Nach einem Erfolg nicht überheblich werden. Wir haben solche Sätze gelesen, ihnen zugestimmt und besonders gute Formulierungen für später gespeichert. Vielleicht können wir sie einem anderen Menschen sogar überzeugend erklären.

Dann beginnt das nächste schwierige Gespräch, und wir fallen ihm wieder ins Wort. Der Abend sollte frei bleiben, doch wir nehmen noch eine Aufgabe an. Manchmal fehlt der richtige Gedanke nicht einmal: Wir erinnern uns an ihn und sehen zugleich, wie die alte Bewegung trotzdem weiterläuft.

Das siebzigste Kapitel hält nach vielen Ratschlägen inne: „吾言甚易知也,甚易行也,而人莫之能知也,而莫之能行也.“ Meine Worte seien leicht zu verstehen und leicht auszuführen; dennoch verstünden und verwirklichten die Menschen sie nicht. Die Übertreibung bringt eine vertraute Lücke zum Ausdruck, keine statistische Feststellung, dass buchstäblich niemand etwas begriffen hätte.

Vielleicht brauchen wir gerade deshalb nicht sofort den nächsten klugen Satz. Zwischen den bereits bekannten Worten und dem nächsten wirklichen Gespräch liegt noch Arbeit. Sie sieht weniger eindrucksvoll aus als eine neue Einsicht, betrifft aber genau den Ort, an dem eine Einsicht unser Leben verändern könnte.

II. Die Hand ist schneller als die Erklärung

„易知“ und „易行“ bezeichnen zunächst die Zugänglichkeit der Worte und ihrer Praxis. Man muss nicht festlegen, dass das erste Verstehen bloßes Nachahmen bedeute und das zweite eine ganz andere, sprachlich vorgeschriebene Stufe. Der Gegensatz liegt zwischen einer einfachen Lehre und ihrer schwierigen Verwirklichung im wirklichen Leben.

Ein Telefon macht diese Lücke sichtbar. Wir können erklären, warum Aufmerksamkeit wichtig ist. Dann entsteht bei einer Aufgabe ein kurzer leerer Moment, und die Hand greift schon zum Bildschirm. Nicht eine schlechte Theorie hat uns dazu gebracht. Eine eingeübte Bewegung war früher da als die bewusste Entscheidung.

Einmal anders zu handeln beseitigt diese Gewohnheit noch nicht. Heute hören wir geduldig zu; morgen trifft ein Satz eine empfindliche Stelle, und wir antworten, bevor der andere fertig ist. Verstehen ist keine bestandene Prüfung, deren Zeugnis jede spätere Situation automatisch abdeckt. Es muss sich in verschiedenen Lagen bewähren und erweitern.

Das erlaubt einen genaueren Blick auf uns selbst. Es ist wahr, dass wir etwas verstanden haben. Es ist ebenso wahr, dass wir es noch nicht zuverlässig tun. Daraus folgt weder vollständige Meisterschaft noch völlige Wertlosigkeit. Die Lücke zeigt, woran weitergearbeitet werden kann.

Vielleicht beginnt die nächste Stufe des Verstehens gerade mit dem Eingeständnis: Diesen Satz kann ich gut wiederholen; in dieser bestimmten Situation verliere ich ihn noch.

III. Einfach ist nicht dasselbe wie leicht

Gewöhnliche Einsichten werden leicht übergangen. „Lass den anderen ausreden“ klingt nicht neu. Wir widmen unsere Aufmerksamkeit lieber einer komplizierten Methode, an der sich zeigen lässt, wie viel wir dazugelernt haben. Dass ein Satz vertraut ist, wird dabei unbemerkt zum Ersatz für die Frage, ob wir nach ihm handeln.

Hinzu kommt, dass die Umgebung nicht immer belohnt, was sie ausdrücklich gutheißt. In einer Besprechung wird der erste Beitrag gesehen, während ein langsamer durchdachter Einwand zu spät kommt. Ein Team spricht von Offenheit, lobt aber vor allem Menschen, die nie schlechte Nachrichten bringen. Die Einzelnen verstehen den Rat und erleben zugleich die Kosten seiner Anwendung.

Auch eigene Gewohnheiten wirken mit: Anerkennung suchen, sich vor Beschämung schützen, auf Zweifel sofort mit einer Verteidigung antworten. Solche Bewegungen sind häufig, aber keine unveränderliche Definition des Menschen. Sie können sich ändern, ebenso die Bedingungen, die sie verstärken.

Darum ist eine kurze Lehre nicht unbedingt leicht zu leben. Sie trifft auf Zeitdruck, Müdigkeit, Erfahrungen und die Reaktionen anderer. Wer müde regelmäßig ungeduldig wird, braucht vielleicht mehr Erholung statt eine weitere Selbstanklage. Wer ständig erreichbar sein soll, braucht möglicherweise geklärte Grenzen der Erreichbarkeit statt nur einen besseren Vorsatz zur Konzentration.

Die Praxis besteht also nicht allein im Ringen gegen sich selbst. Sie kann darin liegen, die Bedingungen so zu verändern, dass eine bejahte Einsicht überhaupt eine Chance bekommt. Das macht sie nicht weniger anspruchsvoll, sondern weniger abstrakt.

IV. Die gemeinsame Wurzel der vielen Ratschläge

„言有君,事有宗“ lautet die hier gewählte Reihenfolge: Worte haben etwas Leitendes, Angelegenheiten einen Ursprung oder Grund. Die verbreitete Fassung ordnet „宗“ den Worten und „君“ den Angelegenheiten zu. Beide Ausdrücke bringen Bilder von Leitung und Herkunft ins Spiel. Es handelt sich nicht um eine lose Ansammlung unverbundener Aussprüche.

Wer diese Kapitel nur als Sammlung von Techniken liest, kann leicht in Widersprüche geraten. Heute soll man Initiative zeigen, morgen zurücktreten; hier beharrlich sein, dort loslassen. Je mehr Regeln gesammelt werden, desto schwerer wird die Wahl der nächsten Handlung. Die Zitate konkurrieren, während die Lage unbetrachtet bleibt.

Eine gemeinsame Frage kann sie miteinander verbinden: Was braucht hier Schutz oder Unterstützung, und was verteidige ich nur, weil ich mein eigenes Bild nicht loslassen möchte? Das beantwortet nicht jeden Fall, aber es lenkt die Aufmerksamkeit von der richtigen Pose zum Grund des Handelns.

Ein erfahrener Mensch arbeitet nicht deshalb ohne jede Regel. Er versteht zunehmend, wozu eine Regel da ist, welche Grenze ernst genommen werden muss und wo eine Form der Situation angepasst werden kann. Der gemeinsame Grund ersetzt keine Fachkenntnis. Er verhindert eher, dass Fachkenntnisse als lauter einzelne Werkzeuge herumliegen, ohne sich gegenseitig zu erhellen.

Nichtstreiten, Raumlassen und das Begrenzen der eigenen Ansprüche sind so keine voneinander getrennten Tricks. Sie fragen auf verschiedene Weise, wie Handeln möglich wird, ohne dass unser Selbstgefühl die ganze Szene ausfüllen muss.

V. Andere können lehren, aber nicht stellvertretend verstehen

„其唯无知也,是以不我知“ kann im Anschluss an den vorigen Satz heißen: Weil die Menschen den Grund nicht erkennen, verstehen sie auch die sprechende Person nicht. Die Wendung sagt nicht wörtlich, dass Wissen zwischen Menschen grundsätzlich unübertragbar sei. Auch eine Abwertung aller Nichtverstehenden ist nicht nötig, um ihre Frage zu hören.

Von hier aus lässt sich eine Erfahrung des Lernens betrachten. Jemand kann etwas sorgfältig erklären und uns dadurch wirklich weiterhelfen. Die Erklärung wird dennoch erst mit unserer Beteiligung zu unserem Verständnis. Informationen, Vorführung und Übung sind wirksam; sie müssen nicht als bloß äußerlich abgetan werden, damit diese Beteiligung zählt.

Manchmal gewinnt ein lange bekannter Satz in einer Situation plötzlich Gestalt. Wir haben etwas erlebt, einen guten Vergleich gesehen oder mit jemandem genauer gesprochen. Schmerz kann Teil solcher Erfahrungen sein, ist aber kein Eintrittspreis für Einsicht. Niemand muss absichtlich scheitern gelassen werden, um „wirklich“ zu lernen.

Ein guter Lehrer führt zur Tür und hilft auch, den Schlüssel zu finden. Er erklärt, warum sie sich so öffnet, hält sie vielleicht einen Moment und weist auf einen gefährlichen Weg hin. Dass wir selbst hindurchgehen müssen, verbietet ihm nicht zu helfen. Es begrenzt nur die Vorstellung, er könne diesen Schritt vollständig für uns tun.

Dasselbe gilt für diese Reihe. Ihre Deutungen bieten Zugänge, keine Pflicht zur Zustimmung. Leser dürfen sie mit ihrer Erfahrung prüfen und ihnen widersprechen. Eine Auslegung über nichtbeherrschendes Lernen würde sich selbst widersprechen, wenn sie nur eine einzige erlaubte Weise des Verstehens gelten ließe.

VI. Die Jade unter dem groben Gewand

„知者希,则我贵矣“ verbindet die Seltenheit des Verstehens mit Kostbarkeit. Die verbreitete Fassung lautet „知我者希,则我者贵“. Die Wendungen erlauben unterschiedliche Erklärungen des seltenen Erkennens, des Folgens und des Wertvollen. Sie sollten weder ausschließlich als Aufforderung zum Nachfolgen noch einfach als Selbstkrönung des unverstandenen Genies ausgegeben werden.

Wenig Zustimmung beweist keine Wahrheit. Eine Idee kann schwer verständlich sein, weil sie tief reicht, schlecht erklärt ist oder einen Fehler enthält. Das eigene Urteil ernst zu nehmen und Kritik zuzulassen sind keine Gegensätze. Man muss sich nicht für wertlos halten, wenn man nicht verstanden wird; man darf daraus aber auch keine Unfehlbarkeit ableiten.

Das anschließende Bild ist unmittelbar: „圣人被褐而怀玉“ — die weise Person trägt ein grobes Gewand und birgt Jade an der Brust. Die unscheinbare Außenseite sagt nicht alles über den inneren Wert. Wer nur nach Verpackung urteilt, kann wiederholt an Menschen vorbeigehen, die ihr Können nicht in ein auffälliges Bild verwandelt haben.

Auch die Umkehrung wäre eine Falle. Grobe Kleidung bescheinigt keine Weisheit; sichtbare Fähigkeit beweist keine Eitelkeit. Das Bild lädt dazu ein, das Urteil nach Äußerlichkeiten auszusetzen, nicht ein gegenteiliges äußeres Erkennungszeichen einzuführen.

Für uns selbst kann die Jade heißen, tatsächliches Können und Haltung zu entwickeln, ohne fortwährend nachzuprüfen, wer sie bemerkt. Wir dürfen unsere Arbeit trotzdem erklären, angemessene Anerkennung suchen und um Hilfe bitten. Ein Wert, der nicht vollständig vom Beifall abhängt, macht den Menschen nicht unabhängig von jeder Antwort. Wie in Kapitel 67 muss das eigene Leben nicht vollständig der Pflege eines Bildes gehören.

VII. Einen bekannten Satz einmal wirklich gebrauchen

Wählen wir nicht den größten Vorsatz, sondern einen Satz, dem wir längst zustimmen und dem wir heute begegnen können. Zum Beispiel: erst zuhören, dann antworten. Im nächsten Gespräch lässt sich bemerken, wie schnell die eigene Antwort schon bereitsteht, während der andere seine Worte noch sucht.

Gelingt das Warten nicht, ist eine genauere Frage hilfreicher als ein pauschales Urteil. Wovor wollte ich mich schützen? War die Zeit knapp? Habe ich mich missverstanden gefühlt? Eine bestimmte Schwierigkeit lässt sich eher verändern als die Behauptung, man habe eben einen schlechten Charakter.

Man kann auch eine Bedingung bereitstellen. Für konzentriertes Arbeiten darf der Bildschirm eine Weile außer Reichweite liegen. Eine ehrliche abweichende Meinung lässt sich zuerst in einer vergleichsweise sicheren Beziehung aussprechen. Vor einer Zusage kann man die schon übernommenen Arbeiten tatsächlich ansehen, statt nur die Lust auf die neue Aufgabe zu spüren.

Solche Schritte sehen selten wie Erleuchtung aus. Vielleicht ergeben sie nicht einmal eine erzählenswerte Geschichte. Aber ein fremder Satz beginnt durch sie eine eigene praktische Bedeutung zu gewinnen. Einmal gelungen bleibt einmal gelungen; ein genauer erkanntes Hindernis ist ebenfalls ein Stück Erkenntnis.

Auch die Übung selbst muss nicht zur Bühne werden, auf der wir täglich eine gelungene Persönlichkeit vorführen. Sie darf uns zeigen, was noch offen ist.

VIII. Der nächste Satz könnte lauten: Ich weiß es noch nicht

Nach Kapiteln über Leitung, Kraft und Konflikt fragt dieses, ob die Worte irgendwo im Leben angekommen sind oder nur weitere Sätze darstellen, denen wir gern zustimmen. Die Stimme wirkt persönlicher, beinahe wie ein Innehalten nach einer langen Erklärung.

Von der nichtbesitzenden Wirkkraft in den Kapiteln 10 und 51 über die drei Schätze und das Nichtstreiten führt der Weg zu einem einfachen Bild: grober Stoff, kostbare Jade. Außen braucht es kein dauerndes Leuchten. Innen wird dadurch aber keine wirkliche Arbeit entbehrlich.

Das nächste Kapitel wird vom Wissen um das Nichtwissen sprechen. Es ist ein natürlicher nächster Schritt. Wer einen Satz ernsthaft zu leben versucht, entdeckt oft erst dabei, wie viel er bisher nur zu verstehen glaubte.

Das bedeutet nicht, dass Lesen gescheitert wäre. Vielleicht hat die Einsicht gerade den Lesezeichenordner verlassen. Sie ist einer wirklichen Situation begegnet, mit Müdigkeit, Gewohnheiten und anderen Menschen. Dort wird sie weniger glatt — und kann zum ersten Mal genauer unsere eigene werden.


Ausführliche Anmerkungen und Textvergleiche: Abhandlung VIII, Zenodo-Ausgabe. Frühere Abhandlungen: I, II, III, IV, V, VI, VII.