Non DubitoEssays in the Self-as-an-End Tradition
← Ghost in the Shell: Stand Alone Complex lesen
5 / 5

Von außen gibt es keinen Test

Han Qin (秦汉) · Deutsche Neufassung · 2026-10-09

Über diese Ausgabe

Zur Ausgabe: Eigenständige deutsche Neufassung nach dem chinesischen Original. Auf der Originalseite lässt sich zwischen vereinfachten und traditionellen Schriftzeichen wechseln.

Die letzte Folge der ersten Staffel.

Togusa zieht sich die Kleidung des Lachenden Mannes an, nimmt seinen gewohnten Mateba-Revolver und macht sich auf den Weg zur Parteizentrale, in der sich jener Generalsekretär aufhält.

Er hat seinen eigenen Grund: In seinen Augen sind die Leute der Sektion 9 geopfert worden, seine Kameraden gefallen, und die Welt geht einfach weiter. Nichts hat sich verändert. Das macht ihn wütend.

Was er tut, ist jedoch dieselbe Handlung, die in dieser Geschichte alle schon vollzogen haben.

Wer stand schon an dieser Stelle

Zählen wir zunächst diejenigen, die diese Stelle eingenommen haben.

Der Allererste: Er schreibt eine Drohmail, bringt nichts zustande und bleibt bis zum Schluss unbekannt.

Aoi: Er findet die Mail zufällig, tut zwei Dinge und schweigt danach sechs Jahre lang.

Die Nachahmer: Sie kennen einander nicht, handeln jeder für sich und erledigen alles Übrige.

Motoko Kusanagi: Um Serano Informationen zu entlocken, wird auch sie einmal zum Lachenden Mann.

Togusa: in der letzten Folge.

Diese Stelle war nie leer. Und nie hat derselbe Mensch sie zweimal eingenommen.

Eine Stelle, fünf Besetzungen, sechs Jahre. An dieser Stelle stand aber nie jemand, den man als „den Lachenden Mann selbst“ bezeichnen könnte.

Jeder, der dort steht, hat seinen eigenen Grund. Motoko ermittelt. Togusa ist wütend. Die Nachahmer verfolgen jeweils ihre eigenen Vorhaben. Aoi hat die Wahrheit entdeckt.

Keiner hat auf Anweisung eines anderen gehandelt.

Als Motoko dort stand

Motokos Fall verdient einen eigenen Blick.

Für sie ist die Rolle des Lachenden Mannes ein taktisches Mittel. Sie braucht Seranos Aussage. Serano redet aber nur mit dem Lachenden Mann. Also tritt sie als der Lachende Mann auf.

Innerhalb der Handlung ist das vollkommen schlüssig. Was dabei entsteht, sieht allerdings hässlich aus: Wer dieses Phänomen untersucht, wird um der Untersuchung willen selbst zu einem seiner Fälle.

Danach gibt es in der Stichprobe einen Fall mehr. Einen von der Polizei hergestellten Lachenden Mann.

Würde ein unbeteiligter Dritter hinterher alle Vorfälle zählen, bei denen das Emblem des Lachenden Mannes aufgetaucht ist, würde Motokos Einsatz mitgezählt. Es gäbe in den Aufzeichnungen keine Spalte, an der man erkennen könnte, dass es sich hier um etwas anderes handelt.

Sie will einen Fall aufklären. Sie handelt im Auftrag. Zur zugrunde liegenden Wahrheit steht sie ganz anders als Aoi. Nichts davon taucht in den Daten auf.

In den Daten sind eine Polizistin, die für ihre Ermittlungen den Lachenden Mann spielt, und ein junger Mensch, den die entdeckte Wahrheit wütend macht, dasselbe.

Als Togusa dort stand

Mit Togusas Auftritt fügt die Geschichte sich selbst den tiefsten Schnitt zu.

Im vorigen Essay ging es darum, warum Motoko ihn zu Sektion 9 holt: Ein System aus lauter Gleichartigen irrt auf dieselbe Weise. Togusa ist der andere Mensch, den sie eigens dabeihaben will. Er ist die Variable.

Und er vollzieht dieselbe Handlung wie alle anderen.

Sie hat ihn geholt, weil er anders ist. Am Ende tut er genau das, was alle getan haben.

Das heißt nicht, Motokos Urteil sei falsch gewesen. Es war richtig. Die zweiundfünfzig Folgen der Serie bestätigen es immer wieder.

Es heißt etwas anderes: Ein Mensch kann eine Entscheidung treffen, die ganz und gar seine eigene ist, und diese Entscheidung kann zugleich genau dieselbe Gestalt haben wie die Entscheidungen anderer.

Darin liegt kein Widerspruch. Die beiden Aussagen betreffen verschiedene Ebenen. „Seine eigene“ bezeichnet die Entstehung der Entscheidung. „Genau wie bei den anderen“ bezeichnet, wie sie aussieht, nachdem sie entstanden ist.

Wenn wir gewöhnlich prüfen wollen, ob jemand etwas Eigenes hat, betrachten wir ausschließlich das Zweite.

Togusas Wut ist seine eigene. Seine Gründe sind konkret, tragen Namen und hängen unmittelbar mit seinen Erfahrungen der vergangenen Jahre zusammen. Niemand hat zuvor etwas platziert, das ihn dazu bringen sollte.

Was er daraufhin tut, ist dennoch dieselbe Handlung wie die der Nachahmer, die einander nicht kennen.

Und wir müssen darauf achten, warum er gerade diese Handlung wählt. In seiner Gesellschaft gibt es dafür bereits eine fertige Form: Ein Einzelner wird über etwas wütend, das er nicht ändern kann. Diese Form steht bereit. Sie hat einen Namen, ein Bild, Vorläufer. Als Togusa etwas tun will, liegt nichts näher als sie.

Die Wut eines Menschen gehört ihm selbst. Die Form, in der er sie ausdrückt, hat er von außen übernommen.

Vier Fragen nebeneinander

Führen wir nun zusammen, worum es in diesen fünf Essays ging.

Erstens: Die Nachahmer können nicht beweisen, dass der Gedanke ihr eigener war. Jeder ist überzeugt, selbst darauf gekommen zu sein. Genau diese Überzeugung gehört aber zur Standardausstattung des Phänomens.

Zweitens: Gōda hat bewiesen, dass sich dieses Phänomen künstlich herstellen lässt. Seit diesem Beweis kann keine spontane Bewegung mehr beweisen, dass sie nicht hergestellt wurde. Die Wut der Beteiligten ist echt, ihre Gründe haben sie selbst entwickelt, ihre Handlungen selbst beschlossen. All das gilt in beiden Fällen.

Drittens: Die Tachikoma fragen zwei Staffeln lang, ob sie eine Seele haben. Dann tun sie etwas, das mit ihrem vorgesehenen Zweck überhaupt nichts zu tun hat, und verschwinden. Ob sie eine hatten, lässt sich von außen weiterhin nicht überprüfen.

Viertens: Motoko kann nicht feststellen, ob ihre Erinnerungen ihre eigenen sind. Sie kann auch nicht feststellen, ob der Junge mit den Papierkranichen wirklich dort gewesen ist.

Alle vier Fragen haben dieselbe Gestalt.

Von außen gibt es dafür keinen Test.

Das ist kein pessimistischer Schluss

Hier muss ich einer bestimmten Lesart vorbeugen.

Sie liegt nahe: Also ist nichts gewiss. Also ist das Selbst eine Illusion. Also besteht kein Unterschied zwischen einem Menschen und einer Kopie.

Die Serie trägt diese Lesart nicht. Das zeigt schon, wie sie selbst mit der Frage umgeht.

Keine ihrer Figuren wird dadurch handlungsunfähig. Motoko fällt das klarste Urteil über die Organisation, ohne feststellen zu können, was sie selbst ist. Togusa kann nicht beweisen, dass er sich von den anderen unterscheidet, und tut dennoch etwas, das er für notwendig hält. Die Tachikoma wissen nicht, ob sie eine Seele haben, und tun etwas, das schwer zu erklären ist. Kuze weiß, dass er mit dem Virus infiziert war, und verfolgt trotzdem seine eigene Vorstellung weiter.

Keiner von ihnen hält beim Handeln den Beweis in der Hand.

Etwas nicht überprüfen zu können und es deshalb nicht zu tun sind zwei verschiedene Dinge.

Die Serie hält beides entschieden auseinander. Nie wird aus „Ich kann nicht beweisen, dass das mein Eigenes ist“ ein „Also tue ich es nicht“.

Zwei Bilder

Hier endet diese Essayreihe.

Zum Schluss zwei Bilder nebeneinander. Ohne Kommentar dazwischen.

Das erste: Ein junger Mann steht vor einer Kamera. Was immer ihn vor Ort erfassen kann, zeigt anstelle seines Gesichts in Echtzeit dasselbe Emblem: die Fernsehkameras, die Überwachungskameras, die Augen der Anwesenden. Niemand hat dieses Gesicht gesehen.

Das zweite: Sechs Jahre später zieht ein anderer Mensch dieselbe Kleidung an, trägt dasselbe Emblem und macht sich auf den Weg. Sein Anlass ist etwas sehr Konkretes, das ihn selbst betrifft. Und er ist derjenige, den diese Organisation eigens aufgenommen hat, weil er anders ist.

Dazwischen haben viele Menschen dieses Emblem benutzt. Sie kannten einander nicht. Ihre Gründe waren verschieden. Was sie hervorbrachten, sah vollkommen gleich aus.

Ob an diesen Menschen aber etwas ist, das dieses Emblem nicht verdecken kann …

Diese zweiundfünfzig Folgen stellen die Frage. Ein Verfahren, mit dem sie sich überprüfen ließe, liefern sie nicht.