Über diese Ausgabe
Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung nach dem chinesischen Original. Auf der Quellseite lässt sich zwischen vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen umschalten. Wiedergegebene Rede ist hier eigenständig formuliert, nicht aus offiziellen deutschen Untertiteln übernommen.
Die Familie Kōda hat zwei leibliche Kinder.
Die ältere Tochter Kyōko und den Sohn Ayumu.
Als Kōda Rei als Schüler in sein Haus aufnimmt, bildet er auch seine beiden eigenen Kinder aus. Drei Kinder unter einem Dach lernen dasselbe, beim selben Lehrer, gemessen mit demselben Maß.
Das wirkt zunächst gerecht. Alle drei bekommen dieselben Chancen, der Meister behandelt sie gleich. Wer besser spielt, spielt eben besser.
Nur ist Rei sehr viel begabter als die beiden anderen.
Eines darf dabei nicht untergehen: Für Kyōko und Ayumu findet diese Bewertung im eigenen Zuhause statt. Es gibt keinen anderen Ort, an den sie gehen könnten, und keine Tageszeit, zu der sie ihr entkämen. Das ist kein Übungsraum, den man nach getaner Arbeit verlässt. Hier essen und schlafen sie.
Dieser Essay handelt davon, was anschließend geschieht.
Er lässt sie gewinnen
Rei bemerkt es sehr früh.
Er sieht, dass seine Anwesenheit Kyōko und Ayumu nach unten drückt. Die Aufmerksamkeit des Vaters, seine Erwartungen, der Platz in der Familie: Alles verschiebt sich zu Rei hin.
Daraufhin tut er etwas. Wenn er gegen die beiden spielt, lässt er sie absichtlich gewinnen.
Er verliert. Nicht, indem er offen mit einer oder zwei Figuren weniger antritt, wie bei einer Vorgabepartie. Er spielt unauffällig eine Stellung, die er gewinnen müsste, in eine Niederlage hinein.
Die Serie stellt das nicht als edelmütige Entscheidung aus. Es ist die unbeholfene, unmittelbare Abhilfe, auf die ein Kind kommen kann: Ich nehme euch den Platz weg. Dann verliere ich eben gegen euch.
Damit das funktioniert, darf allerdings niemand etwas merken.
Hier lohnt es sich, kurz innezuhalten. Jemanden gewinnen zu lassen hilft nur, wenn der andere nicht weiß, dass man ihn gewinnen lässt. Er muss seinen Sieg für echt halten. Reis Vorgehen setzt also vom ersten Moment an voraus, dass sein Gegenüber es nicht durchschaut.
Eine Freundlichkeit, die unerkannt bleiben muss.
Kōda merkt es
Kōda merkt es.
Entscheidend ist für ihn aber nicht, dass Rei absichtlich verliert.
Er bemerkt etwas anderes: Seine beiden eigenen Kinder haben nicht einmal das erkannt.
Ein Gegner verliert absichtlich gegen dich, und du ahnst nichts. Vom Anfang bis zum Ende glaubst du, selbst gewonnen zu haben. Für Kōda sagt das etwas aus, das noch grundlegender ist als die bloße Spielstärke.
Er schließt daraus, dass Kyōko und Ayumu die Voraussetzungen fehlen, um sich in einer Welt des Gewinnens und Verlierens zu behaupten.
Also entscheidet er, dass die beiden die Shōreikai verlassen müssen. Er zwingt sie dazu.
Was Rei aus guter Absicht getan hat, wird zum Beweismittel für das Urteil über sie.
Das ist der wichtigste Satz dieser Essayreihe. Wir müssen ihn auseinandernehmen.
Rei will die beiden schützen. Dazu verbirgt er sein Können und lässt sie besser aussehen.
Tatsächlich liefert er Kōda damit aber die entscheidende Grundlage für ein Urteil über sie. Dieses Urteil betrifft nicht ihre Spielstärke, sondern ihr Wahrnehmungsvermögen.
Er verbirgt also sein Können, damit sie im Vergleich mit ihm nicht unterliegen. Doch gerade dieses Verbergen führt dazu, dass man sie aus dem Spiel nimmt.
Rei erfährt in der Geschichte nicht den vollständigen Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Kōda erklärt ihn auch nicht. Es geschieht einfach. Danach trägt jeder seinen eigenen Teil davon.
Man betrachte die Form dieses Vorgangs: Eine gute Absicht, die verborgen bleiben muss, wird von einem Dritten entdeckt und verwandelt sich dabei in ein Beweismittel gegen die Beschützten. Dazu braucht niemand böswillig zu sein. Es genügt, dass dieser Dritte eine einzige Bewertungsachse besitzt und unablässig alle Menschen an ihr misst.
Was aus den beiden Kindern wird
Nachdem man Kyōko ihren Traum genommen hat, beginnt sie, als Zeitarbeiterin zu arbeiten.
Dann lässt sie sich mit Gotō ein. Er ist ebenfalls Shōgi-Profi, hat unter demselben Meister gelernt wie ihr Vater, allerdings nach ihm, und ist verheiratet. Die Beziehung hält lange an, auf eine Weise, die niemand recht erklären und niemand beenden kann.
Ihre Gefühle für Rei beschreibt die Geschichte als eine Mischung aus Liebe und Hass. Sie gelten dem Menschen, der ihr die Zuneigung des Vaters weggenommen hat.
Plötzlich steht sie in der Wohnung, in der Rei allein lebt. Sie trinkt, sagt verletzende Dinge, bringt alles durcheinander und geht wieder. Ihre Worte treffen ihn genau dort, wo es am meisten wehtut. Sie kennt diese Stellen. Schließlich sind sie zusammen aufgewachsen.
Was sie eigentlich will, kann sie selbst nicht sagen. Die Geschichte sagt es auch nicht an ihrer Stelle.
Ayumu schließt sich in der Welt der Computerspiele ein und kommt nicht mehr heraus.
Und Rei zieht nach der Mittelschule aus, weil er sich vorwirft, die Familie Kōda zerstört zu haben.
Drei Kinder, drei verschiedene Wege. Keiner davon ist gut.
Kōdas Seite
In diesem Abschnitt müssen wir Kōdas Sicht vollständig gerecht werden. Er muss hier auch einmal recht bekommen.
Sein Handeln lässt sich lückenlos begründen.
Die Shōreikai ist ein grausamer Ort. Für den Aufstieg gelten Altersgrenzen. Wer bis zu einem bestimmten Alter nicht weit genug gekommen ist, muss gehen. Dann hat man seine ganze Jugend eingesetzt und steht ohne Bildungsabschluss, ohne andere Fähigkeiten, ohne irgendetwas da.
Wer unter diesen Bedingungen erkennt, dass seine Kinder nicht die nötige Begabung haben, und sie frühzeitig aufhören lässt, handelt nicht grausam. Er tut das Verantwortlichste, das ihm einfällt.
Zehn Jahre später aufzuhören kostet zehn Jahre. Und es sind die Jahre zwischen zwanzig und dreißig, die letzte Zeit, in der sich ein Mensch noch beruflich neu orientieren kann.
Kōda kennt diese Welt. Er hat in seiner Jugend selbst in der Shōreikai um seinen Aufstieg gekämpft. Er weiß, was es heißt, dort festzustecken und nicht herauszukommen. Als er entscheidet, hat er vermutlich die Menschen vor Augen, denen er dabei begegnet ist.
Es kostet ihn mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Er ist derjenige, der seinen eigenen Kindern ins Gesicht sagen muss: „Du schaffst es nicht.“ Und er weiß, was er damit verlieren wird. Er verliert es tatsächlich. Die Tochter bleibt von zu Hause weg, der Sohn verlässt sein Zimmer nicht mehr. Kōda selbst weiß nicht, was er tun soll, und leidet noch lange darunter.
Es fehlt ihm nicht an Liebe zu seinen Kindern. Er versteht sich nur auf diese eine Bewertungsachse.
Auch das macht die Geschichte unmissverständlich deutlich: Vor den eigenen Kindern lobt er Reis Begabung offen und immer wieder. Gegen Kyōkos und Ayumus Willen zwingt er sie zum Rückzug. Die Beschreibung hält ihm mangelndes Einfühlungsvermögen als Elternteil vor.
Er liebt sie. Ihm fehlt das Einfühlungsvermögen. Beides gilt in dieser Geschichte gleichzeitig. Zwischen den Sätzen steht kein Bindewort.
Eine Familie ohne böse Absicht
Führen wir die Fäden dieses Essays zusammen.
Kōda nimmt das verwaiste Kind seines Freundes auf, zieht es wie sein eigenes groß, ermöglicht ihm eine berufliche Zukunft, verwaltet sein Geld und sorgt sich um es bis ins Erwachsenenalter.
Rei bemerkt, dass er den anderen ihren Platz nimmt. Also versteckt er seine Fähigkeiten und verliert gegen sie.
Kyōko und Ayumu werden in ihrem eigenen Zuhause zusammen mit einem fremden Kind an derselben Achse gemessen. Und sie verlieren.
Niemand in dieser Familie hat etwas in böser Absicht getan.
Das Ergebnis: Eine Tochter arbeitet in der Zeitarbeit und steckt in einer aussichtslosen Beziehung fest. Ein Sohn schließt sich ein und geht nicht mehr hinaus. Ein Pflegesohn zieht aus, belastet von dem Vorwurf gegen sich selbst, er habe diese Familie zerstört.
Wie es dazu kommt, zeigt die Geschichte ganz genau. Jeder Schritt lässt sich nachverfolgen.
Sie sagt uns aber nicht, wer dafür verantwortlich ist.
Nach seinem Auszug lebt Rei mehr als zwei Jahre allein.
Eines Nachts hat er zu viel getrunken und bricht am Straßenrand zusammen.
Es ist eine andere Familie, die ihn dort aufliest.
Davon im nächsten Essay.