Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung des chinesischen Originals. Auf der Quellseite kann man zwischen vereinfachter und traditioneller chinesischer Schrift wechseln.
Enthält Spoiler zur gesamten Serie.
A Baoa Qu. Zeons letzte Festung.
Hier wird die letzte Schlacht geschlagen. Die Festung bricht zusammen, Maschinen zerfallen, die Gänge sind voller Trümmer und Feuer.
Amuros Maschine gibt es nicht mehr. Zwischen den schwebenden Überresten bewegt er sich in eine bestimmte Richtung.
Und von ihm stammt der letzte gesprochene Satz dieses Werks. Sinngemäß lautet er: Ich habe noch einen Ort, an den ich zurückkehren kann. Nichts könnte mich glücklicher machen.
Die Föderation hat gewonnen
Zunächst das Ergebnis: Die Erdföderation gewinnt diesen Krieg. Das Fürstentum Zeon wird besiegt.
Militärisch ist die Sache eindeutig. Industrie und Bevölkerungsbasis der Föderation sind Zeon von Anfang an überlegen. In der zweiten Kriegshälfte stellt sie Mobile Suits in Serie her und überrollt den Gegner durch ihre Zahl.
Doch die letzte Folge zeigt keine einzige Einstellung, in der gefeiert wird.
Keine Fahne wird gehisst, kein Jubel, kein Kommandeur verkündet den Sieg. Zu sehen sind Menschen bei einem untergehenden Schiff, die einander suchen und wissen wollen, wer noch lebt.
Das ist mehr als eine Entscheidung über die Stimmung. Darin liegt die Haltung der Serie zum Wort „gewinnen“.
Gewinnen ist etwas anderes, als nicht zu verlieren
Nun zur letzten Unterscheidung dieser Essayreihe.
Will man nach einem Krieg wissen, wie es um eine der beteiligten Seiten steht, kann man zwei verschiedene Fragen stellen.
Die erste lautet: Hat sie gewonnen? Der Blick geht dabei nach außen. Territorium, Flotten, die Kapitulation des Gegners, die ausgehandelten Bedingungen.
Die zweite lautet: Hat sie verloren? Wobei „verlieren“ hier keine militärische Niederlage meint.
Verloren hat eine Kriegspartei in diesem Sinn dann, wenn sie ihre eigenen Leute beim Kämpfen in etwas anderes verwandelt hat und sich diese Verwandlung nach Kriegsende nicht mehr rückgängig machen lässt.
Die Antworten müssen nicht übereinstimmen. Eine Seite kann im Sinne der ersten Frage gewinnen und im Sinne der zweiten zugleich verlieren.
Auf Zeons Seite
Stellen wir Zeon die zweite Frage.
Was im Inneren dieses Staates während des Jahres geschieht, haben die vorangegangenen drei Essays bereits entfaltet:
Ein Offizier erhebt Einspruch gegen einen Befehl und wird degradiert.
Ein Staatsoberhaupt wird vom obersten militärischen Befehlshaber des eigenen Landes als hinnehmbarer Verlust einkalkuliert.
In den letzten Kriegstagen erschießen sich die Mitglieder der Führung gegenseitig.
Darunter liegt, was all das ermöglicht: Den Menschen dieses Staates ist ein Platz zugewiesen, an dem sie „das Gesamtbild nicht zu kennen brauchen“. So funktioniert dieser Staat von Anfang an.
Wird eine solche Regel zur Normalität, kehrt sich das nach Kriegsende nicht von selbst um. Dann handelt es sich längst nicht mehr um eine Kriegsmaßnahme. Es handelt sich um den inneren Aufbau des Staates.
Zeon verliert militärisch. Aber was es im Sinne der zweiten Frage verliert, ist mehr als diese militärische Niederlage.
Aufseiten der Föderation
Dieselbe zweite Frage an die Föderation ist unbequemer. Denn sie gehört zu den Siegern.
Was hat sie getan?
Sie hat ein Kriegsschiff mit zivilen Flüchtlingen und Kindern an Bord immer wieder als Köder eingesetzt.
Sie hat kugelförmige Arbeitsgeräte mit Kanonen versehen, Menschen hineingesetzt und sie in großen Stückzahlen an die Front geschickt.
Sie hat diesen Krieg durch ihre Zahl gewonnen. Auf der anderen Seite des Wortes „Zahl“ steht jeder einzelne Mensch, der mitgezählt wurde.
Die Serie zeigt das. In ihren dreiundvierzig Folgen zeigt sie immer wieder, wie die White Base keinen Nachschub bekommt, keine Antwort erhält und Aufträge ausführen soll, die ihre Möglichkeiten übersteigen. Sie zeigt, wie ganze Gruppen dieser Kugeln auf dem Schlachtfeld vernichtet werden. Ohne Nahaufnahmen. Ohne Namen.
Das sind keine versehentlichen Verluste am Rand dieses Krieges. Auf diese Weise wird er gewonnen.
Wie steht die Föderation also im Sinne der zweiten Frage da?
Die Fernsehserie endet mit dem Ende des Krieges. Die Nachkriegszeit zeigt sie nicht. Deshalb geben diese dreiundvierzig Folgen darauf keine Antwort.
Sie lassen lediglich das Material dafür liegen.
„Gewonnen“ zu haben beantwortet die zweite Frage nicht automatisch. Es kann sogar dafür sorgen, dass sie schwerer zu stellen ist. In einem Staat, der gerade einen Krieg gewonnen hat, werden sich nur wenige hinstellen und fragen: Was haben wir in diesem Jahr aus uns gemacht?
Die Serie lässt in ihrer letzten Folge niemanden diese Frage stellen.
Die Erklärung, die ausbleibt
Nun zum entscheidenden Punkt dieses Essays.
Wenn ein Krieg zu Ende geht, wird gewöhnlich noch etwas geliefert: eine Erklärung.
Sie sagt dem Publikum, wozu das alles gut war, wer recht hatte, was bewahrt wurde und was der Tod dieser Milliarden eingebracht hat.
Diese Serie liefert sie nicht.
Keine Figur tritt vor und zieht Bilanz. Der Sieg der Föderation erhält keinen übergeordneten Sinn. Die Niederlage Zeons wird nicht als zwangsläufig erklärt. Nicht einmal Amuro bekommt einen Satz über diesen Krieg zu sagen.
Stattdessen bleibt sein letzter Satz: Er hat noch einen Ort, an den er zurückkehren kann.
Dieser Satz
Man muss ihn Schicht für Schicht betrachten. Zu leicht lässt er sich als bloß warmherziger Schluss hören.
Er sagt nicht: Wir haben gewonnen.
Er sagt nicht: Ich habe etwas begriffen.
Er sagt nicht: Das alles war es wert.
Er benennt eine sehr kleine, sehr konkrete Tatsache: Ein paar Menschen von diesem Schiff sind noch am Leben. Und er kann zu ihnen zurück.
Das ist alles, was dem Jungen, der mit fünfzehn an Bord gekommen ist, am Ende dieses Krieges bleibt, in dem die Hälfte der Bevölkerung des Erdraums stirbt.
Kein Sieg. Kein Sinn. Ein paar Menschen, die noch leben. Und eine Richtung, in der er zu ihnen gelangen kann.
Dass er diesen Satz sagen kann, setzt voraus, dass diese Menschen noch leben. Wären sie mit dem Schiff in der letzten Schlacht untergegangen, gäbe es diesen Satz nicht. Er selbst würde überleben, der Krieg würde genauso enden, die Föderation genauso gewinnen. Nur hätte er nichts mehr.
Der Ausgang, den die Serie ihm gewährt, hängt also nicht vom Sieg oder der Niederlage in diesem Krieg ab. Er ist das Ergebnis von etwas anderem.
Ein Mensch von Milliarden
Stellen wir zum Schluss Anfang und Ende dieser Reihe nebeneinander. Ohne einen Kommentar dazwischen.
Am einen Ende: Spätere Chronologien verzeichnen den Einsatz von Atomwaffen nach der Kriegserklärung vom 3. Januar U.C. 0079. Der Erzählertext der Fernsehserie wiederum sagt, nach etwas mehr als einem Monat sei die Gesamtbevölkerung bereits halbiert. Eine mit Giftgas entvölkerte Kolonie wird auf die Erde gestoßen. Sie verfehlt ihr Ziel, doch der Planet ist danach nicht mehr derselbe. All das liegt vor dem Beginn der eigentlichen Handlung. Der einleitende Erzählertext setzt diese Katastrophe voraus; nicht alle Einzelheiten aus den späteren Hintergrundtexten stehen schon dort.
Am anderen Ende: Etwa ein Jahr nach Kriegsbeginn sagt ein Jugendlicher in einem Trümmerfeld, dass er noch einen Ort hat, an den er zurückkehren kann.
In den dreiundvierzig Folgen, ergänzt um die spätere Vorgeschichte aus The Origin, begegnen uns diese Menschen: Ein Oberstleutnant hält vor einem Befehl inne und wird degradiert. Ein oberster Befehlshaber feuert auf seinen eigenen Vater. Ein Sohn mit geändertem Namen verbringt den ganzen Krieg damit, eine längst abgeschlossene Sache zu bearbeiten. Ein Mädchen übernimmt eine Arbeit, an die sich niemand erinnert, um seine Geschwister zu ernähren, und ist dann weg. Und viele Menschen sitzen in Arbeitskugeln mit aufgesetzter Kanone. Sie bleiben namenlos.
Wie hängen diese Dinge zusammen? Was war das für ein Krieg? Was zählen diese Milliarden Menschen dabei?
Die Serie antwortet nicht.
Sie lässt am Ende nur einen Menschen sagen, dass er noch einen Ort hat, an den er zurückkehren kann. Und dass ihn nichts glücklicher machen könnte.