Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals. Auf der Originalseite lässt sich zwischen vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen umschalten.
Zwei gleichaltrige Jungen kommen am selben Tag ins Haus von Yurakutei Yakumo dem Siebten.
Der eine heißt Kikuhiko. Der andere Hatsutaro.
Ihr weiteres Leben bildet den Hauptteil dieser Geschichte.
Zwei Jungen
Kikuhiko kommt aus einem Geisha-Haus. Eines seiner Beine ist geschädigt, er kann nicht tanzen. Also hat man ihn hierhergeschickt.
Er will kein Rakugo lernen. Man hat ihn hier hineingeschoben.
Begabung besitzt er ebenfalls nicht, jedenfalls lange Zeit nicht. Tag für Tag quält er sich ab. Er übt, ohne es hinzubekommen, trägt schlecht vor und sieht zu, wie sein Mitschüler, der ihm als Lehrbruder voransteht, eine Stufe nach der anderen nimmt.
Hatsutaro ist ein aufgelesenes Kind. Keine bekannte Herkunft, kein Zuhause.
Er hat Talent. Ein Talent, das jeder bemerkt, sobald er auf der Bühne sitzt.
Er ist grob, laut, nachlässig, hat ein loses Mundwerk, zahlt seine Schulden nicht und verpatzt aus Trunkenheit, was er tun soll. Das Publikum liebt ihn. Kaum setzt er sich auf die Bühne, lebt der ganze Saal auf. Sein Können und seine Beliebtheit wachsen rasant.
Und er ist gut zu Kikuhiko. Das ist das Entscheidende zwischen ihnen: Von Anfang an zählt Kikuhiko für ihn zu den Seinen. Er lehrt ihn, zieht ihn mit, stellt sich schützend vor ihn. Bis zuletzt.
Ihre Wesensarten stehen einander gegenüber. Der eine feinfühlig, verschattet, wortkarg. Der andere ungestüm, heiter, mit allem sofort heraus.
Am selben Tag aufgenommen, beim selben Meister, in dieselbe Kunst. Und doch ist an diesen beiden nichts gleich.
Die Namen, die sie später tragen
Hatsutaro übernimmt später einen überlieferten Künstlernamen. Er wird Yurakutei Sukeroku der Zweite.
Kikuhiko tritt ebenfalls eine Namensnachfolge an. Er wird Yurakutei Yakumo der Achte.
Hier müssen wir kurz innehalten und klären, was diese beiden Namen bedeuten.
„Yakumo“ und „Sukeroku“ sind keine gewöhnlichen Personennamen. Es sind Myoseki, übertragbare Künstlernamen.
Bei einem Myoseki ist der Name selbst eine Stellung. Er hat eine Folge von Trägern, eine Zählung, eine Zugehörigkeit und eine Zeremonie der Übernahme. Wer ihn annimmt, wird sein Träger in einer bestimmten Generation. Vorher gehörte der Name einem anderen Menschen; danach wird ihn wieder ein anderer tragen.
Mit der Übernahme legt man den bisher verwendeten Namen ab.
Yakumo der Siebte sagt über diese beiden Namen, Yakumo und Sukeroku bildeten ein Paar. Sie gehörten von jeher zusammen.
Die beiden Stellen sind also aufeinander angelegt. Und in dieser Generation werden ausgerechnet diese zwei Menschen sie einnehmen.
Stellung und Mensch
Damit sind wir bei der Kernfrage dieses Essays.
Was wird weitergegeben, wenn ein solcher Name weitergegeben wird?
Nicht der Mensch. Kikuhiko verwandelt sich nicht in Yakumo den Siebten. Er bleibt Kikuhiko.
Weitergegeben wird eine Stellung: die Stücke, die Spielweise, die Regeln, die Erwartungen des Publikums, der Rang innerhalb des Berufs und all das andere, was an diesem Namen hängt.
Eine Stellung lässt sich vollständig übertragen. Der Mensch, der sie einnimmt, wird dadurch nicht zu seinem Vorgänger.
Dieser Gedanke kehrt in der Serie immer wieder. Er hat eine zweite Hälfte:
Ein Mensch kann vollständig geformt werden, ohne dass die Stellung, die er anschließend einnimmt, dadurch zu seiner eigenen wird.
Kikuhiko ist in diese Kunst hineingeschoben worden. Er wollte nicht her, er besaß kein Talent, er litt Tag für Tag. Am Ende wird er Yakumo der Achte und erreicht damit den höchsten Platz, den diese Kunst zu vergeben hat.
Ein Mensch kann in einer Sache bis ganz nach oben gelangen, die er sich niemals selbst ausgesucht hat.
Die Serie sagt nicht, ob das gut oder schlecht ist. Sie lässt es geschehen.
Daraus wächst später noch etwas anderes. Nachdem Kikuhiko sich jahrelang in dieser Kunst abgemüht hat, findet er seine eigene Art, sie auszuüben. Nicht Hatsutaros Art. Eine andere: kühl, fein, nur ihm möglich.
Jemand, den man in etwas hineingedrängt hat, schafft innerhalb eben dieser Sache etwas, das kein anderer schaffen kann.
Ob das nun zählt, sagt die Serie ebenfalls nicht.
Sukerokus Ausschluss
Hatsutaro, inzwischen Sukeroku der Zweite, bekommt Schwierigkeiten.
Sein Verhalten macht es unmöglich, ihn im Beruf zu halten. Er trinkt, missachtet die Regeln, beleidigt Menschen und bessert sich trotz wiederholter Ermahnungen nicht.
Sein Meister, Yakumo der Siebte, schließt ihn aus der Schule aus.
Ein solcher Ausschluss, Hamon, bedeutet, dass er aus der Schule gestrichen wird. Er ist nicht länger Schüler dieses Meisters, darf nicht mehr über das verfügen, was zu dem Namen gehört, und verliert seinen Platz innerhalb des Berufs.
Eine härtere Sanktion kennt dieses System nicht.
Dabei darf die Seite des siebten Yakumo nicht zu kurz kommen.
Was kostet es einen Meister, seinen eigenen Schüler auszuschließen? Dieser Mensch hat viele Jahre bei ihm gelernt. Er ist der Begabteste seiner Schule. Der Meister selbst weiß, wie weit er es bringen könnte.
Und dennoch tut er es.
Denn eine Schule braucht eine Grenze, wenn sie bestehen will. Eine Grenze, die niemand durchsetzt, ist keine.
Der gemeinsame Auftritt
Nach dem Ausschluss veranstalten Yakumo der Siebte und Kikuhiko ein Oyakokai, einen gemeinsamen Auftritt von Meister und Schüler.
Yakumo trägt an diesem Tag Kowakare vor.
Das Stück erzählt von einem Vater und seinem Kind, die getrennt werden und sich wiederbegegnen.
Er erzählt es zu Ende. Auf dem Rückweg hinter die Bühne bricht er zusammen.
Die Serie erklärt den Zusammenhang während dieses Auftritts nicht. Der siebte Yakumo spricht hier nicht über Sukeroku; die Wahl des Stücks steht zunächst für sich. Das bedeutet nicht, dass er später im Krankenhaus nichts mehr über seinen Schüler und den Namen sagen wird.
Er wählt dieses Stück, trägt es vor, bricht zusammen. Mehr zeigt sie nicht.
Ein Mann hat seinen geschätztesten Schüler ausgeschlossen. Dann geht er auf die Bühne und erzählt eine Geschichte über Trennung.
Wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, sagt die Serie nicht. Sie stellt beides in denselben Auftritt und geht weiter.
Eine unbesetzte Stelle
Nach seinem Ausschluss verlässt Sukeroku Tokio.
Mit einer Frau und einem Kind zieht er aufs Land.
In Tokio wird währenddessen eine Stelle frei: der Künstlername Sukeroku.
Kikuhiko ist längst nicht mehr der Junge, der beim Üben nicht vorankam. Er steigt auf. Und den Weg, auf dem er aufsteigt, hat sein Lehrbruder freigemacht.
Keine Figur spricht das aus.
Ein Name kann unbesetzt bleiben. Ein Mensch kann ihn zurücklassen und anderswo weiterleben. Schon daran zeigt sich, dass Stellung und Mensch nie dasselbe gewesen sind. Doch die leere Stelle verändert wiederum die Wege, die dem Zurückgebliebenen offenstehen. Voneinander unabhängig sind sie also auch nicht.
Später stirbt Sukeroku auf dem Land. Kikuhiko ist dabei. Die Serie erzählt diese Nacht zweimal. Zu einem Bericht, mit dem alle den Fall abschließen könnten, wird sie dennoch nie.