Eine Distanz, zweierlei Buchführung
Die Strecke des Boston-Marathons kann genau vermessen sein und trotzdem die geografischen Voraussetzungen für einen Weltrekord verfehlen. Dieselben 42,195 Kilometer gehören damit auf unterschiedliche Weise zur Geschichte eines Rennens und zur Geschichte der Rekorde.
In diesem Essay
- 1 Eine genau vermessene Strecke und eine Strecke für Weltrekorde
- 2 Das Fahrrad traut seinen eigenen Rädern nicht
- 3 Lieber etwas zu lang als etwas zu kurz
- 4 Die geometrische Grenze hat keine physiologische Begründung
- 5 Boston liegt jenseits der Grenze und wird dadurch nicht kleiner
- 6 Eine Distanz, ganz wörtlich zwei Rekordbücher
- 7 Was die Regeln bewusst ungeregelt lassen
- 8 Die Uhr des Startschusses und deine eigene Uhr
- 9 Weltbestleistung und Weltrekord
- 10 Die Grenze schafft Vergleichbarkeit, und immer bleibt etwas außerhalb
1 Eine genau vermessene Strecke und eine Strecke für Weltrekorde
Die Strecke des Boston-Marathons ist offiziell als 42,195 Kilometer lang zertifiziert.
Dieser Satz stimmt. Die Boston Athletic Association erklärt ausdrücklich, dass ihre Punkt-zu-Punkt-Strecke von Hopkinton nach Boston nach den Regeln von World Athletics und dem US-amerikanischen Leichtathletikverband zertifiziert ist: 26 Meilen und 385 Yards, also 42,195 Kilometer. Man hat sie genau vermessen. Sie ist ein Marathon mit der vorgeschriebenen Länge.
Trotzdem konnten die 2:03:02 Stunden, die Geoffrey Mutai 2011 auf dieser Strecke lief, nicht als Weltrekord anerkannt werden. Dabei war noch nie zuvor eine schnellere Marathonzeit verzeichnet worden.
Die Leistung wurde nicht für ungültig erklärt. Niemand warf Mutai vor, etwas falsch gemacht zu haben. Die Boston Athletic Association führt diese 2:03:02 bis heute mit allem gebotenen Ernst als ihren Streckenrekord. Es ist nur kein Weltrekord.
Um den Abstand zwischen diesen beiden Aussagen geht es in diesem Essay.
Eine genau vermessene Strecke und eine Strecke, auf der ein Weltrekord möglich ist, sind zwei verschiedene Dinge. Für World Athletics sind ein korrekt vermessener Marathon über 42,195 Kilometer und ein Marathon, der für Weltrekorde zugelassen ist, nicht dieselbe Aussage. Eine Strecke kann genau vermessen und offiziell zertifiziert sein, aber an einer zusätzlichen geometrischen Prüfung scheitern. Dann haben die dort erzielten Leistungen keinen Zugang zur Rubrik Weltrekord.
Boston scheitert an zwei geometrischen Prüfungen. Erstens liegt das Ziel 140 Meter tiefer als der Start. Das entspricht einem Nettohöhenverlust von etwa 3,32 Metern pro Kilometer; für rekordfähige Strecken liegt die Grenze bei einem Meter pro Kilometer. Zweitens beträgt die Luftlinie zwischen Start und Ziel ungefähr 91 Prozent der Renndistanz; erlaubt sind höchstens 50 Prozent. Boston überschreitet beide Grenzen deutlich.
Die Länge von Boston genügt also den Anforderungen, seine Geometrie nicht. Die Kategorie Weltrekord verlangt beides: eine zulässige Länge und eine zulässige Geometrie.
Essay 18 handelte davon, dass zwei systematisch verschiedene Wettkämpfe denselben Namen und dieselbe Rekordliste teilen. Hier geht es um die umgekehrte Bewegung: dieselbe Distanz, ebenso korrekt vermessen, wird wegen einer anderen Geometrie in getrennten Büchern verbucht.
Was mit den zwei Büchern gemeint ist, müssen wir zunächst klären, denn sie treten hier in mehreren Gestalten auf. Am unmittelbarsten zeigt sich diese Teilung in Boston: Dieselbe Strecke erhält in dem einen Buch einen Streckenrekord und bleibt aus dem anderen, dem Weltrekordbuch, ausgeschlossen. Noch wörtlicher gilt das im Frauenmarathon: dieselbe Distanz, eine Rekordliste für gemischte Rennen und eine zweite für reine Frauenrennen. Eine weitere Teilung steckt in der Zeitmessung: hier die Uhr, die mit dem Startschuss anläuft, dort die Uhr, die erst läuft, wenn du selbst die Startlinie überquerst. Die Formen unterscheiden sich, die Struktur ist dieselbe. Ein und dieselbe Sache wird nach einer Bedingung, die als wichtig für die Vergleichbarkeit gilt, unterschiedlich verbucht. Was tut dieser Akt des Aufteilens eigentlich? Und was bleibt dabei übrig?
2 Das Fahrrad traut seinen eigenen Rädern nicht
Um die geometrische Grenze zu verstehen, müssen wir zunächst verstehen, wie der Aufbau eine vergleichbare Länge herstellt. Schon die Methode selbst ist eine ausgesprochen schöne Sache.
Eine Marathonstrecke wird mit einem kalibrierten Fahrrad vermessen. Entscheidend ist dabei, dass dieses Fahrrad keineswegs voraussetzt, den Umfang seines Rades zu kennen.
Am Rad sitzt ein mechanisches Zählwerk, das seine Drehung in kleinen Schritten erfasst. Der klassische Jones Counter liefert zwanzig Zählimpulse pro Umdrehung. Doch der Vermesser berechnet die Strecke nicht einfach aus dem Nenndurchmesser des Rades. Er tut zuerst etwas anderes: Er fährt mit dem Fahrrad wiederholt eine Kalibrierstrecke ab, deren Länge zuvor mit einem Stahlmaßband genau bestimmt wurde. Nach mehreren Fahrten weiß er aus der Erfahrung, wie viele Zählimpulse unter den konkreten Bedingungen dieser Vermessung auf eine bestimmte Längeneinheit entfallen.
In diesem Schritt steckt der Kern des ganzen Verfahrens. Reifendruck, Belastung des Fahrrads, Straßenbelag und Temperaturänderungen können den wirksamen Radumfang geringfügig verändern. Das Fahrrad tut weder so, als gäbe es diese Veränderungen nicht, noch vertraut es einer Größenangabe auf der Reifenflanke. Es nimmt all diese Einflüsse in die jeweilige Kalibrierung auf. Was dabei herauskommt, ist keine ewige Konstante dieses Fahrrads, sondern eine Konstante für diesen einen Einsatz unter diesen einen Bedingungen.
Und nach der Vermessung der gesamten Strecke wird noch einmal kalibriert. Auf den vielen gefahrenen Kilometern kann sich der wirksame Radumfang erneut verändert haben. Der Reifen kann sich abgenutzt, der Luftdruck nachgelassen haben. Die erneute Kalibrierung macht die Veränderung sichtbar und erlaubt es, sie nach dem vorgeschriebenen Rechenverfahren zu berücksichtigen.
Diese Methode traut keinem absoluten Maß. Sie traut weder dem Nenndurchmesser eines Rades noch der Vorstellung, eine einmalige Kalibrierung behalte für immer ihre Gültigkeit. Sie vertraut nur der wiederholten empirischen Kalibrierung am Ort der Messung. Um eine vergleichbare Länge herzustellen, braucht der Aufbau kein ein für alle Mal verlässliches Lineal, sondern eine bei jedem Einsatz erneuerte Bestimmung der gegenwärtigen Bedingungen. Hier nimmt etwas sehr konkret Gestalt an, das sich durch diese ganze Reihe zieht: Vergleichbarkeit liegt nicht fertig vor. Sie entsteht in einem Verfahren, das immer wieder neu kalibriert wird.
Eine ebenso wichtige Vorschrift heißt: kürzestmögliche Strecke. Gemessen wird weder entlang der Straßenmitte noch auf der Linie, die ein durchschnittlicher Läufer tatsächlich laufen würde. Gemessen wird der kürzeste Weg, den ein Athlet regelkonform nehmen kann. In Kurven und überall dort, wo man schneiden darf, verläuft die Messlinie auf der Laufseite ungefähr 30 Zentimeter vom inneren Straßenrand entfernt und nimmt jede zulässige Tangente mit. Sonst könnte eine Strecke entlang einer bequemen Kartenlinie zwar 42,195 Kilometer ergeben, während ein Läufer, der jede Kurve legal schneidet, weniger zurücklegt. Der Aufbau vermisst deshalb die Linie, die niemand noch weiter abkürzen kann.
Hinter dieser Vorschrift steckt dieselbe Vorsicht wie hinter dem gesamten Messverfahren. Gedacht wird an einen Athleten, der jeden erlaubten Vorteil ausschöpft, nicht an einen, der brav mitten auf der Straße bleibt. Warum misst man nach dem ungünstigsten Fall? Weil die Rekordregeln gerade gegen diesen restlosen Gebrauch aller Vorteile absichern müssen. Ist eine Strecke entlang der Straßenmitte 42,195 Kilometer lang und schneidet ein Athlet jede Kurve, läuft er tatsächlich weniger als 42,195 Kilometer. Sein Rekord beruht dann auf einer zu kurzen Distanz. Der Aufbau misst also nicht für den durchschnittlichen Läufer, sondern für denjenigen, der den kürzesten Weg findet. Er misst nicht, wie weit die meisten wohl laufen werden, sondern wie wenig man mindestens laufen muss. Das ist dieselbe Richtung der Vorsicht wie beim Sicherheitsfaktor gegen zu kurze Strecken: Jeder mögliche Grund, warum die Strecke zu kurz geraten könnte, soll schon im Voraus ausgeschaltet werden.
3 Lieber etwas zu lang als etwas zu kurz
Das Verfahren mit dem kalibrierten Fahrrad hat eine bekannte Genauigkeitsgrenze: Die Messunsicherheit beträgt ungefähr ein Promille. Bei einer Strecke von 42 Kilometern kann das eine Abweichung von einigen Dutzend Metern bedeuten.
Fällt diese Abweichung zur kurzen Seite aus, entsteht ein ernstes Problem. Eine angeblich 42,195 Kilometer lange Strecke könnte tatsächlich kürzer sein. Die auf ihr erzielten Leistungen wären dann auf einer Strecke erbracht worden, die nicht die volle Distanz hatte.
Die Antwort des Aufbaus darauf heißt Sicherheitsfaktor gegen zu kurze Strecken. Seine Logik verdient einen genaueren Blick.
Dieser Faktor beträgt 1,001. Der Vermesser erhöht die Kalibrierkonstante absichtlich um ein Promille. Die abgemessene Linie enthält damit für jeden nominellen Kilometer die Zählimpulse, die 1.001 Metern entsprechen. Bei einem Marathon bedeutet das einen bewusst eingeplanten Puffer von 42,195 Metern.
Damit wird nicht behauptet, jeder zertifizierte Marathon sei physisch exakt 42,237195 Kilometer lang. Es handelt sich um einen messtechnischen Sicherheitsfaktor. Er schiebt die mögliche Abweichung absichtlich auf die unschädliche Seite. Wenn die Messung ohnehin eine Unsicherheit von einem Promille hat, ist es besser, eine Strecke vorsätzlich etwas zu lang zu bemessen, als eine tatsächlich zu kurze zu riskieren. Lieber etwas zu lang als etwas zu kurz. Ein paar Dutzend zusätzliche Meter muss der Athlet eben noch laufen; davon geht die Welt nicht unter. Ist die Strecke dagegen zu kurz, beruht die Leistung auf einer unzulässigen Distanz. Dann hält der Rekord nicht stand.
In dieser Konstruktion steckt eine Entscheidung, die durch die ganze Reihe hindurch anklingt. Angesichts einer unvermeidbaren Messabweichung tut der Aufbau weder so, als existiere sie nicht, noch wartet er auf die Erfindung einer genaueren Methode. Er erkennt sie an und fällt anschließend ein Werturteil: Wenn schon ein Fehler, in welche Richtung soll er gehen? Er entscheidet sich für das Zuviel an Länge. Dieser Fehler ist unschädlich, das Zuwenig wäre tödlich für den Rekord. Das folgt derselben Logik wie die Entscheidung aus Essay 6, elektronische Zeiten zur langsameren Seite hin zu korrigieren. Wo ein Fehler unvermeidlich ist, übernimmt der Aufbau ihn in der Richtung, die das Vertrauen in den Rekord am besten schützt.
Hier müssen wir auf eine rein zahlenmäßige Übereinstimmung hinweisen, weil sie leicht in die Irre führt. Der Sicherheitszuschlag beträgt ein Promille. Auch der zulässige Nettohöhenverlust einer rekordfähigen Strecke beträgt ein Promille, nämlich einen Meter pro Kilometer. Diese beiden Promillewerte gehören zu völlig verschiedenen Regelungsproblemen und haben nichts miteinander zu tun. Der erste soll verhindern, dass eine Messabweichung die Strecke zu kurz macht. Der zweite begrenzt die Hilfe, die das Gefälle einer Leistung verschaffen darf. Die ursprünglichen Quellen begründen diese Regeln völlig unterschiedlich. Wer sie für dieselbe Sache hält oder meint, eine lasse sich aus der anderen ableiten, liegt falsch.
4 Die geometrische Grenze hat keine physiologische Begründung
Sehen wir uns nun die beiden geometrischen Grenzen selbst an: Die Entfernung zwischen Start und Ziel darf höchstens 50 Prozent der Renndistanz betragen, der Nettohöhenverlust höchstens einen Meter pro Kilometer.
Der Zweck beider Grenzen ist klar und dokumentiert. Sie sollen verhindern, dass eine Strecke übermäßig bergab führt oder so angelegt ist, dass Rückenwind die Leistung unzulässig verbessert. Die Begrenzung des Start-Ziel-Abstands behauptet nicht, auf jeder Punkt-zu-Punkt-Strecke herrsche Rückenwind. Sie begrenzt die Möglichkeit, dass eine vorherrschende Windrichtung auf dem größten Teil einer geradlinig verlaufenden Strecke systematisch mithilft. Entsprechend soll die Begrenzung des Nettohöhenverlusts eine systematische Hilfe durch die Schwerkraft verhindern.
Ein klarer Zweck ist aber noch keine physiologische Begründung für genau diese Zahl.
Es findet sich keine ursprüngliche technische Herleitung, die nachweist, dass 50,0 Prozent oder 1,000 Meter pro Kilometer einen physiologischen Umschlagpunkt markieren. Die moderne Biomechanik bestätigt durchaus, dass Steigung und Gefälle, Kurven und aerodynamische Unterstützung die Leistung messbar verändern. Sie findet aber keinen natürlichen Abgrund, der genau mit diesen beiden Grenzwerten zusammenfällt. Es gibt keinen Beleg für einen Wesensunterschied zwischen einem Start-Ziel-Abstand von 49 und einem von 51 Prozent. Ebenso wenig gibt es einen Beleg dafür, dass der Körper zwischen 0,9 und 1,1 Metern Höhenverlust pro Kilometer einen sprunghaften Wechsel erfährt.
Damit gehören diese Grenzen zur selben Familie wie die früheren in dieser Reihe. Für die Koeffizienten der Zehnkampftabelle in Essay 7 liegt keine öffentliche Herleitung vor. Für die 40 Millimeter bei Laufschuhen in Essay 12 ebenfalls nicht. Der Testosterongrenzwert in Essay 14 wurde nicht aus einer Effektstärke errechnet. Die 0,100 Sekunden beim Start in Essay 16 sind keine stabile physiologische Konstante. Und nun sind auch die 50 Prozent und der eine Meter pro Kilometer keine Werte, die man der Physiologie abgelesen hätte. Es sind begründbare Standardisierungsgrenzen, gewählt für eine reproduzierbare Vergleichbarkeit, keine Konstanten des menschlichen Körpers.
Zusammen sagen diese Grenzen etwas Allgemeines über den Aufbau. Will er Vergleichbarkeit herstellen, muss er eine Linie ziehen. Fast immer muss er sie aber in eine kontinuierliche Größe ziehen, die keinen natürlichen Bruch aufweist. Gefälle ist kontinuierlich, Abstand ist kontinuierlich. Jede konkrete Grenze muss deshalb gesetzt werden. Man kann sie erklären und verteidigen, aber nicht beweisen, dass sie an der einzig richtigen Stelle liegt. Denn diese Stelle gibt es nicht. Der Aufbau findet nicht erst eine natürliche Grenze und zeichnet sie dann nach. Er muss eine Grenze ziehen und schneidet sie deshalb dort ein, wo vorher keine war.
Hier zeigt sich, wie unterschiedlich Straßenlauf und Sprint mit demselben Problem umgehen. Schon dieser Unterschied ist aufschlussreich. Im Sprint misst man zur Begrenzung der Rückenwindhilfe unmittelbar die Windgeschwindigkeit: Über +2,0 Metern pro Sekunde zählt die Leistung nicht als Rekord. Auch das ist eine gesetzte Grenze; zwischen 2,0 und 2,1 liegt kein physiologischer Abgrund. Aber wenigstens lässt sich dieser Wind im Sprint direkt messen. Über eine 42 Kilometer lange Straßenlaufstrecke lässt sich dagegen kein einzelner sinnvoller Windwert bestimmen. Auf jedem Abschnitt können Richtung und Stärke anders sein. Also nimmt der Straßenlauf den Umweg: Er misst nicht den Wind, den er so nicht messen kann, sondern begrenzt die Geometrie der Strecke. Der Rückenwind soll nicht über eine lange Gerade hinweg systematisch helfen können. Dasselbe Ziel, weniger Rückenwindhilfe; im Sprint erreicht man es durch Messung, im Straßenlauf durch Geometrie, weil sich das eigentlich Gesuchte dort nicht messen lässt. Was der Aufbau reguliert, hängt auch davon ab, was er messen und kontrollieren kann.
5 Boston liegt jenseits der Grenze und wird dadurch nicht kleiner
Kehren wir nach Boston zurück. Boston ist das berühmteste Beispiel auf der anderen Seite dieser Grenze. Gerade sein Fall zeigt, was die Grenze ist und was sie nicht ist.
Entscheidend ist, zwei Urteile auseinanderzuhalten: Ist Boston genau vermessen? Und kann Boston in das Weltrekordbuch aufgenommen werden?
Boston ist genau vermessen. Es sind zertifizierte 42,195 Kilometer, darüber besteht kein Streit. Dass die Strecke nicht für Weltrekorde zugelassen ist, liegt an ihrer Geometrie, nicht an ihrer Länge. Das sind zwei getrennte Urteile. Eine Strecke kann die erste Prüfung vollständig bestehen und durch die zweite fallen. Genau das passiert in Boston.
Es lohnt sich, genau hinzusehen, wie die IAAF, der damalige internationale Leichtathletikverband, 2011 mit Mutais Leistung umging. Sie behauptete weder, die Strecke sei zu kurz, noch, mit der Leistung stimme etwas nicht. Sie erkannte ausdrücklich an, dass dies der bis dahin schnellste je gelaufene Marathon war. Sie erklärte lediglich, Boston überschreite sowohl beim Nettohöhenverlust als auch beim Start-Ziel-Abstand die zulässigen Grenzen. Deshalb könne die Leistung nicht als Weltrekord anerkannt werden.
Auf diese Formulierung kommt es an. Das Urteil lautete: gehört nicht in die Rekordkategorie. Es lautete nicht: ungültige Leistung. Diese Aussagen sind grundverschieden. Die erste sagt, die Leistung sei hervorragend, gehöre aber nicht in diese bestimmte Kategorie. Die zweite sagt, mit der Leistung selbst sei etwas nicht in Ordnung. Die IAAF sagte das Erste.
Bei einem anderen Beispiel, dem Great North Run, wurde World Athletics noch deutlicher. Dessen Halbmarathonstrecke ist zertifiziert, erfüllt aber die Weltrekordbedingungen nicht: Der Nettohöhenverlust beträgt ungefähr 1,45 Meter pro Kilometer, der Abstand zwischen Start und Ziel mehr als 75 Prozent der Renndistanz. Als dort eine Zeit erzielt wurde, die schneller war als der damalige offizielle Weltrekord, erklärte World Athletics einerseits, sie könne diesen Rekord nicht ablösen. Andererseits betonte der Verband ausdrücklich, dies schmälere die Leistung in keiner Weise.
„In keiner Weise geschmälert“: An diesen Worten hängt dieser Essay. Dass eine Leistung nicht in der Spalte Weltrekord steht, macht sie nicht kleiner und den Menschen, der sie erbracht hat, nicht schlechter. Sie steht nur nicht in diesem Buch.
Die Athleten sehen das ebenso. Ryan Hall wurde 2011 in Boston mit 2:04:58 Vierter. Er widersprach öffentlich der Vorstellung, seine Leistung sei irgendwie mit einem Makel behaftet, weil sie nicht als US-Rekord gelten könne. Der frühere Marathonweltrekordler Robert de Castella sagte es noch direkter: Jede Strecke sei anders. Diese Unterschiede gehörten zum Geheimnis des Marathons, statt ein Mangel zu sein, den man restlos wegstandardisieren müsste.
An dieser Stelle sollten wir auch einige verbreitete Missverständnisse über Boston ausräumen.
Das erste lautet: Boston ist kein regelkonformer Marathon, weil dort keine Weltrekorde möglich sind. Das stellt die Struktur der Regeln auf den Kopf. Die Strecke ist offiziell als 42,195 Kilometer vermessen und zertifiziert. Die Geometrie verhindert die Anerkennung als Weltrekord, nicht eine unzulässige Distanz.
Das zweite lautet: Boston ist immer schneller, weil es bergab geht. Ja, das Ziel liegt 140 Meter tiefer als der Start. Im Streckenprofil stecken aber erhebliche Anstiege, darunter die berühmten Newton Hills. Und das Wetter kann den vermeintlichen geometrischen Vorteil ins Gegenteil verkehren, wie Jahre mit Gegenwind, Hitze oder Regen zeigen. Eine Untersuchung mit mehr als 380.000 beobachteten Boston-Ergebnissen aus den Jahren 1897 bis 2018 fand erhebliche Wettereinflüsse. Der Nettohöhenverlust ist eine regeltechnische Ersatzgröße für Vergleichbarkeit. Er ist keine Prognose, dass Boston in jedem Jahr schneller sein werde als Berlin, London oder Chicago.
Das dritte lautet: Mutais 2:03:02 wurden für ungültig erklärt. Die Entscheidung war sehr viel enger: Sie konnten nicht als Weltrekord anerkannt werden. Die IAAF würdigte ihre beispiellose Schnelligkeit, die Boston Athletic Association führt sie bis heute als Streckenrekord. Es gab keinerlei Urteil, das Mutai ein Fehlverhalten vorwarf.
6 Eine Distanz, ganz wörtlich zwei Rekordbücher
Boston zeigt eine Form dieser getrennten Buchführung: dieselbe Strecke, hier das Buch der Streckenrekorde, dort das Buch der Weltrekorde, und Boston kommt nur im ersten vor. Es gibt aber auch eine noch wörtlichere Form. Die liefert der Frauenmarathon.
Auf ihrem Kongress in Daegu beschloss die IAAF 2011 eine Änderung: Ein Straßenlaufweltrekord der Frauen musste fortan in einem reinen Frauenrennen erzielt werden. Leistungen von Frauen in gemischten Rennen sollten in eine gesonderte Kategorie Weltbestleistung fallen.
Die Begründung lautete: Laufen Frauen gemeinsam mit Männern, können sie männliche Tempomacher nutzen und dadurch Windschutz oder Hilfe beim Halten des Tempos erhalten. In einem echten reinen Frauenrennen steht diese Hilfe nicht zur Verfügung. Für die IAAF waren gemischte Rennen und reine Frauenrennen deshalb Bedingungen, die sich im Hinblick auf den Rekordvergleich wesentlich unterschieden.
Eines muss dabei sofort klargestellt werden: Mit dieser Regeländerung wurde Paula Radcliffe kein Betrug vorgeworfen.
Radcliffes 2:15:25 in London 2003 waren unter gemischten Rennbedingungen erzielt worden, und dieses Rennen entsprach vollständig den damals geltenden Regeln. Die Änderung besagte nicht, dass sie gegen Regeln verstoßen hatte. Es ging darum, wie die Institution solche Leistungen rückblickend und künftig einordnen wollte. Die Begründung einer Regel und ein Urteil über eine Athletin sind zwei verschiedene Dinge; man muss sie auseinanderhalten. Nach dem ursprünglichen Plan hätten Radcliffes 2:15:25 den Status eines Weltrekords verloren und wären zur Weltbestleistung geworden. Ihre 2:17:42 aus dem reinen Frauenrennen in London 2005 wären dagegen der Frauenweltrekord gewesen.
Dann kam Widerspruch. Im September 2011 wandten sich die World Marathon Majors und die Association of International Marathons and Distance Races öffentlich gegen die Änderung. Ihre Begründung hatte zwei Teile. Die meisten Straßenläufe im Breitensport seien gemischt; ein einziger, ausschließlich für reine Frauenrennen vorgesehener Rekord könne diesen Sport deshalb statistisch nicht angemessen abbilden. Außerdem sei es verwirrend und unfair, den schnellsten regelkonform erzielten historischen Leistungen nachträglich den Rekordstatus zu nehmen. Sie forderten zwei Kategorien: eine für gemischte Rennen und eine für reine Frauenrennen.
Die IAAF gab nach. Bei ihrer Ratssitzung im November 2011 in Monaco rückte sie von dem Plan ab, nur ein Rekordbuch zu führen, und erkannte Leistungen aus gemischten Rennen wieder an. Daraus entstand schließlich die parallele Kategorienstruktur, die bis heute gilt. Radcliffes 2:15:25 behielten die Anerkennung als Weltrekord, statt dauerhaft zur bloßen Weltbestleistung herabgestuft zu werden.
Bis heute führt World Athletics im Frauenmarathon zwei Weltrekordkategorien: gemischtes Rennen und reines Frauenrennen. Hier lässt sich „eine Distanz, zwei Bücher“ ganz wörtlich nehmen. Beide Leistungen sind Weltrekorde über 42,195 Kilometer. Nur der Zusatz hält eine Wettkampfbedingung fest, die für die Vergleichbarkeit als wesentlich gilt.
Der Streit hat dieselbe Struktur wie der aus dem Essay über Laufschuhe. Dass Laufen im Windschatten den Luftwiderstand senkt und die Laufökonomie verbessert, ist eine physikalische Tatsache und nicht der strittige Punkt. Strittig wird es dort, wo die kontinuierlichen Abstufungen von Windschatten und Tempohilfe in eine Entweder-oder-Klassifikation nach der Geschlechterzusammensetzung des Rennens übersetzt werden. Modellrechnungen haben nicht gemessen, wie viel Hilfe Radcliffe 2003 tatsächlich erhielt. Sie können auch nicht feststellen, welche Zeit sie unter ansonsten gleichen Umständen in einem reinen Frauenrennen gelaufen wäre. Sowohl die Befürworter zweier Kategorien als auch die IAAF, die zunächst nur eine Weltrekordkategorie anerkennen wollte, räumten also ein, dass die Bedingungen verschieden waren. Sie stritten darüber, wie dieser Unterschied den Rekordstatus bestimmen sollte: Sollten nur Leistungen aus reinen Frauenrennen Weltrekordstatus erhalten, oder sollten gemischte und reine Frauenrennen jeweils ihre eigenen Weltrekorde haben?
Auch der Ausgang des Streits ist interessant. Die IAAF wollte zunächst ein einziges Buch führen, also nur Rekorde aus reinen Frauenrennen anerkennen. Die Gegenseite wollte zwei Bücher: gemischte Rennen hier, reine Frauenrennen dort. Am Ende gewannen die zwei Bücher. Das erinnert an die Entscheidung im Essay über Laufschuhe, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Bei den Schuhen beließ der Aufbau alte und neue Ausrüstung im selben Rekordbuch; er trennte nicht. Hier entschied er sich am Ende dafür, gemischte und reine Frauenrennen getrennt zu führen. Zweimal ein Unterschied in den Bedingungen, einmal Zusammenlegen, einmal Aufteilen. Welche Lösung er wählte, bestimmte kein objektives Prinzip. Entscheidend waren das Ringen der Beteiligten und ihre Urteile darüber, welches Rekordbuch den Sport besser repräsentiert. An solchen Stellen ist die Entscheidung des Aufbaus nie die einzige Antwort, zu der ihn die Beweise zwingen. Er wählt aus mehreren vertretbaren Möglichkeiten eine aus.
7 Was die Regeln bewusst ungeregelt lassen
Am Tag eines Marathons kann es windig sein. Es kann heiß sein. Für beide Größen verzichten die Straßenlauf-Rekordregeln von World Athletics auf eine unmittelbare Begrenzung.
Es gibt im Straßenlauf keine direkte Obergrenze für die Windgeschwindigkeit. Im Sprint und Weitsprung gilt die Grenze von +2,0 Metern pro Sekunde; wird sie überschritten, zählt die Leistung nicht als Rekord. Im Straßenlauf gibt es keinen entsprechenden Windmesswert vom Wettkampftag. Teilweise tritt die 50-Prozent-Regel für den Abstand zwischen Start und Ziel an seine Stelle: Statt über 42 Kilometer hinweg einen Windwert abzulesen, begrenzt man den Start-Ziel-Abstand und damit die Möglichkeit, dass die örtlich vorherrschende Windrichtung systematisch hilft.
Auch einen Temperaturgrenzwert gibt es nicht. Die Kriterien für Straßenlaufrekorde enthalten weder eine höchste noch eine niedrigste zulässige Lufttemperatur, keine Luftfeuchtigkeitsschwelle und keine ähnliche meteorologische Zugangshürde. Wärme oder Kälte können ein Rennen schneller oder langsamer machen, ohne seinen offiziellen Rekordstatus zu verändern, solange die übrigen Regeln erfüllt sind.
Hier müssen wir eine Wissenslücke offen benennen. Es findet sich keine ursprüngliche Entscheidung von World Athletics, die erklärt, warum die Temperatur aus den Anerkennungskriterien ausgeklammert wurde. Dem Verband dafür eine bestimmte philosophische oder physiologische Begründung zuzuschreiben, wäre Spekulation. Belegen lässt sich nur, dass die Regeln sie nicht regulieren.
Diese Entscheidung schließt aber an einen frühen Essay der Reihe an. In Essay 5 ging es darum, dass die IAAF 1976 die Zeitmessung regelte, also etwas Kontrollierbares, nicht aber die Höhenlage, obwohl diese wichtiger war. Der Aufbau neigt dazu, das zu regulieren, was er kontrollieren kann, statt das, was er am dringendsten kontrollieren müsste. Hier liegt ein ähnlicher Fall vor. Der Einfluss von Wind und Temperatur auf die Leistung ist wissenschaftlich gesichert. Schon die erwähnte Boston-Studie stellte fest, dass die Leistungen bei steigender Temperatur schlechter wurden und ihre Veränderungen mit der Windrichtung zusammenhingen. Dennoch reguliert der Aufbau Wind und Temperatur nicht unmittelbar. Sie gehören zum unkontrollierbaren Wetter des Wettkampftags. Stattdessen reguliert er die Geometrie der Strecke, etwas Kontrollierbares, das sich schon bei ihrer Planung festlegen lässt.
World Athletics verwendet damit zwei verschiedene Strategien der Standardisierung. Bei kurzen Disziplinen arbeitet der Verband mit einer gemessenen, momentanen, örtlich begrenzten Windgröße. Bei langen Straßenläufen dient die Streckengeometrie als wichtigste strukturelle Schranke gegen Rückenwindhilfe. Die Schwankungen des Wetters selbst bleiben Bestandteil des Straßenlaufs. Der Aufbau hat sie nicht wegstandardisiert. Er begrenzt durch die Geometrie lediglich die Möglichkeit, eine Strecke eigens zur systematischen Ausnutzung des Wetters anzulegen.
8 Die Uhr des Startschusses und deine eigene Uhr
Eine weitere Buchführung steckt in der Zeitmessung. Und sie wird oft missverstanden.
Wer einen großen Marathon mit Zehntausenden Teilnehmern beendet, kann anschließend zwei verschiedene Zeiten sehen. Die eine beginnt mit dem Startschuss, die andere erst mit dem eigenen Überqueren der Startlinie. Bei einem Rennen mit Wellenstarts kann das erst Minuten nach dem Schuss geschehen. Entsprechend können die beiden Zeiten mehrere Minuten auseinanderliegen.
Das naheliegende Missverständnis lautet, der Unterschied bestehe darin, ob man mit Chip messe oder ohne. Das stimmt nicht.
Ein Transponderchip ist eine Technik der Zeitmessung. Bruttozeit ab dem Startschuss und Nettozeit sind dagegen zwei verschiedene Festlegungen darüber, wann die Uhr anläuft. Ein und dasselbe Chipsystem kann beide Zeiten liefern. Chipmessung bedeutet deshalb nicht automatisch, dass für Rekordzwecke die Nettozeit gilt.
Die offizielle Rekorduhr von World Athletics misst die Zeit vom Startschuss bis zur Ankunft des Athleten an der Ziellinie. Man kann einem Läufer zusätzlich anzeigen, wie viel Zeit zwischen seinem eigenen Überqueren der Startlinie und dem Ziel vergangen ist. Aber diese Uhr ist nicht diejenige, nach der ein Rekord anerkannt wird. Die Nettozeit beginnt, wenn der Einzelne die Zeitmessmatte an der Startlinie passiert. Für einen Breitensportler ist sie häufig die fairste Antwort auf die Frage, wie lange er persönlich tatsächlich gelaufen ist. Für die Wertung großer Teilnehmerfelder ist sie überaus nützlich. Bei Weltrekorden von World Athletics ist sie aber nicht mit der offiziellen Zeit ab dem Startschuss austauschbar.
Boston veranschaulicht diesen Unterschied. Nach den Aufzeichnungen der Boston Athletic Association begann man dort 2006 im Zuge der Einführung von Wellenstarts, das Breitensportfeld nach Nettozeit zu werten. Diese organisatorische Änderung definierte jedoch nicht die Zeitmessung für Weltrekorde neu. Dieselbe Chiptechnik erfasst für die Elite die offiziellen Ziel- und Zwischenzeiten mit Bezug auf den Startschuss und liefert zugleich jedem Teilnehmer im großen Feld seine persönliche Nettozeit.
Wieder werden also zwei Bücher geführt. Das eine gehört zur Uhr des Startschusses, zur Rekorduhr. Sie behandelt alle gleich und beginnt mit demselben Schuss. Das andere gehört zu deiner eigenen Uhr. Sie beginnt, wenn du selbst die Startlinie überquerst, und ist die für dich persönlich fairste Uhr. Beide verwenden dieselbe Technik, messen aber zwei verschiedene Dinge. Der Rekord erkennt nur die erste an.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie eine sehr verständliche Intuition zurechtrückt. Ein Freizeitläufer wird sagen: Ich war doch erst Minuten nach dem Startschuss über der Linie. Warum soll mir die Zeit seit dem Schuss angerechnet werden? Für ihn persönlich ist die Nettozeit natürlich fairer. Sie zeigt, wie lange er wirklich gelaufen ist. Die Rekordmessung verwendet die Uhr des Startschusses aber nicht, weil sie für den Einzelnen gerechter wäre. Im Gegenteil: Für den Einzelnen ist sie ungerecht. Sie verwendet diese Uhr, weil der Rekord einen einheitlichen, für alle gleichen Ausgangspunkt braucht. Würde die Zeit für jeden erst mit dem eigenen Überqueren der Linie beginnen, verlöre die Position am Start ihre Bedeutung. Sich nach vorn zu kämpfen oder hinten im Gedränge zu stehen, machte keinen Unterschied mehr. Das würde einen Teil des Wettkampfs verändern. Für eine gemeinsame Uhr gibt der Rekord also ein Stück individueller Gerechtigkeit preis. Wieder wägt der Aufbau ab: Er weiß, dass die Nettozeit dem Einzelnen gerechter wird, entscheidet sich für die Einheitlichkeit des Rekords aber für jene Uhr des Startschusses, die persönlich weniger gerecht ist.
9 Weltbestleistung und Weltrekord
Die Trennung zwischen diesen beiden Büchern hat in der Geschichte eine deutliche Spur hinterlassen: die Begriffe Weltbestleistung und Weltrekord.
Während des größten Teils des 20. Jahrhunderts lautete der maßgebliche Ausdruck im Straßenlauf Weltbestleistung, nicht von der IAAF anerkannter Weltrekord. Auch die Boston Athletic Association bezeichnet Joan Benoits 2:22:43 in Boston 1983 in ihrer eigenen Chronik als Weltbestleistung.
Das war keine journalistische Bescheidenheit. Die Wortwahl spiegelte einen tatsächlichen institutionellen Status. Damals hatte die IAAF jene Anerkennungskategorie für Straßenlaufrekorde, die an Streckenvermessung und Geometrie gebunden ist, noch nicht eingerichtet. Anders als genormte Laufbahnen sind Straßenlaufstrecken geometrisch nicht austauschbar. Deshalb erkannte die IAAF für Straßenläufe seinerzeit keine Weltrekorde an, sondern nur Weltbestleistungen.
Das änderte sich erst 2003. In diesem Jahr schuf die IAAF den Rahmen für offizielle Weltrekorde über die festgelegten Straßenlaufdistanzen, mit Anforderungen an die Vermessung, die Streckengeometrie und die übrigen Anerkennungsvoraussetzungen. Die Änderung trat am 1. Januar 2004 in Kraft. Bereits bestehende Weltbestleistungen, die diese Anforderungen erfüllten, konnten als erste Weltrekorde in das neue System eingehen. Die Geschichte begann am 1. Januar also nicht wieder bei null. Eine 2003 erzielte Leistung konnte zunächst Weltbestleistung heißen und später zu den ersten offiziellen Straßenlaufweltrekorden gehören.
Diese Geschichte gibt dem Thema dieses Essays eine zeitliche Dimension. Die Kategorie Weltrekord hat es im Straßenlauf nicht immer gegeben. Sie wurde erst 2004 eingerichtet. Dafür musste zuerst eine Grenze gezogen werden: Standards für die Vermessung und für die Geometrie der Strecke. Vor dieser Grenze gab es im Straßenlauf nur die Weltbestleistung, einen weiter gefassten Begriff, der nicht von der Streckengeometrie abhing. Mit der Grenze entstand der Weltrekord, eine engere, an die Geometrie gebundene Kategorie. Bostons Identität als Punkt-zu-Punkt-Rennen reicht dagegen bis 1897 zurück. Sie ist mehr als ein Jahrhundert älter als das Rekordsystem von 2004.
10 Die Grenze schafft Vergleichbarkeit, und immer bleibt etwas außerhalb
Führen wir die Fäden zusammen.
Der internationale Leichtathletikverband musste zuerst eine Grenze ziehen, um 2004 aus Weltbestleistungen im Straßenlauf anerkennungsfähige Weltrekorde zu machen. Diese Grenze machte die statistische Kategorie Weltrekord besser reproduzierbar und vergleichbar. Eine Strecke muss genau vermessen sein, ihre Geometrie muss die Bedingungen erfüllen, und gemessen wird nach der Uhr des Startschusses. Diese Anforderungen halten Faktoren, die Leistungen systematisch beeinflussen, in einem kontrollierbaren Rahmen: das Gefälle, den Rückenwind, die Lage von Start und Ziel zueinander.
Sobald diese Grenze gezogen ist, muss allerdings etwas außerhalb liegen.
Boston liegt außerhalb. Die Länge ist korrekt vermessen, doch die Geometrie seiner Punkt-zu-Punkt-Strecke von Hopkinton nach Boston lässt es an beiden Prüfungen scheitern: den 50 Prozent und dem einen Meter pro Kilometer. Die Punkt-zu-Punkt-Tradition begann 1897 mit einem Start in Ashland; von Hopkinton aus wird seit 1924 gestartet. Beides ist älter als das Rekordsystem von 2004, die Tradition sogar um mehr als ein Jahrhundert. Boston wurde nicht entworfen, um diese Grenze zu verletzen. Als das Rennen seine Gestalt annahm, gab es sie noch gar nicht. Sie kam erst später und ließ Boston außen vor.
Das ist der Rest dieses Essays. Und wieder nimmt er eine andere Gestalt an als zuvor.
Die früheren Reste waren Dinge, die der Aufbau nicht fassen, nicht ausrechnen oder nicht erreichen konnte. Andere ließ er bewusst frei, wieder andere weigerte er sich zu benennen. Hier besteht der Rest aus dem, was eine für die Vergleichbarkeit gezogene Grenze im Augenblick ihres Entstehens notwendig nach draußen schiebt. Boston ist so ein Fall. Vollkommen regelkonform, korrekt vermessen und schon vor der Grenze vorhanden. Dann wird die Grenze gezogen, und Boston steht außerhalb der Spalte Weltrekord.
Dieser Rest hat aber eine Eigenschaft, die keiner der bisherigen hatte: Er wird nicht kleiner, nur weil er nach draußen geschoben wird.
Das ist der entscheidende Punkt dieses Essays. Eine Leistung außerhalb der Weltrekordkategorie ist keine geschmälerte Leistung. Mutais 2:03:02 bleiben der schnellste Marathon, der bis zu jenem Zeitpunkt gelaufen worden war. Dass die Zeit nicht ins Weltrekordbuch passt, ändert daran nichts. World Athletics sagt selbst, dass dies die Leistung in keiner Weise schmälert. Und die Boston Athletic Association bewahrt Boston in einem anderen Buch: Streckenrekorde, Sieger, Kontinuität, Schwierigkeit, Geschichte. Sie hat die legendäre Route nicht umgestaltet, um Zugang zur Spalte Weltrekord zu erhalten. Sie bewahrt diese Strecke zusammen mit Mutais Streckenrekord und Bostons Stellung als ältester jährlich ausgetragener Marathon der Welt in einem anderen Buch.
Das ist letztlich mit den zwei Büchern dieses Essays gemeint. Die Weltrekordregeln definieren eine bestimmte Vergleichbarkeit: eine begrenzte Vergleichbarkeit, die nötig ist, damit Leistungen auf verschiedenen Strecken nebeneinandergestellt werden können. Sie definieren nicht den gesamten Wert dieses Sports. Eine Strecke mag im Weltrekordbuch keinen Platz finden und doch im Buch der Streckenrekorde stehen, im Buch der Sieger, im Buch der Geschichte. Diese Bücher messen ein Rennen an verschiedenen Dingen. Und sie gelten nebeneinander.
Dieser Aufbau kann eine Grenze ziehen und Strecken, deren Geometrie übermäßig mithilft, aus der Weltrekordkategorie ausschließen. Damit werden die Leistungen innerhalb dieser Kategorie miteinander vergleichbar. Aber mit dieser einen Grenze lässt sich nicht das ganze Gewicht Bostons bestimmen. Ein Teil davon ist im Weltrekordbuch nicht zu messen. Er steht in einem anderen Buch, steckt in der hundertjährigen Tradition der Route von Hopkinton nach Boston und in den Herzen all jener, die wissen, wie schwer diese Strecke ist. Die Grenze des Aufbaus ist real und nützlich. Sie macht eine bestimmte Art des Vergleichs möglich. Was sie nicht einschließen kann, ist ebenfalls real. Es steht nur in einem anderen Buch.
Der Maßstab hat noch nicht genau gemessen. Er misst weiter.