Der Edle ist kein Werkzeug
Die ausgeschlossene Seite bewahren
Die drei Paare des Kapitels verlangen kein Nichtwissen. Man soll das Männliche kennen und das Weibliche bewahren, Ehre kennen und bei Schande bleiben, Weiß kennen und Schwarz bewahren. Die jeweils erste Seite bezeichnet die gesellschaftlich bevorzugte, sichtbare und definierte Position. Laozi fordert nicht, sie zu zerstören. Er fragt, ob ein Mensch zugleich den Anteil bewahren kann, den diese Unterscheidung an den Rand drängt.
Daraus entstehen drei Bilder der hervorbringenden Position: Bachbett, Tal und Orientierung der Welt. Wer nicht nur die ausgezeichnete Seite besetzt, kann aufnehmen und weiterleiten. Die Rückkehr führt zum Säugling, zum unbehauenen Holz und zum Grenzenlosen – nicht zurück in biologische Kindheit oder Formlosigkeit, sondern zu einer Ganzheit, die noch nicht mit einer einzigen Funktion identisch geworden ist.
Werkzeug sein, ohne darauf reduziert zu werden
Wenn unbehauenes Holz zerlegt wird, entstehen Geräte. Spezialisierung ist nötig: Menschen werden Ingenieure, Lehrer, Leiter oder Handwerker. Der Weise gebraucht ihre Fähigkeiten und kann so die Ämter führen. Problematisch wird das Werkzeug erst, wenn der Mensch als Ganzes mit seiner Funktion verwechselt wird. Ein Titel beschreibt dann nicht mehr, was jemand tut, sondern soll erschöpfend sagen, wer er ist.
„Die große Ordnung schneidet nicht.“ Gute Führung nutzt Fachlichkeit, ohne die unbehauene menschliche Ganzheit abzutrennen. Sie lässt einem Mitarbeiter mehr Zukunft als sein gegenwärtiges Stellenprofil und sich selbst mehr Leben als die eigene Berufsidentität. Der Edle ist kein Werkzeug heißt deshalb nicht: keine Kompetenz entwickeln. Es heißt: kompetent handeln, ohne sich oder andere in der Kompetenz einzuschließen. Das Konstrukt darf dienen; der Rest des Menschen bleibt unversehrt.