Je lauter die Tugend, desto dünner wird sie
Hohes De nennt sich nicht De
Hohes De hält sich nicht für De und besitzt gerade darum De; niederes De verliert De nicht aus den Augen und hat es gerade darum nicht. Sobald eine Organisation ihre Werte unablässig an die Wand schreibt, kann das ein Zeichen sein, dass die gelebte Praxis nicht mehr trägt. Der Name soll nun ersetzen, was im Vollzug dünn geworden ist.
Laozi unterscheidet Abstufungen, ohne alles unterhalb des Dao zu verwerfen. Hohes De wirkt ohne Selbstetikett und ohne erzwungenes Ziel. Ist das nicht möglich, bleibt Menschlichkeit: jemand tut fürsorglich. Reicht auch dies nicht, verlangt Gerechtigkeit ein bestimmtes Tun. Jede Stufe kann notwendig sein, doch jede fügt mehr äußere Form hinzu und lässt weniger eigene Bewegung.
Ritual als Anfang der Unordnung
Beim Ritual wird die vorgeschriebene Form schließlich so wichtig, dass der Handelnde, wenn niemand reagiert, die Ärmel hochschiebt und den anderen zwingt. Ritual ist nicht deshalb wertlos, weil Formen immer schlecht wären. Es ist „dünne Loyalität und schwacher Kredit“, wenn es die fehlende innere Beziehung nur noch durch sichtbare Befolgung simuliert. Dann beginnt Unordnung gerade unter dem Namen der Ordnung.
Auch vorschnelles Erkennen – die „Blüte des Dao“ – kann Torheit eröffnen, wenn ein Etikett die noch unbekannte Wirklichkeit ersetzt. Der große Mensch wohnt daher beim Dicken statt beim Dünnen, bei der Frucht statt bei der Blüte. Er hält sich an das, was Beziehungen und Leben tatsächlich trägt, nicht an den schönen Begriff darüber. Wenn Dao nicht erreichbar ist, soll man konkret fürsorglich handeln; nur darf die niedrigere Form sich nicht als höchste Wahrheit verkleiden.