Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Dazhis Daodejing-Kommentar
Kapitel 66

Führen, ohne auf den anderen zu lasten

Chinesischer Text dieses Kapitels

Seidenhandschriften · chinesische Textfassung dieses Kommentars

江海之所以能为百谷王者,以其善下之也,故能为百谷王。是以圣人之欲上民也,必以其言下之。其欲先民也,必以其身后之。故居前而民弗害也,居上而民弗重也,天下乐推而弗厌也。以其无争,故天下莫能与之争。

Zur Textfassung und Zeichensetzung

Der chinesische Text folgt dem kommentierten Dao De Jing des Autors (《道德经注·君子不器》). Diese Fassung berücksichtigt beide Seidenhandschriften, A und B, sowie editorische Berichtigungen und Ergänzungen; sie gibt keine der beiden Handschriften Zeichen für Zeichen wieder. Die Kapitelnummern folgen der überlieferten Standardfassung, die Satzzeichen dem Kommentar. Beim Wechsel der Lesesprache bleibt der chinesische Wortlaut unverändert.

Den zugrunde liegenden Aufsatz lesen (Englisch / Chinesisch)

I. Wenn jemand den Raum betritt

Eine Führungskraft kommt zur Besprechung, und die Sprache verändert sich. Das Problem, über das eben offen gesprochen wurde, bekommt plötzlich weichere Ränder. Man sucht nicht mehr nach der zutreffenden Beschreibung, sondern nach der Beschreibung, die sie hören möchte. Niemand hat ausdrücklich zum Schweigen aufgefordert. Die Stellung der Person hat es übernommen.

Eine andere Person mit derselben Verantwortung betritt den Raum, und das Gespräch kann weitergehen. Eine unvollständige Idee darf unvollständig bleiben. Ein Einwand muss nicht erst in Bewunderung verpackt werden. Man weiß, dass hier jemand helfen kann, ohne dass ihm vorher das eigene Urteil übergeben werden muss.

Beide mögen fähig sein. Der Unterschied liegt nicht allein im Amt, sondern darin, wie es auf den anderen lastet. Das sechsundsechzigste Kapitel fragt nicht einfach, wie Leitung abgeschafft werden könnte. Es fragt, wie eine höhere Stellung möglich ist, ohne alle anderen darunter zu drücken.

Das ist eine andere Frage als die nach Beliebtheit. Auch eine hilfreiche Leitung muss schwierige Entscheidungen treffen. Doch sie kann verhindern, dass zusätzlich zur Schwierigkeit der Sache fortwährend das Selbstgefühl der leitenden Person bedient werden muss. Für diese Leichtigkeit verwendet der Text erneut ein schweres, weites Bild: Flüsse und Meer.

II. Ein König, der tiefer liegt

„江海之所以能为百谷王者,以其善下之也“: Flüsse und Meer können König der hundert Täler sein, weil sie es verstehen, tiefer zu liegen. „王“ bleibt ein politisches Wort, König oder Herrscher. Seine Bedeutung lässt sich nicht auf eine harmlose Stelle reduzieren, zu der Wasser fließt. Interessant ist gerade, wie das Naturbild die Vorstellung vom Herrschen verschiebt.

Wir erwarten, dass eine höhere Stellung andere nach oben blicken lässt. Hier wird sie durch die Fähigkeit begründet, sich tiefer zu befinden. Der empfangende Ort verlangt nicht von jedem Zufluss, zuvor seine Richtung umzukehren. Er muss nicht alles auf die eigene Höhe zwingen.

Menschen folgen allerdings keinen hydraulischen Gesetzen. Ob sie kommen oder bleiben, hängt auch von Möglichkeiten, Bedürfnissen, Regeln und Macht ab. Freundlichkeit kann gespielt sein. Das Bild liefert deshalb keinen Mechanismus, durch den Demut zuverlässig Zustimmung erzeugt. Es stellt eine Frage: Können andere bei mir etwas entfalten, oder müssen sie sich zunächst zusammenziehen?

Vielleicht kennen wir einen Kollegen, den alle gern um Rat fragen. Nicht, weil er jede Antwort hätte, sondern weil er eine Frage nicht zuerst zum Beweis fremder Unfähigkeit macht. Eine offene Plattform kann auf ähnliche Weise nützlich werden: Andere können dort eigene Dinge entwickeln, statt nur die Absichten ihres Betreibers auszuführen.

Sich tiefer stellen heißt hier nicht, die eigene Fähigkeit zu verleugnen. Es heißt, sie nicht zum Hindernis für Menschen zu machen, die noch nicht dieselbe Fähigkeit besitzen. Man kann etwas wissen, ohne jedes Gespräch gewinnen zu müssen.

III. Die Worte nach unten, den eigenen Vorteil nach hinten

„必以其言下之“ und „必以其身后之“ verbinden Sprache und Handeln. Wer über Menschen stehen will, soll seine Worte unter sie stellen; wer vor ihnen sein will, sich selbst hinter sie stellen. Der Text schafft Führung nicht ab. Er verändert die Ansprüche, mit denen die führende Person ihren Platz einnimmt.

Eine freundliche Ansprache reicht nicht. Ein Vorgesetzter kann dem Team herzlich danken und anschließend die ganze Leistung als eigene Erfindung darstellen. Ein anderer nennt genau, wer die Arbeit getan hat, und tritt bei einer Vorstellung zur Seite. Wenn von außen Druck entsteht, versteckt er seine Verantwortung nicht hinter denselben Menschen. Erst darin bekommt die höfliche Sprache Gewicht.

Das erinnert an Kapitel 7, an das Zurückstellen der eigenen Person. Anerkennung weiterzugeben ist aber keine Investition, aus der anschließend mehr Einsatz herausgeholt werden soll. Die Menschen haben einen Anspruch darauf, dass ihr Beitrag richtig zugerechnet wird, nicht erst dann, wenn diese Großzügigkeit sich für die Leitung lohnt.

Ebenso muss „Entscheide du, ich vertraue dir“ durch tatsächliche Bedingungen gedeckt sein. Die Person braucht Informationen, Befugnisse und Unterstützung bei vertretbaren Fehlern. Sonst wird nur das Risiko nach unten verschoben, während die Macht zur nachträglichen Beurteilung oben bleibt.

Eine sanfte Stimme macht eine unverändert erzwungene Ordnung nicht frei. Wenn niemand widersprechen darf und jede Ablehnung bestraft wird, liegt die alte Last lediglich unter weicherem Stoff. Das Sich-zurückstellen muss im Gebrauch der Macht erkennbar werden, nicht nur im Ton ihrer Ausübung.

IV. Anwesend, wenn Unterstützung nötig ist

„居前而民弗害也,居上而民弗重也“ zeichnet eine Leitung, die vorne nicht schädigt und oben nicht belastet. „弗重“, nicht schwer sein, trifft eine besondere Erfahrung. Eine schwere Führungskraft muss weder grausam noch faul sein. Sie kann äußerst gewissenhaft sein und sich um jedes Detail kümmern wollen.

Gerade dadurch entsteht manchmal die Last. Jede Nachricht wird mit Blick auf ihre mögliche Reaktion geschrieben. Jede Entscheidung muss erst durch ihre vermutete Sicht hindurch. Die Menschen tragen eine innere Aufsicht mit sich, auch wenn die Person gar nicht im Raum ist. Am Abend sind sie nicht nur von der Arbeit erschöpft, sondern davon, ständig einen weiteren Menschen mitdenken zu müssen.

Bei einigen der besten Führungskräfte, denen ich im Silicon Valley begegnet bin, war es anders. Im gemeinsamen Arbeiten trat kaum in den Vordergrund, wer der Chef war. Wenn Unterstützung wirklich gebraucht wurde, waren sie erreichbar. Ihre Tätigkeit verschwand nicht; sie verwandelte sich nur nicht vollständig in das Gefühl, unter ihrer Tätigkeit zu stehen.

Kapitel 17 lässt an eine ähnliche Zurückhaltung denken. Gute Leitung muss nicht unsichtbar bleiben. Bei Konflikten und Gefahren kann ein eindeutiges Auftreten gerade nötig sein. Sie muss nur nicht jedes Ergebnis durch die eigene Person hindurchführen, damit ihre Beteiligung nachweisbar bleibt.

„天下乐推而弗厌也“ beschreibt freiwillige Unterstützung als Ideal. Es garantiert keine dauernde Zustimmung. Eine verlässliche Ordnung muss auch Kritik, Ablösung und unterschiedliche Interessen aushalten. Erst wenn diese Möglichkeiten bestehen, ist die empfundene Leichtigkeit mehr als das Wohlgefühl unter einer freundlichen Autorität.

V. Nicht jeder Weg muss ein Wettkampf sein

„以其无争,故天下莫能与之争“ führt zur Wirksamkeit des Nichtstreitens. Die gewählte Fassung hat „无争“, die verbreitete „不争“. Diese Reihe nimmt die Varianten zum Anlass, zwei Haltungen zu unterscheiden: sich innerhalb eines Wettkampfs mühsam zurückhalten, und den Wettkampf nicht länger zum Mittelpunkt des eigenen Handelns machen. Die Unterscheidung ist philosophisch nützlich, aber nicht allein durch „无“ und „不“ als feste psychologische Rangfolge bewiesen.

Der zweite Gedanke lohnt sich, weil Rivalität die Richtung unserer Arbeit übernehmen kann. Ein Konkurrent senkt den Preis; wir folgen. Er fügt eine Funktion hinzu; wir müssen dieselbe anbieten. Seine Definition von Erfolg wird zu unserer Tagesordnung. Wir bewegen uns viel und überlassen dennoch jemand anderem, wohin.

Eine andere Frage wäre: Welches wirkliche Bedürfnis wollen wir erfüllen, auch wenn es uns nicht unmittelbar in derselben Vergleichstabelle nach oben bringt? Im Silicon Valley hört man sowohl vom Zerschlagen der Konkurrenz als auch davon, eine kleine Delle im Universum zu hinterlassen. Auch die zweite Redeweise kann großspurig werden. Ihr brauchbarer Kern ist die Verschiebung vom zu besiegenden Menschen zu etwas, das erst entstehen soll.

Das ist keine List, mit der man so tut, als wolle man nicht gewinnen, um schließlich umso mehr zu gewinnen. Es ist die Möglichkeit, Arbeit einen Sinn zu geben, der nicht vollständig aus dem Abstand zum Nachbarn stammt. Zusammenarbeit kann gemeinsame Möglichkeiten erweitern, statt nur Anteile an einem unveränderlichen Ganzen neu zu verteilen.

Tatsächliche Konflikte verschwinden dadurch nicht. Ressourcen sind begrenzt; Macht kann missbraucht werden; gemeinsamer Widerstand kann nötig sein. Niemand wird unbesiegbar, indem er aufhört, sich zu vergleichen. Auch das Schaffen neuer Dinge verbraucht Ressourcen und betrifft andere Menschen. „Ich erschaffe etwas“ entbindet nicht von ökologischer und sozialer Verantwortung.

Der Gewinn ist begrenzter und zugleich konkreter: Nicht jeder Impuls des Gegners bestimmt unsere nächste Handlung. Die anderen bleiben wirkliche Menschen, keine bloße Kulisse unserer Originalität. Das Meer empfängt die Zuflüsse; es macht ihre Herkunft nicht bedeutungslos.

VI. Weniger Gewicht, nicht weniger Verlässlichkeit

Eine erste Veränderung kann in einer Besprechung stattfinden. Statt die eigene Stellung für ein Argument sprechen zu lassen, legen wir die Gründe offen. Dann können andere auf die Gründe antworten, ohne zugleich gegen unsere Person antreten zu müssen. Die Entscheidung wird prüfbar, und die Beziehung wird weniger belastend.

Nach einem Erfolg kann man beobachten, wer nach vorne tritt. Den tatsächlichen Beitrag anderer sichtbar zu machen löscht die eigene Arbeit nicht aus. Vielleicht besteht sie gerade darin, Bedingungen geschaffen zu haben, unter denen niemand mehr stellvertretend im Namen der Führungskraft erscheinen muss.

Auch das eigene Loslassen verdient Prüfung. Haben wir Entscheidungsspielraum übertragen oder nur Unterstützung gestrichen? Das erste kann Selbstständigkeit fördern. Das zweite lässt Menschen mit einer Last allein, die sie nicht allein tragen sollten. Leichtigkeit ist nicht Unverbindlichkeit.

Wenn eine neue Bewegung der Konkurrenz Unruhe erzeugt, muss man nicht sofort jede Konkurrenz hinter sich lassen. Eine Frage reicht: Ändert dies wirklich etwas an der Aufgabe, die wir erfüllen wollen? Falls nicht, darf die andere Seite ihren Weg gehen, während wir unsere Arbeit fortsetzen.

Sich tiefer stellen heißt nicht, ohne Gewicht zu werden. Es heißt, andere nicht dauernd spüren lassen zu müssen, wie viel Gewicht man besitzt. Die eigene Bedeutung kann darin liegen, dass Menschen weniger Kraft darauf verwenden, mit unserer Bedeutung zurechtzukommen.

VII. Ankommen, ohne die eigene Richtung zu verlieren

Vom Wasser in Kapitel 8 über die Täler und das Meer in Kapitel 32 kehrt dieselbe Umkehrung wieder: Aufnehmen ist nicht notwendig Schwäche. Eine Kraft kann tragen, statt nur vor sich herzuschieben.

Kapitel 65 fragte nach dem Platz, den unsere Antworten im Denken anderer besetzen. Hier geht es um den Platz, den unsere Stellung in ihrem Alltag einnimmt. Im nächsten Kapitel wird das Nicht-vorne-sein-Wollen als einer von drei Schätzen erscheinen.

Diese Gedanken ergeben keine Abkürzung zu unangefochtener Führung. Sie beschreiben eine Beziehung, die immer wieder überprüft werden muss. Was halten wir in der Hand? Welche Möglichkeiten können die anderen tatsächlich nutzen? Dürfen sie mit uns arbeiten und dennoch etwas Eigenes wollen?

Vielleicht ist das der deutlichste Unterschied zwischen einer Macht, vor der man ausweicht, und einer Stärke, der man sich nähert: Bei der zweiten muss niemand seine Herkunft, sein Urteil und seinen möglichen Abschied an der Tür zurücklassen. Wer kommen darf, darf auch als eigener Mensch bleiben.


Ausführliche Anmerkungen und Textvergleiche: Abhandlung VIII, Zenodo-Ausgabe. Frühere Abhandlungen: I, II, III, IV, V, VI, VII.