Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung nach dem chinesischen Original. Auf der Originalseite lässt sich zwischen vereinfachten und traditionellen chinesischen Zeichen umschalten.
Eines Morgens wacht er in seinem Zimmer auf. Viereinhalb Tatami, der Tisch, das Bücherregal, sein Bettzeug. Alles wie immer. Er öffnet die Tür.
Dahinter liegt dasselbe viereinhalb Tatami große Zimmer.
Dieser Ort
Öffnet er dessen Tür, kommt das nächste Zimmer. Noch eine Tür: wieder viereinhalb Tatami. Alles ist identisch. Der Tisch steht an derselben Stelle, im Regal stehen dieselben Bücher, an der Decke sitzt derselbe Fleck.
Kein Ausgang. Kein Flur, keine Treppe, kein Draußen vor dem Fenster. Nur Zimmer hinter Zimmer, endlos in jede Richtung. Achtzig Tage lang irrt er darin umher.
Auch während dieser achtzig Tage muss er essen, trinken, schlafen. Die Serie geht damit ganz handfest um. Er durchstöbert die Zimmer und lebt von den wenigen Vorräten, die er in jedem von ihnen findet. Dieselben Instantnudeln, dieselben Bücher, alles immer gleich. Er zählt die Tage, ritzt Striche in die Wand, wird dünner. Ihm wächst ein Bart. Seine Kleidung zerfällt.
Niemand hat ihm diese Falle gestellt
Hier beginnt die erste Überlegung dieses Essays. Die Welt der viereinhalb Tatami ist weder ein Fluch noch eine Falle. Keine Figur hat ihm das angetan. Die Serie erklärt weder, woher sie kommt, noch wer dafür verantwortlich sein soll. Ihre Gestalt aber ist eindeutig: Es ist genau der Ort, an dem er die vergangenen zwei Jahre gelebt hat. Nur wird dieser Ort jetzt ins Bild gesetzt.
Wer sich in sieben Quadratmetern einschließt und im Kopf jeden Tag Dutzende anderer Leben durchspielt, die er hätte führen können, befindet sich tatsächlich hier: in zahllosen identischen Zimmern. Fortgekommen ist er nirgendwohin.
Das Unangenehmste an diesem Ort ist, dass er gar nicht unangenehm ist. Keine Feinde, keine Gefahr, kein Schmerz. Man hat zu essen, einen Schlafplatz und Bücher. Alles ist sicher, beständig, auf unbegrenzte Dauer bewohnbar. An einem solchen Ort kann man sehr lange bleiben, ohne je einen zwingenden Grund zu finden, ihn zu verlassen.
Was in den Zimmern liegt
Er wandert lange durch diese Räume. Irgendwann fällt ihm auf, dass jedes Zimmer Spuren eines anderen „Ichs“ enthält.
Hier liegt die Ausrüstung des Filmclubs, dort ein Softballhandschuh. Weiter vorn findet er die Dinge aus den Aufträgen seines Meisters, Gegenstände aus dem Fukuneko Hanten, einen Ausweis der Bibliothekspolizei. Jedes seiner Ichs aus den Parallelwelten hat hier ein Zimmer hinterlassen. Abgesehen von den Dingen darin sind sie alle dasselbe Zimmer.
Das verdient einen zweiten Blick. In den Parallelwelten hat er sehr verschiedene Dinge getan: Filme gedreht, Softball gespielt, sich einem Meister angeschlossen, sich in eine Geheimorganisation eingeschlichen. Einzeln erzählt, ergäben diese Erfahrungen fünf oder sechs völlig verschiedene Jugendgeschichten. Ihre Spuren aber passen alle in denselben sieben Quadratmeter großen Raum, liegen auf demselben Tisch. Er hat jede Möglichkeit durchlaufen. Zurückgelassen haben sie alle denselben Raum.
Was er dort begreift
In diesem Abschnitt lässt die Serie ihn ein paar Dinge verstehen. Es sind sehr einfache Dinge.
Erstens: In keiner Welt ist er zufrieden. Es liegt nicht an einer bestimmten schlechten Gruppe, an den falschen Leuten oder an einer Pechsträhne. Er ist in jeder Welt unzufrieden, und jedes Mal lautet der Grund: Es müsste doch noch etwas Besseres geben.
Zweitens: Jene Tage, an denen er unentwirrbar mit Ozu, Akashi, Meister Higuchi, Hanuki, Jōgasaki und Aijima verstrickt war, erscheinen jemandem, der sich die ganze Zeit in viereinhalb Tatami eingeschlossen hat, ausgesprochen lebhaft. Entscheidend ist die zweite Hälfte dieses Satzes. Er besagt weder, dass diese Tage wunderbar gewesen seien, noch dass der Student gefälligst zufrieden sein solle. Es geht um den Bezugspunkt eines Vergleichs.
Er hat diese Tage immer an einem Leben gemessen, das es nicht gab. Nie an dem Ort, an dem er sich jetzt tatsächlich befindet. Die Ergebnisse könnten kaum weiter auseinanderliegen. Verglichen mit dem ersten waren die beiden Jahre nichts wert. Verglichen mit dem zweiten herrschte darin ein Heidenlärm. Er hat bisher nur den ersten Maßstab in der Hand gehabt. Und der Ort, an dem er jetzt tatsächlich ist, ist ein leeres Zimmer.
Der Bär
Schließlich kehrt er in sein ursprüngliches Zimmer zurück. Als er eintritt, sieht er dort etwas hängen. Mochiguma, Akashis Anhänger, ein weicher, schlaff herabhängender Bär. Sie hatte ihn verloren, er hatte ihn gefunden.
In jeder Parallelwelt ist dieser Anhänger bei ihm. Jedes Mal nimmt er sich vor, ihn ihr zurückzugeben. Jedes Mal tut er es nicht. In jeder Version hängt er dort, keinen Meter von ihm entfernt. Und in jeder Version sieht er ihn nicht.
Der Bär ist nicht versteckt. Der Student sucht nur nach etwas anderem. Wer nach etwas sehr Großem, sehr Fernem und kaum Benennbarem sucht, verliert etwas Kleines, Nahes und vollkommen Konkretes aus dem Blick. Nichts verdeckt es. Der Blick geht einfach darüber hinweg.
Dazu gehört eine etwas unbequeme Ergänzung: Diesen Bären zurückzugeben, ist überhaupt nicht schwer. Es verlangt weder Mut noch einen Plan. Keine Voraussetzung muss erst erfüllt sein. Man geht hin, reicht ihn ihr und fragt: Gehört der dir? Etwas, das nicht schwierig ist, kann zwei Jahre lang unerledigt bei einem liegen bleiben.
Weil es nicht schwierig ist, ist es nicht dringend. Weil es nicht dringend ist, steht es immer hinten an. Und was hinten ansteht, bleibt hinten.
Hinaus
Er geht hinaus. Was er über sein Leben begriffen hat, spricht er durchaus aus. Doch die Serie bleibt nicht bei dieser Einsicht stehen. Hinausgehen muss er selbst. Er greift nach dem Bären und geht.
Dann folgt jene Szene: Unzählige Motten fliegen aus dem Shimogamo Yūsuisō zur Kamo-Ōhashi-Brücke. Sie liegt bei Demachiyanagi. Hier fließen Takano und Kamo zusammen; der vereinte Fluss heißt ebenfalls Kamo. Zwei Flüsse werden einer.
Im selben Bild laufen die Parallelwelten zu einer einzigen zusammen. So lässt sich dieses Bild lesen: Der Zusammenfluss der beiden Flüsse und das Zusammenfinden der Welten zeigen dieselbe Sache auf zwei verschiedene Weisen.
Was er dann tut
Schauen wir zunächst auf zwei Dinge, die er draußen tut. Erstens: Ozu gerät auf der Brücke in Bedrängnis. Der Protagonist rennt hin und schützt ihn. Zweitens: Er gibt Akashi den Bären zurück.
Die beiden Handlungen haben etwas gemeinsam: Beide sind klein, und beide gelten einem bestimmten Menschen. Kein Entschluss, kein Lebensplan, keine Ankündigung eines Neuanfangs. Er rennt hin und hält jemanden fest. Er gibt jemandem etwas zurück.
Die Erzählstimme spricht seine Einsicht aus. Nach der Rückgabe des Anhängers geht es weiter; unter anderem lädt er Akashi zum Ramenessen ein. Das garantiert noch kein für immer vollkommenes rosarotes Studentenleben. Seine Einsicht nimmt in den beiden kleinen Handlungen Gestalt an. Beide gelten konkreten Menschen.
Drei Dinge
Hier endet diese Essayreihe. Zum Schluss lege ich drei Dinge nebeneinander, ohne etwas dazwischenzuschieben.
Erstens eine Wendung: das rosarote Studentenleben. Weil sie keinen Inhalt hat, schlägt sie jedes wirkliche Leben. Zwei Jahre lang hat er alles an ihr gemessen.
Zweitens einen Menschen: Ozu. Er nervt, steht im Weg, und nichts von dem Ärger, den er verursacht hat, ist erfunden. Zugleich ist er der einzige Mensch, der in diesen beiden Jahren jeden Tag da war.
Drittens einen weichen, schlaffen Bären an der Wand des viereinhalb Tatami großen Zimmers. In jeder möglichen Version hängt er an derselben Stelle. In jeder möglichen Version hat der Mensch in diesem Zimmer ihn nicht zurückgegeben.
Was das nun bedeutet, sagt die Serie nicht. Hier finden die Bilder zusammen: Zwei Flüsse werden einer, ein Mottenschwarm fliegt über eine Brücke, und ein Mensch lässt sich an einem Ramenstand nieder. Zuvor hat dieser Mensch elf Folgen damit verbracht, immer wieder zu verkünden, seine beiden Jahre hätten nichts enthalten.