Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung nach dem chinesischen Original. Auf der Originalseite lässt sich zwischen vereinfachten und traditionellen chinesischen Zeichen umschalten.
Ein Student im dritten Jahr lebt in Kyoto, in einem heruntergekommenen Zimmer von viereinhalb Tatamimatten Größe. Gleich zu Beginn erklärt er sinngemäß: Nun, im Frühjahr meines dritten Studienjahres, kann ich mit Gewissheit sagen, dass ich in den vergangenen zwei Jahren nichts, aber auch gar nichts von praktischem Nutzen getan habe.
Das klingt nicht nach einem Geständnis. Es ist eine Anklage. Und zwar eine ausgesucht kunstvolle, literarisch ausgefeilte Anklage, an der ihr Verfasser sichtlich Gefallen findet. Die Erzählstimme dieser Serie gönnt uns kaum eine Atempause: lange Sätze, altertümliche Wörter, sieben, acht Wendungen innerhalb eines einzigen Absatzes. Wer das eigene Scheitern so erlesen schildern kann, muss viel Zeit darauf verwendet haben. Auf der Anklagebank sitzt das Schicksal.
Was er eigentlich will
Eine Wendung kehrt im Lauf der Serie immer wieder: das rosarote Studentenleben. Was soll das sein? Seiner Beschreibung nach ungefähr dies: eine anständige Hochschulgruppe, gleichgesinnte Freunde, eine Liebe zu einem schwarzhaarigen Mädchen und überhaupt ein Dasein, das er selbst nicht recht beschreiben kann, das aber ganz bestimmt anders aussieht als sein jetziges. Genau darauf kommt es hier an: Diese Wendung hat keinen konkreten Inhalt.
Er beschreibt nie einen einzigen Tag in diesem Leben. Wann steht er auf? Was macht er? Mit wem spricht er, und worüber? Darüber verliert er kein Wort. Er kann nur sagen, was dieses Leben nicht ist: das hier. Daran ändert sich in der ganzen Serie nichts. Noch in der letzten Folge kann er dem ersehnten Leben keinen konkreten Inhalt geben. Es hatte nie einen.
Seine Unzufriedenheit schaut zurück
Jede seiner Klagen hat dieselbe Form.
Wäre ich damals vor dem Uhrturm doch nicht dieser Gruppe beigetreten.
Wäre ich Ozu doch nie begegnet.
Hätte ich damals doch einen anderen Weg gewählt.
Seine ganze Unzufriedenheit gilt einer Version seiner selbst, die nie Wirklichkeit geworden ist. Bei diesem Satz lohnt es sich, einen Moment zu bleiben. Wer mit dem eigenen Leben unzufrieden ist, kann sich dabei gewöhnlich in zwei Richtungen wenden.
Die eine führt nach vorn: Ich will etwas Bestimmtes, und ich habe es noch nicht. Diese Unzufriedenheit hat einen Gegenstand. Man kann auf ihn hinarbeiten, sich an ihm versuchen und irgendwann entweder bekommen, was man möchte, oder davon ablassen.
Die andere führt zur Seite: Hätte ich damals anders gehandelt, müsste ich heute ein anderer Mensch sein. Diese Unzufriedenheit hat keinen Gegenstand. Denn diesen anderen Menschen gibt es nirgends. Man kann ihn weder erreichen noch ausprobieren; der Wunsch lässt sich niemals erfüllen. Der Protagonist dieser Serie hält sich durchgehend an diese zweite Möglichkeit.
Und sie hat einen Vorzug, den die erste nicht besitzt: Sie kann nicht scheitern. Wer etwas verfolgt, kann es verfehlen. Er kann es auch erreichen und feststellen, dass er sich etwas ganz anderes darunter vorgestellt hat. Wer dagegen eine unabänderliche Vergangenheit bereut, geht dieses Risiko niemals ein.
Ein Vergleich mit eingebautem Ergebnis
Damit sind wir beim Kern dieses Essays. Wer sein gegenwärtiges Leben mit einer Alternative ohne konkreten Inhalt vergleicht, hat das Ergebnis bereits festgelegt.
Die Alternative hat keine Mängel, weil nichts in ihr vorkommt. Keine schwierigen Freunde, keine Regentage, kein falsches Wort. Nichts Konkretes, Lästiges oder Unschönes. Das jetzige Leben hat all das, denn es ist wirklich. Was keinen Inhalt hat, schneidet immer besser ab als etwas, das einen hat. Mit den beiden verglichenen Leben selbst hat dieses Ergebnis nichts zu tun.
Seine Unzufriedenheit belegt also keineswegs, dass er ein besonders elendes Leben führt. Eigentlich ist ziemlich viel los: Da ist jemand, der ihm jeden Tag auf die Nerven geht. Da ist ein Mädchen, das er mag. Da ist ein Meister, der ununterbrochen Unsinn redet. Jeden Tag ereignet sich ein neuer Haufen unerklärlicher Dinge. Er ist unzufrieden, weil er all das an etwas misst, das am anderen Ende seines Maßstabs vollkommen leer bleibt.
Sein Zimmer
Die Serie hat ihm eine denkbar treffende Bleibe gegeben. Viereinhalb Tatami, eine heruntergekommene Unterkunft im Wohnhaus Shimogamo Yūsuisō in Kyoto. Wie groß sind viereinhalb Tatami? Etwas mehr als sieben Quadratmeter. Ein Tisch, ein Bücherregal, ein Futon samt Decke: Dann ist der Raum schon fast voll. Zwei Jahre verbringt er hier.
In den ersten Folgen ist das Zimmer bloß Kulisse, die passende Unterkunft für einen armen Studenten. Später wird es zum zentralen Bild der Serie. Und zwar dadurch, dass es sich vervielfacht.
Bis dahin ist es längst unzählige Male zu sehen gewesen, in jeder Folge. Hier beginnen seine Klagen, hier endet jede seiner Geschichten. Er zieht los, macht einen gewaltigen Umweg, kehrt zurück und erklärt, an allem sei jene Entscheidung von damals schuld.
Faul ist er nicht
Eines muss klar sein, sonst wird aus diesem Essay eine Standpauke: Der Protagonist ist nicht faul.
Er kommt aus dem Bett, geht zu Lehrveranstaltungen, nimmt am Gruppenleben teil, erledigt Botengänge. Er steckt enorme Mengen an Zeit und Kraft in die absurdesten Unternehmungen. Für die unvernünftigen Forderungen seines Meisters rennt er durch die ganze Stadt. Um jemandem eins auszuwischen, bereitet er sich bis tief in die Nacht vor. Immer wieder gerät er in irgendwelche Angelegenheiten hinein, die er dann gewissenhaft zu Ende bringt.
Auch an Begabung fehlt es ihm nicht. Er kann reden, schreiben, denken; sein Kopf arbeitet rasend schnell. Die Erzählstimme der Serie ist dieser Kopf, und sie ist dicht, präzise und zum Brüllen komisch. Weder Fähigkeit noch Energie noch Glück fehlen ihm. Was ihm fehlt, ist etwas mit konkretem Inhalt, an dem er sich messen könnte.
Das kann ihm niemand abnehmen. Versucht haben es durchaus einige: Akashi hat ihm handfeste Dinge gesagt. Auch im Unsinn seines Meisters steckt hin und wieder ein treffender Satz. Ozu zieht ihn auf seine eigene grauenhafte Art unentwegt nach draußen.
Es hilft alles nichts. Wer den Maßstab in seiner Hand wechseln will, muss erst einmal zugeben, dass er selbst ihn hält. Unser Student glaubt immer noch, er sei vom Himmel vorgegeben.
Also darf er noch einmal anfangen
Am Ende der ersten Folge äußert er einen Wunsch: Könnte ich doch zum Studienanfang zurückkehren und es noch einmal versuchen. Die Serie gewährt ihn.
Zu Beginn der zweiten Folge steht er wieder vor dem Uhrturm. Derselbe Frühling, dieselbe Anschlagtafel, dieselben Gruppen, die um neue Mitglieder werben. Diesmal wählt er eine andere.
Nun bekommt er tatsächlich jenes Ich, das es nie gegeben hat. Wieder und wieder wechseln die Gruppen, die Wege, die Ereignisse. Das Faire an diesem Versuch ist, dass die Serie nicht vorab verkündet, wo das Problem ihres Helden liegt. Sie lässt lediglich den Urteilenden unverändert. Wir sollen selbst sehen, was daraus folgt: Wenn jeder Weg in dieselbe Unzufriedenheit mündet, war das, was die ganze Zeit gleich geblieben ist, womöglich nie das Schicksal.