Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals. Auf der Originalseite lässt sich zwischen vereinfachten und traditionellen chinesischen Schriftzeichen wechseln. Dialoge sind hier sinngemäß wiedergegeben, nicht als offizielle deutsche Untertitel.
Ein Begriff aus diesem Werk klingt anfangs rein militärisch: AT-Feld. Die Engel bauen eines auf, die EVAs ebenfalls. Es bildet eine Barriere gegen Geschosse, Artilleriefeuer und andere Kraftfelder. Wer einen Kampf gewinnen will, muss zunächst dieses Feld des Gegners neutralisieren. Später wird der Begriff neu bestimmt. Das AT-Feld ist die Mauer des Herzens, das Licht der Seele. Engel haben kein Vorrecht darauf; jeder Mensch besitzt eines. Es bewahrt seine Gestalt als einzelner Mensch und verhindert, dass er mit anderen zerfließt.
Wie die Vollendung abläuft
Der Mechanismus des ganzen Vorhabens ist der Gegenstand dieses Essays. Lilith setzt ein Anti-AT-Feld frei, das die gesamte Erde erfasst. Die Menschen können ihre Gestalt als einzelne Lebewesen nicht mehr halten. Einer nach dem anderen verflüssigt sich zu LCL; ihre Seelen werden im Schwarzen Mond gesammelt.
Die Vollendung der Menschheit hebt das auf, was jedem Menschen seine eigene Gestalt erhält. Sie tötet nicht alle Menschen. Sie erobert, beherrscht und vernichtet sie nicht. Sie beseitigt die Grenzen zwischen ihnen, sodass alle ein und dasselbe werden.
Eine wirkliche Lösung
Dieser Abschnitt ist der wichtigste. Ich muss ihn ausführlich genug behandeln, sonst kämpft der ganze Essay gegen einen Strohmann. Das Leiden sämtlicher Figuren hat dieselbe Form: Sie erreichen einander nicht.
Shinji bringt nicht heraus, was er sagen will. Er sehnt sich nach Nähe und fürchtet sie zugleich. Will er etwas sagen, kommt etwas anderes heraus. Asuka findet keinen Weg, gesehen zu werden. Je mehr sie sich anstrengt, desto mehr sehen die anderen nur noch ihre Anstrengung. Rei Ayanami kann anderen kein eigenes Selbst entgegenbringen. Der Mensch, den Gendo sucht, steckt in einer Maschine; seit zehn Jahren reicht er nicht an ihn heran. Zwischen Misato und Kaji liegt ihre jeweilige Vergangenheit. Zwischen Ritsuko und den anderen steht ihre Mutter. Zwischen Fuyutsuki und den anderen etwas, das er nicht getan hat.
Ihre Schwierigkeiten beruhen weder auf mangelnder Moral noch auf fehlendem Willen. Sie liegen in der Struktur: Jeder Mensch hat eine Mauer um sich, und genau diese Mauer macht ihn zu dem, der er ist. Reißt man sie ein, verschwinden alle diese Schmerzen auf einmal. Niemand muss mehr nach Worten ringen, weil niemand mehr etwas sagen muss. Niemand wird missverstanden, weil es keine „anderen“ gibt. Niemand ist einsam, weil keine Grenze mehr besteht. Das ist eine wirkliche Lösung. Sie löst dieses Problem tatsächlich.
Das Werk inszeniert den Beginn der Vollendung nicht ausschließlich als Massaker.
Während die Menschen zerfließen, entspannen sich manche Gesichter, als sähen sie endlich den Menschen wieder, auf den sie gewartet haben. Andere haben Angst: Aoba kauert unter dem Kontrollpult, während die Rei-Gestalten näherkommen.
Die Sequenz nimmt dem Geschehen nicht seinen Schrecken. Zugleich lässt sie spürbar werden, wie verlockend die Erlösung sein kann. Zeigte sie nur Entsetzen, wäre die spätere Ablehnung leichter. Das Werk zeigt aber auch den Trost, den das Verschwinden der Grenzen verspricht.
Etwas wird ihnen genommen. Aber zugleich verschwindet etwas, das sie alle gequält hat.
Was er darin sieht
Shinji wird hineingezogen. EVA-01 verbindet sich mit der Lanze des Longinus und wird von Lilith aufgenommen. In einer Welt, in der die Menschheit bereits vollendet ist, begegnet Shinji seinem eigenen Inneren und dem der anderen.
Hier legt das Werk seine Fragen noch einmal offen, von Anfang bis Ende: Warum steuert er die Maschine? Was will er? Wovor hat er Angst? Wie sehen die anderen ihn, und wie sieht er sich selbst? Dann begegnet er Rei Ayanami und Kaworu Nagisa wieder. Wohin der Third Impact führt, liegt nun in seiner Hand.
Wofür er sich entscheidet
Er entscheidet sich dagegen, dass die Menschheit zu einem einzigen Lebewesen wird. Er will die ursprüngliche Welt zurück, in der Einzelne getrennt voneinander existieren. Der Third Impact wird unterbrochen. Den Grund dafür sollten wir genau benennen, denn leicht klingt daraus ein Lob der Individualität. Darum geht es nicht. Im Zustand der Vollendung ist auch das verschwunden, wonach er sich sehnt.
Er wollte immer, dass jemand ihn sieht. Doch damit es diesen Jemand gibt, muss der andere außerhalb von ihm stehen. Sind sämtliche Grenzen beseitigt, bleibt keiner, der ihn ansehen könnte. Es gibt kein Außen mehr. Ebenso wenig kann Shinji noch jemanden aufsuchen, jemanden ansprechen, von jemandem abgewiesen werden oder unter jemandem leiden.
Die Vollendung gibt ihm das Gegenteil dessen, was er sucht. Sie schafft das Leiden ab, indem sie den Platz abschafft, von dem aus jemand ihm das Ersehnte geben könnte. Seine Wahl lautet nicht: Individualität ist wertvoll. Er entscheidet sich dafür, diesen Platz zu erhalten. Selbst dann, wenn der Mensch, der ihn einnimmt, ihm das Gewünschte womöglich nicht gibt.
Danach sagt Rei Ayanami ihm, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, wieder menschliche Gestalt anzunehmen.
Der Strand
Shinji taucht aus dem roten Meer aus LCL auf. Er öffnet die Augen. Vor ihm liegt ein weißer Strand. Neben ihm liegt Asuka, bandagiert, reglos, ohne auf irgendetwas zu reagieren.
Er greift nach ihrem Hals und würgt sie. Sie hebt eine Hand und berührt sein Gesicht. Er lässt los und weint. Dann spricht sie den letzten Satz des Werks. Sinngemäß: Widerlich.
Dieser Satz
Auf diesen Satz läuft meine ganze Essayreihe zu. Ich will seine Schichten deshalb einzeln freilegen. Zuerst: Shinji hat eine Welt gewählt, in der andere weiterhin außerhalb von ihm existieren. Das Erste, was diese Welt ihm gibt, ist ein anderer Mensch. Dann: Das Erste, was dieser andere ihm sagt, ist etwas, das er nicht hören will. Soeben hat er einen Plan abgelehnt, in dessen Welt niemand mehr etwas sagen würde, das andere nicht hören wollen.
Die dritte und wichtigste Schicht: Dieser Satz gehört ihr. Ein Mensch, der fast ohne jede Regung am Strand liegt, tut zwei Dinge. Sie hebt die Hand, berührt sein Gesicht und sagt dann dieses Wort. Beides geschieht in derselben Person, in weniger als einer Minute, und weist in völlig entgegengesetzte Richtungen. Das Werk erklärt nicht, was davon wahr ist. Sie bekommt keinen weiteren Satz, keine erklärende Großaufnahme ihrer Augen, keine Musik, die unsere Deutung lenkt. Beides geschieht. Dann ist Schluss.
Was das Werk zuletzt tut
Hier endet diese Essayreihe. Ich möchte noch einmal nebeneinanderstellen, was ihre fünf Teile gezeigt haben.
Ein Kind steigt in eine Maschine, weil ein anderer Mensch vor ihm liegt als Preis seines Neins. Ein Mädchen hat Dutzende, womöglich Hunderte Ersatzkörper, sagt „Ich bin nicht deine Puppe“ und geht. Ein anderes Mädchen setzt seinen ganzen Platz in der Welt auf eine Zahl, die sinken kann; kaum gewinnt es das Verlorene zurück, wird es gefressen. Ein Mann will mit einem bestimmten Menschen zusammen sein und rechnet alle Menschen auf dem Weg dorthin in Bauteile um.
Und es gibt einen Plan, der all das auf einmal lösen könnte: Man schafft bei jedem Menschen das ab, was ihn zu diesem Menschen macht. Der Plan wird zurückgewiesen. Unmittelbar danach erfährt derjenige, der ihn zurückgewiesen hat, selbst eine Zurückweisung.
Das ist der Inhalt der Welt, für die er sich entschieden hat: Andere können dort sagen, was er nicht hören will. Das ist weder Trost noch ein pessimistisches Fazit. Es beschreibt lediglich diese Welt. Der Platz, den er zurückhaben wollte, ist ein Platz, an dem jemand anderes stehen und alles sagen darf. Sein ganzer Wert und sein ganzes Risiko liegen in ein und derselben Sache.
Das Werk sagt nicht, dass diese Entscheidung richtig ist. Keine Figur tritt hervor und zieht ein Resümee. Die Bilder werden nicht wärmer. Keine Einstellung erlaubt uns, erleichtert aufzuatmen. Was am Ende bleibt, sind zwei Menschen, ein Strand, eine Zurückweisung und jemand, der dort liegt und noch nicht alles gesagt hat.
Bezug: Neon Genesis Evangelion, TV-Serie (1995–1996), und The End of Evangelion (1997).