Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals, das auf der Quellseite in vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen vorliegt. Dialogpassagen sind eigene sinngemäße Wiedergaben, keine Zitate einer deutschen Synchron- oder Untertitelfassung.
Eine Schule. Irgendwo auf dem Gelände gibt es ein Tor. Dahinter führt eine lange Wendeltreppe hinauf, und an ihrem Ende liegt eine Duellarena.
Zwei Schüler stehen einander gegenüber. Beide haben eine Rose an der Brust.
Es gibt nur eine Regel: Gewonnen hat, wer die Rose des Gegenübers abschlägt.
Und wer gewinnt, darf einen Menschen mitnehmen.
Bei diesem Duell gibt es weder Schiedsrichter noch Publikum noch ein Protokoll. Danach gehen die beiden die Treppe hinunter und zurück in den Unterricht.
Dieser Mensch
Sie heißt Anthy Himemiya.
Ihre Rolle heißt „Rosenbraut“.
Das ist kein Titel und keine Auszeichnung. Es ist eine Funktion.
Während des Duells steht sie am Rand. Sie kämpft nicht mit, sagt nichts, bezieht keine Stellung. Wenn der Kampf vorbei ist, tritt sie vor die Person, die gewonnen hat.
Von diesem Augenblick an gehört sie ihr.
Was für sie gilt
Die Regel für die Rosenbraut legt die Serie ohne Umschweife dar:
Der Person, mit der sie verlobt ist, schuldet sie absoluten Gehorsam.
Absolut ist hier wörtlich gemeint. Sie tut, was ihr aufgetragen wird. Sie sagt, was sie sagen soll. Sie steht genau dort, wo man sie hinstellt.
Schon die erste Folge führt vor, wie das aussieht.
Zu diesem Zeitpunkt ist sie mit Kyouichi Saionji verlobt. Vor anderen Leuten gibt er ihr eine Ohrfeige.
Sie weicht nicht aus. Sie schlägt nicht zurück, weint nicht und erzählt niemandem davon.
Sie entschuldigt sich.
Und die Szene ist so angelegt, dass auch die Umstehenden nichts daran finden. An dieser Schule ist das kein Skandal. Niemand muss es melden, niemand wundert sich darüber.
Sie wird nicht erst niedergehalten, damit sie gehorcht. Gehorsam ist der Inhalt der Rolle, die sie innehat.
Das Schwert
Es gibt noch eine Ebene, die schwerer wiegt als die Ohrfeige.
Im ersten Duellzyklus muss die siegreiche Person, mit der Anthy verlobt ist, ein Schwert aus ihrer Brust ziehen.
Es heißt Schwert des Dios. Solange es nicht gebraucht wird, befindet es sich in ihrem Körper. Wird es gebraucht, greift die andere Person hinein, zieht es heraus und kämpft damit.
Die Serie zeigt diesen Vorgang unmissverständlich. Und sie zeigt ihn oft. Anthy beugt sich nach hinten; aus ihrer Brust wird ein Schwert gezogen.
Ihr Körper ist ein Aufbewahrungsort für eine Waffe.
Innerhalb dieser Ordnung gilt das nicht als Misshandlung, sondern als vorgesehener Ablauf. Die Bilder geben dem Vorgang etwas Feierliches: Licht, Blütenblätter, ein Ritual.
Und Anthy wirkt mit. Sie bringt sich selbst in die richtige Haltung, damit die andere Person das Schwert herausziehen kann.
Utena gerät da hinein
Nun zu einer anderen Figur.
Utena Tenjou besucht diese Schule. Sie trägt eine Jungenuniform und fällt damit unter den Mädchen auf. Sie kann sich ausgezeichnet prügeln und ist geradeheraus.
Eine Duellantin ist sie nicht. Mit all dem hat sie nichts zu tun.
Schon zuvor hat Utena gesehen, wie Saionji Anthy ohrfeigt. Den unmittelbaren Anlass, ihn herauszufordern, gibt aber der Vorfall um den Liebesbrief ihrer Freundin Wakaba.
Das macht sie wütend. Sie will Saionji zur Rechenschaft ziehen, gerät hinter jenes Tor, steigt die Treppe hinauf und findet sich in einem Duell wieder, dessen Regeln sie überhaupt nicht kennt.
Dann gewinnt sie.
Was sie gewonnen hat
Nach ihrem Sieg kommt Anthy auf sie zu und verbeugt sich.
Von nun an gehört Anthy ihr.
Utenas Reaktion darauf ist sehr konkret: Sie steht da wie vor den Kopf geschlagen.
Sie versteht es nicht. Sie wollte Saionji wegen Wakabas Brief zur Rede stellen; auch dass er Anthy schlug, hat sie empört. Jetzt steht dieser Mensch vor ihr und erklärt, von nun an alles zu tun, was sie sagt.
Sie will für ihre Freundin einstehen und kann nicht hinnehmen, dass Anthy wie eine Sache behandelt wird. Nach ihrem Sieg gehört Anthy ihr.
Mit der Sekunde ihres Sieges ist dieser Platz ihrer.
Sie will aussteigen
Utenas erster Impuls ist, die Sache von sich zu weisen.
Sie will das nicht. Himemiya ist kein Preis, sagt sie. Bei diesen Duellen macht sie nicht mehr mit.
Nur ist ein Ausstieg nicht vorgesehen.
Sie kann dem nächsten Duell fernbleiben. An ihrer gegenwärtigen Rolle ändert das nichts. Sie kann Anthy „freilassen“. Anthy wird stehen bleiben, denn auch das Freilassen ist eine Anweisung, und sie führt Anweisungen aus.
Im Regelwerk gibt es keinen Vorgang namens „Auflösung“.
Du kannst diesen Platz gewinnen. Du kannst ihn nicht abgeben.
Er wechselt nur auf eine Weise den Besitzer: Jemand anderes besiegt dich im Duell.
Will Utena Anthy also aus dieser Ordnung herausbekommen, bleibt ihr genau eines: immer weiter zu gewinnen.
Und immer weiter zu gewinnen ist genau das, was diese Ordnung von ihr verlangt.
Die Maschine, die sie zerlegen will, lässt sich nur bedienen, indem sie selbst zu einem ihrer Bauteile wird.
Die anderen Duellanten
Einer nach dem anderen tritt gegen sie an.
Es sind Mitglieder des Schülerrats: Touga Kiryuu, Juri Arisugawa, Miki Kaoru, Kyouichi Saionji. Alle haben ihre eigenen Gründe. Mit ihren jeweiligen Wünschen treten sie zum Duell an, ohne zuvor nach Anthys eigenem Willen zu fragen. Der versprochene Preis ist jene Macht, die angeblich „die Welt revolutionieren“ kann.
Gewinnt ein neuer Herausforderer, muss Anthy nach diesen Regeln mit ihm gehen.
Sie muss tun, was der neue Sieger ihr aufträgt. Verliert er seinerseits ein Duell, folgt sie dem nächsten Sieger.
Die Serie zeigt nie, was Anthy davon hält.
Denn sie hat dazu keine Meinung.
Utenas nächster Versuch besteht darin, sie aus dieser Rolle herauszuholen.
Über dreißig Folgen lang versucht sie es.
Davon handelt der nächste Essay.
Gegenstand dieser Reihe ist die 39-teilige Fernsehserie Revolutionary Girl Utena von 1997. Der Kinofilm von 1999 ist nicht Teil dieser Lektüre.