Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Sie hat dazu keine Meinung

Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung · 2026-10-09

Über diese Ausgabe

Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals, das auf der Quellseite in vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen vorliegt. Dialogpassagen sind eigene sinngemäße Wiedergaben, keine Zitate einer deutschen Synchron- oder Untertitelfassung.

Utena sagt zu Anthy: Du musst nicht tun, was ich sage.

Anthy antwortet: Gut.

Das ist das Grundmuster ihres Zusammenlebens. Es hält sich über mehr als dreißig Folgen.

Was Utena versucht

Utena probiert vieles.

Sie sagt: Himemiya, du bist nicht mein Eigentum. Anthy nickt.

Sie sagt: Du musst nicht für mich kochen. Anthy sagt gut und richtet sich danach.

Sie sagt: Tu, was du selbst möchtest. Anthy erwidert, sie möchte für Utena kochen.

Sie sagt: Nenn mich einfach Utena, ohne die förmliche Anrede. Anthy ändert die Anrede, behält aber ihre höflich-distanzierte Sprache bei. Zwei Tage später ist auch die alte Anrede wieder da.

Utena nimmt sie mit in den Unterricht, sie essen zusammen, unternehmen zusammen all das, was gewöhnliche Mädchen eben unternehmen. Anthy lässt sich auf alles ein. Mit derselben Haltung, demselben Gesichtsausdruck.

Keiner von Utenas Versuchen wird zurückgewiesen. Anthy nimmt sie an, so wie man Befehle entgegennimmt.

Sie wehrt sich nicht

Damit sind wir beim Kern dieses Essays.

Anthy wehrt sich nicht.

Das lässt sich leicht auf die Erklärung verkürzen, sie sei so sehr unterdrückt worden, dass sie es nicht wage. Doch später lässt die Serie sie ihr Leiden eingestehen, auf das Dach steigen und Utena mit dem Schwert verletzen. Dass an der Oberfläche kein Widerstand sichtbar wird, beweist nicht, dass darunter keine Angst liegt. Es zeigt nur, wie schwer ihr Leiden noch auf dem gewöhnlichen Weg in ein Nein münden kann.

Zumindest in dem Alltag, den Utena zu sehen bekommt, wirkt Anthy selten ängstlich oder angespannt. Auch unter vier Augen gibt sie kaum je eine Antwort, aus der sich etwas Eindeutiges lesen ließe. Sie versorgt den Rosengarten, füttert ihr kleines Tier namens Chuchu, kocht, fegt, geht zum Unterricht und lächelt.

Sie lebt nicht wie jemand, der als Opfer zu erkennen wäre. Sie lebt wie jemand, der jeden Tag seine Arbeit erledigt.

Mit dieser Gelassenheit lässt sich schwerer umgehen als mit jedem sichtbaren Schmerz. Bei einem Menschen, der sich sträubt, weiß man wenigstens, in welche Richtung man helfen könnte.

Und der Inhalt dieser Arbeit heißt Gehorsam.

Sie widersetzt sich nicht. Sie stimmt aber auch nicht zu. Sie tut lediglich, was von ihr verlangt wird.

Sie hat keine Wünsche

Mehrfach gibt es in der Serie Gespräche dieser Art:

Jemand fragt, was sie möchte. Sie kann es nicht sagen.

Jemand fragt, ob ihr ihr gegenwärtiges Leben gefällt. Sie gibt eine Antwort, die keine ist.

Jemand fragt, ob sie fortwill. Sie lächelt.

Das ist kein Ausweichen. Die Szenen lassen erkennen, dass dort, wo eine Antwort stehen müsste, eine Leerstelle bleibt. Damit ist nicht bewiesen, dass in ihr nichts mehr vorhanden wäre. Nur kann niemand von außen ihren Antworten entnehmen, was dort noch vorhanden ist.

Wird einem Menschen etwas genommen, tut das gewöhnlich weh. Dieser Schmerz ist zu etwas gut: Er bezeugt, dass das Verlorene einmal da war, dass dieser Mensch noch immer findet, es gehöre in sein Leben, dass sich etwas in ihm widersetzt.

Bei Anthy ist ein solcher Schmerz von außen nicht ohne Weiteres zu erkennen. Das ist nicht dasselbe wie Schmerzlosigkeit.

Am tiefsten reicht diese Ordnung bei ihr nicht dadurch, dass sie nicht mehr leidet. Sondern dadurch, dass aus dem Leiden nicht mehr von selbst ein Nein wird.

Das ist die These dieses Essays. Sie braucht keinen von außen herangetragenen Begriff. Die Serie selbst führt es über mehr als dreißig Folgen vor.

Auf Freundlichkeit reagiert sie wie auf Befehle

Noch etwas kommt hinzu. Darin liegt der Grund, weshalb Utenas Bemühungen immer wieder ins Leere laufen.

Was Utena ihr anbietet, ist wohlwollend: Freundschaft, Gleichberechtigung, gemeinsame Mahlzeiten, der Satz „Du musst nicht tun, was ich sage“.

Doch Anthy nimmt diese Dinge auf dieselbe Weise entgegen wie einen Befehl.

Sie sagt gut. Sie tut es. Sie lächelt.

Sagt ein Mensch zu allem Ja, unterscheidet sich seine Reaktion auf Freundlichkeit nicht mehr von seiner Reaktion auf Befehle.

Das ist hier kein Lehrsatz, sondern ein Zustand, den die Serie über mehr als dreißig Folgen hinweg zeigt. Utena kann Anthy nicht aus ihrer Lage befreien, indem sie gut zu ihr ist. Denn auch „gut zu ihr sein“ kommt bei Anthy als etwas an, wonach sie sich zu richten hat.

Was Anthy getan hat

Dabei ist Anthy keine passive Staffage. In diesem Punkt ist die Serie ehrlich.

Sie tut vieles selbst. Und manches davon ist ausgesprochen hässlich.

Im Verborgenen wirkt sie an bestimmten Arrangements mit. Sie sagt Dinge, die Utena verletzen. In entscheidenden Augenblicken steht sie auf der anderen Seite. Manchmal beantwortet sie Utenas Wohlwollen mit einem Stich zurück.

Die Serie liefert ihr dafür keine Rechtfertigung. Sie sagt weder, Anthy sei dazu gezwungen worden, noch, dass sie im Grunde doch ein guter Mensch sei.

Sie lässt Anthy diese Dinge tun. Und am nächsten Tag kocht sie wie immer.

Das macht den Versuch, „sie zu retten“, ungeheuer schwierig. Einen Menschen zu retten, der darum ringt, herauszukommen, ist das eine. Anthy aber ringt nicht nur nicht darum. Sie zieht auch noch zurück.

Sie ist kein guter Mensch, der bloß in einer Falle sitzt. Sie ist ein Mensch, der viel zu lange eine bestimmte Rolle ausgefüllt hat. Und zu dieser Rolle gehören auch solche Handlungen.

Utenas Anteil

Zum Schluss müssen wir über Utena sprechen. Dieser Essay kann nicht bei Anthy stehen bleiben.

Warum hält Utena so beharrlich daran fest?

Als sie klein war, starben ihre Eltern. Sie versteckte sich allein in einem Sarg. Dann kam jemand, holte sie heraus, gab ihr einen Ring und sagte ihr sinngemäß, sie solle sich ihre edle Gesinnung bewahren.

Für sie war dieser Mensch ein Prinz.

Und sie beschloss: Sie selbst wollte ein Prinz werden.

Deshalb trägt sie eine Jungenuniform, lernt kämpfen und tut, was ein Prinz ihrer Vorstellung nach tun sollte. Dabei denkt sie daran, diesem Menschen eines Tages wiederzubegegnen.

Sie will Anthy retten, weil Anthy Hilfe braucht. Und sie will sie retten, weil ein Prinz das tut.

In Utena lassen sich diese beiden Beweggründe nicht voneinander trennen. Die Serie hat sie auch nie getrennt.

Viel später wird jemand ihr ins Gesicht sagen, sie könne das nicht: Sie sei ein Mädchen, und ihr fehle die Macht.

Es ist derselbe Mensch, der sie damals aus dem Sarg geholt hat.


Warum Anthy überhaupt diese Rolle innehat, erzählt die Serie erst jenseits der dreißigsten Folge.

Es hat mit einer Million Schwertern zu tun.

Darum geht es im nächsten Essay.

Gegenstand dieser Reihe ist die 39-teilige Fernsehserie Revolutionary Girl Utena von 1997. Der Kinofilm von 1999 ist nicht Teil dieser Lektüre.