Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
← Meißel-Konstrukt-Zyklus: Leichtathletik
Meißel-Konstrukt-Zyklus · Leichtathletik · Deutsch neu verfasst
Essay 08 / 23

Technik wächst dort, wo die Regeln schweigen

Der Fosbury-Flop war kein Fortschritt, den die Regeln vorausgeplant hatten. Er wuchs in jener Lücke heran, in der die Regeln keine bestimmte Haltung vorschrieben und Schaumstoffmatten es plötzlich erlaubten, rücklings zu landen.

Han Qin (秦汉)
In diesem Essay

I Die Regeln erlaubten es, doch kaum jemand sprang so

Mitte der 1930er Jahre war der Satz, der es Hochspringern untersagte, den Kopf vor den Füßen über die Latte zu bringen, aus den Regeln verschwunden.

Zuvor hatte in manchen Fassungen sinngemäß gestanden: Der Kopf darf die Latte weder vor den Füßen überqueren noch tiefer liegen als das Gesäß. Dieser eine Satz hielt sämtliche Bewegungen vor der Tür, bei denen der Kopf oder der Rücken zuerst über die Latte gelangte. Mit dem Gesicht zum Himmel konnte niemand darüberkippen, denn dann wäre der Kopf zuerst hinübergewesen.

Um 1935/36 wurde diese zusätzliche Vorschrift über die Reihenfolge der Körperteile gestrichen. Als wesentliche Vorgabe für die Bewegung blieb danach nur noch eine: der Absprung von einem Fuß.

Mit anderen Worten: Seit 1936 war eine Überquerung mit dem Rücken voran regeltechnisch nicht mehr verboten.

Zur vorherrschenden Technik wurde der Fosbury-Flop aber erst nach 1968. Und erst 1980 beherrschte er wirklich die Finalfelder.

Dazwischen liegen mehr als dreißig Jahre.

Mehr als dreißig Jahre sind keine kurze Unterbrechung. Eine ganze Generation von Athleten passt hinein. Jahrgang um Jahrgang nahm in diesen Jahrzehnten auf der Anlaufbahn Aufstellung. Die Regeln hätten ihnen den Rückwärtssprung erlaubt, doch kaum jemand sprang so. Nicht, weil niemand gewusst hätte, dass man es könnte. Auf die Idee, sich rückwärts über eine Latte zu werfen, kann jedes Kind kommen. Sie taten es aus einem Grund nicht, den sie besser kannten als jeder andere. Dieser Grund stand in keinem Regelbuch. Er lag auf dem Boden jenseits der Latte.

In diesen gut dreißig Jahren steckt der ganze Kern dieses Essays. Die Regeln hatten die Tür 1936 geöffnet. Mehr als drei Jahrzehnte stand sie offen, doch kaum jemand ging hindurch. Die Spitzenspringer blieben beim Wälzsprung, dem Straddle, bis in die späten 1970er Jahre hinein. Was die Regeln erlaubten und was tatsächlich geschah, lag dreißig Jahre auseinander.

Daraus ergibt sich eine Frage: Wenn die Regeln nicht im Weg standen, was stand dann im Weg?

Schon in ihrer Form unterscheidet sich diese Frage grundsätzlich von denen der ersten sieben Essays. Dort fragten wir, welche Folgen die niedergeschriebenen Regeln dieses Aufbaus hatten und was sie ausließen. Die Antworten steckten in den Regeln, in den formulierten Bestimmungen. Hier steckt die Antwort gerade nicht dort. Hier schweigen die Regeln. Sie haben den Flop weder aufgehalten noch vorangetrieben. Sie haben gar nichts getan. Wer die Frage beantworten will, muss deshalb über die Regeln hinaussehen: dorthin, worüber sie nichts sagen und worauf sie keinen Zugriff haben, zu den Bedingungen der materiellen Welt, die still und unauffällig ihre Wirkung entfalten. Zum ersten Mal in dieser Reihe wenden wir den Blick von dem, was der Aufbau gesagt hat, auf das weite Feld dessen, wozu er geschwiegen hat.

Die ersten sieben Essays handelten davon, wie dieser Aufbau Maßstäbe schafft, wie er registriert, Grenzen zieht und Unvergleichbares vergleichbar macht. Es ging stets darum, was er sagt, schreibt und vorschreibt. Nun geht es um die andere Seite: um das, was er nicht sagt. Die geltenden Hochsprungregeln schreiben keine bestimmte Art der Lattenüberquerung zwingend vor. Und genau in dieser unbeschriebenen Leerstelle zieht etwas anderes die tatsächliche Grenze der Technik.

Dieses Andere ist keine Regel. Es ist der Ort, an dem man landet.

II Die Regeln schreiben keine bestimmte Art der Lattenüberquerung vor

Zunächst müssen wir die Hochsprungregeln klären. Denn dieser Essay steht und fällt mit der Unterscheidung zwischen dem, was die Regeln sagen, und dem, was sie nicht sagen.

Die geltenden Hochsprungregeln von World Athletics verdichten die Disziplin nach wie vor auf wenige Kernpunkte. Abgesprungen werden muss von einem Fuß. Bleibt die Latte infolge einer Bewegung des Athleten nicht auf den Auflegern, ist der Versuch ungültig. Berührt vor einer erfolgreichen Überquerung irgendein Körperteil den Boden oder den Landebereich jenseits der senkrechten Ebene an der dem Athleten zugewandten Lattenkante, ist der Versuch ebenfalls ungültig. Hinzu kommen das vertraute Ausscheiden nach drei aufeinanderfolgenden Fehlversuchen sowie Vorgaben für Breite und Länge der Anlauffläche und die Mindestmaße des Landebereichs.

Das sagen die Regeln.

Ebenso wichtig ist, was sie nicht sagen. Sie bestimmen nicht, ob der Springer der Latte das Gesicht zuwenden muss. Sie legen nicht fest, ob Kopf oder Füße zuerst hinübergelangen und ob der Körper aufrecht bleiben muss. Sie schreiben weder eine Landung auf den Füßen noch eine auf den Händen vor. Und sie entscheiden nicht zwischen Schersprung, Rollsprung, Wälzsprung und Flop. Um es mit der Zusammenfassung des Smithsonian zu sagen: Keine Regel schreibt dem Hochspringer vor, auf welche Weise er die Latte überqueren muss.

Definiert wird also, ob der Absprung zulässig ist, ob die Latte liegen bleibt, ob der Boden berührt wird, wie viele Versuche es gibt und welche Maße die Anlage haben muss. Die Haltung über der Latte wird nicht definiert.

Ob diese Leerstelle beabsichtigt war oder unbeabsichtigt entstand, lässt sich heute schwer beurteilen. Wahrscheinlicher ist das Zweite. Eine neue Bestimmung wird gewöhnlich erst dann geschrieben, wenn sie nötig wird. Wie ein Mensch über die Latte kommt, musste lange Zeit nicht eigens geregelt werden: Es gab ohnehin nur wenige gangbare Möglichkeiten, und keine davon bereitete Schwierigkeiten. Das Schweigen der Regeln wirkt weniger wie ein wohlüberlegtes Freihalten von Raum als wie die schlichte Abwesenheit eines Anlasses, etwas zu sagen.

Das entspricht der üblichen Arbeitsweise dieses Aufbaus. Schon im zweiten Essay war davon die Rede, dass Regeln aus Streit wachsen. Sie besetzen die Stellen, um die man sich bereits gestritten hat, und schweigen zu jenen, an denen es noch keinen Streit gab. Wie die Latte zu überqueren sei, war lange kein Streitpunkt, weil es nur diese wenigen praktikablen Möglichkeiten gab und sie alle unproblematisch waren. Also blieb es hier still. Die Regeln schwiegen nicht, weil sie der Technik Freiraum schenken wollten. Sie waren schlicht noch auf keine Schwierigkeit gestoßen, die ihnen an dieser Stelle ein Wort abverlangt hätte.

Ob beabsichtigt oder nicht, dieses Schweigen hatte eine Folge. Wenn die Regeln die Haltung nicht bestimmen, muss deren Grenze von etwas außerhalb der Regeln gezogen werden. Und dieses Etwas ist weder eine abstrakte Tradition noch die Vorstellungskraft des Athleten. Es ist eine höchst konkrete materielle Bedingung: Worauf landet der Mensch, nachdem er abgesprungen ist?

Vorstellen kann man sich jede beliebige Haltung über der Latte. Ob man tatsächlich so springen kann, hängt jedoch davon ab, wohin man anschließend stürzt. Die Regeln erlauben es, sich mit dem Gesicht nach oben über die Latte zu drehen. Liegen auf der anderen Seite aber harter Boden oder eine Sandgrube, drohen bei der Landung auf dem Rücken Verletzungen an Kopf und Rücken. Die Erlaubnis der Regeln ist das eine; ob der Körper die Landung aushält, das andere. Nach 1936 fielen diese beiden Dinge auseinander. Vonseiten der Regeln war der Weg frei. Vonseiten der Materie noch nicht.

III Von weicher Erde zum Schaumstoff

Der Landeort hat eine klar erkennbare Folge materieller Veränderungen durchlaufen: von weicher Erde und Sand über Sägemehl, Holzspäne und flache Matten zu Bündeln aus Schaumgummi, die Netze zusammenhielten, und schließlich zu eigens angelegten, tiefen Schaumstoff-Landebereichen.

Frühe Hoch- und Stabhochspringer landeten in Erde oder Sand. In den 1960er Jahren begannen einige Universitätsmannschaften, Schaumgummibündel mit Netzen zu sichern und damit ihre Sprunggruben auszulegen. Die heutigen Regeln von World Athletics haben den modernen Schaumstoff-Landebereich förmlich festgeschrieben und ihm eindeutige Mindestmaße gegeben.

Jeder Schritt in dieser Folge veränderte dieselbe Sache: wie unbekümmert ein Mensch sich fallen lassen konnte.

Auf hartem Boden und im Sand muss man mit den Füßen zuerst oder in einer abfedernden Dreipunktlandung aufkommen, sonst verletzt man sich. Das schränkt die möglichen Haltungen über der Latte auf solche ein, die auf den Füßen oder wenigstens kontrolliert enden können. Beim Schersprung geht das: Der Körper bleibt aufrecht, die Füße landen zuerst. Beim Wälzsprung geht es gerade noch, weil man seitlich landen oder den Stoß mit den Armen abfangen kann. Beim Flop geht es nicht. Er endet auf Rücken und Schultern. Rücklings auf harten Boden oder in Sand zu stürzen ist eine verletzungsträchtige Angelegenheit.

Man kann es noch genauer sagen. Wer aus zwei Metern Höhe auf dem Rücken landet, muss im Augenblick des Aufpralls einen erheblichen Stoß verkraften. Müssen Rücken, Nacken und Kopf diesen Stoß aufnehmen, ist das Risiko sehr real. Die Füße eignen sich von allen Körperteilen am besten für die Belastung einer Landung; die gesamten unteren Gliedmaßen des Menschen sind darauf angelegt, solche Stöße abzufedern. Rücken und Kopf sind es nicht. Mit den Füßen zuerst zu landen ist deshalb keine ästhetische Vorliebe, sondern auf ungepolstertem Untergrund die einzige sichere Wahl. Der Flop verlangt, diese einzige sichere Wahl aufzugeben. Leisten kann man sich diesen Verzicht erst, wenn der Boden weich geworden ist.

Vor dem Aufkommen der Schaumstoffmatten scheiterte der Flop also nicht daran, dass niemand darauf gekommen wäre. Er scheiterte daran, dass man mit dieser Idee nicht heil davonkam. Wer es versuchte, bezahlte schon bei der ersten Landung. Und der Preis reichte aus, um den Springer zum Aufgeben oder seinen Trainer zu einem Verbot zu bewegen.

Der materielle Wandel vollzog sich in Etappen, nicht überall auf der Welt gleichzeitig. Sicher lässt sich sagen: Ende der 1950er Jahre begannen amerikanische Universitäten, gebündelten Schaumgummi zu verwenden. Anfang der 1960er zogen amerikanische Highschools nach. Viele andere Schulen sprangen unterdessen weiter in Sägemehlgruben. Eine vollständige Erhebung des Umstiegs, Land für Land oder nach Anlagentyp geordnet, ist in den zugänglichen Unterlagen nicht zu finden. Fest steht nur dieser zeitlich versetzte Verlauf: zuerst die amerikanischen Universitäten, dann viele amerikanische Highschools; ärmere Anlagen und solche, die langsamer erneuert wurden, blieben zurück.

Inzwischen ist aus dieser materiellen Bedingung, einst eine örtliche Gepflogenheit, eine geschriebene Vorschrift geworden.

Die geltenden Regeln von World Athletics verlangen für bedeutende Wettkämpfe einen Hochsprung-Landebereich von mindestens sechs mal vier Metern bei einer Höhe von 0,70 Metern. Dazu kommen Vorgaben für Abmessungen und Gefälle der Anlauffläche. Auch die Regelzeichnungen der nationalen Verbände richten den Blick auf Zustand und Größe der Matten sowie auf eine sichere Anordnung der Anlage.

Hier lohnt es sich, innezuhalten. Die Regeln bestimmen nicht, wie jemand über die Latte kommt. Sie bestimmen aber sehr genau, wie groß und wie dick die Matte sein muss, auf der er landet. Die Haltung ist frei, die Landung geregelt. Zur Haltung schweigt der Aufbau; beim Landegrund wird er äußerst konkret. Ausgerechnet dieser so konkret geregelte Untergrund entscheidet jedoch darüber, welche Haltungen physisch möglich sind. Indem die Regeln die Landefläche festlegen, legen sie mittelbar, der Sache nach, auch die Haltung fest, obwohl sie unmittelbar kein Wort darüber verlieren.

Eine solche mittelbare Vorschrift verbirgt sich besser und ist schwerer zu erkennen als eine unmittelbare. Stünde in den Regeln ausdrücklich, der Flop sei verboten, wüsste jeder von diesem Verbot und könnte darüber streiten, ob es vernünftig ist. Beschränken Regeln die Haltung dagegen über die Landefläche, fällt das kaum jemandem auf. Es sieht bloß nach einer technischen Sicherheitsvorschrift aus, die mit der Haltung nichts zu tun hat. Die Vorschrift für die Landefläche erwähnt die Haltung nicht und zieht ihr dennoch Grenzen. Eine tatsächlich wirksame Beschränkung steht häufig nicht unter dem Namen dessen, was sie beschränkt. Sie steckt in einer Bestimmung, die mit der Sache nichts zu tun zu haben scheint.

Das ist die tragende Struktur dieses Essays. Das Schweigen der Regeln und die Genauigkeit der Anlagenstandards arbeiten zusammen. Der Stil unterliegt kaum einer Regelung; eine sichere Landung auf dem Rücken hängt dagegen davon ab, ob die Anlage den materiellen Wandel bereits vollzogen hat. Klarer lässt sich diese These in ihrer institutionellen Gestalt kaum fassen.

IV Eine ausgewechselte Matte

Fosbury begann mit sechzehn, noch auf der Highschool, mit seiner neuen Methode zu experimentieren. Der Anlass war wenig glanzvoll: Im Wälzsprung schaffte er nicht einmal die gewöhnliche Qualifikationshöhe.

Sein Weg führte zunächst vom aufrechten Schersprung zu einer rückwärtigen Lattenüberquerung. Möglich wurde diese Bewegung, weil die Medford High School nach seiner Junior-High-Zeit ihre Holzspänegrube gegen einen weicheren Landebereich ausgetauscht hatte.

Dieser Satz enthält die wichtigste Tatsache dieses Essays.

Fosbury konnte den Flop nicht einfach deshalb entwickeln, weil er mehr Fantasie besessen hätte als andere. Zumindest nicht allein deshalb. Er konnte ihn entwickeln, weil seine Highschool genau zu jener Zeit die Landematte ausgewechselt hatte. Hätte die Medford High School das nicht getan oder erst ein paar Jahre später, wäre er bei seiner ersten rückwärtigen Landung in Holzspänen gelandet. Und Holzspäne polstern einen Sturz auf den Rücken nicht ausreichend ab. Sein Trainer war anfangs ohnehin gegen die neue Methode. Erst als sich Fosburys Leistungen verbesserten, gab er seinen Widerstand auf.

Hier ist große Vorsicht nötig. Genau an diesem Punkt mahnen die Unterlagen immer wieder, die Erklärung nicht zu überdehnen.

Die ausgewechselte Matte war eine notwendige Bedingung dafür, dass Fosbury den Flop entwickeln konnte. Eine hinreichende war sie nicht. Die anderen Schüler derselben Schule, die jetzt ebenfalls auf der neuen Matte landeten, erfanden keinen Flop. Der Austausch machte ihn möglich; er ließ ihn nicht von selbst geschehen. Damit er geschah, brauchte es auch Fosburys eigene Versuche, seinen bogenförmigen Anlauf, seine Veränderungen am Absprung und die unermüdliche Arbeit an einer Bewegung, mit der er immer höher kam.

Genau lässt es sich also so sagen: Die materiellen Bedingungen eröffneten einen Möglichkeitsraum. Die Entdeckung durch die Athleten, die Anpassung der Trainer und die Ökonomie des Bewegungslernens bestimmten, wie schnell die neue Technik angenommen wurde und wie sie schließlich zur vorherrschenden wurde. Die Matte ist die Tür. Fosbury ist der Mensch, der hindurchgeht. Dass die Tür offen steht, bedeutet nicht, dass jemand eintreten wird. Ist sie aber verschlossen, gelangt auch der Entschlossenste nicht hinein.

Diese Unterscheidung muss deshalb immer wieder hervorgehoben werden, weil zwei gegensätzliche Fehllesarten die Sache gleichermaßen entstellen. Die eine erzählt vom Genie: Fosbury habe den Flop allein aus seiner Vorstellungskraft geschaffen. Damit verschwindet die Matte. Was unter bestimmten materiellen Bedingungen entstand, wird zur reinen Eingebung eines Einzelnen. Die andere erzählt vom materiellen Determinismus: Sobald die weiche Matte da gewesen sei, habe der Flop zwangsläufig entstehen müssen. Damit verschwindet Fosbury. Was ein Mensch erst entdecken und ausarbeiten musste, wird zum automatischen Erzeugnis der Materie. Beide Lesarten löschen jeweils die Hälfte aus. Das genaue Bild setzt beide Hälften zusammen: Die weiche Matte machte es möglich. Fosbury machte es wirklich.

Seine Leistungskurve bis 1968 lässt sich in groben Zügen nachzeichnen. Im ersten Highschool-Jahr schaffte er nicht einmal verlässlich fünf Fuß. Nach dem Wechsel zur neuen Haltung steigerte er sich noch während der Highschool von 5 Fuß 3¾ Zoll auf 6 Fuß 3¾ Zoll. Im zweiten Collegejahr erreichte er 6 Fuß 10 Zoll. In der Hallensaison 1968 überquerte er erstmals sieben Fuß. Danach gewann er 1968 die Hochschulmeisterschaft, die amerikanischen Olympiaausscheidungen und schließlich das olympische Finale mit 2,24 Metern.

Von nicht einmal fünf Fuß zum Olympiasieg. In dieser Kurve steckt die Leistung der ausgewechselten Matte ebenso wie die des Menschen, der nicht aufgeben wollte. Ohne das eine ging es so wenig wie ohne das andere. Gerade diese doppelte Unentbehrlichkeit zeigt, warum die Geschichte keinem von beiden allein zugeschrieben werden darf.

Bemerkenswert ist der Anlass für Fosburys Wechsel: Mit dem Wälzsprung kam er nicht über die Qualifikationshöhe. Er hatte also nicht zuerst den Ehrgeiz, etwas umzustürzen, und erfand deshalb den Flop. Zuerst hatte ihn die alte Technik aussortiert. Erst als er nicht mehr weiterwusste, versuchte er etwas anderes. So entstehen viele technische Neuerungen: nicht als zusätzliche Verzierung am Erfolg derer, die schon oben stehen, sondern als letzter Einsatz derer, die kurz vor dem Ausscheiden stehen. Wer im Wälzsprung bereits erfolgreich ist, hat wenig Grund, seine Bewegung aufs Spiel zu setzen. Gerade wer an ihm scheitert, hat einen Grund, etwas zu versuchen, das die anderen nicht wagen. Doch auch dieses Motiv konnte erst dann zu einem wirklichen Versuch werden, als der Landegrund weicher und der Preis des Irrtums geringer geworden war.

V Zwei Menschen finden unabhängig zur selben Bewegung

Debbie Brill entwickelte unabhängig von Fosbury eine sehr ähnliche rückwärtige Sprungtechnik. Sie wurde als Brill Bend bekannt.

Sie entwickelte sie als Kind oder Jugendliche auf der Farm ihrer Familie. Ihr Vater hatte dort einen Landebereich aus Schaumstoff selbst gebaut. Nach Darstellung der British Columbia Sports Hall of Fame entstand ihre Technik unabhängig, womöglich sogar ein wenig früher. Auch die Canadian Encyclopedia behandelt ihre Methode als eine eigenständige Entwicklung, die parallel zu Fosburys verlief.

Der stärkste Beleg zur Frage, ob Fosbury und Brill miteinander in Berührung gekommen waren, lautet: Während sie ihre Techniken entwickelten, wussten sie nichts voneinander. Die Hall of Fame berichtet, der Brill Bend und der Fosbury-Flop seien erst 1966 in Vancouver, bei einem Jugendwettkampf zwischen British Columbia und Oregon, zum ersten Mal aufeinandergetroffen. Bis dahin habe keiner vom anderen gewusst. Einen deutlicheren Beleg dafür, dass hier wirklich parallel erfunden und nicht voneinander abgeschaut wurde, gibt es kaum.

Diese parallele Erfindung ist ein starkes Argument in diesem Essay. Es lohnt sich, genau zu sagen, worin ihre Stärke liegt.

Hätte Fosbury den Flop als Einziger erfunden, könnte man in ihm den einsamen Ausnahmefall eines Genies sehen: einen einzigartigen Kopf, den der Zufall hervorgebracht hat. Die Genieserzählung würde behaupten, gerade seine unverwechselbare Vorstellungskraft habe diese Technik geschaffen. Brills Existenz zerlegt diese Erzählung. Zwei Menschen, die sich nicht kannten, fanden ungefähr zur selben Zeit, jeder für sich, zu nahezu derselben Bewegung.

Wenn zwei Menschen gleichzeitig auf dieselbe Sache kommen, spricht das gewöhnlich dafür, dass ihr Auftreten kein bloßer Zufall ist. Eine gemeinsame Bedingung hat es hervorgetrieben. Welche Bedingung verband Fosbury und Brill? Persönlicher Austausch nicht, sie kannten sich nicht. Ein gemeinsamer Trainer auch nicht, sie hatten keinen gemeinsamen Trainer. Was sie verband, war ein jeweils hinreichend weicher Landegrund. Fosburys Schule hatte die Matte ausgetauscht. Brills Vater hatte einen Schaumstoffbereich gebaut.

Die parallele Erfindung weist also gerade auf die Wirkung der materiellen Bedingungen hin. Ist dieselbe materielle Bedingung an mehreren Orten zugleich erfüllt, wird die Möglichkeit, die sie eröffnet, von verschiedenen Menschen unabhängig voneinander entdeckt. Der Flop war kein Patent eines einzelnen Genies. In einer Zeit, in der sich weiche Matten verbreiteten, würde früher oder später jemand auf ihn stoßen. Fosbury und Brill gehörten zufällig zu den Ersten.

Hier muss noch ein früherer Name hinzukommen. Schon bevor Fosbury bei den Olympischen Spielen mit einem Schlag berühmt wurde, gab es Versuche mit rückwärtigen oder annähernd rückwärtigen Sprüngen. Das stärkste greifbare Beispiel ist Bruce Quande aus Montana. 1963 wurde er dabei fotografiert, wie er die Latte rückwärts überquerte. Zu Spitzenleistungen brachte er diese Bewegung jedoch nie.

Ob Quande als erster Flop-Springer gelten kann, ist in späteren Darstellungen umstritten. Es gibt Belege dafür, dass er eine rückwärtige Technik benutzte, bevor Fosbury öffentlich bekannt wurde. Ein Sportverband hat die Urheberschaft jedoch nie förmlich entschieden. Außerdem war Quandes Bewegung noch nicht jene vollständig standardisierte Spitzentechnik, die später mit Fosbury und Brill verbunden wurde und sich über die ganze Welt verbreiten konnte.

Damit stehen nun drei Menschen vor uns: Fosbury, Brill und Quande. Drei Menschen, die einander nicht kannten und unabhängig voneinander zur rückwärtigen Lattenüberquerung fanden. Umso deutlicher wird, dass diese Bewegung nicht die alleinige Schöpfung eines Einzelnen war. Die Landebedingungen jener Zeit hatten eine Möglichkeit hervorgebracht, auf die mehrere Menschen jeweils für sich stießen. Der Unterschied lag darin, wer daraus eine Technik machte, mit der sich gewinnen ließ, und wer nicht.

Quandes Beispiel zeigt noch etwas: Auf eine Möglichkeit zu stoßen und diese Möglichkeit zu verwirklichen sind zweierlei. Quande stieß auf den Flop. Schon 1963 kam er rückwärts über die Latte, bevor Fosbury öffentlich berühmt wurde. Doch er arbeitete die Bewegung nicht zu einer siegfähigen Technik aus. So blieb er in der Geschichte ein Foto, eine Fußnote. Fosbury stieß auf dieselbe Möglichkeit und machte in jahrelanger Arbeit eine Technik daraus, die für einen Olympiasieg reichte. Die Materie öffnete eine Tür, mehrere Menschen stolperten hinein. Was dahinter lag, brachte aber derjenige vor die Augen der ganzen Welt, der nicht nur hineinstolperte, sondern bereit war, Jahre darauf zu verwenden, es auszuarbeiten. Die Möglichkeit kam von der Materie. Ihre Verwirklichung kam vom Menschen.

VI Der Wälzsprung wurde nicht widerlegt

Eine verbreitete Erklärung lautet: Der Flop verdrängte den Wälzsprung, weil er mechanisch überlegen, also die bessere Technik sei. Diese Erklärung muss berichtigt werden.

Dapenas Arbeit von 1980 zeigte tatsächlich, dass der bogenförmige Anlauf, die Körperneigung und die gewölbte Haltung über der Latte es dem Springer erlauben, seine Körpermasse günstig zur Latte anzuordnen. Darin liegt der berühmteste mechanische Vorteil des Flops: Der Körperschwerpunkt kann auf Höhe der Latte oder sogar darunter passieren, während der Körper selbst darübergelangt. Diesen Vorteil gibt es wirklich.

Dapena legte in späteren Betrachtungen jedoch auch dar, dass der Wälzsprung mechanisch keineswegs widerlegt ist. Manche Athleten können mit seiner Mechanik einen größeren Höhengewinn erzeugen; andere profitieren vom schnelleren Anlauf des Flops und von den weniger ausgeprägten Bewegungen der freien Gliedmaßen. Seine Schlussfolgerung lautete daher: Rein mechanisch betrachtet müssten beide Techniken heute noch verwendet werden. Dass der Wälzsprung verschwunden ist, lässt sich besser durch die leichtere Erlernbarkeit des Flops erklären als durch eine allgemeine Unterlegenheit des Wälzsprungs.

Diese Schlussfolgerung ist wichtig. Sie nimmt eine allzu einfache Kausalgeschichte auseinander.

Der Flop beherrscht die Disziplin. Das ist eine Tatsache. Er beherrscht sie aber nicht deshalb, weil er für jeden Körper und jeden Bewegungstyp das mechanische Optimum wäre. Dazu besteht in der Literatur kein Konsens. Viele Trainer und physikalische Erklärungen behandeln den Flop als das überlegene Verfahren, Höhe zu überwinden: wegen der geometrischen Beziehung zwischen Schwerpunkt und Latte und wegen der Rotation aus dem bogenförmigen Anlauf. Dapenas Betrachtungen wenden sich jedoch ausdrücklich gegen die weitergehende Behauptung, der Flop sei für sämtliche Körper und sämtliche Bewegungstypen mechanisch die beste Lösung.

Die tragfähigere Aussage ist enger: In der Praxis wurde der Flop zum allgemeinen Standard des Spitzensports. Die Literatur hat aber keineswegs einhellig bewiesen, dass er die eine theoretische Lösung ist, die für jeden einzelnen Athleten die beste wäre.

Warum setzte er sich dann durch? Dapenas Antwort lautet: weil er leichter zu lernen ist. Der Flop lässt sich einfacher erlernen als der Wälzsprung. Anfänger beherrschen seine Grundbewegung schneller. Einen guten Wälzsprung muss man länger ausarbeiten. In einem System, das viele Athleten ausbilden soll, verbreitet sich die leichter erlernbare Technik wie von selbst. Bei gleichem Trainingsaufwand liefert sie früher Ergebnisse.

Damit wird aus der Verdrängung des Wälzsprungs eine Frage der Lernökonomie statt bloß einer Frage mechanischer Überlegenheit. Der Flop ist nicht für jeden besser. Er lässt sich leichter lehren und leichter lernen, und darum verbreitet er sich insgesamt schneller. Die beiden Erklärungen behaupten Verschiedenes. Die eine sagt: Der Flop ist an sich überlegen. Die andere sagt: Der Flop lässt sich besser weitergeben. Die Belege sprechen stärker für die zweite.

Diese Unterscheidung begegnet einem auch anderswo, und es lohnt sich, sie im Gedächtnis zu behalten. Dass etwas zur vorherrschenden Lösung wird, kann zwei sehr verschiedene Gründe haben: Es ist das Beste, oder es lässt sich am leichtesten verbreiten. Beides wird oft verwechselt, denn was sich überall durchgesetzt hat, sieht unweigerlich aus wie das Beste. Wie sonst hätte es sich durchsetzen sollen? Aber vorherrschend zu sein und das Beste zu sein sind zwei verschiedene Dinge. Was sich am leichtesten verbreiten lässt, wird zum Standard, auch wenn es nicht das Beste ist. Und das Beste kann für immer einer kleinen Minderheit vorbehalten bleiben, wenn es sich nur schwer weitergeben lässt. Der Sieg des Flops gehört zur Geschichte der leichten Verbreitung. Er wurde zum Standard, weil er gut weiterzugeben war, nicht weil er für jeden die beste Lösung bot. Erst wenn man das erkennt, hört man auf, das Vorherrschende mit dem Optimalen zu verwechseln.

Deshalb hat auch der Rückzug des Wälzsprungs kein einzelnes Datum. Er war ein Prozess. Noch 1972 ließ sich damit olympisches Gold gewinnen: Tarmak siegte damals mit 2,23 Metern und wurde zum letzten männlichen Olympiasieger in dieser Technik. Noch 1978 ließ sich damit ein Weltrekord aufstellen: Jaschtschenko sprang 2,35 Meter und wurde zum letzten Mann, der den Weltrekord im Wälzsprung hielt. Erst 1980 beherrschte der Flop die Finalfelder. Nach Fosburys eigener rückblickender Zählung benutzten 1980 dreizehn von sechzehn olympischen Finalisten den Flop; von den sechsunddreißig olympischen Medaillen zwischen 1972 und 2000 gingen vierunddreißig an Flop-Springer.

Der Wälzsprung wurde also nicht vom Flop geschlagen, jedenfalls nicht mechanisch. Er geriet im Wettlauf der Verbreitung allmählich ins Hintertreffen. Eine leichter erlernbare Technik brauchte einige Jahrzehnte, um eine keineswegs schlechtere Technik von den Wettkampfanlagen zu verdrängen.

Es lohnt sich, diesen Prozess mit dem Vorgang aus dem siebten Essay zu vergleichen. Dort ging es um die Neufassung der Zehnkampf-Punktetabelle: Ihre Gewichtungen können eine Technik wertvoller oder weniger wertvoll machen. Hier ist keine Punktetabelle im Spiel. Beim Hochsprung gibt es nur eine Höhe und keine Umrechnung. Trotzdem findet auch hier eine Auswahl statt. Ihr Maßstab ist bloß nicht die Punktetabelle, sondern die Ökonomie des Lernens. In einem System, das viele Athleten ausbilden muss, setzt sich die leichter erlernbare Technik von selbst durch, auch wenn sie mechanisch nicht überlegen ist. Die Gemeinsamkeit liegt darin, dass über Aufstieg und Niedergang einer Technik oft nicht entscheidet, wie gut sie an sich ist, sondern welche Stellung sie in einem bestimmten System einnimmt.

VII Die Regeln zogen Grenzen und nahmen sie wieder zurück

Beim Flop gibt es noch eine Frage, bei der Behauptung und Urteil streng auseinanderzuhalten sind: Hat jemand versucht, ihn zu verbieten?

Manche späteren Anekdoten legen nahe, Konkurrenten oder Funktionäre hätten den Flop womöglich wegen seiner Gefährlichkeit verbieten wollen. Das ist die Behauptung.

In den zugänglichen Unterlagen findet sich jedoch kein einziges amtliches Originaldokument zur Regelsetzung, aus dem hervorginge, dass World Athletics oder die IAAF den Flop selbst förmlich verboten hätten oder kurz vor einem solchen Verbot gestanden wären. Die Dokumente zeigen vielmehr: Sobald die alte Vorschrift zur Reihenfolge der Körperteile weggefallen war, entschied sich die Zulässigkeit an den gewöhnlichen Hochsprungregeln und an dem Landebereich, den eine Anlage nun einmal bot. Das ist das Urteil.

Beides muss getrennt bleiben. Der Wunsch, die Technik zu verbieten, mag existiert haben; das ist die Ebene der Anekdote. Ein förmliches Verbot existiert nicht; das ist die Ebene der Akten. Aus dem Gerücht, jemand habe ein Verbot erwogen, darf nicht die Aussage werden, der Flop sei verboten gewesen. Sonst wird aus einer Behauptung ein Urteil gemacht.

Darunter liegt allerdings noch etwas, das zu dem hinüberführt, worum es im zehnten Essay gehen wird.

In frühen Hochsprungregeln gab es tatsächlich die Bestimmung, Hechtsprünge, Salti oder Handüberschläge seien unzulässig. Dieser Aufbau hatte also in seiner frühen Zeit durchaus Grenzen für die Art der Lattenüberquerung gezogen. Er hatte Hechtsprünge verboten und Salti verboten. Es stimmt folglich nicht, dass Regeln sich nie mit der Haltung befasst hätten. Zeitweise haben sie das sehr wohl getan.

Interessant ist jedoch, wie sie es taten. Sie verboten Bewegungen, die damals schon jemand versucht hatte und die als problematisch galten. Jemand hatte einen Salto über die Latte versucht, also wurde er verboten. Der Flop wiederum blieb, solange die Vorschrift „Kopf nicht vor den Füßen“ galt, gleichsam nebenbei an dieser allgemeineren Bestimmung hängen. Als sie 1936 entfiel, war der Flop regeltechnisch nicht mehr untersagt.

Hier zeigt sich eine Unstimmigkeit. 1936 strich der Aufbau die Bestimmung, die den Flop aufgehalten hätte, ließ das Saltoverbot aber bestehen. Warum? Weil es den Flop 1936 noch nicht gab. Noch niemand konnte damit eine Leistung vorweisen. Die Bestimmung zu streichen, die ihn verhindert hätte, wirkte deshalb völlig risikolos: Man räumte bloß eine alte Vorschrift weg, die überflüssig geworden schien. Das Verbot des Saltos über die Latte richtete sich dagegen gegen eine konkrete Bewegung, die bereits aufgetaucht war. Also blieb es stehen.

Dass der Aufbau 1936 den Weg für den Flop freimachte, bedeutet somit nicht, dass er ihn vorausgesehen und willkommen geheißen hätte. Es bedeutet das Gegenteil: Er hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass es ihn einmal geben würde. Er strich die Bestimmung, um eine alte Regel loszuwerden, die er für nutzlos hielt. Unbeabsichtigt öffnete er die Tür für eine Technik, die erst mehr als drei Jahrzehnte später weltberühmt werden sollte. Was er da geöffnet hatte, wusste er damals nicht.

Ein Aufbau erkennt seine Grenzen häufig erst in dem Augenblick, in dem jemand sie überschreitet. 1936 glaubte er, lediglich eine veraltete Vorschrift gestrichen zu haben. Erst als Fosbury mehr als drei Jahrzehnte später an genau dieser gestrichenen Stelle hindurchsprang, begriff er, dass die Vorschrift eine Tür gewesen war. Der zehnte Essay wird diesen Zusammenhang eigens entfalten. Dort wartet ein noch deutlicheres Beispiel: der Weitsprung mit Vorwärtssalto. Der Aufbau verbot ihn durch eine neue Regel in dem Augenblick, in dem er überschritten wurde.

Halten wir den Gedanken hier zunächst fest, denn er ist ein Schlüssel zum Verhältnis zwischen Regeln und Technik. Ein Aufbau kann nicht im Voraus für alle möglichen Techniken Regeln aufstellen. Er kann sich die Techniken, die es noch nicht gibt, nicht vorstellen. Erst wenn eine Technik erscheint, kann er entscheiden, ob er sie regeln will. Deshalb kommen Regeln immer hinterher. Sie reagieren auf das, was geschehen ist, statt das vorzubereiten, was geschehen wird. Wer 1936 die alte Bestimmung strich, konnte Fosbury nicht voraussehen, denn seine Technik existierte noch nicht. Diese Menschen räumten lediglich eine Vorschrift weg, die überflüssig aussah. Zufällig war diese alte Vorschrift aber die Tür, die vor einer künftigen Technik stand. Wo die Grenze einer Regel verläuft, erfährt der Aufbau selbst häufig erst, wenn jemand darüber hinweg ist.

VIII Die Tür öffnet sich aufseiten der Materie

Führen wir die Fäden dieses Essays zusammen.

Die geltenden Hochsprungregeln schreiben keine bestimmte Art der Lattenüberquerung zwingend vor. Dieses Schweigen ist kein Versehen des Aufbaus. Es ist sein Normalzustand. Er spricht erst, wenn es nötig wird. Das Schweigen hat aber eine Folge: Wo die Regeln die Haltung nicht festlegen, muss ihre Grenze von etwas außerhalb der Regeln bestimmt werden.

Und dieses Etwas ist der Ort der Landung.

In welcher Haltung ein Mensch über die Latte gelangen kann, hängt davon ab, in welcher Haltung er sicher herunterfallen kann. Landet er auf hartem Boden oder in Sand, muss er mit den Füßen zuerst aufkommen. Das beschränkt ihn auf einige aufrechte und halb aufrechte Haltungen. Landet er in tiefem Schaumstoff, darf der Rücken zuerst aufkommen. Damit wird der Flop möglich. Der Spielraum der Haltungen, den die Regeln erlaubten, war stets größer als jener, den die Materie erlaubte. Die eigentliche Sperre lag nicht aufseiten der Regeln. Sie lag aufseiten der Materie.

Deshalb konnten die Regeln 1936 die Tür öffnen, während mehr als drei Jahrzehnte lang kaum jemand hinaustrat. Auf der Seite der Regeln war längst geöffnet. Auf der Seite der Materie noch nicht. Erst als sich in den 1960er Jahren Schaumstoffmatten verbreiteten, ging auch dort die Tür auf. Und kaum war sie offen, traten mehrere Menschen, die nichts voneinander wussten, beinahe gleichzeitig hindurch.

Doch an der bereits vorgenommenen Unterscheidung müssen wir festhalten. Daraus darf kein materieller Determinismus werden.

Die materiellen Bedingungen eröffneten die Möglichkeit. Sie bestimmten nicht das Ergebnis. Eine weiche Matte macht den Flop möglich, aber die Matte springt keinen Flop. Aus der Möglichkeit machten Fosbury, Brill und all jene eine Wirklichkeit, die nach der Verbreitung weicher Matten zu experimentieren begannen. Dass aus der Technik eines Einzelnen ein weltweiter Standard wurde, lag wiederum an ihrer leichten Erlernbarkeit: Im Bewegungslernen war sie wirtschaftlicher als der Wälzsprung. Die Materie öffnet die Tür. Ein Mensch geht hinein. Dass der Weg leicht zu lernen ist, lässt weitere Menschen folgen. Keine dieser drei Ebenen ist entbehrlich. Wer alles einer einzigen zuschreibt, liegt falsch.

Genau gefasst lautet die Aussage also so: Nachdem die alte Vorschrift zur Reihenfolge der Körperteile gestrichen war, blieb für eine sichere, wiederholbare rückwärtige Spitzentechnik die Landefläche die entscheidende Grenze. Sie war eine materielle Bedingung, die weitgehend außerhalb der förmlichen Regeln zum Sprungstil lag. Die Veränderung der Materie allein garantierte allerdings nicht, dass der Flop entstehen würde. Unabhängige Erfindung, leichte Erlernbarkeit, Anlaufmechanik und Erfolge im Wettkampf gehörten ebenso zu seinen Ursachen.

Der Rest, um den es in diesem Essay geht, ist wiederum ein anderer als in den vorangegangenen.

Dort bestand der Rest aus dem, was dieser Aufbau außerhalb seiner Bücher ließ: Namen, die in keiner Liste standen; Messwerte, die man verwarf; Ursachen, die sich nicht auseinanderrechnen ließen; Umrechnungskurse, die sich nicht erklären ließen. Hier besteht der Rest aus einem ganzen Feld von Möglichkeiten, das materielle Bedingungen versperrt halten. Bevor sich Schaumstoffmatten verbreiteten, war der Flop als Möglichkeit die ganze Zeit vorhanden. Die Regeln erlaubten ihn, der menschliche Körper konnte ihn ausführen, doch keine Matte konnte ihn auffangen. So hing er dort: eine erlaubte, aber nicht verwirklichbare Möglichkeit. Etwas, zu dem die Regeln Ja sagten und die Materie Nein. Niemand hatte es verboten. Der schlichte Umstand, dass eine geeignete Matte fehlte, hielt es mehr als dreißig Jahre lang lautlos auf.

Solche von der Materie eingeschlossenen Möglichkeiten drängen jedoch sofort hervor, wenn sich die materiellen Bedingungen ändern. Darin unterscheiden sie sich von anderen Resten. Was einmal aus den Büchern herausgefallen ist, bleibt häufig für immer draußen. Ein Name, der nicht auf der Liste steht, kehrt nicht von selbst zurück. Bei einer materiell versperrten Möglichkeit ist es anders. Sie wartet die ganze Zeit hinter der Tür. Sobald diese materielle Tür aufgeht, tritt sie hervor. Und gleich mehrere Menschen bringen sie gleichzeitig heraus. Fosbury, Brill und Quande brachten dasselbe zum Vorschein: das, was die ganze Zeit dahinter gewartet hatte.

Das macht diese Art von Rest innerhalb der Reihe zu etwas Besonderem. Es zeigt: Die Existenz des Restes ist notwendig, sein Erscheinen aber kontingent. Wird dieses kontingente Erscheinen einmal durch materielle Bedingungen ausgelöst, bleibt es jedoch nicht bei einem einzelnen Zufall. Es kommt zu einer ganzen Gruppe gleichzeitiger Erscheinungen. An mehreren Orten ist die Bedingung der weichen Matte erfüllt; an mehreren Orten stoßen Menschen auf die bis dahin verschlossene Möglichkeit. Das sind keine drei isolierten Zufälle. Es sind drei parallele Ergebnisse, die eine gemeinsame Bedingung hervorgetrieben hat. Wenn die Materie eine eingeschlossene Möglichkeit freigibt, kommt häufig nicht nur ein einzelner Fall hervor. Es öffnet sich ein ganzes Feld.

Zum Schluss noch ein Blick auf die Rekordkurve. Sie führt diesen Essay weit über sich selbst hinaus.

Sotomayor sprang 1993 2,45 Meter. Bis Ende 2025 war dieser Männerweltrekord ungebrochen. Nach dem Rekordsprung gingen die Jahresbestleistungen zurück: 2,42 Meter 1994, 2,40 Meter 1995, 2,39 Meter 1996. Anschließend schwankten sie im Wesentlichen zwischen 2,36 und 2,40 Metern. 2013 stiegen sie kurz wieder auf 2,41 Meter, 2014 auf 2,43 Meter, um danach erneut zurückzufallen: 2,37 Meter 2024, 2,36 Meter 2025.

Das ist eine lange Stagnation. Kein fortgesetztes exponentielles Wachstum.

Und diese Stagnation ereignet sich ausgerechnet in jener Disziplin, die vom Flop beherrscht wird: von der Technik also, die als mechanisch optimal gilt und am ehesten immer neue Grenzen überwinden sollte. Die materielle Tür ging auf. Der Flop drängte hervor und trieb den Rekord immer weiter nach oben, bis zu den 2,45 Metern von 1993. Dann blieb er stehen. Mehr als dreißig Jahre lang regte sich nichts. Die Disziplin, in der die Technik angeblich der Motor ist, stand gerade dort, wo dieser Motor am besten hätte arbeiten sollen, mehr als drei Jahrzehnte still.

Was das bedeutet, wird der dreiundzwanzigste Essay beantworten. Hier soll es zunächst einfach stehen bleiben: Auch das, was durch eine geöffnete Tür hervorströmt, kommt irgendwann ans Ende seines Stroms. Und wenn es dort ankommt, muss sich dieser Aufbau einer neuen Frage stellen. Einer Frage, der er bisher stets ausgewichen ist: Wie schnell kann ein Mensch laufen, wie hoch und wie weit kann er springen?

Der Maßstab hat noch nicht genau gemessen. Er misst weiter.