Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
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Die Aufnahme in die Familie hat eine unausgesprochene Bedingung

Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung · 2026-10-09

Über diese Ausgabe

Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung nach dem chinesischen Original. Auf der Quellseite lässt sich zwischen vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen umschalten. Wiedergegebene Rede ist hier eigenständig formuliert, nicht aus offiziellen deutschen Untertiteln übernommen.

Ein zehnjähriger Junge steht vor der Tür einer Familie.

Seine ganze Familie ist bei einem Unfall gestorben: Vater, Mutter, kleine Schwester. Nur er ist übrig.

Die Verwandten haben sich zusammengesetzt. Sie haben darüber gesprochen, wer das Kind nehmen soll. Die Serie zeigt diese Szene: Mehrere Erwachsene sitzen beieinander und besprechen in seiner Gegenwart, wohin er gebracht werden soll. Niemand fährt ihn an, niemand sagt etwas Verletzendes. Sie erledigen einfach eine Angelegenheit, die erledigt werden muss. Diese Angelegenheit ist er.

An jenem Tag sitzt er da und hört zu.

Der Mann, der die Tür öffnet, heißt Masachika Kōda. Er ist Shōgi-Profi, achter Dan. Er war mit dem Vater des Jungen befreundet; in ihrer Jugend haben beide in der Shōreikai, der Ausbildungsorganisation für angehende Profis, um ihren Aufstieg gekämpft.

Kōda nimmt den Jungen auf.

Allerdings nicht unter der Bezeichnung „Adoptivsohn“, sondern als „Uchideshi“: als Schüler, der im Haus seines Meisters lebt und bei ihm das Spiel lernt.

Im Alltag überschneiden sich die beiden Rollen. Der Junge wohnt bei der Familie, isst an ihrem Tisch und wird als eines ihrer Kinder großgezogen. Wenn in der Geschichte von Kōda die Rede ist, heißt es durchweg, er habe Rei wie seinen eigenen Sohn aufgezogen.

Doch die Bezeichnungen meinen nicht dasselbe. An den Status eines Adoptivkindes ist keine zusätzliche Bedingung geknüpft. Ein adoptiertes Kind muss nichts Bestimmtes können. Ein Uchideshi schon: In diesem Wort stecken ein Können, eine Richtung und eine Zukunft.

Bei diesem Wort setzt die ganze Essayreihe an.

Kōda ist ein guter Mensch

Das muss zu Beginn feststehen. Sonst geraten auch die nächsten vier Essays auf die falsche Spur.

Masachika Kōda ist ein anständiger Mann. So wird er von allen beschrieben: geradlinig, gewissenhaft, jemand, der das verwaiste Kind seines Freundes zu sich nimmt und wie ein eigenes großzieht. Er hat Rei weder misshandelt noch ihm etwas vorenthalten, und er hat ihn nicht als Werkzeug benutzt.

Er sorgt für Rei, bis dieser erwachsen ist. Bis dahin verwaltet er auch dessen Einnahmen aus den Partien. Als Rei später auszieht und allein lebt, hält Kōda weiterhin häufig Kontakt. Er sorgt sich nach wie vor darum, dass Rei in der Schule isoliert ist.

All das stimmt, und es zieht sich durch die ganze Geschichte.

Diese Essayreihe will Masachika Kōda kein Fehlverhalten nachweisen.

Sie untersucht etwas anderes: wie diese Familie funktioniert.

Die Achse dieser Familie

Im Haus Kōda dreht sich alles um Shōgi.

Das ist keine bloße Metapher. In der Figurenbeschreibung steht ausdrücklich, dass Kōda alles vom Shōgi her beurteilt. Einen Menschen, einen Vorgang, seine eigenen Kinder: Er legt sie alle auf dieselbe Bewertungsachse.

Unmittelbar darauf nennt die Geschichte auch die Folge: Gerade damit hat er Unfrieden in seine eigene Familie gebracht.

Das steht bereits in der Vorstellung der Figur. Niemand muss es erst aus dem Geschehen herauslesen. Die Geschichte gibt es uns als bekannte Voraussetzung mit.

Hat eine Familie eine solche Achse, dann hängt der Platz jedes Menschen, der zu ihr kommt, davon ab, welchen Wert er auf ihr erreicht.

Niemand braucht das auszusprechen. Es steht nirgends geschrieben, niemand verkündet es am Esstisch. So funktioniert diese Familie einfach. Alle, die in ihr leben, wissen es.

Rei weiß es.

Er hat es selbst ausgerechnet

Das Erste von Bedeutung, das Rei nach seiner Aufnahme bei den Kōdas tut, ist Shōgi spielen.

Er ist begabt. Außerordentlich begabt.

Entscheidend ist dabei: Niemand zwingt ihn, Shōgi zu lernen.

Niemand drückt ihn vor das Brett. Niemand sagt: „Wenn du nicht spielst, fliegst du raus.“ Kōda würde so etwas nicht sagen. Auch sonst würde es in dieser Familie niemand sagen.

Rei rechnet selbst aus, dass dies der Grund ist, aus dem er bleiben darf.

Ein Zehnjähriger hat gerade alles verloren und wird bei einer fremden Familie untergebracht. Um dort weiterleben zu können, muss er wissen, was seine Anwesenheit rechtfertigt. Er erkennt, an welcher Achse sich diese Familie ausrichtet. Und er erkennt, was er selbst anzubieten hat.

Also gibt er es her.

Niemand hat ihm das beigebracht, niemand hat es verlangt. Ein Kind, dem kein Ausweg bleibt, kommt innerhalb weniger Tage von sich aus zu diesem Urteil.

Und es urteilt richtig. Tatsächlich darf Rei deshalb bleiben. Für ihn wird gesorgt, er wird zum Shōgi-Profi ausgebildet, ein ganzer Lebensweg eröffnet sich ihm.

Ein zehnjähriges Kind trifft unter denkbar schlechten Umständen eine zutreffende Einschätzung und lebt danach neun Jahre lang nach ihr.

Die Serie inszeniert das weder als Tragödie noch als ermutigende Erfolgsgeschichte. Sie zeigt das Gesicht eines Kindes in jenen Tagen.

Es war kein Tauschgeschäft

Genauer gesagt: Auch ein Tauschgeschäft war es nicht.

Bei einem Geschäft müssen beide Seiten die Bedingungen kennen, ihnen zustimmen und darüber verhandeln können. Hier hat nie jemand Bedingungen ausgesprochen. Kōda hat keinen Preis genannt, Rei hat nicht gehandelt.

Was geschehen ist: Ein Kind hat verstanden, wie es an einem Ort zugeht, und sich nach diesen Regeln dort eingerichtet.

Es ist derselbe Vorgang wie bei jemandem, der in einer neuen Firma herausfindet, worauf der Vorgesetzte Wert legt, und seine Kräfte darauf konzentriert. Nur ist Rei zehn Jahre alt. Und es geht nicht um einen Arbeitsplatz, sondern um sein ganzes weiteres Leben.

Niemand hat etwas von ihm verlangt. Er hat es von sich aus hergegeben.

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt ein Abstand: Niemand hat etwas verlangt. Er hat es selbst hergegeben. Diesem Abstand geht die Geschichte nach.

Sein Leben danach

Mit fünfzehn wird Rei Shōgi-Profi. Nach dem Abschluss der Mittelschule zieht er aus und lebt allein in Tokios Shitamachi, den traditionellen Vierteln der Unterstadt.

Er besucht eine private Oberschule. Wegen des Shōgi hat er ein Jahr verloren und ist beim Eintritt ein Jahr älter als seine Mitschüler. Er ist in der Schule isoliert. Nicht, weil man ihn ausgrenzt, sondern weil niemand weiß, wie man mit ihm reden soll, und er ebenso wenig weiß, wie er mit den anderen reden soll.

Er wohnt allein, isst allein, spielt allein. Sein Kühlschrank bleibt meist leer.

Ein siebzehn-, achtzehnjähriger Profi, der gut verdient und dem alle eine große Zukunft zutrauen.

Sein Alltag in diesen Jahren besteht darin, sich so einzurichten, dass er möglichst niemand anderem einen Platz wegnimmt.

Wenn er spricht, entschuldigt er sich zuerst. Ist jemand freundlich zu ihm, rechnet er als Erstes aus, wie viel er nun schuldet. Wird er zum Essen eingeladen, macht ihn das unruhig. Das sind keine Höflichkeitsgesten. So reagiert jemand ganz von selbst, der seit Langem berechnet, was sein Dasein unter anderen rechtfertigt.

Wer seit seinem zehnten Lebensjahr so rechnet, dem ist diese Rechnung mit siebzehn oder achtzehn zur Art geworden, wie er atmet.

Warum er auszieht

Zum Schluss muss noch etwas gesagt werden. Darum wird es im nächsten Essay gehen.

Rei zieht nicht aus, weil er unabhängig werden will. Er hat sich auch nicht mit Kōda überworfen.

Er zieht aus, weil er sich die Schuld gibt.

In den Jahren, die er bei den Kōdas verbracht hat, ist mit den beiden leiblichen Kindern etwas geschehen. Rei glaubt, er habe es verursacht.

Die Geschichte spricht das unmittelbar aus: Er wirft sich vor, „die Familie Kōda zerstört“ zu haben, und zieht nach dem Abschluss der Mittelschule aus.

Die beiden Kinder heißen Kyōko und Ayumu.

Von ihnen handelt der nächste Essay.