Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
SAE · Consciousness in Everyday Life · Deutsche Neufassung
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Leben und Tod: Wenn die Naht reißt

Han Qin (秦汉)

Das Ich als Naht

Wahrnehmungen, Erinnerungen und Körpergefühle bilden kein lückenloses Band. Dennoch werden sie aufgenommen, geordnet und als „meine Erfahrung“ fortgeführt. Vielleicht ist das Ich weniger ein verborgenes Ding als die wiederkehrende Tätigkeit des Verbindens. Eine Vollnarkose zeigt diese Naht dort, wo sie aussetzt: Auf die letzten gezählten Zahlen folgt der Aufwachraum, ohne dass dazwischen auch nur Dunkelheit erlebt worden wäre.

Unterbrechung und Ende

Im Schlaf, in Zerstreuung oder Erinnerungslücken wird das Verbinden schwächer oder setzt aus. Wenn seine Bedingungen zurückkehren, kann es Spuren des Gestern aufnehmen und dieselbe Lebensgeschichte weiterschreiben. Tod ist nicht bloß eine längere Pause. Mit ihm geht die Möglichkeit des Neustarts verloren: Es bleibt keine Tätigkeit, die Vorhandenes auswählt, neu verbindet und als „meine“ Welt aktualisiert.

Ein eigentümlicher Trost

Ein Prozess zu sein macht das Leben nicht unwirklich. Eine Melodie ist nicht weniger real, weil sie nur im Erklingen besteht. Gerade weil das Ich kein fertiger Besitz ist, wiegt jeder gegenwärtige Zusammenhang. Der Tod nimmt nicht ein abgeschlossenes Objekt namens Selbst fort, sondern alle noch möglichen Arten, die Erfahrung anders weiterzufügen. Endlichkeit macht den Augenblick nicht leichter, sondern unwiederholbar.